Filmfestival "Corona Creative" #11 "Viola" – Schwarzer Engel der Dresdner Obdachlosen

Pfandflaschen sind seltener, Straßenmagazine kauft keiner mehr, die Polizei verscheucht sie: Wie Dresdner Obdachlose die Corona-Krise (über)leben und ihnen manchmal ein schwarzer Engel erscheint, zeigt dieser engagierte Dokfilm von Julien Deschamps und Martin Andersson. Sensibel und hintergründig porträtieren sie die 61-Jährige Viola. Einst selbst obdachlos ist sie auf den Straßen der Stadt unterwegs, um zu helfen und das bisschen, was sie hat, zu teilen. Premiere jetzt bei "Corona Creative"!

Corona Creative 13 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Corona Creative Fr 24.04.2020 23:50Uhr 12:32 min

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Mit der Ausbreitung des Covit-19-Virus hat sich das Leben der Obdachlosen in Dresden drastisch verändert. Pfandflaschen finden sie nur noch selten, Straßenmagazine lassen sich nicht mehr verkaufen, die Polizei kontrolliert stärker und löst auch kleine Gruppen auf. Noch schlimmer: Das "Nachtcafé", eine Notschlafstelle der Diakonie bleibt geschlossen. Die meisten sozialen Angebote wurden eingestellt. Kontaktsperre und Ausgangsbeschränkungen treffen Obdachlose vielleicht stärker als es das Corona-Virus könnte.

"Wohin sollen die Leute denn gehen?"

"Viola" - Kurzdoku beim "Corona Creative"-Festival von MDR KULTUR
Ostern! Bildrechte: MDR / Julien Deschamps / Martin Andersson

Doch da gibt es zum Glück noch diesen "Schwarzen Engel", Viola. Der Dok-Film von Julien Deschamps und Martin Andersson erzählt die Geschichte der 61-Jährigen. Bis vor kurzem war sie selbst noch obdachlos, mittlerweile bewohnt sie eine Sozialwohnung in Dresden. Aus Eigeninitiative kümmert sie sich um andere Obdachlose, verteilt Essen in einer Einkaufspassage, schenkt Kaffee aus, teilt, was sie hat. Als Sozialhilfeempfängerin ist das nicht viel.

"Viola" - Kurzdoku beim "Corona Creative"-Festival von MDR KULTUR
Viola beim Verteilen Bildrechte: MDR / Julien Deschamps / Martin Andersson

Ihr Engagement findet Zustimmung, stößt aber auch auf Ablehnung. Sie erzählt, wie die Polizei kürzlich um Mitternacht die Leute verscheucht habe und lacht dabei bitter: "Wohin sollen sie denn gehen?" Es sei schade, dass es erst eine solche Krise brauche, ehe sich andere Gedanken über das Schicksal der Obdachlosen machten, erklärt sie. Trotz Corona scheint es für Viola keinen Grund zu geben, ihre Hilfsangebote für Obdachlose zu überdenken. Deren harte Realität verdrängt eigene Sorgen und Ängste. Zumal auch unter den Obdachlosen viele selbst zu einer der Risikogruppen gehören. "Viola" ist ein eindrückliches dokumentarisches Porträt, hintergründig und sensibel beobachtet, zeigt es den Alltag und die Selbsthilfe unter Dresdner Obdachlosen in Zeiten von Corona.

Sozial engagierte Dokfilmer: Deschamps & Andersson

"Viola" - Kurzdoku beim "Corona Creative"-Festival von MDR KULTUR
Viel unterwegs Bildrechte: MDR / Julien Deschamps / Martin Andersson

Gedreht wurde im Zwei-Mann-Team mit einer diskreten, beobachtenden Handkamera so weit möglich im Hintergrund. Die Filmemacher lassen Viola über die Situation auf der Straße erzählen, in einer bewusst subjektiven Perspektive. Violas Engagement und Ansichten werden nicht kommentiert und gewertet. Sie sollen Widerspruch wecken. Auf einen Sprechertext wird verzichtet.

Julien Deschamps ist ein sozial engagierter Dokumentarfilmer aus Paris. Seit drei Jahren wohnt er in Dresden und realisierte hier zahlreiche Kurzdokumentationen über soziale und ökologische Themen für verschiedene lokale Organisationen (Sukuma Arts, Cambio e.V, Johannstadt Stadtteilverein und Montagscafé).

Credits: Fridays for Future in Dresden (2019), Global Goals Jam (2016)

Martin Andersson ist Dokumentarfilmer, Videokünstler, Jazzmusiker und Naturwissenschaftler. Er ist Absolvent der Filmakademie Baden-Württemberg sowie diplomierter Agrarwissenschaftler. Er drehte verschiedene Dokumentar- und Musikfilme, unter anderem für den ZDF Theaterkanal und den SWR. Als renommierter Videokünstler zeichnet er für verschiedene Videoinstallationen von Operninszenierungen verantwortlich, u.a. für die Opernhäuser in Stuttgart, Strasbourg und an der Staatsoper Wien. 

Credits: Musikfilme – Rusalka (2019) Opera National du Rhin, Strasbourg, Faust (2016) Staatsoper Stuttgart, Dokumentarfilme – Orient Theatre Express, 72 Hour Urban Project, Sonopress Spinning Disc

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | 24. April 2020 | 23:50 Uhr

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