Empfehlungen Filme und Serien für Zuhause: Historische Märchenfilme

Nachdem die Infektionszahlen wieder gestiegen sind, müssen auch die Kinos wieder schließen. Doch es gibt genug Alternativen: Für DVD-Sammler beispielsweise die Märchenfilme "König Drosselbart", "Gritta von Rattenzuhausbeiuns" und "Die Schneekönigin". Weiterhin bieten Mediatheken und Streamingportale sehenswerte Angebote wie die Serien "Betonrausch", "Feel Good" und "Wasteland". Eine Übersicht voller Tipps, die von uns fortlaufend aktualisiert wird.

Fernsehen zu Hause
In Corona-Zeiten heißt es: Kino zu Hause statt Kino im Saal. Bildrechte: imago images / Panthermedia

DEFA-Märchenfilm: "König Drosselbart"

In der Vorweihnachtszeit sind wir besonders empfänglich für Märchenfilme, es müssen übrigens nicht immer nur die berühmten "Drei Haselnüsse" sein, der Weihnachtsklassiker schlechthin.

Manfred Krug war 1965 mit seinem Charme und seiner Natürlichkeit eine Idealbesetzung des Königs Drosselbart, der die verwöhnte Prinzessin durch seine lehrreichen Streiche auf den Boden der Tatsachen holt. Der Film glänzt noch heute durch seine liebevollen Details, das lustvolle Spiel und den treffenden Witz – allein die satirische Parade der eitlen Freier lohnt die Wiederentdeckung, urteilt MDR KULTUR-Filmkritiker Knut Elstermann. Sehenswert sei er aber auch wegen seiner stilistischen Kühnheit: Der hervorragende Märchenfilmspezialist der DEFA, Walter Beck, inszenierte ihn vollständig im Babelsberger Studio, in  künstlichen, fantasieanregenden Kulissen, die so anziehend sind wie Krugs Lieder und der Liebreiz der Prinzessin. Gespielt wurde sie von Karin Ugowski, die hier zum dritten und letzten Mal in der Hauptrolle eines DEFA-Märchenfilms zu sehen war.

Prinzessin Roswitha (Karin Ugowski), König Drosselbart (Manfred Krug).
Karin Ugowski und Manfred Krug als Prinzessin Roswitha und König Drosselbart Bildrechte: MDR/Progress
König Drosselbart (Manfred Krug) und Prinzessin Roswitha (Karin Ugowski)
Bildrechte: MDR/Progress
MDR FERNSEHEN Fr, 25.12.2020 14:50 16:00

König Drosselbart

König Drosselbart

Märchenfilm DDR 1965

  • Audiodeskription
  • Mono
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  • Untertitel
  • VideoOnDemand

Mehr Informationen "König Drosselbart" (1965)
Der DEFA-Märchenfilm läuft am 25. Dezember um 14:50 Uhr im MDR Fernsehen und ist danach bis zum 1. Januar 2021 in der ARD Mediathek abrufbar.

Darüber hinaus ist der Film auf DVD bei Icestorm Entertainment erschienen.

Knut Elstermann über Märchen in den Mediatheken


Meisterwerk des Märchengenres: "Die Schneekönigin"

Der sowjetische Märchenfilm, "Die Schneekönigin" von 1967 ist ein immer noch anrührendes, schön-verspieltes und ausgelassenes Meisterwerk des Märchengenres, empfiehlt Filmkritiker Elstermann. Andersens Märchen von der grausamen Schneekönigin, aus deren Fängen die kleine Gerda den vereisten Kai befreit, sei mit unendlicher Sorgfalt im Detail und überbordender Komik verfilmt worden. Die anarchistische Räuberbande oder der unberechenbare, egoistische König seien umwerfend komisch, so Elstermann.

Szenenfoto "Die Schneekönigin fährt in ihrem Schlitten durch die Stadt"
Die handgemachten Tricks und die Verbindung von Realfilm und Animation in "Die Schneekönigin" waren 1967 beindruckend. Bildrechte: PROGRESS Film-Verleih

Mehr Informationen "Die Schneekönigin" (1967) ist auf DVD bei Icestorm Entertainment erschienen.


DEFA Geheimtipp: "Gritta von Rattenzuhausbeiuns"

Dieses Märchen ist weitaus weniger bekannt als "König Drosselbart", es stammt von Bettina und Gisela von Arnim. Die DEFA hat es 1985 verfilmt. Filmkritiker Knut Elstermann ist begeistert von den fantastischen Dekorationen des Chefszenenbildners Alfred Hirschmeier, dessen verspieltes Schloss sei ein Meisterstück. Dort lebt die selbstbewusste Gritta, eine Pippi Langstrumpf der Romantik, mit ihrem etwas skurrilen Vater, der ständig an Erfindungen bastelt – zum Beispiel an einer Thronrettungsmaschine, die sich als sehr notwendig erweisen wird. Gespielt werde er herrlich eigensinnig von Hermann Beyer, die naturliebende, herumtollende und unerschrockene Gritta von der herzerfrischenden Nadja Klier, so Elstermann: "Jürgen Brauers Film lebt von seiner liebenswerten Fabulierlust, seinem Einfallsreichtum und vom subversiven Witz dieser Außenseiter am Rande der höfischen Gesellschaft. 'Wir lesen keine Zeitungen', sagt Gritta einmal, 'wir hören lieber, was die Spatzen vom Dach pfeifen.' Das verstand jeder DDR-Bürger nur zu gut."

Filmszene aus Gritta von Rattenzuhausebeiuns
Filmszene aus Gritta von Rattenzuhausebeiuns Bildrechte: MDR/PROGRESS/Waltraut Pathenheimer

Mehr Informationen "Gritta von Rattenzuhausbeiuns" ist auf DVD erschienen und kann auf YouTube oder Amazon prime gegen Leihgebühr auch als VoD gestreamt werden.


DEFA-Film "Die Beunruhigung"

Im nächsten Jahr wäre die DEFA 75 Jahre alt geworden – die DDR-Filmfirma in Babelsberg, an der niemand vorbei kam, der im Land Kinofilme drehen wollte. Bereits im November 1945, also kurz nach dem Krieg, begannen in der sowjetischen Besatzungszone die ersten Gespräche über eine Filmproduktion, während die Westalliierten noch auf die alleinige Auswertung ihrer eigenen Filme setzten.

