300. Geburtstag Conrad Ekhof – "Vater der deutschen Schauspielkunst"

Stefan Petraschewsky, MDR KULTUR-Theaterredakteur
Bildrechte: MDR/Robert Kühne

Vor 300 Jahren wurde der Schauspieler und Theaterdirektor Conrad Ekhof geboren. Er gilt als Vater der deutschen Schauspielkunst, gründete das vielleicht erste deutsche Stadttheater, indem er das Hoftheater auch dem bürgerlichen Publikum öffnete. Lange Zeit wirkte er in Gotha, wo sich auch heute sein Grab befindet. Eine Würdigung.

Conrad Ekhof, Porträt, gemalt 1774 von Anton Graff
Conrad Ekhof, Porträt, gemalt 1774 von Anton Graff Bildrechte: MDR/Stefan Petraschwesky

Den Iffland-Ring trägt traditionell der beste männliche Schauspieler deutscher Zunge. Nachdem Bruno Ganz letztes Jahr gestorben war, trägt ihn seitdem Jens Harzer.

Aber eigentlich müsste der Iffland-Ring "Ekhof-Ring" heißen. Denn Iffland, der für Goethe die Schauspielerei erst zur Kunst erhob, erlernte diese Schauspielkunst von Conrad Ekhof. Im Frühjahr 1777 war das, in Gotha. "Mein Glaube an ihn zog mich dorthin", schreibt Iffland in seiner Autobiografie. Dort angekommen, vor ihn tretend, habe er weinen müssen und habe nichts sagen können. "Ekhof reichte mir die Hand – Durch alle Glieder fuhr mir die Weihe." Man könnte hier auch von einer ersten Übergabe sprechen: Ekhofs Ring an Ifflands Hand. Denn schon ein gutes Jahr später, im Sommer 1778, starb Conrad Ekhof. Völlig überraschend. Geboren wurde er am 12. August 1720. Vor genau 300 Jahren.

Prototyp des deutschen Stadttheaters

Ekhof ist aber nicht nur ein begnadeter Schauspieler. Ab 1775 ist er auch Direktor des Gothaer Hoftheaters, spielt aber weiter auf der Bühne. Seine Rollen sind "Könige, erste Väter und edle Alte, erste alte komische Charakterrollen". Ihm zur Seite als Co-Direktor steht der Bibliothekar und Schriftsteller Heinrich August Ottokar Reichard. Zusammen begründen sie so etwas wie das erste deutsche Stadttheater. Erstaunlich modern. Das Hoftheater öffnet sich dem bürgerlichen Publikum und bietet ihm ein Abonnement an.

Die Bühne.
Blick auf die Bühne des Ekhof-Theaters auf Schloss Friedenstein Bildrechte: MDR/Stefan Petraschwesky

Mit dem – heute so genannten – Ekhof-Theater gibt es im Westturm von Schloss Friedenstein ein festes Haus mit einem ständigen Spielplan. Man spielt dreimal die Woche. Auch die Schauspieler werden fest angestellt. Sie bekommen Einzelverträge und ein festes Gehalt. Obendrein wird eine Pensionskasse auf den Weg gebracht.

Neue, deutsche Stücke

Auf künstlerischer Seite ist man bestrebt, neue, deutsche Stücke jenseits der französischen, spanischen oder englischen Dramen aufzuführen. Sie sollten im Gestus der Aufklärung geschrieben sein, eine vernünftige, nachvollziehbare Handlung und eine natürliche Sprache aufweisen. Reichard greift selbst zur Feder.

Der Theatersaal.
Blick in den Zuschauerraum des Ekhof-Theaters, es gilt als das älteste Barocktheater der Welt mit noch existierender Bühnenmaschinerie Bildrechte: MDR/Stefan Petraschwesky

Aber man gibt auch neuen Formaten eine Chance, etwa dem "Duodrama", "worinnen nur mit Geberden und Stimme gesprochen, und alles mit Musik begleitet wird". Das findet deutschlandweit Beachtung. Wohl auch, weil Reichard in Gotha gleich zwei Fachblätter herausgibt: einen jährlich erscheindenden "Theater-Kalender", den man als frühe Form des heutigen Bühnenjahrbuchs verstehen kann; dazu kommt ein "Theater-Journal", das mehrfach im Jahr erscheint und neben Reportagen, Kritiken und Stückabdrucken beispielsweise auch einen "theatralischen Steckbrief" enthält, in dem die Münsterische-Schauspieler-Gesellschaft vor zwei Schauspielern warnt, die die Truppe verlassen haben, ohne ihre Schulden zu begleichen. Ein Frühwarnsystem für die Kollegen andernorts also.

