Comic: We need to talk, AI
Ausschnitt aus dem Comic von Datenwissenschaftlerin Julia Schneider und Künstlerin Lena Kadriye Ziyal. Bildrechte: https://weneedtotalk.ai

Interview Ein Comic über künstliche Intelligenz: "We need to talk, AI"

Es gibt viele Sachbücher und Romane, die sich mit dem Thema künstliche Intelligenz (KI) beschäftigen. Die Datenwissenschaftlerin Julia Schneider und die Künstlerin Lena Kadriye Ziyal haben sich nun in einem Comicessay mit dem Thema auseinandergesetzt, ganz unaufgeregt und überzeugend. "We need to talk, AI" ist kein Erklärcomic, sondern hilft, die Zusammenhänge zu verstehen. MDR KULTUR-Redakteurin Claudia Bleibaum hat mit den beiden Autorinnen über ihr Buch gesprochen.

Comic: We need to talk, AI
Ausschnitt aus dem Comic von Datenwissenschaftlerin Julia Schneider und Künstlerin Lena Kadriye Ziyal. Bildrechte: https://weneedtotalk.ai

MDR KULTUR: Künstliche Intelligenz (KI) ist ein Hype mit Theorien, Dystopien und Fantasien. Wer bisher nichts verstanden hat, könnte Ihren Comicessay lesen, um sich sehr anschaulich ein Grundwissen zuzulegen. Was war Ihre Intention, sich dem Thema auf diese Art zu nähern?

Lena Kadriye Ziyal: Einfach das Interesse an dieser Technologie und das dann in einem Medium vorzustellen, das eigentlich nicht so üblich ist für die Auseinandersetzung mit Technik. Ich habe total viel gelernt in dem ganzen Prozess, weil ich vorher nicht so viel Ahnung davon hatte und hoffe, dass damit auch andere Leute eingeladen sind, sich damit auseinanderzusetzen oder eine Meinung zu entwickeln, sich also irgendwie einbringen in die Debatte.

Julia Schneider: Ich komme aus der Forschung und kannte die akademischen oder ökonomischen Abhandlungen dazu. Viele Leute, mit denen ich über KI spreche, die haben gar nicht das Gefühl, sie haben etwas damit zu tun oder denken, das ist etwas ganz Schlimmes.

Es gibt schon Sachen, die ich bedenkenswert finde bei KI, aber das sind nicht unbedingt die dystopischen Sachen, sondern das sind Dinge wie Datenschutz oder Diversität. Und mir ging es darum, niedrigschwellig eine Diskussion über KI zu ermöglichen. Was ich schön finde, dass es offenbar doch viele Leute berührt, die sich auch eingeladen fühlen und das Gefühl haben, sie können jetzt auf eine andere Art mitreden, ohne dass wir ihnen sagen, was die Wahrheit ist.

Kurze Texte und Schwarz-Weiß-Zeichnungen nehmen uns mit auf die Reise zur künstlichen Intelligenz. In verschiedenen Kapiteln - wie Grundlagen, Beispiele, Risiken, Chancen - bilden Sie die Themen Bildern und den dazugehörigen Texten ab. Dabei sind beide Elemente so miteinander verbunden, dass sie einen Erkenntnisgewinn bringen. Wie war der Arbeitsprozess?

Ziyal: Julia hat die Texte geschrieben und dazu aber auch Skizzen oder Rohzeichnungen gemacht. Und ich habe dann auch nochmal ganz viel recherchiert und daraus dann ein Bild entwickelt.

Schneider: Das war wirklich wunderbar. Ich hab meine Rohzeichnungen mit Edding auf einem karierten Collegeblock gezeichnet und das hab ich dann in die Dropbox hochgeladen. Und dann war es für mich immer wie so ein kleines Geschenk, wenn ihre Zeichnungen zu meinen Texten zu mir kamen. Ich habe gestaunt, wie toll Lena ein Faultier malen kann. Das war eines der Motive, das sie von mir übernommen hat. Das war für mich immer ein großartiger Dialog. (...)

Ziyal: Ich glaube, das ist es auch, was es so lebendig macht beim Comic, dass Text und Bild ein Dialog zwischen uns beiden ist. Für uns war auch wichtig, dass wir subjektiv auf das Thema schauen, dass wir da jetzt nicht versuchen, möglichst neutral irgendwas zu schildern, sondern dass wir einfach ganz viel von unseren Gedanken und unseren Gefühlen preisgeben, um Zugänge zu schaffen - für uns und auch für andere.

Was sind das für persönliche Zugänge zum Thema KI? Was war Ihnen wichtig für die Auseinandersetzung?

Comic: We need to talk, AI
Der Anfang des Comics: "We need to talk, AI". Bildrechte: https://weneedtotalk.ai

Ziyal: Ich habe in der Auseinandersetzung gemerkt, dass das Thema stark in die Gesellschaft, in der wir leben eingebunden ist, mit allen Schwachstellen und Schwierigkeiten. Ich finde es wichtig, KI schon kritisch zu betrachten. Datenschutz und Energieverbrauch sind mir dabei wichtig, aber auch zu sehen, dass sich diese Sachen nicht auf technischer Basis lösen lassen, sondern, dass ich glaube, so sehr das Thema in die Gesellschaft eingebunden ist, so sehr müssen auch Lösungen gesellschaftlich gefunden werden.

