Dreiteilige Serie Corona und die Amateurtheater: "Ohne unseren schwarzen Humor wären wir nicht mehr da"

Luca Deutschländer
Bildrechte: MDR/Jörn Rettig

Die Kulturszene steckt in der Corona-Pandemie mitten in einem neuerlichen Lockdown. Das betrifft zuallererst freischaffende Künstlerinnen und Künstler, die mit Auftritten ihren Lebensunterhalt finanzieren. Es betrifft aber auch jene, die ebenfalls maßgeblich zur kulturellen Vielfalt beitragen: Amateurtheater. In einer dreiteiligen Serie blickt MDR KULTUR auf deren künstlerische Weiterentwicklung in Pandemie-Zeiten und den Kampf, trotz Spielverbots sichtbar zu bleiben. Im dritten und letzten Teil berichten Theater aus Magdeburg und Thale vom Beschreiten neuer Wege – und der Hoffnung, 2021 zu überleben.

Drei Männer mit Mund-Nasen-Schutz stehen auf einer leeren Bühne und blicken nach oben.
Hoffen, dass sich Bühne und Saal bald wieder füllen: Thomas Stieghahn (von links), Sohn Oliver Stieghahn und Uwe Senfftleben vom Alten Theater in Magdeburg Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer, Florian Leue

Die etwas angespannte Stimmung wird mit jedem Schritt besser. Thomas Stieghahn bahnt sich seinen Weg durch verwinkelte Gänge im Alten Theater in Magdeburg. "Das ist Backstage", sagt er und führt vorbei an Garderobe, Aufenthaltsraum und Maske. Nach wenigen Minuten steht der Mann mit den langen grauen Haaren auf einer 400 Quadratmeter großen Bühne und blickt ernüchtert in den leeren Saal vor sich. Ist ja erst Mittag, könnte man denken. Dann aber kommt einem in den Sinn: Dieser Saal wird leer bleiben. Am Abend, den Tagen darauf und auch am Wochenende. Für Thomas Stieghahn und seine Magdeburger Theaterkiste ist der Vorhang gefallen. Wieder einmal, zum zweiten Mal in diesem Jahr. Theater spielen, anderen eine Freude machen, den Zusammenhalt auf der Bühne erleben – das tun, was sie so lieben, wofür sie Stunden ihrer Freizeit und viele Wochenenden opfern: Corona hat etwas dagegen. Die Theater bleiben geschlossen. Mindestens bis Ende des Monats.

Auf der Bühne zu stehen und in diesen leeren Saal zu schauen, tut richtig weh.

Oliver Stieghahn Zweiter Vorsitzender der Theaterkiste Magdeburg

Doch jetzt, wo Thomas Stieghahn auf der Bühne steht – eingerahmt von seinem Sohn Oliver und Uwe Senfftleben, einem der Betreiber dieses Hauses – heitern sich seine Gesichtszüge vorsichtig auf. Man spürt dann, wie viel Thomas Stieghahn all das hier bedeutet. Er, seit fast drei Jahrzehnten der Kopf der Magdeburger Theaterkiste, ist dann in seinem Element. Stieghahn berichtet davon, welche Werte er und sein Ensemble vermitteln möchten. Er erzählt von jenen Tagen, an denen Hunderte Kinder in diesem Saal gesessen und mitgefiebert haben, was da auf der Bühne geschieht. Thomas Stieghahn lebt für das, was er da tut. Theater – das schafft Interaktion, sorgt für Emotionen, verbindet Generationen. "Theater ist wie Kino, nur live" – mit diesem Spruch werben sie bei der Theaterkiste.

Die Theaterkiste Magdeburg

Szene aus der Inszenierung "Das tapfere Schneiderlein"
Bildrechte: Theaterkiste Magdeburg

Die Theaterkiste in Magdeburg gibt es seit 26 Jahren. Anfangs spielte das Ensemble um Regisseur Thomas Stieghahn im Kulturhaus AMO, vor 13 Jahren dann zog die Theaterkiste ins Alte Theater um. Zum Repertoire der Theaterkiste zählt neben Märchen, klassischem Schauspiel oder Komödien auch Improvisationstheater. Die Theaterkiste mit ihren 20 Ensemblemitgliedern zwischen acht und 78 Jahren legt Wert darauf, Theater zum Anfassen zu machen. Dass Darstellerinnen und Darsteller nach Ende einer Vorstellung das Gespräch mit dem Publikum suchen, ist daher keine Seltenheit.

Ein Familienbetrieb, der die Kulturszene Magdeburgs bereichert

Die Theaterkiste in Magdeburg ist so etwas wie ein Familienbetrieb. Stieghahn Senior ist Regisseur und zugleich erster Vorsitzender des Vereins. Sohn Oliver, angehender Theaterpädagoge, ist sein Stellvertreter. Er kümmert sich um die Jugend im Verein, treibt das Improvisationstheater voran. Es mag pathetisch klingen, doch die Kulturszene Magdeburgs wäre ärmer ohne die Stieghahns. Und sie wäre es auch ohne Uwe Senfftleben – wenngleich der das gewiss öffentlich nie so formulieren würde. Senfftleben ist ein Mann, der nicht gern im Rampenlicht steht. Doch ohne ihn, das sagen auch die Stieghahns, wäre die Theaterkiste nicht das Theater, das sie heute ist: auf dem Papier zwar ein Amateurtheater, von vielen Gästen aber geschätzt für seine Professionalität – auf und neben der Bühne. Während die Stieghahns sich um die Inszenierung  kümmern, sorgt Senfftleben mit seiner Firma für Showtechnik dafür, dass sie ins richtige Licht gerückt werden.