Als Ekhof am 16. Juni 1778 überraschend stirbt, ist es auch das Ende für diesen Prototyp eines deutschen Stadttheaters. Und das Ende für einen damals einkalkulierten, frühen Kulturtourismus in die Theaterstadt Gotha.

Imagewandel der Schauspielberufes

Als oberster Herr steht über allem Ernst II. von Sachsen-Gotha-Altenburg. 1745 geboren übernimmt er die Regierungsgeschäfte nach dem Tod seines Vaters 1772. Ernst II. ist ein glühender Anhänger der Aufklärung. Sie bewirkt einen Gesellschafts- und Kulturwandel, der auch das Theater betrifft.

Pastellzeichnung von Herzog Ernst II. von Sachsen-Gotha-Altenburg,
Pastellzeichnung von Herzog Ernst II. von Sachsen-Gotha-Altenburg Bildrechte: MDR/Stefan Petraschwesky

Bis dato tourten die Schauspieltruppen über die Jahrmärkte, spielten das, was das Volk sehen wollte – zumeist Possen und Harlekinaden – und zogen nebenbei ein paar Zähne. Am Hofe wurden italienische Sänger und Musiker angeheuert, die zu Festen aufspielten und Opern aufführten. Je berühmter der Kastratensänger, desto potenter der Fürst.

Mit dem aufstrebenden Bürgertum ändert sich die Sache. In Leipzig vertreiben der Poetikprofessor Johann Christoph Gottsched und die Schauspielerin Friederike Caroline Neuber 1737 den Harlekin symbolisch von der Bühne. Die Aufführungen sollten von unehrbaren und unerlaubten Reden des "unnatürlichen Harlekin" und des "unflätigen Hanswurst" gereinigt werden. Die Neuberin sieht es als ein Verdienst um das Vaterland an. Es geht ihr auch um eine Reform der Schaubühne selbst, darum, "die Comoedianten als vernünftige und wohlgesittete Leuthe wohlzuziehen und zu beßern."

Ironie des Schicksals: Als die Neuberin 1760 in Laubegast bei Dresden stirbt, weigerte sich der Pfarrer, für den Sarg die Kirchhoftür zu öffnen. Er muss über die Friedhofsmauer getragen werden. Als fahrendes Volk bleiben die Schauspieler noch lange potentielles Diebsgesindel.

Für ein deutsches Nationaltheater

Gottsched geht es vor allem um die Sprache. Oft seien die Redensarten auf der Bühne hochtrabend. "Man sagt nicht, ein Ritter liebt die Prinzessin, sondern sagt: die Pflanze ihrer Annehmlichkeit schlägt in dem Erdreiche seines Herzens tiefe Wurzeln." Derartige Wortakrobatik wurde gerne den französischen und spanischen Komödien unterstellt. Dagegen sollte ein deutsches Nationaltheater entstehen. Ein Theater mit einer natürlichen und vernünftigen Sprache. Das Wahre sei das Schöne!

Auch die schauspielerischen Gesten wurden entsprechend gereinigt und kanonisiert. Ekhof war in diesem Fach ein Meister. Nationaltheater, das müsste man heute hinzufügen, war aber kein Ausgrenzungsversuch. Eher der Versuch, in den vielen zersplitterten deutschen Kleinstaaten endlich etwas Gleichwertiges neben das andere europäische Theater zu stellen. Denn natürlich wurden Shakespeare und Molière auch weiterhin gespielt; aber jetzt eben auch Lessings bürgerliche Trauerspiele. Bald auch Stücke wie Schillers "Räuber" oder "Kabale und Liebe", die deutliche Kritik an den althergebrachten feudalen Verhältnissen übten.

Ekhofs Weg von Hamburg nach Gotha

Ekhof kommt am 12. August 1720 in Hamburg zur Welt, als ältester Sohn eines Schneiders. Die Verhältnisse sind bescheiden. Der Erstkontakt zum Theater ist früh gegeben: die Wohnung befindet sich neben dem Opernhaus am Gänsemarkt – ein Kontakt zu Sängern und Musikern ist Alltag. Mit 15 Jahren, nach dem Tod des Vaters, geht Ekhof nach Schwerin, arbeitet als Schreiber, liest nebenbei Dramen, und meldet sich am Jahresende 1739 auf eine Anzeige der Schönemannschen Schauspielgesellschaft, die um Schauspieler wirbt. Er wird angenommen und steht schon im Januar 1740 erstmals in Lüneburg auf der Bühne.

