Gefahren und Chancen Corona, Kultur und Gesellschaft: Welche Auswirkungen das Virus hat

Das Coronavirus ändert alle Bereiche des alltäglichen Lebens – regional und global. Diese besondere Ausnahmesituation birgt aber nicht nur Gefahren in sich, sondern bietet der Gesellschaft auch die Möglichkeit für grundlegende Veränderungen. Fünf Kulturschaffende und Experten und ihre Sicht auf die Zeit jetzt und nach der Corona-Pandemie.

Menschen mit Einkaufstüten in Erfurt
Lebendiges Treiben in den Fußgängerzonen gehört in der aktuellen Corona-Pandemie nicht mehr zum Stadtbild. Bildrechte: MDR/imago/Hoch Zwei Stock/Angerer

Der Ausbruch des Coronavirus stellt die gesamte Weltgemeinschaft vor eine fundamentale Aufgabe. Dabei durchdringen die Herausforderungen im Kampf gegen die Verbreitung globale Aspekte und stellen auch gesellschaftliche Selbstverständlichkeiten in den einzelnen Ländern infrage. Das Leben nach Corona wird ein anderes sein – bietet aber auch Möglichkeiten für zukünftige Veränderungen.

Globalisierung neu austarieren

Durch das Virus hat sich die vollzogene Globalisierung bemerkbar wie kaum zuvor gemacht. Der Theologe und Kulturpolitiker Frank Richter sieht darin aber auch eine Chance, die Ausrichtung einer weltumspannenden Vernetzung neu zu denken. Im Gespräch mit MDR KULTUR plädiert er nicht dafür, Globalisierung zurückzufahren, sondern neu auszutarieren – er fordert eine "Weltinnenpolitik". Man müsse politische und ökonomische Prozesse international denken, um eine internationale Solidarität zu organisieren. "Egoismen fallen auch auf uns selbst zurück. Das macht Corona sehr deutlich", so Richter weiter.

Das Problem sieht er darin, dass nationale Regierungen internationale Solidarität organisieren müssen, aber auf nationaler Ebene gewählt würden.

Frank Richter, 2018
Frank Richter Bildrechte: dpa

Es ist eine Frage der Gesellschaften, ob sie insgesamt bereit sind, größer und weiter zu denken, als über den eigenen Tellerrand.

Frank Richter, Theologe und Politiker

Für ihn zählt es, den Menschlichkeits-Gedanken in all seinen Facetten neu und global zu verstehen, um daraus auch etwas Positives aus der Corona-Krise zu ziehen.

Verbundenheit und Nachhaltigkeit

Der Gedanke eines Näherrückens durch die Krise lässt sich von der globalen Perspektive auch auf die Gesellschaft herunterbrechen, die durch das Virus ebenso verändert wird. Svenja Flaßpöhler, Philosophin und Chefredakteurin des "Philosophie"-Magazins, sieht in der jetzigen Situation einen Moment, in der der Gesellschaft ihre eigene Fragilität vor Augen geführt wird, wie sie im Gespräch mit MDR KULTUR sagte. Jedoch habe dieses Momentum etwas Verbindendes.

Es führe auch auf lokaler Ebene zu "vereinigender Solidarität, weil wir alle wirklich in exakt derselben Situation sind", so Flaßpöhler. Das verbinde die Menschen untereinander sehr tief. Darüber hinaus werde den Bürgern durch leere Einkaufsregale und Ausgangsbeschränkungen ein sehr greifbares Gefühl von konkreter Nachhaltigkeit vermittelt. Man erlebe nun eine ganz konkrete Beschränkung und "das tut unserer Kultur und Gesellschaft gut". Diese Krise sei letzten Endes auch eine Krise unserer kapitalistischen Lebensform, meint Flaßpöhler.

Abschied vom kapitalistischen Wachstumsgedanken

So sieht es auch die Autorin Greta Taubert und hofft, dass die Corona-Situation zu einem Umdenken der Markt- und Gesellschaftsform führt. Das sagte sie im Gespräch mit MDR KULTUR. Jetzt, da die üblichen Markt- und Produktionsstrukturen nicht mehr selbstverständlich seien und viele Menschen in einer gewissen Isolation lebten, brauche man eine neue Form und ein neues Verständnis von Zeit. "Arbeitszeit, Lebenszeit und Caring-Zeit", so Taubert.

Greta Taubert
Die Leipziger Autorin Greta Taubert Bildrechte: dpa

Ich glaube, diese Erfahrung wird für viele wahrscheinlich noch viel eindrücklicher wirken.

Greta Taubert, Autorin

Durch die Pandemie täten sich für die Gesellschaft grundlegende Fragen auf: "Will ich eigentlich arbeiten? Wieviel Zeit will ich mit meinen Kindern oder mit meiner Familie verbringen?" Ein Zusammenbrechen von ganzen Industrien und Branchen könnte eine Folge sein. In Tauberts Augen wird dieser Prozess momentan auch durch die Digitalisierung beschleunigt.

