Filmfestival "Corona Creative" #3 "Ich sehe was, was Du nicht siehst": Fürsorge aus der Distanz?

Die Kontaktsperre einhalten und Fürsorge leisten aus der Distanz? Bettina Renners sehr persönlicher Kurzfilm speist sich aus Telefonaten mit ihren betagten Eltern und beiläufigen Kamerablicken aus dem Fenster. So nimmt sie uns mit auf eine Reise in den Alltag zweier Generationen in Zeiten von Corona und zeigt auf überraschende Weise, wie neue Nähe trotz räumlicher Distanz entsteht. "Ich sehe was, was Du nicht siehst" feiert Premiere jetzt beim Corona Creative-Filmfestival von MDR KULTUR.

Corona Creative 6 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Corona Creative Fr 24.04.2020 23:50Uhr 05:57 min

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Es ist ein Paradox, mit dem Familien in der Corona-Pandemie leben müssen. Betagte Eltern sollen von ihren Kindern oder Enkeln gerade besser nicht besucht werden, so versuchen sich die Angehörigen in "Fürsorge aus der Distanz", telefonieren so viel wie selten zuvor. Bettina Renners Dokfilm offenbart nicht nur das Neue im Alltäglichen, sondern auch Gedanken, die weiterführen; sie wirft gesellschaftliche Fragen auf, die diese Ausnahmesituation stellt. Ihr Kurzfilm entsteht aus der verordneten Distanz einer Tochter zu ihren Eltern. 

Eltern als Risikogruppe: Neue Nähe im Ferngespräch

"Ich sehe was, was Du nicht siehst"
Regisseurin Bettina Renner Bildrechte: MDR Corona Creative-Filmfestival / Bettina Renner

Es sind Vater und Mutter der Filmemacherin, die in der Oberlausitz leben. Sie sind Ende 70 und Anfang 80. Der Kurzfilm erkundet, wie sie die Maßnahmen zur Kontaktsperre wahrnehmen, die Diskussionen um deren Rechtfertigung oder das Infrage-Stellen: Welche Gefühle und Gedanken erzeugt das alles in ihnen, und wie entwickeln sie sich über die Zeit? Was bedeutet es für zwei alt gewordene, aber rüstige Rentner, nun Teil einer Risikogruppe zu sein? Oder zu hören, dass in Italien, Frankreich und Spanien im Triage-Fall Menschen ihres Alters nicht mehr an Beatmungsgeräte angeschlossen werden? Können sie das ignorieren, macht es ihnen Angst? Oder nehmen sie die Situation als neue Realität dieses Lebensabschnittes einfach hin?

Aus zahlreichen Telefonaten entwickelt sich im Film eine auf ihre Art intensive Begegnung. Plötzlich, im Grunde wie aus heiterem Himmel kommen intime Themen aufs Tableau. Manchmal entsteht so ein Gespräch abseits von Corona, über die Familie – über Zerwürfnisse und bis dato Unausgesprochenes. Bettina Renners Kurzfilm zeigt auch etwas Universelles: wie sich Gespräche und Haltungen in einer Ausnahmesituation verändern, wie Rollen in zwischenmenschlichen Beziehungen aufweichen, wie Nähe in der Distanz entsteht.

Beiläufige Blicke nach Draußen, intensive Innenschau

Seifenblasen vom Balkon
Seifenblasen vom Balkon Bildrechte: MDR Corona Creative-Filmfestival / Bettina Renner

Die Kamera fängt beiläufig Bilder ein, sie offenbaren den Blick, den gerade viele von uns teilen: Es ist der Blick während eines Telefonates in die Fenster und Balkone des Hauses gegenüber, schemenhaft bewegen sich Menschen in den Rahmen. Es sind keine konkreten Handlungen, die beobachtet werden, die Kamera fängt wie zufällig das Geschehen ein. Ein Flugzeug am Himmel. Aha: Es fliegen doch noch welche, ein kleines Stück Normalität ...

Filmemachen in Corona-Zeiten
Laia Prat im Schnitt Bildrechte: MDR Corona Creative-Filmfestival / Bettina Renner

So entstehen kurze, in sich geschlossene visuelle Erzählungen, eine Geschichte von Beobachtungen auf engem Raum. Die Audioebene besteht aus dem Zusammenschnitt der einzelnen Telefongespräche, die über Lautsprecher aufgenommen wurden. Sie sind das Herz des Films. In kurzen Augenblicken und Gedanken spiegeln sie den Alltag und das Leben von zwei Generationen in Zeiten von Corona. Im Miteinander in der Distanz.

Bettina Renner: Renommierte Regisseurin

Kommunikation in Corona-Zeiten
Vom Virus befallen? Bildrechte: MDR Corona Creative-Filmfestival / Bettina Renner

Bettina Renner (Jahrgang 1974) ist eine renommierte Filmregisseurin und Autorin aus Bautzen. Immer wieder machte sie mit einfühlsamen, persönlichen Zugängen zu brisanten Themen auf sich aufmerksam. Ihr aktuelles Projekt unter dem Titel "Ein Teppich aus Persien" liefert Erlebnisberichte aus einer Zeit großer Veränderungen Ende der 80er- /Anfang der 90er-Jahre in Bautzen.

Credits: "Hier und Dort", Kino-Dokumentarfilm/MDR (2018); "Begrabt mein Herz in Dresden" (2012) Dokumentarfilm ARTE,MDR; "Einmal Freiheit und zurück" (2008) ARTE, ZDF FILMPREIS; 2013 Achievement Award in Documentary Filmmaking, Los Angeles

Corona Creative: Die neuesten Filme

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | 24. April 2020 | 23:50 Uhr

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