"Die Beunruhigung" von 1982 ist eine besondere Rarität unter den DEFA-Titeln – eine Low-Budget-Produktion von Lothar Warneke, der sich sehr um aufrichtige Gegenwartsfilme verdient gemacht hat. Gedreht wurde der Schwarz-Weiß-Film auch in der Wohnung der Autorin Helga Schubert, die das Drehbuch schrieb. Die heute 80-Jährige wurde übrigens gerade Preisträgerin als älteste Teilnehmerin beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb.
MDR KULTUR-Filmkritiker Knut Elstermann über den Film: "Die überragende Christine Schorn spielt mit stiller Eindringlichkeit eine geschiedene Frau Mitte 30, Mutter eines Sohnes, die in 24 Stunden operiert wird. Vielleicht ist es ein bösartiger Tumor. Den Tag davor nutzt sie für eine Selbstbefragung, für ein Überdenken ihrer Lebensentscheidungen, wovon der Film ohne jede Sentimentalität erzählt, die Angst der Frau untergründig immer spürbar machend, ein zeitlos schöner, grundehrlicher Film."

Mehr Informationen "Die Beunruhigung" ist kostenfrei auf dem YouTube-Kanal der DEFA Filmwelt abrufbar.


Brecht-Film "Kuhle Wampe"

Der Klassiker des proletarischen Kinos "Kuhle Wampe" von 1932 ist gerade frisch restauriert in einer Deluxe-DVD-Ausgabe erschienen. Regisseur Slatan Dudow gehörte nach der Rückkehr aus dem Exil zu den DEFA-Filmemachern der ersten Stunde. Brechts Verhältnis zum Film war immer schwierig, viele Projekte scheiterten, andere entsprachen nicht seinen politischen Vorstellungen, weil sie in bürgerlichen Produktionsverhältnissen entstanden. Gelten ließ er "Kuhle Wampe", zu dem er zusammen mit Ernst Ottwalt das Drehbuch geschrieben hatte, in den Hauptrollen waren Ernst Busch und Herta Thiele zu sehen. Die mitreißende Musik, darunter das berühmte Solidaritätslied, stammt von Hanns Eisler. Dieser Meilenstein des proletarischen Kinos erzählt in kontrastreicher Montage, halb-dokumentarisch von sozialer Kälte, vom Elend und vom Alltag der Arbeiter in Berlin, von junger, zarter Liebe und der Gemeinschaft der Unterdrückten. Die Zensur forderte 1932 Schnitte, die Nazis verboten den Film im März 1933. Die zensierten Szenen lassen sich nicht mehr rekonstruieren, sie sind für immer verloren. Doch in dieser erneuerten Fassung erweist der avantgardistische Film erneut seine künstlerische Kraft und seine Aktualität, gerade durch die filmischen Debatten zur Überproduktion in der Welt und der Berliner Wohnungsnot, urteilt MDR KULTUR-Filmkritiker Knut Elstermann. 

Kuhle Wampe
Eine Szene aus dem Film "Kuhle Wampe" Bildrechte: imago images/Everett Collection

Mehr Informationen "Kuhle Wampe oder: Wem gehört die Welt" wurde herausgegeben von der Deutschen Kinemathek auf DVD mit umfangreichem Begleitmaterial.


Filme zur Jugend in der Wendezeit

Vor der Wende und danach entstanden bei der DEFA bemerkenswerte Jugendfilme, die gerade als Reihe "Wendejugend" restauriert auf DVD erschienen sind. Sie zeigen glaubhafte Bilder einer Generation, die sich nicht mehr einfach vor den DDR-Karren spannen ließ. In der Tradition der besten DEFA-Gegenwartsfilme stehend, konnten die Regisseure in jenen Jahren noch weiter gehen, Tabus brechen, offener und freier erzählen. Für "Vorspiel" von 1987 ging Regisseur Peter Kahane in die DDR-Provinz, erzählte sehr poetisch von der Sehnsucht junger Leute nach dem großen Wandel, der unerreichbar schien.

Helmut Dziubas Film "Verbotene Liebe" von 1989 kreist um eine skandalisierte, minderjährige Beziehung. Jörg Foth konnte nach langem Warten 1989 endlich den Film "Biologie!" drehen – die Geschichte einer 15-jährigen Schülerin, die sich mutig gegen viele politische Widerstände für den Umweltschutz einsetzt. Gespielt wurde diese DDR-Greta von der heute sehr bekannten Stefanie Stappenbeck.  

Die meisten der Filme, die nach der Wende ins Kino kamen, wie der eindrucksvolle, experimentelle "Tanz auf der Kippe" von Jürgen Brauer, fanden kein Publikum, sie kamen zu spät. Trotzdem sind sie heute wichtige Zeugnisse des Alltags in einem verschwundenen Land, dessen Untergang sich nicht zuletzt dadurch ankündigte, dass es seine junge Generation verloren hatte.

Mehr Informationen "Wendejugend" – die DEFA-Filmreihe ist bei absolut Medien als DVD oder Video on Demand verfügbar.


Düstere Serie "Wasteland"

Das tschechische Dorf Pustina am Rande eines Braunkohlereviers. So trüb wie die Winter hier, so trist ist das Leben in der abgehängten Gemeinde nahe der polnischen Grenze. Die einzige große Fabrik im Ort hat dicht gemacht. Nur der Kohletagebau verspricht neue Arbeit, dafür muss das Dorf weichen.

Plakatmotiv
Plakatmotiv Bildrechte: MDR/HBO Europe s.r.o.

Allein Bürgermeisterin Hana Sikorová stemmt sich gegen das Vorhaben. Und setzt sich damit den Anfeindungen derer aus, die auf hohe Ablösesummen und eine bessere Zukunft hoffen. Als plötzlich Hanas jüngere Tochter Míša nicht von der Schule nach Hause zurückkehrt, will niemand so recht an einen Zufall glauben –  der Auftakt für ein atmosphärisch dichtes Verwirrspiel um die Frage „Wer hat es getan?“. "Wasteland" ist ein düsteres und emotional aufgeladenes Sittenporträt aus dem tschechisch-polnischen Grenzgebiet.

Mehr Informationen Die Serie "Wasteland" ist ab 14. November bis Dezember in der ARD-Mediathek verfügbar.


Restauriert auf DVD: "Beethoven"

Dieser Film ist eine Wiederentdeckung: "Beethoven" wurde schon 1927, zum 100. Todestag Ludwig van Beethovens gedreht und gilt als sehenswertes Zeugnis für den filmischen Beethoven-Kult, die Heldenverehrung im Kino. Der Stummfilm erscheint jetzt endlich auf DVD in einer restaurierten Fassung. Dazu die neu komponierte Musik von Malte Giesen, der sehr anregend und dramaturgisch wirkungsvoll mit kleinem Orchester und elektronischen Effekten die Motive aller im Film erwähnten Werke zitiert.