Ekhof hat Talent und arbeitet sich hoch. Von Nebenrollen zu Hauptrollen. 1746 heiratet er die Schauspielerin Georgine Spiegelberg, die 14 Jahre älter ist und Ekhof noch 12 Jahre überleben wird – die Ehe bleibt kinderlos. 1753 gründet er in Schwerin eine Theaterakademie, eine Art frühe Schauspielschule. Dann geht es wieder nach Hamburg. Hier kommt er mit Gotthold Ephraim Lessing zusammen, der in Hamburg als Dramaturg arbeitet.

1769 gründet Ekhof mit dem Hamburger Kaufmann Abel Seyler die Seylersche Schauspiel-Gesellschaft. In Seylers Truppe sind schnell die besten Schauspieler versammelt. Man hat also Angebote. Kann wählen. Über Hannover geht es 1771 nach Weimar. Hier ist die kunstsinnige Herzogin Anna Amalia gerade dabei, kluge Köpfe an ihren Hof zu binden. Etwa den Shakespeare-Übersetzer Christoph Martin Wieland.

Das Theater von außen.
im Westturm von Schloss Friedenstein ist das Ekhof-Theater beheimtatet Bildrechte: MDR/Stefan Petraschwesky

Eine gute Zeit beginnt. Man spricht vom "Weimarer Musenhof". Doch dann, im Mai 1774, brennt das Schloss. Die Seylersche Gesellschaft kann nicht mehr spielen, findet aber neue Anstellung beim Herzog in Gotha – bei Fürstens kennt man sich eben. Anna Amalias verstorbener Gatte wurde als Kind zur Ausbildung an den Hof in Gotha geschickt; hatte dort den jetzt regierenden Herzog Ernst II. an seiner Seite. Und der springt jetzt ein.

Ein Jahr später, 1775, trennen sich Seyler und Ekhof. Seyler geht mit einem Teil der Truppe über Leipzig nach Dresden. Ekhof bleibt und verhandelt mit Herzog Ernst II. einen neuen Vertrag, der ihn zum Direktor des Gothaer Hoftheaters macht – ein Amt, das er bis zu seinem frühen Tod 1778 ausübt und damit Theatergeschichte schreibt. Ekhof kann ein durch Gottsched und Lessing erdachtes bürgerliches Theaterideal in die Praxis umsetzen; kann eine neue Schauspielkunst ausprobieren – paradoxerweise lässt ihm ausgerechnet ein feudaler Herrscher hier lange Leine. So entwickelt sich Gotha für eine kurze Zeit zum Zentrum eines deutschen, modernen Nationaltheaters.

Epilog

Ekhofs Grabstein steht heute, nachdem der ursprüngliche Friedhof beräumt wurde, im Ehrenhain des Hauptfriedhofs in Gotha. Seine letzte Rolle war der Geist von Hamlets Vater. Seine letzten Bühnenworte in Wielands Übersetzung "Adieu, adieu, adieu – Gedenke meiner, Sohn!"

Grabstein von Conrad Ekhof.
Grabstein für Conrad Ekhof, im Ehrenhain des Gothaer Hauptfriedhofs Bildrechte: MDR/Stefan Petraschwesky

Oder Tochter? – Sandra Hüller ist die derzeitige Trägerin des Gertrud-Eysoldt-Ringes. Er wird an Schauspielerinnen und Schauspieler jeweils für ein Jahr vergeben. Hüller wurde für ihre herausragende schauspielerische Leistung, ihre Darstellung des Hamlet am Theater Bochum, gewürdigt. Sandra Hüller wurde 1978, also genau 200 Jahre nach Ekhofs Tod, im thüringischen Suhl geboren; wuchs in Friedrichsroda auf. Von da sind es 15 Kilometer bis zum Ekhof-Theater auf Schloss Friedenstein. 2028, zum 250. Todestag Conrad Ekhofs, könnte die Stadt Gotha einen Ekhof-Ring stiften. Einen Preis, der dann ausschließlich an Schauspielerinnen vergeben wird. Dann müsste man auch den Iffland-Ring nicht mehr in Ekhof-Ring umbenennen. Sandra Hüller könnte so einen Ring dann erstmals tragen.