Diese Arbeitsteilung funktioniert – seit mehr als 20 Jahren. Dieses Jahr haben sie Silberhochzeit, scherzen Stieghahn und Senfftleben. Abnutzungserscheinungen? Davon ist keine Spur. Im Gegenteil. Ihr Zusammenspiel funktioniert noch besser, seit Senfftleben einer der Betreiber des Alten Theaters in Magdeburg ist, sagen beide. Denn die Bühne des Alten Theaters ist die Heimat der Theaterkiste. Unten in den Katakomben proben sie, bewahren ihre Requisiten und Bühnenbilder auf, Dutzende Bilder erinnern an die vielen Vorstellungen mit begeistertem Publikum. Die Liebe zum Detail – sie zieht sich wie ein roter Faden durch die 26 Jahre andauernde Geschichte der Theaterkiste.

Ohne Kultur und Kunst ist das Leben auch nicht lebenswert. Das hört sich hochtrabend an. Aber es ist so. Ohne Kunst und Kultur funktioniert das Zusammenleben der Menschen nicht.

Thomas Stieghahn Regisseur und Vorsitzender der Theaterkiste Magdeburg

Ist die Existenz dieses Theaters wegen der Pandemie ernsthaft in Gefahr? "Es wird ein Kultursterben geben", sagt Oliver Stieghahn. "Wenn das Alte Theater stirbt, stirbt auch die Theaterkiste", ergänzt sein Vater. Beide sprechen von einem Flächenbrand in der Branche. Doch aufgegeben haben sie die Hoffnung noch nicht. Im Gegenteil. Am zweiten Advent wollen sie hier Premiere feiern. Das traditionelle Weihnachtsmärchen steht an, in diesem Jahr steht die Geschichte von Aschenputtel auf dem Spielplan. Die Proben sind in den vergangenen Monaten gut vorangekommen. Ein paar Durchläufe bräuchten sie noch, dann könnten sie das Märchen wie geplant auf die Bühne bringen. "So Gott will", sagt Thomas Stieghahn.

Die riesige Bühne – zum ersten Mal seit 1945 nicht bespielt

Ortswechsel. Knapp 80 Kilometer von Magdeburg entfernt steht Ronny Große und blickt ins herbstliche Tal. Zu seinen Füßen liegt das prächtige Harzer Bergtheater in Thale. 1.292 Sitzplätze. Eine große Bühne, nebenan der Hexentanzplatz. Ein Ausblick, der seinesgleichen sucht. Genießen konnte diesen Ausblick in diesem Jahr kaum jemand. Konzerte, Vorstellungen – alles abgesagt. "Das hat es seit 1945 nicht gegeben", sagt Ronny Große und spricht vom "Corona-Mist". Wer genau hinsieht, der sieht, wie die Natur sich die Bühne zurückholt. Zwischen den Sitzreihen sind einige Sträucher in die Höhe gewachsen, der Boden ist mit Moos bedeckt.

Blick auf die leeren Zuschauerränge und eine leere Bühne des Harzer Bergtheaters in Thale im Herbst
Das Harzer Bergtheater bietet Platz für knapp 1.300 Zuschauerinnen und Zuschauer. In diesem Jahr blieben die Plätze leer. Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

Wer über die Corona-Pandemie und ihre Auswirkungen auf die Amateurtheater-Szene blickt, für den ist Ronny Große ein besonders guter Ansprechpartner. Von Hauptberuf ist Große Intendant des Harzer Bergtheaters – in seiner Freizeit ist er Ensembleleiter und Regisseur des Theaters Fairytale in Thale. Wie kaum ein anderer weiß Große somit, was dieses Jahr 2020 der Kulturszene angetan hat – wirtschaftlich wie gesellschaftlich. Und doch macht Ronny Große keinen niedergeschlagenen Eindruck. Im Gegenteil. Es ist der Blick nach vorn, der ihm Hoffnung macht. Das Harzer Bergtheater wird in den kommenden Jahren für viel Geld saniert. Gut 600 zusätzliche Sitzplätze sind geplant, neue Technik, neue Zufahrten, Parkplätze. 2023 soll alles fertig sein. Spielen kann das Ensemble von Fairytale auf dieser Bühne damit sowieso erst einmal nicht – und das hat ausnahmsweise nichts mit dem Coronavirus zu tun.

