Jugendlicher spielt Fortnite.
Manche Computerspielplätze laden regelrecht zur Weltflucht ein. Hier ein Kind beim "Fortnite"-Zocken. Bildrechte: imago/Ritzau Scanpix

Gaming Warum Computerspiele faszinieren

Ob "World of Warcraft", "Tomb Raider" oder "Minecraft": Computerspiele werden von Männern und Frauen gleichermaßen gern gespielt. Und mittlerweile haben sie ihren schlechten Ruf weitgehend verloren. Dennoch gelten Computerspiele vielen zumindest als Zeitfresser. Der Medientheoretiker und Philosoph Markus Rautzenberg sieht in Computerspielen keine Gefahr – zumindest solange man die reale Welt nicht vergisst. Im Interview erklärt er warum und was den besonderen Reiz des Gaming ausmacht.

Jugendlicher spielt Fortnite.
Manche Computerspielplätze laden regelrecht zur Weltflucht ein. Hier ein Kind beim "Fortnite"-Zocken. Bildrechte: imago/Ritzau Scanpix

MDR KULTUR: Was ist es denn, dass das Computerspiel für Sie als Medientheoretiker und Philosoph zum interessanten Gegenstand macht?

Markus Rautzenberg: Das Computerspiel ist natürlich nur eine, sagen wir mal, aktuelle Ausformung des Spiels als solchem, was als solches die ganze Menschheit begleitet. Also, es gibt im Prinzip kein Volk, keine Kultur, keine Zeit, keinen historischen Abschnitt, der nicht spielt. Das heißt, es ist anzunehmen, dass das Spiel etwas ist, was den Menschen eine ganz, ganz wichtige Funktion erfüllt. Diese Funktion ist natürlich auch im Computerspiel enthalten.

Wodurch unterscheidet sich das Computerspiel von anderen Formen des Spielens?

Es unterscheidet sich im Prinzip nur auf der Präsentationsebene. Und es verstärkt gewisse Aspekte, die Spiel immer schon hatte. Zum Beispiel das Eintreten in eine spezielle, in eine andere Welt. Das hat einen Reiz, den das Spiel immer schon hatte. Nicht umsonst hat im Deutschen der Aufdruck "Theaterspiel" immer noch diesen Begriff im Wort. Das ist das Eintreten in eine andere Welt, die in dem Computerspiel durch die virtuellen Welten verstärkt wird.

Und dann führt die Handlung aber doch ganz weit weg aus der eigentlichen Realität. Scheint ja wirklich etwas zu sein, was den Reiz von Computerspielen gegenüber anderen Erzählformen ausmacht. Auch eine gewisse Konkurrenz begründet diese Immersion – wir werden der Realität entrückt, aber sind dem Gefühl von echtem Erleben dabei ganz nah. Ist das immer so unkritisch zu sehen?

Nein, natürlich nicht. Dieses Moment der Immersion ist bei jedem Element vorhanden, das irgendwie Spaß bringt, in das man stark involviert ist. Das kann ein Sport genauso sein wie eine Arbeit, die einem sehr großen Spaß macht. Dieses Moment, dass die Welt aufgeschaltet ist und man sich komplett in einer anderen verliert, kennt jeder leidenschaftliche Leser genauso wie der Computerspieler. Das ist substanziell nichts anderes.

Ich weiß, dass ich jetzt was Provozierendes sage, aber letztendlich ist dieses Immersionserlebnis etwas ganz wichtiges. Und bei Computerspielen wird es auf eine Weise verstärkt, die es vorher medienhistorisch nicht gab.

Allerdings, die Immersion ist nur dann wirklich ein Spaßerlebnis, also ein freudiges Erlebnis, wenn es eine Gleichzeitigkeit gibt zwischen diesem Immersionserlebnis und dem Wahrnehmen der eigenen Leiblichkeit in der Realität. Also, ein komplettes Versinken in einer Welt – dass man vergisst, dass man nicht mehr real in der Welt ist – wäre eine pathologische Variante davon. Das ist dann nicht mehr das eigentliche Spiel. Das Spiel hat sich dann daraus verflüchtigt und wird zu etwas Pathologischem.

Stills aus Mincraft-Filmen.
Sehr beliebt ist derzeit das Spiel "Minecraft", trotz relativ grober darstellung der Welten. Bildrechte: Akademie Sachsen-Anhalt/youtube

Computerspiele können dazu verführen, dass man versinkt, bis man nicht mehr spürt, dass man Hunger hat und kein Schlafbedürfnis empfindet. Ist der Mensch denn diesem Ausmaß von Immersion gewachsen, das uns mit den Computerspielen jetzt möglich wird?

Blick auf ein Tablet mit Computerspiel
Handy und Tablet verleiten zum kleinen Spiel zwischendurch. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Nein – und das ist genau der Spaß daran! Der Punkt ist, dass im Spiel immer schon ein Moment der Gefahr besteht. Der Moment der Gefahr besteht in der Ungewissheit, die jedes Spiel haben muss. Das Spiel hat ein Moment der Ungewissheit, sonst wär's nicht spannend. Wenn beim Fußballspiel klar wäre, wer gewinnt, will das keiner mehr sehen. Wer beim Poker ganz genau weiß, welche Karten auf dem Tisch liegen: das ist unspannend. Und das ist bei jedem Computerspiel genauso: Es gibt ein Moment der Ungewissheit – und das macht die Sache so spannend, aber auch gefährlich.

Das Ziel des Computerspiels ist ja letzten Endes, dass einer der spielt, Spaß hat. Welchen evolutionären Sinn macht es denn, Spaß zu haben?

Ich freue mich sehr über die Frage, weil das natürlich genau der Punkt ist, an dem Spiel ganz viel mit der Kunst zu tun hat. Sie könnten sich genauso fragen: Warum eigentlich Kunst, das ist doch zu nichts nutze? Aber es gibt ein Moment, was das Spiel mit der Kunst verbindet – und zwar das Über-sich-hinausgehen. Das Sich-in-etwas-hineinversetzen, dass man nicht selbst ist. Mit der Welt in Kontakt zu treten, die nicht immer nur bestätigt, was ich selbst schon mitbringe. Sondern: Die Erfahrung von etwas anderem ermöglicht mir das Spiel, als auch die Kunst. Das Spiel ist eine ganz wichtige Möglichkeit, das ist ganz wichtig dabei!

Das Interview führte Moderatorin Ellen Schweda für MDR KULTUR.

Zum Nachhören

Besucher sitzen auf einer Spielemesse vor Computermonitoren 8 min
Bildrechte: IMAGO
Eine Tetris-Lampe steht auf dem Chaos Communication Congress 2014 neben einem Spielzeug-Pony 4 min
Bildrechte: dpa
Frau mit VR-Brille 5 min
Bildrechte: BR/ARD Degeto/Alexander Fischerkoesen

"Play" ist ein Fernsehfilm, der ein wichtiges Thema behandelt: Computerspielsucht. Dabei ging es den Machern nicht um eine pädagogische Keule. Laut Produzent Hamid Baroua wollten sie in die Welt der Gamer eintauchen.

MDR KULTUR - Das Radio Di 03.09.2019 18:05Uhr 04:43 min

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | Spezial | 03. September 2019 | 18:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 03. September 2019, 04:00 Uhr

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