300. Geburtstag Neue Büste: Gotha erinnert an Schauspieler Conrad Ekhof

Mit einer neuen Büste und einem Picknick im Schlossgarten wird in Gotha an den 300. Geburtstag von Conrad Ekhof erinnert. Er gilt als Vater der deutschen Schauspielkunst. So wurde die Büste angefertigt...

Zum 300. Ekhof-Geburtstag haben sich drei Gothaer Ärzte zusammengetan und für 30.000 Euro eine Büste erstellen lassen. Diese wird am Mittwoch enthüllt/aufgestellt
Auf der linken Seite erkennt man schon, was es werden soll... eine Büste von Schauspieler Conrad Ekhof. Bildrechte: MDR/Gert Weber
Zum 300. Ekhof-Geburtstag haben sich drei Gothaer Ärzte zusammengetan und für 30.000 Euro eine Büste erstellen lassen. Diese wird am Mittwoch enthüllt/aufgestellt
Auf der linken Seite erkennt man schon, was es werden soll... eine Büste von Schauspieler Conrad Ekhof. Bildrechte: MDR/Gert Weber
Conrad Ekhof, Porträt, gemalt 1774 von Anton Graff
Ekhof gilt als Vater der deutschen Schauspielkunst und wäre in diesem Jahr 300 geworden. Hier ein Porträt von 1774. Bildrechte: MDR/Stefan Petraschwesky
Zum 300. Ekhof-Geburtstag haben sich drei Gothaer Ärzte zusammengetan und für 30.000 Euro eine Büste erstellen lassen. Diese wird am Mittwoch enthüllt/aufgestellt
Drei Gothaer Ärzte haben die Büste in Auftrag gegeben, geschaffen hat sie der Gräfenhainer Künstler Gerd Weber. Eine Gesichtshälfte soll mehrere Ausdrücke zeigen. Bildrechte: MDR/Gert Weber
Der Theatersaal.
Conrad Ekhof inszenierte im Jahr 1775 sein erstes Stück in Gotha. Das Ekhof-Theater trägt seinen Namen. Bildrechte: MDR/Stefan Petraschwesky
Ein Kulissenschieber im Ekhof Theater
Besondheit der Zeit - eine Bühnenverwandlungsmaschine, die von vielen starken Männern "unterirdisch" betrieben wird und auf der Bühne das Bühnenbild wie von Zauberhand wechseln lässt. Bildrechte: Ekhof Theater Gotha
Zum 300. Ekhof-Geburtstag haben sich drei Gothaer Ärzte zusammengetan und für 30.000 Euro eine Büste erstellen lassen. Diese wird am Mittwoch enthüllt/aufgestellt
Die Büste hält sich übrigens an einem Theatervorhang fest. Bildrechte: MDR/Gert Weber
Das Theater von außen.
Das Ekhof-Festival im barocken Schlosstheater fällt dieses Jahr aus. Es war ganz auf den 300. Geburtstag des Namensgebers zugeschnitten und wird nun im kommenden Jahr präsentiert. Bildrechte: MDR/Stefan Petraschwesky
Zum 300. Ekhof-Geburtstag haben sich drei Gothaer Ärzte zusammengetan und für 30.000 Euro eine Büste erstellen lassen. Diese wird am Mittwoch enthüllt/aufgestellt
Hier wird die Büste gegossen... Bildrechte: MDR/Bronzegießerei Bert Noack Leipzig
Zum 300. Ekhof-Geburtstag haben sich drei Gothaer Ärzte zusammengetan und für 30.000 Euro eine Büste erstellen lassen. Diese wird am Mittwoch enthüllt/aufgestellt
Sie besteht aus Bronze ... Bildrechte: MDR/Bronzegießerei Bert Noack Leipzig
Zum 300. Ekhof-Geburtstag haben sich drei Gothaer Ärzte zusammengetan und für 30.000 Euro eine Büste erstellen lassen. Diese wird am Mittwoch enthüllt/aufgestellt
... und soll am Mittwoch, dem 12. August, Gotha aufgestellt werden. Bildrechte: MDR/Bronzegießerei Bert Noack Leipzig
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Veranstaltungen zum 300. Geburtstag von Conrad Ekhof Enthüllung des Conrad-Ekhof-Denkmals
Ekhof-Platz 22, Gotha
12. August 2020, 14 Uhr

"So ein Theater"
Picknick mit Inszenierung zu Ekhofs 300. Geburtstag
Ostgarten von Schloss Friedenstein, Gotha
12. August 2020, 16 Uhr

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 12. August 2020 | 08:10 Uhr