Kulturförderung in der Pandemie Viel Lob für Stipendium "Kultur ans Netz" in Sachsen-Anhalt – trotzdem bislang wenige Anträge

Luca Deutschländer
Bildrechte: MDR/Jörn Rettig

Seit Ausbruch der Corona-Pandemie stellte der Staat Milliarden von Euro bereit, um gebeutelten Unternehmern oder Kulturschaffenden zu helfen. Oft gab es Kritik an den Förderprogrammen – weil sie nicht zu Ende gedacht oder schlicht realitätsfern waren. Für das Stipendium "Kultur ans Netz" in Sachsen-Anhalt haben Kulturschaffende dagegen auffällig viel Lob übrig. Trotzdem hält sich die Zahl der Förderanträge in Grenzen. Woran liegt das?

In einer Welt ohne Missverständnisse wäre dieser Text nie erschienen. Dass er trotzdem hier zu lesen ist, offenbart ein Problem – eines in der Kommunikation zwischen Kulturschaffenden und dem Land Sachsen-Anhalt. Das Stipendium "Kultur ans Netz" des Landes Sachsen-Anhalt hat Schwierigkeiten. Vorigen Sommer als millionenschwere Hilfe für freie Kulturschaffende in der Corona-Pandemie geplant, riefen die Künstlerinnen und Künstler einen Bruchteil des Geldes ab. Von den bereitgestellten sechs Millionen Euro flossen gerade einmal 1,5 Millionen Euro.

Als wesentlichen Grund für die zurückhaltende Reaktion der Kulturschaffenden machte die Magdeburger Staatskanzlei seinerzeit den irreführenden Titel des Stipendiums aus. Unter "Kultur ans Netz" hätten viele Kulturschaffende wohl verstanden, es gehe um eine ausschließliche Förderung digitaler Projekte. Das Gegenteil ist korrekt. Sachsen-Anhalt fördert durchaus digitale Projekte. Aber eben nicht nur.

Eckpunkte des Förderprogramms "Kultur ans Netz"

Mit "Kultur ans Netz" fördert das Land Sachsen-Anhalt freischaffende Künstlerinnen und Künstler, die hauptberuflich in den Sparten Medienkunst, Bildende Kunst, Musik, darstellende Kunst, Literatur oder in intermedialen Kunstformen tätig sind. Dafür stehen über einen Zeitraum von drei Monaten monatlich 1.500 Euro bereit. Insgesamt werden also pro Antragssteller bis zu 4.500 Euro ausgezahlt.

Gefördert werden unter anderem:

  • Projekte, über die Künstlerinnen und Künstler sich weiterbilden oder neue Ansätze erarbeiten
  • Konzepte für die eigene künstlerische Tätigkeit
  • Digitale Umsetzungen eigener künstlerischer Tätigkeit


Der Zuschuss muss nicht zurückgezahlt werden.

Bislang 418 Anträge in der zweiten Auflage

Dabei ist es aber nicht geblieben. Auch die in diesem Frühjahr gestartete zweite Auflage des Förderprogramms ist bislang nicht so recht ins Rollen gekommen. Das zeigen neben Rückmeldungen von Interessensverbänden auch Zahlen der Staatskanzlei. Seit "Kultur ans Netz" im April wiederaufgelegt wurde, sind – Stand Montagmittag – 418 Förderanträge eingegangen. Das teilte die Staatskanzlei MDR KULTUR mit. Das erste Geld soll demnach in Kürze fließen. Zur Einordnung: In der Theorie wäre Geld für bis zu 1.000 Kulturschaffende da, 4,5 Millionen Euro stehen bereit. "Wir sind zuversichtlich, dass in den kommenden Wochen weitere Anträge eingehen", sagte der Sprecher des Kulturministeriums, Daniel Mouratidis. Demnächst solle noch Online-Werbung gemacht werden.

