Filmfestival "Corona Creative" #12 "Golfkrise": Keine Freiheit für alle?

Der Blick aus dem Fenster geht auf ein abgestelltes Auto am Straßenrand, mobil ist auf diesem Bild bald nur noch die flatternde Abdeckplane. Marcus Held hinterfragt in seinem essayistischen Kurzfilm die Mittel der Isolation und Restriktion als Krisenmanagement in Zeiten von Corona. Seine Video-Aufzeichnungen begann er vor der Auscchreibung zu "Corona Creative". Jetzt zeigt er seine Betrachtung zur "Golfkrise" beim digitalen Filmfestival von MDR KULTUR.

Corona Creative 11 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Corona Creative Fr 24.04.2020 23:50Uhr 10:47 min

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Video

Ein abgestellter PKW abgedeckt mit einer Plane, die im Wind flattert. Bis auf die Bäume vor dem Altersheim und die wenigen Passanten auf der Straße scheint das flatternde Grau das Lebendigste, was außerhalb der virtuellen Räume noch wahrnehmbar ist. Im Wind nimmt die Plane immer neue Formen an. Aus ihrer Bewegung entsteht die filmische Dramaturgie einer langsamen fragmentarischen Enthüllung.

Keine Freiheit für alle?

"Golfkrise"
Demobilisiert am Straßenrand Bildrechte: MDR / Marcus Held

Während das Coronavirus in Deutschland von einer Abstraktion zur realen Erfahrung wird, wird das Auto demobilisiert und vor seiner Umwelt geschützt – genau wie die Menschen in ihren Wohnungen. Das Auto mit der wehenden Plane wird zum Indikator und Spiegel der Situation. Passat und Scirocco, so hießen die Auto-Modelle, die vor dem VW Golf produziert wurden, sie trugen die Namen von Winden. Seit 1981 ist der Golf das Symbol für Wohlstand, Mobilität und Freiheit. Vermeintliche Selbstverständlichkeiten. Das Virus stellt sie komplett in Frage.

Keine Mobilität, keine Freiheit und kein Wohlstand, jetzt für alle? Macht das Virus nun tatsächlich alle gleich? Der essayistische Kurzdokumentarfilm stellt Fragen nach der Erfahrbarkeit und "Behandelbarkeit" einer Krise, nach den Mitteln der Isolation und Restriktion als Krisenmanagement und der "Demobilisierung" als Machttechnik. Wieso scheint es einfacher, Grenzen zu schließen, als sich allein auf eine Parkbank zu setzen? 

"Etwas stimmt hier nicht"

"Golfkrise"
Halbsynchrone Soundcollage Bildrechte: MDR / Marcus Held

Die Dreharbeiten zur "Golfkrise" begannen bereits vor der Ausschreibung zu "Corona Creative". Die Plane im Wind hatte der Filmemacher Marcus Held als ästhetisches und symbolisches Ensemble bereits seit Anfang März beobachtet. Die Videoaufzeichnungen fanden mehrmals täglich statt, teilweise auch ohne "Aufsicht". Der extrem reduzierte und eingeschränkte Bildausschnitt, der gewählt wurde, ändert sich innerhalb des gesamten 10minüten Films nicht. Die Bildebene ist mit einer halbsynchronen Soundcollage von vorbei fahrenden Autos untersetzt. Es vermittelt sich permanent dieses eine Gefühl: "Etwas stimmt hier nicht".

"Golfkrise"
Regisseur Marcus Held Bildrechte: MDR / Marcus Held

Marcus Held (Jahrgang 1983) studierte Medienkunst an der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst. Er beschäftigt sich in der Hauptsache mit dem Verhältnis Natur-Kultur-Mensch-Pflanzen-Tiere in verschiedenen medialen Ausdrucksformen (Video, Audio, Bild). Er arbeitet als freier Künstler und ist wissenschaftlich-technischer Mitarbeiter für Naturschutz in Leipzig. Neben Dokumentarfilm-Projekten hat er zahlreiche Ausstellungen gestaltet und Bücher veröffentlicht.

Credits: "Ornis" – Dokumentarfilm (2017), "Abrasion/Sedimentation" – Buch (2014), "Images" – Kurzdokumentarfilm (2013), "Mongolische Heuschrecke" (Diplom) (2011)

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | 24. April 2020 | 23:50 Uhr

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