Beethoven - Ein Film von Hans Otto Löwenstein (1927)
"Beethoven" – Ein Film von Hans Otto Löwenstein (1927) ist mit neuer Musik ab November auf DVD erhältlich. Bildrechte: absolut Medien

Dieses sehenswerte Beethoven-Biopic des österreichischen Film-Pioniers Hans Otto Löwenstein gestaltet die Stationen des titanischen Lebens von Kindheit bis zum Tode, geht recht frei mit der Liebe seines Lebens um, berührt aber sehr bei der Schilderung des fortschreitenden Gehörverlustes. Es ist dem großen, kraftvollen, expressionistischen Schauspieler Fritz Kortner in der Titelrolle zu verdanken, dass dieser Beethoven bei allem Geniekult als zutiefst menschliches, verletzliches, einsames Wesen erscheint. 

Mehr Informationen Der Stummfilm "Beethoven" ist ab dem 27.11.2020 auf DVD erhältlich.


DEFA-Film: "Beethoven – Tage aus einem Leben"

Auch die DEFA hat filmisch an den Komponisten erinnert, 1976 kam der Film "Beethoven – Tage aus einem Leben" in die Kinos. Den Darsteller des Genies kannten die DDR-Kinogänger sehr gut, denn der Litauer Donatas Banionis hatte schon bei Konrad Wolf 1971 den Goya gespielt. Regisseur Horst Seemann und sein Drehbuchautor, der bekannte DDR-Schriftsteller Günter Kunert, erzählen von den Jahren 1813, in dem "Wellingtons Sieg" uraufgeführt wurde, bis zum Jahr 1819 und den ersten Gedanken zur 9. Symphonie.

Donatas Banionis mit Marita Böhme
Szenenbild aus "Beethoven – Tage aus einem Leben": Donatas Banionis mit Marita Böhme Bildrechte: DEFA-Stiftung/Waltraut Pathenheimer

Die persönlich bedrängende Lebenssituation, die trotz des wachsenden Ruhms schwierige finanzielle Lage des Komponisten und Konflikte mit den Mitmenschen, werden ohne jeden Geniekult begreifbar. Vor allem aber die politische Bespitzelung und Unterdrückung in jenen Jahren spielt eine Rolle. Das verstand jeder DDR-Bürger als sehr aktuell und so endet der unterhaltsame Film buchstäblich im Ost-Berlin der Gegenwart.

Mehr Informationen Der DEFA-Film "Beethoven – Tage aus einem Leben" ist auf der Filmplattform "Alles Kino" zu sehen oder auf DVD erhältlich. Eine digital restaurierte Version in HD-Qualität erscheint am 25. Januar 2021.


Opernverfilmung von Beethovens "Fidelio"

Als dritte Beethoven-Empfehlung folgt eine besondere Rarität, Beethovens einzige Oper "Fidelio" in einer Filmfassung, welche keine abgefilmte Oper ist, sondern wirklich eine Verfilmung. Im Jahre 1956 verfilmte Walter Felsenstein, der legendäre Intendant der Komischen Oper in Berlin, sehr schlüssig und mitreißend das zweiaktige Werk, das Hanns Eisler für das Kino musikalisch einrichtete.

Film Oper Fidelio Beethoven
Verfilmung von Beethovens einziger Oper: "Fidelio" Bildrechte: Arthaus Musik

Felsensteins originelle Filmversion der heftig gekürzten Oper ist alles andere als rund. Unvermittelt stehen disparate Gestaltungsmittel gegeneinander, aber gerade diese Brüchigkeit macht den Reiz aus: wilde Naturbild-Montagen symbolisieren das aufgewühlte Innenleben der Figuren, rauschhafte Massenszenen erinnern an den sowjetischen Revolutionsfilm. Das wunderschöne, berühmte Quartett etwa lässt Felsenstein nur einspielen und von den Darstellern stumm spielen, so dass es wie vier verhaltene, innere Monologe wirkt. Trotz der gestalterischen Kraft und Frische blieb "Fidelio" der einzige Opernfilm von Felsenstein.

Mehr Informationen Die Opernverfilmung "Fidelio" von Walter Felsenstein ist einzeln als DVD oder in der Felsenstein-DVD-Box mit anderen seiner großen Operninszenierungen für die Bühne erhältlich.


Webserie: "Sex"

Der Titel ist kurz, prägnant, eingängig und provokant: "Sex" heißt eine dänische Webserie, produziert vom öffentlich-rechtlichen dänischen Rundfunk. Sie spielt in Kopenhagen, wo Cathrine schon seit längerem in einer Beziehung mit Simon ist. Eigentlich ist alles harmonisch, aber Simon will nicht mehr mit ihr schlafen. Der Alltag ist in die Beziehung eingekehrt, die Lust hat nachgelassen. Glück sieht anders aus. Fasziniert ist Cathrine jedoch von ihrer sehr selbstbewussten Kollegin Selma, mit der sie zusammen in einer Beziehungsberatung für Jugendliche arbeitet. Irgendwann kommt es zum ersten Kuss der beiden und ab da weiß sie gar nicht mehr, was in ihrer Gefühlswelt los ist.

Cathrine (Asta Kamma August, oben) mit ihrem Freund Simon (Jonathan Bergholdt Jørgensen), ihrer Geliebten Selma (Nina Terese Rask) und ihrer besten Freundin Nanna (Sara Fanta Traore).
Cathrine (Asta Kamma August, oben) mit ihrem Freund Simon (Jonathan Bergholdt Jørgensen), ihrer Geliebten Selma (Nina Terese Rask) und ihrer besten Freundin Nanna (Sara Fanta Traore). Bildrechte: ARD Degeto/Reinvent Studios Int

Die Serie fängt das Gefühl von Anfangzwanzigjährigen, voller Unsicherheiten und in der Schwebe, sehr gut ein. Um die sexuelle Orientierung macht die Serie überhaupt kein Aufsehen, Cathrine verliebt sich halt in eine Frau und das ist vollkommen normal. Was nicht neu ist, aber hier sehr einfühlsam erzählt wird, ist die Perspektive: die Geschichte einer kriselnden Paarbeziehung aus der Sicht der Frau. Alles ist sinnlich, explizit und für eine Webserie sehr gut gefilmt. Die kurzen Episoden sind sehr kurzweilig.

Mehr Informationen Die Webserie ist bis zum 6. Dezember 2020 in der ARD-Mediathek abrufbar.