Eine Frau sitzt auf einem Fels im Grünen und schaut in die Kamera.
Anja Jünger arbeitet als freiberufliche Schauspielerin und Sprecherin in Halle. Bildrechte: Gerd Jünger

Anja Jünger kann die Zurückhaltung ihrer Kolleginnen und Kollegen nicht verstehen. Die 31-Jährige arbeitet in Halle als freiberufliche Schauspielerin und Sprecherin. Außerdem hat sie Aufträge als Sprecherzieherin. Vor ein paar Tagen hat sich Anja Jünger erneut um das Stipendium beworben. Der Freiberuflerin schwebt vor, sich mit der spielerisch-künstlerischen Realität freier Schauspielerinnen und Schauspieler in Zeiten der Pandemie zu beschäftigen. "Ich möchte wissen, was Corona mit unserer Entwicklung macht", erzählt sie. "Was haben wir durch Corona gewonnen, was ist verloren gegangen?" Um Antworten auf diese Fragen zu finden, will Jünger Gespräche mit Kolleginnen und Kollegen aus ganz Sachsen-Anhalt führen. Ihre Eindrücke möchte die 31-Jährige später in einem Kurzfilm verarbeiten.

Ein Projekt, von dem auch andere profitieren

Anja Jünger geht es darum, dass auch andere etwas von ihrer Arbeit haben. Als vor einem Dreivierteljahr die erste Auflage von "Kultur ans Netz" ausgeschrieben wurde, ließ sich Jünger dafür fördern, dass sie einen schauspielerischen Workshop nacharbeitete – und ihre Erkenntnisse an andere weitergeben möchte. Die 31-Jährige hat einen Kurs für interessierte Kolleginnen und Kollegen konzipiert, es wird um körpernahes Schauspiel nach Yuri Vasilyev gehen.

Wer Anja Jünger nach Kritikpunkten an der Förderung fragt, bekommt zur Antwort nur einen einzigen zu hören: Dass "Kultur ans Netz" zu wenig in Richtung eines künstlerischen Austausches gedacht ist, gemeinsame künstlerische Ideen nicht ausreichend weiterentwickelt werden. Anja Jünger betont dennoch: "Ich freue mich sehr, dass es eine zweite Auflage des Programms gibt."

Von den Vorzügen des Programms ist auch Maria Gebhardt überzeugt. Gebhardt ist die Geschäftsführerin des Landeszentrums freies Theater in Sachsen-Anhalt (LanZe) – und als solche seit mehr als einem Jahr damit beschäftigt, freien Kulturschaffenden Orientierung im Dschungel von Förderprogrammen auf Bundes-, Landes- und kommunaler Ebene zu verschaffen. Bei "Kultur ans Netz" ist das kaum anders. "Dabei ist das Programm wirklich ohne große Barrieren zugänglich", erzählt sie. Die LanZe-Geschäftsführerin ist der Auffassung, dass es Aufklärung braucht.

Erklären und Orientierung geben – auch bei "Kultur ans Netz"

Anders als mitunter behauptet, verlangt eine Förderung durch "Kultur ans Netz" beispielsweise nicht, dass Geförderte der breiten Öffentlichkeit am Ende ein Ergebnis präsentieren. "Dass es am Ende kein Marktprodukt geben muss, unterscheidet 'Kultur ans Netz' deutlich von anderen Förderprogrammen des Landes", erzählt Gebhardt. "Das Stipendium fördert künstlerisches Schaffen per se." Ein weiterer, nicht zu unterschätzender Grund für den geringen Zulauf an Anträgen: Viele Kulturschaffende sorgen sich, dass das Stipendium angerechnet wird, beispielsweise auf andere Förderungen. Maria Gebhardt kann die Sorge nachvollziehen, betont zugleich aber: "Auf die Grundsicherung wird 'Kultur ans Netz' nicht angerechnet." Auch das war in der Vergangenheit behauptet worden.

Der Magdeburger Kabarettist Sebastian Hengstmann kritisierte im MDR zuletzt, "Kultur ans Netz" fördere zwar kreative Arbeit. Unterstützt würden aber nur neue Projekte. Hengstmann: "Wir haben jetzt zum Beispiel ein Kurzfilmprojekt eingereicht, was wir nie gemacht hätten. Aber das ist was Neues. Das ist pandemisch – Filmprojekt – da sind keine Zuschauer. Dann habe ich halt gesagt, gut, dann lass uns einen Kurzfilm machen, irgendwas muss man ja einreichen. Und dafür kriegen wir jetzt hoffentlich unser Stipendium."