Der erste Schritt ist, darüber nachzudenken, wie wir leben wollen und gar nicht, was wir alles können.

Schneider: Das Interessante an der Debatte ist für mich zum Beispiel die Frage: Was ist denn eigentlich Kreativität? Wenn uns die KI Variationen anbietet, ist das für uns nicht kreativ, sondern erst im Dialog mit dem Menschen wird es als kreativ wahrgenommen.

Es wird aber im Moment immer noch davon ausgegangen, dass der Mensch der Gatekeeper ist, der sagt, ich gebe den soziokulturellen Kontext, warum es Kunst sein kann. Eine Zwölftonmusik von einer KI würde gar nicht als Kunst interpretiert werden. Und erst ein Schönberg konnte sagen, weil ich weiß was Musik ist, ist das jetzt Kunst, obwohl es so weit weg von unseren Hörgewohnheiten ist. Scheinbar darf Kunst immer nur so ein bisschen von unseren Gewohnheiten weg sein. Und es muss in irgendeiner Form mit einer menschlichen Story angereichert und präsentiert werden, damit wir sagen, das ist Kunst.

Aber das hat auch viel mit der Identität des Menschen zu tun. Gerade die KI wirft viele Fragen nach der menschlichen Identität auf.

Ziyal: Identität ist ja auch nichts, was feststeht, sondern es ist immer was Hybrides und ständig im Wandel. Deshalb ist der Kunstbegriff ganz eng mit Gesellschaft verbunden und ich glaube, dass es wichtig ist, das im Dialog mit der Gesellschaft zu betrachten. (...)

In der Kunst der Moderne steckt immer die Idee drin, dass Künstler und Künstlerinnen immer auch eine Idee an die Gesellschaft verkaufen und deshalb denke ich, wenn jetzt eine KI Kunst macht, dass sich das ändern könnte und dass deswegen da auch so eine Unsicherheit mitschwingt.

Mein Lieblingsbild im Comic ist das zum Thema "KI steckt noch in den Kinderschuhen", wir sollten jetzt noch nicht zu viel erwarten. Dabei sieht man eine Babywiege, mit einer Schnur mit Stecker in der Steckdose. Das hat viele Assoziationen ausgelöst. Haben Sie ein Lieblingsbild?

Schneider: Ich mag dieses Bild, von den Utopias, so eine Art Rummel. Auf einem schwarzen Hintergrund sieht man viele Fahrgeschäfte. Das ist unserem letzten Kapitel vorangestellt, wo wir uns mit den sozialen Utopien von KI beschäftigen. Wenn wir die ganzen Probleme lösen könnten, wie den Energieverbrauch, Diversität, Datenschutz etc. - sogar dann ist ja die Frage, wie wollen wir leben und wie wäre es denn schön für uns.

Für uns wäre eine Gesellschaft schön, wenn Menschen bei ihrer Geburt ähnliche Chancen und Privilegien hätten und nicht manche sehr viel weniger als andere. Und die Frage wäre, können wir uns als Menschen was ausdenken, was in die Richtung geht. Es gibt Kompendien und es gibt Romane. Unser Buch ist eher ein Roman. Aber auch ein Roman kann sehr gut erklären. (...)

Ziyal: Katzencontent geht natürlich immer. Am Beispiel einer Katze wird erklärt, wie Maschinen lernen. Und dann im dritten Bild mit der Katze ist mir aufgefallen, dass die Bilder anfangen, zu leben und da war die Katze dann genervt, weil sie schon das dritte Bild herhalten musste (...). Das kommt immer mal wieder vor, dass die Figuren ein Eigenleben entwickeln.

Eine andere Idee, die sich durchzieht, Daten sind in dem gesamten Comic als Flüssigkeit in verschiedenen Aggregatzuständen – auch als Wolken oder Rauch oder Dampf zu sehen. Daten kommen einfach in so unterschiedlichen Formen vor. Und Wasser ist einfach so lebensnotwendig, wie Daten auch für die KI lebensnotwendig sind.

Warum sind die Texte in Englisch? Und wird es eine deutsche Variante von "We need to talk about, AI" geben ?

Schneider: Englisch, damit es auch jemand in Südafrika und in Finnland lesen kann. Aber es hat auch zwei ganz pragmatische Gründe: KI Literatur und die Begriffe sind oft englisch, und die Erklärungen sind viel kürzer als in Deutsch. Man kriegt mehr Text in die kleinen Kästchen in den Comic. Aber wir würden im zweiten Schritt das sehr gerne auch ins Deutsche übersetzen.

Angeben zum Comic "We need to talk, AI. - A Comic Essay on Artificial Intelligence"
60 Seiten
Erhältlich unter: https://weneedtotalk.ai

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | MDR KULTUR am Nachmittag | 31. Mai 2019 | 17:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 31. Mai 2019, 04:00 Uhr

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