Film: "Das Unwort"

An einem Berliner Gymnasium wird der Schüler Max wegen seines jüdischen Glaubens drangsaliert. Vor allem die muslimischen Schüler mobben den Jugendlichen. Als er sich wehrt, und seine Widersacher verletzt, droht ihm der Schulverweis. Auf einer Schulkonferenz soll nun der Konflikt geschlichtet werden.

Szene aus dem Film - Das Unwort.
Verschiedene Lebensvorstellungen prallen aufeinander Bildrechte: ZDF/Conny Klein

Das ist die Konstellation des ZDF-Fernsehfilms "Das Unwort". Der Film spielt mit Unsicherheiten. Darf man Jude sagen, wenn dieses Wort auf deutschen Schulhöfen als Beleidigung gesprochen wird? Wer bei dieser Geschichte ein düsteres Drama erwartet, könnte überrascht werden. Das Thema Antisemitismus wird dabei dennoch ernst genommen. Die Dialoge haben Tempo und Witz. Die Figuren lassen ihre Masken fallen. Die Konflikte sind ab und zu etwas zu pädagogisch, gerade in den Rückblenden, die von den Auseinandersetzungen der Jugendlichen erzählen.

Aber "Das Unwort" zeigt, wie wichtig es ist, die Dinge zu benennen. Auch das ist eine klare Botschaft an unsere Gesellschaft. Einstudierte Parolen und abrechenbare Rituale in guter Absicht verkehren sich oft ins Gegenteil.

Mehr Informationen Der Film ist bis zum 1. November 2021 in der ZDF-Mediathek abrufbar.


Doku: "I Am Not Your Negro"

Aus einem unvollendeten  Buchmanuskript des afro-amerikanischen Autors James Baldwin entwickelte Raoul Peck diesen großartigen Film über den homosexuellen Schriftsteller und die bewegten 60er-Jahre in den USA. Baldwin schrieb über die ermordeten Helden der Bürgerrechtsbewegung Martin Luther King, Malcolm X und Medgar Evers. Bei Peck wird daraus eine fulminante Montage aus Archivmaterial und Reflexionen über den Zustand einer noch immer rassistisch geprägten Gesellschaft.

James Baldwin
Der Schriftsteller James Baldwin Bildrechte: IMAGO

Baldwin kommt in diesem großartige, für einen Oscar nominierten Film ausführlich selbst zu Wort  und fesselt als glänzender Rhetoriker, unbestechlicher Analytiker, dessen glasklaren, aus bitteren Erfahrungen gewonnenen Argumenten man sich nicht entziehen kann. Hollywood-Star Samuel L. Jackson verleiht mit seiner großen Sprechkunst diesem tiefgründigen Film-Essay zusätzliche Wucht und lässt den eindringlichen Text von Baldwin lebendig werden.

Mehr Informationen Die Dokumentation "I Am Not Your Negro" ist bei Netflix verfügbar oder als DVD erhältlich.


Doku: "What You Gonna Do When The World´s On Fire?"

Vor zwei Jahren lief dieser Dokumentarfilm des italienischen Regisseurs Roberto Minervini bei den Filmfestspielen in Venedig, kam dann ins Kino. Jetzt erscheint er auf DVD und ist aktueller denn je: Minervini hat für diesen eindringlichen Film, ein Meisterwerk des beobachtenden Dokumentierens, lange Gespräche mit seinen Protagonisten aus der Black Community im amerikanischen Süden geführt, er hat ihr Vertrauen erworben und konnte sie in ihrem Alltag begleiten: die junge Mutter, die sich wegen der vielen Morde in der Nachbarschaft um die heranwachsenden Söhne sorgt, die Barbetreiberin, die ihren Laden schließen muss, ihren Lebenshafen, und die unerschrockene Bürgerrechtskämpferin von den New Black Panther.

Filmstill: Portrait einer dunkelhäutigen Frau.
Filmstill aus "What You Gonna Do When The World´s On Fire?" Bildrechte: Grandfilm

Minervini zeigt ihr von Rassismus, Demütigung, Angst und Gewalt geprägtes Leben, aber auch den zähen Kampf um das Überleben.  Aus über 200 Stunden Material schnitt der Regisseur einen Film, dessen inneren Spannung aus der Nähe, der Ehrlichkeit und Intimität kommt, mit eindrucksvollen schwarz-weißen Bildern (Kamera: Diego Romero), die uns am Leben dieser Menschen teilhaben lassen und dabei immer deren Würde wahren.

Mehr Informationen Die Dokumentation "What You Gonna Do When The World´s On Fire?" ist auf DVD erhältlich.

Serie: "The Outsider"

Szene aus "The Outsider"
In "The Outsider" versteckt sich in einem Mordfall das Übernatürliche Bildrechte: imago images/Prod.DB

Manche Stephen-King-Verfilmungen sind brillant, allen voran Stanley Kubricks "Shining". Über andere sollte man besser nicht sprechen. Zum Glück zählt auch die HBO-Serie "The Outsider" zu den hervorragenden Adaptionen: In der Kleinstadt Flint City, Oklahoma, wird der beliebte Englischlehrer und Coach der Jugendbaseballmannschaft Terry Maitland verhaftet. Ihm wird ein bestialischer Mord vorgeworfen, es scheint ein wasserdichter Fall: DNA-Spuren, Zeugenaussagen. Dann stellt sich heraus, dass Terry während der Mord geschah, in einer anderen Stadt weilte. Hat er einen Doppelgänger? In dieser typischen Stephen-King-Kleinstadt – beschaulich, heimelig, schöne Häuser, Gärten – lauert das Böse.

Szene aus "The Outsider"
Cynthia Erivo als Holly Gibney Bildrechte: imago images/Prod.DB

MDR KULTUR-Kritiker Hartwig Tegeler findet, "The Outsider" sei eine grandiose zehnteilige Miniserie, in der die Menschen wie hinter einem grauen Filter von Einsamkeit, Verlorenheit, Verzweiflung, unbearbeiteten Traumata und unfassbarem Schmerz leben. Terry, der vermeintliche Mörder, ist bald tot. Nun ist Ralph, jener Polizist, der Terry in aller Öffentlichkeit auf dem Sportplatz hat verhaften lassen, der Protagonist. Wegen der Widersprüche, die sich keiner erklären kann, wird eine externe Ermittlerin zugezogen: Holly Gibson, Afroamerikanerin, hochsensibel, sehr intelligent – der Ralph zunächst einmal erklärt, dass er mit dem Doppelgänger, Gestaltenwandler oder wie man das nennen will, mit dem Unerklärlichen nichts anfangen kann. Aber genau dem werden Holly, Ralph und die anderen folgen müssen. "The Outsider" zeigt den Schmerz, die Verzweiflung, die Angst der Menschen in der Begegnung mit dem Bösen als dem, was es eben auch sein könnte: Spiegel der eigenen Abgründe. Diesen schmalen Grad, unerforschtes Terrain – im Äußeren wie im Inneren – zu betreten, das macht die Spannung dieser Serie aus.