Landeszentrum informiert freie Theaterschaffende über Stipendium

Das Landeszentrum freies Theater in Sachsen-Anhalt (LanZe) und die Investitionsbank Sachsen-Anhalt bieten am 19. Mai eine gemeinsame virtuelle Informationsveranstaltung zu "Kultur ans Netz" an. Dabei soll das Antragsverfahren Schritt für Schritt besprochen und erläutert werden. Anmeldungen nimmt LanZe auch kurzfristig entgegen. Die Veranstaltung ist für die Zeit zwischen 12 Uhr und 15 Uhr geplant. Nach Anmeldung erhalten Interessierte einen Link zum virtuellen Besprechungsraum.

Auch der Geschäftsführerin von LanZe ist bewusst, dass es im "Dschungel mannigfaltiger Förderprogramme" nicht besonders einfach ist, den Überblick zu behalten. Trotzdem nimmt Maria Gebhardt auch die Kulturschaffenden selbst in die Pflicht. Sie hoffe auf einen Lerneffekt aus dem ersten Durchgang – und dass das Geld des Landes an die Szene fließt, in der es nachweislich Bedarf für eine Förderung gibt.

Eine Frau sitzt an einem Tisch und lächelt in die Kamera.
Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

Sachsen-Anhalt zieht das übrig gebliebene Geld aus der ersten Antragsrunde nicht zurück. Das rechne ich dem Land hoch an.

Maria Gebhardt Landeszentrum freies Theater in Sachsen-Anhalt

Auch Julia Raab weiß zu schätzen, dass das Land seine Fördermillionen nicht zurückzieht. Die Puppenspielerin und Theaterpädagogin lebt in Halle und hat seit Ausbruch der Pandemie wie alle in der Branche umplanen müssen. Statt in Schulen aufzutreten, stand sie vor Kameras, über die ihr selbstgeschriebenes Theaterstück ins Internet gestreamt wurde. Bei der ersten Auflage von "Kultur ans Netz" ließ sich Raab eine Weiterbildung in Wordpress finanzieren. Über das Baukastensystem läuft die Website der 38-Jährigen. "Ich habe in diesen drei Monaten mehr Blogbeiträge geschrieben, an der Entwicklung meiner Internetpräsenz gearbeitet", erzählt die Puppenspielerin. "Das sind Dinge, für die man für gewöhnlich kein Geld bekommt."

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Auch Julia Raab weiß nur Positives über "Kultur ans Netz" zu berichten. Die 3.000 Euro, die sie im vergangenen Jahr bekam, seien innerhalb weniger Tage auf ihrem Konto gewesen, erzählt sie. Deshalb will sie sich auch für die zweite Auflage des Stipendiums bewerben – und hofft, dass es ihr viele Kolleginnen und Kollegen gleichtun werden. "Wenn so viel Geld übrig bleibt wie beim ersten Mal, wäre das fatal", sagt Julia Raab. "Dann", fürchtet sie, "entstünde wieder einmal der Eindruck: Künstlerinnen und Künstler brauchen kein Geld."

"Kultur ans Netz": So funktioniert die Beantragung

Wer die Förderung von "Kultur ans Netz" in Anspruch nehmen möchte, bewirbt sich dafür online bei der Investitionsbank Sachsen-Anhalt. Nötig dafür ist unter anderem ein Hauptwohnsitz in Sachsen-Anhalt, ein kurzes schriftliches Konzept und dass durch die Corona-Pandemie eine "existenzbedrohliche Lage" besteht. Anträge für "Kultur ans Netz" können noch bis 5. Juni gestellt werden. Rückfragen beantwortet die Investitionsbank telefonisch unter 0800 56 007 57.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 19. Mai 2021 | 08:40 Uhr

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