In Thale planen sie stattdessen, im kommenden Jahr eine große Bühne unten in der Stadt aufzustellen. Nahe des Bahnhofs, gut erreichbar für die vielen Schulklassen, die die Inszenierungen von Fairytale für gewöhnlich besuchen. Dort soll das Bergtheater spielen, sollen Konzerte angeboten werden. Und auch Fairytale hat schon zwölf Vorstellungen vorgemerkt.

Der Zusammenhalt stimmt

Fairytale ist ein Generationentheater. Der Jüngste, der hier auf der Bühne steht, geht in die zweite Klasse. Der Älteste hat das Rentenalter erreicht. Alles im Laufe der Jahre gewachsen, sagt Ronny Große. Der Zusammenhalt in seinem Ensemble stimmt, erzählt der Regisseur. Deshalb haben sie in diesem Jahr auch gemeinsam entschieden, ihre Premiere abzusagen. "Arielle, die kleine Meerjungfrau" wollten sie spielen, die Proben liefen schon längst. Dann, im Frühjahr, rollte die erste Infektionswelle an. Die Premiere wurde verschoben. Erst einmal. Dann ein zweites Mal. Beim dritten Mal folgte die Absage, entschieden per Telefonkonferenz mit allen Ensemblemitgliedern.

Unser Anspruch an uns ist gewachsen. Und die Menschen, die da sind, schätzen das gerade in diesen Zeiten wert – wo wir merken, dass es auch anders laufen kann.

Ronny Große Ensemble-Leiter des Theaters Fairytale in Thale

2020 wird das Jahr sein, in dem auf dem Spielplan von Fairytale ein weißer Fleck bleiben wird – mit einer kleinen Ausnahme. Denn an einem einzigen Tag in diesem Jahr haben sie doch gespielt. "Der Zuckertütenbaum", zur Einschulung der Erstklässler in Thale – eine Tradition, gelebt schon zu DDR-Zeiten. Auch Ronny Große hat das schon zu seiner Einschulung erlebt. Die Corona-Lage im Sommer ließ es zu – und so spielten die Thalenser vier Mal an einem Tag die Geschichte vom Zuckertütenbaum. Ronny Große denkt gern an diesen Tag zurück – weil er und sein Ensemble gezeigt haben, dass sie noch da sind. Corona hin oder her.

Das Theater Fairytale aus Thale

Das Theater Fairytale aus Thale ist Teil des Vereins Kultur und Kunst Thale, zu dem außerdem ein gemischter Chor und eine Tanzgruppe gehören. Neben dem großen Erfolg "Peter Pan" im vergangenen Jahr (etwa 12.000 Zuschauerinnen und Zuschauer) hat das Ensemble von Fairytale in der jüngeren Vergangenheit auch "Schneewittchen" gespielt. Zum Programm gehören auch regelmäßige Auftritte zur Einschulungsfeier der Grundschüler in Thale. In normalen Jahren belohnt sich das 25 Frauen und Männer starke Ensemble (insgesamt 45 Mitglieder) einmal im Jahr mit einer Theaterfahrt, deren Ziel vorab nur wenige ausgewählte Leute kennen. Die Fahrt fiel in diesem Jahr flach.

Szene aus "Peter Pan" am Fairythale Theater in Thale
Inszenierung "Peter Pan" am Theater Fairytale aus Thale Bildrechte: Theater Fairytale Thale

In Magdeburg haben die Stieghahns mit ihrer Theaterkiste Ähnliches erlebt – und gezeigt, dass Kultur auch unter Corona-Bedingungen funktionieren kann, solange man nur experimentierfreudig ist. Den ganzen August über stand das Ensemble der Theaterkiste auf der Bühne – nicht im, sondern vor dem Alten Theater. Kurzerhand hatten sie gepolsterte Stühle nach draußen gebracht, kleine Tische mit Vasen aufgestellt, Uwe Senfftleben stand hinter der Bar und verkaufte Getränke. Auf der Bühne: "Der Geizige" von Molieré. Sommertheater. "Wir wollten ein Wohlfühlambiente schaffen", erzählen die Stieghahns. Das sei gut angekommen. "Die Menschen waren dankbar", erinnert sich Thomas Stieghahn.

Bühnenbild, Miete und Requisite – die Kosten bleiben

80 Gäste durften sie pro Vorstellung empfangen. Es fühlte sich gut an, nach Monaten der theaterlosen Zeit. Wirtschaftlich gelohnt hat es sich nicht. Im Gegenteil. Das Alte Theater zahlte obendrauf, am Ende stand ein dickes Minus. Auch deshalb hofft Thomas Stieghahn, dass er und seine Truppe wenigstens im Dezember werden spielen dürfen. Für gewöhnlich macht die Theaterkiste mit ihrem Weihnachtsmärchen Einnahmen für das gesamte folgende Jahr – Bühnenbild, Miete und Requisite wollen schließlich auch in einem Amateurtheater bezahlt werden. "Wir haben einen gewissen Grundoptimismus", sagt der Vorsitzende und schiebt hinterher: "Hätten wir nicht so einen schwarzen Humor, wären wir längst nicht mehr da."

Kultur und Corona

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir | 10. November 2020 | 12:30 Uhr

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