Mehr Informationen "The Outsider" ist auf Sky und bei Amazon Prime zu sehen sowie auf DVD und Blu-ray erschienen.


Film: "The Professor"

Die Diagnose Krebs bedeutet für Richard einen neuen Blick auf das eigene Leben. Johnny Depp spielt einen ausgebrannten, nur noch in den eigenen Klugheiten zirkulierenden Mann, der bis zu diesem Arztbesuch ausgebrannt war; gelangweilt war von der eigenen luxuriösen Existenz und der Untreue seiner Frau. "The Professor" erzählt, wie Richard angesichts seiner Krankheit nicht in Depressionen versinkt, sondern wach wird und jedes Laster wahrnimmt, das ihm vor die Finger kommt. Er säuft, kifft, schmeißt Pillen, lässt sich von einem Studenten einen Blowjob geben. Mit anderen Worten: der todkranke Richard erlebt angesichts des Todes die Befreiung seines Lebens.

Johnny Depp in einer Szene aus The Professor
Johnny Depp (Mitte) in einer Szene aus "The Professor" Bildrechte: imago images/Everett Collection

„The Professor“ ist ein schöner Film von Wayne Roberts mit einem endlich einmal wieder großartigen Johnny Depp. Der Schauspieler, der in den vergangenen Jahren seine Rollen immer nur halbherzig ausfüllte, brilliert als Mann, der sehr, sehr bald sterben wird. Er ist nicht einfach nur das Kunstprodukt Johnny Depp, sondern entwickelt als Schauspieler die sehr berührende Figur des Sterbenden und radikal noch einmal leben Wollenden, der sich in der "ars moriendi", der "Kunst des Sterbens", versucht. Mit aller Ambivalenz, versehen mit aller Angst, unvollkommen und darin nur allzu menschlich, meint unser Filmkritiker Hartmut Tegeler.

Mehr Informationen Der Film "The Professor" ist aktuell bei Amazon Prime verfügbar.

Film: "Der Geburtstag"

Der Geburtstag
Anne Ratte-Polle (Anna), Mark Waschke (Matthias), Kasimir Brause (Lukas Bildrechte: W-film / Friede Clausz

Geburtstage sind für Kinder heilig, wenn da was schief geht, tut es richtig weh. Lukas will seinen siebten Geburtstag feiern, doch sein Vater Matthias (herrlich gestresst und überfordert von Mark Waschke gespielt) erweist sich mal wieder als Fehlbesetzung, holt ihn zu spät ab, vergisst das Geschenk. Mit der von ihm geschiedenen Frau Anna (feinsinnig gespielt von Anne Ratte-Polle) veranstaltet er eine Party, bei der seltsamerweise ein Junge zurückbleibt. Beim Versuch, das unbekannte Kind in dieser Unwetter-Nacht nach Hause zu bringen, gerät die Wirklichkeit aus den Fugen. In bester schwarz-romantischer Tradition wird das ganz Alltägliche hier in etwas Unheimliches verwandelt, so unser Filmkritiker Knut Elstermann.

Der in Berlin lebende uruguayische Regisseur und Drehbuchautor Carlos Morelli hat mit seinen wunderbaren Darstellern und geheimnisvollen, düsteren Bildern (tolle Kamera: Friede Clausz) in Halle einen faszinierenden, modernen Film noir gedreht, in dem Vater Matthias zwar den Überblick total verliert, aber vielleicht den Sinn für Verantwortung gewinnt. 

Mehr Informationen Den Film "Der Geburtstag" bietet W-film als Video on Demand an.


Doku-Serie über Missbrauchsskandal

Bei einer Pressekonferenz wird eine Tafel präsentiert mit der Aufschrift US versus Jeffrey Epstein
"Jeffrey Epstein: Stinkreich" widmet sich dem Aufstieg und Fall von US-Multimillionär Jeffrey Epstein. Bildrechte: Netflix

Die Doku-Serie "Jeffrey Epstein: Stinkreich" bildet in vier Teilen den Missbrauchsskandal um den US-Multimillionär Jeffrey Epstein ab. Laut MDR KULTUR-Filmkritiker Knut Elstermann wird darin den Opfern des Multimillionärs eine Stimme gegeben: "Die gründliche Serie wurde vom Autor James Patterson produziert, der bereits ein Buch über den Fall veröffentlichte. Sie bietet eine genaue Rekonstruktion der skandalösen Vorgänge, die lange verharmlost und vertuscht wurden, und gibt den Opfern eine Stimme."

Jeffrey Epstein war vorgeworfen worden, über Jahre hinweg Minderjährige missbraucht und zur Prostitution gezwungen zu haben. Kurz nach seiner Festnahme hatte er sich 2019 im Gefängnis das Leben genommen. In der Serie untersucht Filmemacherin Lisa Bryant den Aufstieg Epsteins zum erfolgreichen Unternehmer. Dabei geht es auch um seine Kontakte zu prominenten Persönlichkeiten, wie dem britischen Prinzen Andrew.

Mehr Informationen Die vierteilige Doku-Serie "Jeffrey Epstein: Stinkreich" wird bei Netflix angeboten.


Historien-Film: "Die dunkelste Stunde"

Winston Churchill steht 1940 vor einer historischen Entscheidung. Soll er als Premierminister vor den siegreichen Nazis zurückweichen und einen Kompromiss mit den Verbrechern aushandeln? Dieser Film von Joe Wright  zeigt, dass der große Entschluss,  Demokratie zu verteidigen, in einem inneren Kampf entstand, den sich Churchill nicht leicht machte, denn er wusste immer, wie groß die Opfer sein würden.

Filmplakat "Die dunkelste Stunde" Film mit Gary Oldman als Winston Churchill, Lily James als Elizabeth Layton & Kristin Scott Thomas	als Clementine Churchill
Bildrechte: Universal Pictures Int.

