Dokumentarfilmfestival "Corona Creative" #9 Wie geht es den "Nachbarn"?: Corona-Isolation in der Leipziger Südvorstadt

Alle Türen im Haus sind geschlossen. "Wie geht es den Nachbarn?", fragt sich Dok-Filmerin Nancy Brandt. Sie greift zum Telefon und geht mit einem Kamera-Schwenk durch ihr eigenes Haus in der Leipziger Südvorstadt. Ein feingliedriges Mosaik des Alltags und der Ängste in Zeiten von Corona- zeichnet ihr Dokumentarfilm: "Nachbarn" jetzt als Gemeinschaftserlebnis, beim "Corona Creative"-Festival von MDR KULTUR .

Corona Creative 12 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Corona Creative Fr 24.04.2020 23:50Uhr 12:23 min

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

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Ein Wohnhaus in der Leipziger Südvorstadt. Da, wo sonst im Hof hinterm Haus Kindergeschrei zu hören ist, herrscht Stille. Die Türen im Hausflur bleiben verschlossen. Wegen der Corona-Pandemie wurden Ausgangsbeschränkungen samt Kontaktsperre erlassen. Die Corona-Krise bestimmt die Nachrichten, man sieht und hört kaum mehr etwas anderes. Was die Politik sonst so beschließt, geht unter. Alle, vor allem "Risikogruppen", sollen nun weitestmöglich in den eigenen vier Wänden bleiben. Dok-Filmerin Nancy Brandt fragt sich: "Wie geht es den Nachbarn? Was denkt das Rentnerpärchen unter mir? Was macht die WG unten im Erdgeschoss?" Einziger Kommunikationsweg ist das Telefon, sie nutzt ihn und beginnt, im eigenen Haus zu drehen ...

Mosaik des Alltags und der Ängste

Nachbarn - Isolation in der Leipziger Südvorstadt
Draußen vor der Tür Bildrechte: Corona Creative / Nancy Brandt

Nancy Brandts Dokumentarfilm "Nachbarn" zeichnet ein differenziertes, von persönlicher Wahrnehmung geprägtes Bild der Corona-Pandemie und ihrer Auswirkungen auf diesen Mikrokosmos. Jeder im Haus hat seine eigene Art, mit der Situation umzugehen: Das Rentnerpaar; die Familie mit dem Sohn, der aus dem Winterurlaub in Italien zurückgekommen ist; die Single-Frau im Homeoffice; der Schichtarbeiter im systemrelevanten Beruf und auch der Anhänger von kursierenden Verschwörungstheorien. "Was habt ihr gedacht, als ihr das erste Mal von dem Virus gehört habt?", "Wann war euch klar, dass es auch euch betreffen wird? Was haltet ihr von den Einschränkungen?", will die Filmemacherin wissen.

Jeder Hausbewohner bekommt die gleichen Fragen und gibt ganz unterschiedliche Antworten darauf, wie sich sein Leben verändert hat. So entsteht ein feingliedriges Mosaik des Alltags und der Ängste in Zeiten der Corona-Pandemie.

Ein Schwenk durchs Haus: Ambitionierter One-Take-Style

Nachbarn - Isolation in der Leipziger Südvorstadt
Filmemacherin Nancy Brandt Bildrechte: Corona Creative / Nancy Brandt

In einem einzigen, circa zehnminütigen Schwenk bewegt sich die Filmemacherin durch das Haus, in dem sie selbst Bewohnerin ist. Fremde Wohnungen sind momentan tabu. Was bleibt, ist der Blick aus dem Fenster, der Hof, das Treppenhaus, die Gegenstände, die die anderen Menschen im Haus vor ihrer Tür abgestellt haben. Hinter jeder Tür wartet eine andere Geschichte, eine andere Sicht auf die durch harte Beschränkungen geprägte Situation. Erzählt werden diese Geschichten über Zusammenschnitte der Telefonate mit den Nachbarinnen und Nachbarn. Der künstlerisch ambitionierte One-Take-Stil beruht auf einer ähnlichen Arbeit der Filmemacherin aus 2006.

Nancy Brandt, geboren 1979 in Halle/Saale, lebt und arbeitet als freiberufliche Autorin und Regisseurin mit ihrer Familie in Leipzig. Die renommierte Filmemacherin kann verweisen auf preisgekrönte Dokumentarfilmprojekte, Beiträge bei 3sat-Kulturzeit und ihre Arbeit als Jurymitglied auf dem Internationalen Dokumentar- und Animationsfilmfestival Leipzig.

Credits: Kino-Dokumentarfilm "Die Gewählten", (2014), Preis: Kulturpreis Bayern 2015; Dokfilm "Out of Society", (2013); Dokfilm "Wie immer herzliche Grüße", (2010); Ko-Regie mit Helen Simon, Kurzfilm (One-Take) "Die gute Lage", (2006).

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | 24. April 2020 | 23:50 Uhr

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