Chancen und Gefahren der Digitalisierung

Generell hebt die Corona-Krise die Digitalität unserer Gesellschaft auf eine ganz neue Ebene. Homeoffice oder Videokonferenzen – von heute auf morgen mussten viele Unternehmen und Selbstständige auf ein nicht gekanntes Ausmaß an digitaler Kommunikation umsteigen. Der Soziologe Dirk Baeker ist sich im Gespräch mit MDR KULTUR sicher, dass wir "daraus für die Zukunft einiges lernen können." Man merke, wie die Menschen fasziniert seien, was online und im Netz alles möglich ist.

Alle Gespräche in voller Länge

Frank Richter , auf der Prager Straße stehend. 8 min
Frank Richter nahm an der Demonstration gegen das DDR-Regime am 8. Oktober auf der Prager Straße teil und war einer der zwanzig Dresdner Bürger, die sogenannte Gruppe der 20, die während der Demonstration ernannt wurden, um mit den örtlichen Behörden über ihre politischen Forderungen zu verhandeln. Bildrechte: MDR/Beate Gerber

Ist "Pandemie"m wie Coronam nur ein anderes Wort für "Globalisierung", fragt der Theologe und Politiker Frank Richter. Seine Anwort: Unsinn! Globalisierung sei ein Segen für die Menschen. Wie meint er das?

MDR KULTUR - Das Radio Fr 03.04.2020 07:10Uhr 07:45 min

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Svenja Flaßpöhler bei einer Podiumsdiskussion im Jahr 2019. 8 min
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Greta Taubert 7 min
Bildrechte: MDR/Greta Taubert

Wie verändert die Corona-Krise unsere Gesellschaft? Wir sprechen mit der Leipziger Autorin Greta Taubert, die sich in ihren Sachbüchern mit alternativen Gesellschaftsmodellen beschäftigt hat.

MDR KULTUR - Das Radio Di 31.03.2020 08:40Uhr 07:15 min

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Das Elektro-Pop-Duo Glasperlenspiel spielte am 01.03.2019 ein MDR JUMP Konzert im HsD Gewerkschaftshaus in Erfurt. 7 min
Auf "Licht und Schatten"-Tour ist das Duo Glasperlenspiel gerade unterwegs. Beim Konzert in Erfurt gab es aber durchweg lichte Momente, denn Carolin & Daniel spielten mit perfekter Bandbegleitung großartig zum Tanz auf! Bildrechte: MDR JUMP/Jens Borghardt

Was passiert mit einer Branche, deren wichtigste Einnahmequelle wegbricht? Ein Gespräch mit Musikjournalist Jens Balzer über Risiken, Chancen, Verlierer und Gewinner der Coronakrise im Pop-Biz.

MDR KULTUR - Das Radio Mi 01.04.2020 07:10Uhr 07:06 min

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Mann am Schlagzeug unterrichtet online per Videokonferenz 8 min
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Allerdings berge die rasant zunehmende Digitalisierung auch Gefahren. Er verweist dabei auf das Thema Fake-News. Durch elektronische Medien können sich Lügen rasant und einfach verbreiten. Hier müsse man aufpassen und sich keine falschen Vorstellungen von einer "plötzlich ganz offenen und ganz ehrlichen und ganz aufrichtigen Kommunikation" machen. Das sei eine Illusion, so der Soziologe. Er hofft jedoch, dass genau das jetzt in dieser Krise zum Vorschein kommt: "Dass wir lernen, mit Formaten der Kommunikation reflektierter und natürlich auch kritischer" umzugehen.

Kampf gegen Musik-Streamingdienste beginnt von vorn

Spürbare Veränderungen ziehen die Corona-Maßnahmen aber auch schon jetzt nach sich – vor allem wirtschaftlich. Neben der Film- und Kinoindustrie ist speziell das Musikgeschäft betroffen. Clubs dürfen nicht öffnen und Musiker können nicht auf Tour gehen – was eine ihrer Haupteinnahmequellen ist.

Jens Balzer
Musikjournalist Jens Balzer Bildrechte: imago/Manfred Segerer

"Wenn das wegfällt, wird auch für die Mehrheit der Künstler sehr schnell der Rest wegfallen und die Möglichkeiten, Musik zu komponieren", sagt der Musikjournalist Jens Balzer bei MDR KULTUR. Jedoch schränkt er auch ein, dass die Kreativität und die Lust des Publikums an Musik trotzdem nicht einfach verschwinden.

Daher würden in seinen Augen die großen Streamingdienste gerade aus der Krise als große Gewinner herausgehen. Was dann aber in der Post-Corona-Zeit dazu führe, dass die Internetmonopolisten ihre Stellung noch weiter gefestigt hätten. Daher müsse man dann wieder neu "die Rechte der Musikerinnen und Musiker gegen diese Monopole durchsetzen und verteidigen."

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 03. April 2020 | 07:10 Uhr

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