Sehr zurecht wurden die fantastischen Make-up-Künstler mit einem Oscar geehrt, die eine fast unheimlich vollkommene Churchill-Maske geschaffen haben. Schauspieler Gary Oldman erhielt für seine Darstellung einen Golden Globe und einen Oscar, er macht diesen kauzigen, unbequemen und aufrechten Mann zu einem unvergesslichen Ereignis. Oldman spielt einen listigen, zutiefst menschlichen, mit sich ringenden Politiker von einem großen moralischen und intellektuellen Format, das man heute schmerzlich vermisst, so unser Filmkritiker Knut Elstermann.

Mehr Informationen Den prämierten Film "Die dunkelste Stunde" gibt es als DVD, Blu-Ray und als Video on Demand.


Queere Netflix-Serie: "Feel Good"

Mae Martin als Mae und Charlotte Ritchie als George
Ziehen bald zusammen: Mae (Mae Martin, links) und George (Charlotte Ritchie). Bildrechte: Courtesy of Netflix

Hauptfigur Mae ist Kanadierin, queer und lebt schon lange in London. Als Stand-up-Comedian kommt sie gerade so über die Runden und schläft auf dem Sofa ihres besten Freundes. Bei einem Auftritt lernt sie George kennen. Für die junge Lehrerin ist es das erste Date mit einer Frau – und der erste Kuss. Weil Mae gerade keine Wohnung hat, zieht sie recht schnell bei George ein. Konflikte sind vorprogrammiert.

Hauptdarstellerin Mae Martin hat die Serie zusammen mit Joe Hampson geschrieben. Wie ihr Rollen-Ich kommt sie aus Kanada, ist Stand-up-Komikerin und queer. In der Serie verarbeitet sie eigene Erfahrungen und Erlebnisse. Deshalb wirkt die Serie nie aufgesetzt, sondern echt, ist humorvoll und eben sehr natürlich.


Miniserie: "Hollywood"

Hollywood steht für Ruhm, Glanz und große Träume. Was tatsächlich hinter den Kulissen abläuft, zeigt diese neue, siebenteilige Netflix-Miniserie. In "Hollywood" gibt es den schönen Schein ebenso wie die Abgründe – und natürlich das Happy End. Die Netflix-Miniserie basiert auf dem Buch "Hollywood Babylon" von Kenneth Anger. Aufgrund der Corona-Krise konnte die Serie nicht deutsch synchronisiert werden, deshalb ist sie jetzt im Original mit deutschen Untertiteln zu sehen.


"Rocketman"

Taron Egerton mimt in "Rocketman" den schillernden Elton John. Den Rahmen der Musical-Film-Biografie bildet eine Gruppen-Therapiesitzung, zu der Elton John in exzentrischem Federkostüm erscheint, aus dem er sich buchstäblich herausschält, um Schritt für Schritt den Blick auf den Menschen freizugeben.

Film  Still "Rocketman"
Taron Egerton als Elton John Bildrechte: Paramount Pictures

Anders als der Film "Bohemian Rhapsody", ebenfalls von Regisseur Dexter Fletcher, ist "Rocketman" überhaupt nicht zimperlich, wenn es um schwulen Sex und um das schwierige Coming-out des Superstars geht, findet unser Filmkritiker Knut Elstermann: "Hauptdarsteller Taron Egerton macht seine Sache glänzend, er singt die Songs selbst und gibt ihnen eine eigene, persönliche Note".

Mehr über "Rocketman" Das Biopic "Rocketman" ist bei Amazon Prime zu sehen.


"Heimat ist ein Raum aus Zeit"

Nach seinem großen Erfolg bei der Berlinale 2019 ist "Heimat ist ein Raum aus Zeit" auch für den deutschen Filmpreis nominiert. In diesem filmischen Essay erkundet Regisseur Thomas Heise ein Jahrhundert der eigenen Familiengeschichte, die er aus Dokumenten, Tagebucheinträgen, Schulaufsätzen, Briefen zusammensetzt. Der Weg führt von Wien und den Verfolgungen der jüdischen Familie bis in die DDR, wo Heises Vater ein bekannter Philosoph war. Von ihm ist ein ausführliches Gespräch mit Heiner Müller im Film zu Brechts Galilei zu hören.

Heises Bilder illustrieren die von ihm selbst gelesenen Texte nicht, sie kommentieren, brechen auf, konterkarieren mit sparsamen, aber wirkungsvollen filmischen Mitteln. Der fast vierstündige Film konfrontiert den mitdenkenden Zuschauer mit den Hoffnungen, Illusionen, den intellektuellen und politischen Kämpfen und den Tragödien von drei Generationen. MDR KULTUR-Filmkritiker Knut Elstermann urteilt: eine ungemein faszinierende Verbindungen von privatem Erleben und Epochenerfahrung.

Mehr zu "Heimat ist ein Raum aus Zeit" Der Dokumantarfilm erscheint am 30. April als DVD. Online ist er beim Verleiher selbst zu sehen in der GMfilms OnlineLounge.


"Deutscher"

In Corona-Zeiten geraten Rechtspopulisten deutlich ins Hintertreffen, doch das könnte sich ändern, wenn die "Krise nach der Krise" kommt. Darum hat die Mini-Serie "Deutscher" auf ZDFNeo eine große Aktualität, meint MDR KULTUR-Filmkritiker Knut Elstermann. Die vierteilige Serie (Regie: Sophie Linnenbaum und Simon Ostermann) spielt durch, was geschähe, wenn die Rechtspopulisten durch Wahlen die absolute Mehrheit erringen und das Land regieren würden.

Szenenbild aus der Miniserie "Deutscher"
"Deutscher": Über die Spaltung der Gesellschaft Bildrechte: ZDF/Martin Rottenkolber

Zwei benachbarte Familien, die Schneiders und die Pielckes, reagieren auf den Machtwechsel und die ersten Maßnahmen der neuen Regierung sehr unterschiedlich. Während Familie Pielcke (Milena Dreißig und Thorsten Merten) voller Freude und Optimismus in die rechte Zukunft schaut, ist Familie Schneider (Meike Droste und Felix Knopp) gelähmt und ratlos. Die Nachbarjungen allerdings bleiben weiter befreundet, was die Konflikte verschärft und zugleich Wege zur Überwindung eröffnet. Die viel beklagte Spaltung unserer Gesellschaft wird hier, sehr gut gespielt und erfrischend und unterhaltsam inszeniert, findet hier ein starkes Sinnbild: Der Gartenzaun wird in diesen Zeiten zur gefährlichen Grenzmauer.

Mehr zu "Deutscher" Die Miniserie ist bis zum 25. April 2022 in der ZDF-Mediathek abrufbar.


"Betonrausch"

Filmszene aus "Betonrausch"
Szene aus der Serie "Betonrausch" Bildrechte: Nik Konietzny

Die Hochstapler-Satire "Betonrausch" ist (nach "Dark") die zweite deutsche Netflix-Eigenproduktion. David Kross spielt Victor, einen Provinzjungen mit Vaterkomplex, und Frederick Lau den Trickbetrüger Gary. Beide träumen gemeinsam groß und bauen sich auf illegalen Wegen ein Immobilienimperium auf. Sie spekulieren, betrügen Anleger und machen mit der Bankangestellten und Ehefrau von Victor, Nicole (Janina Uhse) gemeinsame Sache. Bis eines Tages die Polizei die Luxusvilla von Victor stürmt und ihn wegen Steuerhinterziehung und Betruges verhaftet. Unsere Filmkritikerin Anna Wollner ist vor allem von Hauptdarsteller David Kross beeindruckt: "Als Unschuld vom Lande steht ihm die Naivität eigentlich ins Gesicht geschrieben. Und dennoch hat er es auf seine spitzbübisch-schelmische Art faustdick hinter den Ohren." Kross spiele den Hochstapler charmant und stilsicher.

Mehr über "Betonrausch" Der Film ist bei Netflix zu sehen.


"Stromberg"

Der Schauspieler Christoph Maria Herbst als Versicherungsangestellter Bernd Stromberg in einer Szene der fünften Staffel der ProSieben-Serie «Stromberg»
Christoph Maria Herbst als Bernd Stromberg Bildrechte: dpa

Die Comedy-Serie "Stromberg" (2004-2012) mit Christoph Maria Herbst in der Rolle des gemeinen, sarkastischen und egoistischen Chefs einer Versicherungsabteilung gehört zu den beliebtesten deutschen Serien. Strombergs markige Sprüche sind legendär, auch wenn man sich einen Chef wie ihn niemals wünschen würde. "Stromberg" war die erste große Serie von Regisseur Arne Feldhusen, der auch für "How To Sell Drugs Online (Fast)" und "Deutschland 86" bekannt ist. Mindestens genauso unterhaltsam wie Christoph Maria Herbst sind auch Bjarne Mädel (als naiver und besserwisserischer Ernie), Oliver Wnuk (als der nicht sehr helle Fußball-Fan Ulf) und Diana Staehly (als sorgfältig arbeitende und Streit schlichtende Tanja) in den Nebenrollen.

Mehr zu "Stromberg" "Stromberg" ist auf DVD/Blu-ray erschienen und außerdem bei Netflix, Amazon Prime und My Spass abrufbar.


"Systemsprenger"

Wer den großartigen Film, der im Kino ein schöner Überraschungserfolg war, noch nicht gesehen hat, kann das jetzt auf verschiedenen Wegen nachholen. Regisseurin Nora Fingscheidt erzählt von Benni, einem neunjährigen Mädchen, das einen langen Weg durch Gastfamilien und erfolglose Untersuchungen und Therapien hinter sich hat. Mit seiner unbändigen, unbeherrschbaren Wut, seinen heftigen, zerstörerischen Anfällen ist es eine Gefahr für andere und für sich selbst. Das Mädchen fällt durch alle Raster der sozialen Fürsorge.

Aus Sicht unseres Filmkritikers Knut Elstermann spielt Helena Zengel dieses Mädchen nicht nur als tickende Zeitbombe, die jederzeit explodieren kann, sondern als hilfsbedürftiges, zerbrechliches Wesen, das jede Unterstützung verdient. "Systemsprenger" vermeidet dabei oberflächliche Anklagen gegen die sozialen Mechanismen: Gabriela Maria Schmeide und Albrecht Schuch spielen überforderte, aber sehr engagierte Sozialarbeiter, die sich für das Kind aufopfern und doch an ihre Grenzen stoßen. "Der Film ist auch eine Würdigung solcher engagierter Menschen", so Elstermann.

Nora Fingscheidt verwende dabei sowohl experimentelle als auch dokumentarische, sehr direkt wirkende Mittel, um die Zuschauerinnen und Zuschauer in Bennis Welt mitzunehmen und Verständnis für diese kindliche Naturgewalt zu erzeugen.

Mehr zu "Systemsprenger" Der Film ist auf DVD erhältlich und auf verschiedenen Streaming-Plattformen zu sehen, darunter Amazon Prime und Netflix.


"Haus des Geldes"

Filmszene
Die Gangsterin Tokio führt mit ihrem wunderbar ironischen Off-Kommentar durch die Geschehnisse in "Haus des Geldes". Bildrechte: Netflix/Tamara Arranz Ramos

Gerade ist die vierte Staffel der durchgeknallten und hochspannenden Bankräuberstory "Haus des Geldes" gestartet. Die spanische Serie erzählt vom idealistischen und intelligenten "Professor" und seiner Crew aus Kriminellen um "Tokio", "Rio" und "Nairobi", die zuerst die spanische Banknotendruckerei und in der aktuellen Staffel die Nationalbank Spaniens überfallen. Nicht nur durch das Lied "Bella Ciao" ist die Serie zum Kult geworden.

Die Charaktere wachsen einem einfach ans Herz. Sie sind keine hartgesottene Gangster, sondern Individualisten, die mit dem Gesetz auf Kriegsfuß stehen. Der Professor entpuppt sich im Laufe der Serie zum Idealisten und Kämpfer und ruft zum Widerstand gegen die Staatsgewalt auf. "Haus des Geldes" bietet damit neben wirklich fesselnder Unterhaltung auch Kapitalismuskritik gepaart mit einem gesunden Schuss Anarchismus. Zusammen mit jeder Menge Emotionen und wunderbarem Pathos ist "Haus des Geldes" damit für viele die beste Serie derzeit.

Mehr zu "Haus des Geldes" Von der spanischen Serie "Haus des Geldes" (im Original "La Casa de Papel") sind bisher vier Staffeln erschienen.

Die sind über den Streaming-Dienst Netflix verfügbar.


"Kopfplatzen"

Eigentlich sollte der Film im Kino laufen, ist nun aber im Netz zu besichtigen. Darin geht es um das Tabuthema Pädophilie mit Max Riemelt als Markus in einer seiner besten Rollen, findet Filmkritiker Knut Elstermann, mit seiner sympathischen Ausstrahlung und seiner Attraktivität zeigt er uns ein ganz anderes Täterbild, als man es sich vielleicht sonst vorstellt. Trotzdem ist immer klar: Das ist ein zumindest ein potentieller Täter, es kann jeden Augenblick Schreckliches geschehen.

Als sich seine Nachbarin, eine alleinerziehende Mutter, in Markus verliebt, sucht er die Nähe ihres kleinen Sohnes. Es spielen sich ungeheuer starke Szenen ab, bei denen einem mit dem Wissen um Markus' Pädophilie der Atem stockt, urteilt unser Filmkritiker Elstermann. Markus leidet selbst, wenn er vergeblich versucht Hilfe zu finden, auch das zeigt der Film.

Mehr zu "Kopfplatzen" Der Film kann über die Edition Salzgeber auf Vimeo kostenpflichtig gestreamt werden.


"Es gilt das gesprochene Wort"

Am 24. April wird – in welcher Form auch immer – der Deutsche Filmpreis verliehen, moderiert vom fabelhaften Edin Hasanovic. Einer der besten deutschen Filme, aus der Sicht unseres Filmkritikers Knut Elstermann, wurde fünfmal nominiert: "Es gilt das gesprochene Wort", nur wenige werden dieses Meisterwerk kennen, doch das kann man ändern und es lohnt sich wirklich.

Am Anfang des Films steht eine merkwürdig hölzerne Hochzeit auf einem deutschen Standesamt, besiegelt von einem ungeschickten Kuss, ganz offensichtlich lieben sich die Brautleute nicht: der Kurde Baran (Oğulcan Arman Uslu) und die deutsche Pilotin Marion (Anne Ratte-Polle, nominiert als beste Darstellerin). Sie hat ihn im Türkei-Urlaub kennengelernt, einen Flüchtling, der für Geld mit Frauen schläft. In ihrer tiefen Lebenskrise, an Krebs erkrankt, holt sie den viel jüngeren Mann nach Deutschland, hilft ihm auf eine kühle und überlegte Weise, um ihn dann doch auch überraschend zu lieben.

MDR KULTUR-Filmkritiker Knut Elstermann findet, Regisseur İlker Çatak (ebenfalls nominiert für den Deutschen Filmpreis), hat einen Film gedreht, der in seiner Sinnlichkeit, seiner entspannten, reduzierten Erzählweise, seinen intensiven Bildern und dem Mut, nicht alles auszusprechen, vor allem eine schöne Liebesgeschichte ist und erst dann ein einfühlsames Flüchtlingsschicksal, auch dank seiner überragenden Darsteller und kluger, treffender Dialoge.

Mehr zu "Es gilt das gesprochene Wort" Der Film ist auf DVD erschienen und auf verschiedenen Plattformen wie Chili, Amazon, iTunes oder Google Play zu sehen.


DVD-Tipp: Roy-Andersson-Box

In einer Filmszene aus «Über die Unendlichkeit» scheint ein umschlungenes Paar durch die Luft zu fliegen.
Der Start von "Über die Unendlichkeit" wurde verschoben, aber es bleibt noch die Roy-Andersson-Box. Bildrechte: imago images/Prod.DB

Der schwedische Regisseur Roy Andersson gehört zu den eigenwilligsten Filmemachern Europas. Der Start seines neuen Films "Über die Unendlichkeit" wurde verschoben, aber seine legendäre Trilogie über das Wesen des Lebens gibt es in einer schönen DVD-Box, urteilt Filmkritiker Knut Elstermann.

Die Box besteht aus "Songs from the Second Floor" (2000, begründete Anderssons Ruhm), "Das jüngste Gewitter" (2007) und seinem wohl bekanntesten Film mit dem langen Titel "Eine Taube sitzt auf einem Zweig und denkt über das Leben nach", für den er 2014 den Goldenen Löwen erhielt. Der Regisseur bedient sich für seine Tableaus im Arsenal der Kunstgeschichte bei Matisse, Chagall, Goya und bei deutschen Künstlern der 20er-Jahre wie Otto Dix.

Mehr zur Roy-Andersson-Box Enthaltene Filme:
"Eine Taube sitzt auf einem Zweig und denkt über das Leben nach"
"Das jüngste Gewitter"
"Songs from the Second Floor"


Netflix-Serie "Freud"

Szenenbild aus der Serie "Freud"
Bei der Umsetzung von "Freud" nahm sich Regisseur Marvin Kren viele Freiheiten. Bildrechte: Netflix/Jan Hromadko

Die achtteilige Netflix-Serie "Freud" nimmt den Zuschauer mit ins historische Wien gegen Ende des 19. Jahrhunderts. Der junge Sigmund Freud wird darin als Getriebener dargestellt: Er forscht, kokst, nimmt an Seancen teil und experimentiert mit Hypnose.

"Freud" ist kein biografisch verbürgtes Biopic des berühmten Psychologen. Stattdessen bedient sich Regisseur Marvin Kren ("4 Blocks") an Horrofilm-Elementen und entspinnt um seine drei Hauptfiguren einen Mix aus Kriminalgeschichte, Mysterythriller und Sittenbild einer Stadt. Die Geschichte um Freud (Robert Finster), Medium Fleur Salome (Ella Rumpf) sowie Polizist und Kriegsveteran Alfred Kiss (Georg Friedrich) nimmt dabei langsam an Fahrt auf und wird dann zur wilden Achterbahnfahrt.


Amazon-Serie "Dispatches from Elsewhere"

Dispatches from Elsewhere
"Dispatches from Elsewhere" Bildrechte: 2020 AMC Networks Inc

Jason Segel spielte in der erfolgreichen Sitcom "How I Met Your Mother" den Marshall. Jetzt gibt es Serie aus seiner Feder bei Amazon zu sehen: "Dispatches from Elsewhere". Der Chef eines dubiosen Instituts lockt vier Menschen mit der Versprechung, es gäbe eine erfülltere Wirklichkeit zu entdecken, eine bewusstseinserweiternde Schnitzeljagd beginnt.

Segel selbst spielt Peter, einen introvertierten Datenanalysten mit langweiligem Leben und unaufgeregtem Job. Ein Anruf der Elsewhere Society verändert alles. Peter glaubt schnell, Teil einer großen Mission zu sein. Mit drei anderen – Janice, Fredwynn und Simone – soll er ein verschwundenes Mädchen finden. Ob das alles ein Spiel oder Realität ist, verschwimmt. Das Urteil unserer Serienkritikerin: "Die Serie ist phantastisch. Verspielt und verträumt. Keine Serie zum Nebenbei-Gucken. Entweder man taucht voll und ganz in sie hinein. Oder man verpasst Großes."

Mehr zu "Dispatches from Elsewhere" Die zehn Folgen der ersten Staffel sind bei Amazon Prime zu sehen.

Kultur in der Corona-Krise

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 19. März 2020 | 08:10 Uhr

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