Empfehlungen Kino zu Corona-Zeiten: Filme und Serien für zu Hause

Monatelang waren die Kinos in der Corona-Krise geschlossen. Langsam öffnen sie nun wieder ihre Säle. Doch es gibt weiterhin viele sehenswerte Angebote in den Mediatheken und Streamingportalen wie "Rocketman" oder "Systemsprenger", aber auch Filme aus dem aktuellen Kinoprogramm wie "Der Geburtstag". Auch Serien wie "Betonrausch" und "Feel Good" sind empfehlenswert. Und dann gibt es auch noch etwas für DVD-Sammler. Eine Übersicht voller Tipps, die von uns fortlaufend aktualisiert wird.

Fernsehen zu Hause
In Corona-Zeiten heißt es: Kino zu Hause statt Kino im Saal. Bildrechte: imago images / Panthermedia

Serie: "The Outsider"

Szene aus "The Outsider"
In "The Outsider" versteckt sich in einem Morfall das Übernatürliche Bildrechte: imago images/Prod.DB

Manche Stephen-King-Verfilmungen sind brillant, allen voran Stanley Kubricks "Shining". Über andere sollte man besser nicht sprechen. Zum Glück zählt auch die HBO-Serie "The Outsider" zu den hervorragenden Adaptionen: In der Kleinstadt Flint City, Oklahoma, wird der beliebte Englischlehrer und Coach der Jugendbaseballmannschaft Terry Maitland verhaftet. Ihm wird ein bestialischer Mord vorgeworfen, es scheint ein wasserdichter Fall: DNA-Spuren, Zeugenaussagen. Dann stellt sich heraus, dass Terry während der Mord geschah, in einer anderen Stadt weilte. Hat er einen Doppelgänger? In dieser typischen Stephen-King-Kleinstadt – beschaulich, heimelig, schöne Häuser, Gärten – lauert das Böse.

Szene aus "The Outsider"
Cynthia Erivo als Holly Gibney Bildrechte: imago images/Prod.DB

MDR KULTUR-Kritiker Hartwig Tegeler findet, "The Outsider" sei eine grandiose zehnteilige Miniserie, in der die Menschen wie hinter einem grauen Filter von Einsamkeit, Verlorenheit, Verzweiflung, unbearbeiteten Traumata und unfassbarem Schmerz leben. Terry, der vermeintliche Mörder, ist bald tot. Nun ist Ralph, jener Polizist, der Terry in aller Öffentlichkeit auf dem Sportplatz hat verhaften lassen, der Protagonist. Wegen der Widersprüche, die sich keiner erklären kann, wird eine externe Ermittlerin zugezogen: Holly Gibson, Afroamerikanerin, hochsensibel, sehr intelligent – der Ralph zunächst einmal erklärt, dass er mit dem Doppelgänger, Gestaltenwandler oder wie man das nennen will, mit dem Unerklärlichen nichts anfangen kann. Aber genau dem werden Holly, Ralph und die anderen folgen müssen. "The Outsider" zeigt den Schmerz, die Verzweiflung, die Angst der Menschen in der Begegnung mit dem Bösen als dem, was es eben auch sein könnte: Spiegel der eigenen Abgründe. Diesen schmalen Grad, unerforschtes Terrain – im Äußeren wie im Inneren – zu betreten, das macht die Spannung dieser Serie aus.

Mehr Informationen "The Outsider" ist auf Sky und bei Amazon Prime zu sehen sowie auf DVD und Blu-ray erschienen.


Film: "The Professor"

Die Diagnose Krebs bedeutet für Richard einen neuen Blick auf das eigene Leben. Johnny Depp spielt einen ausgebrannten, nur noch in den eigenen Klugheiten zirkulierenden Mann, der bis zu diesem Arztbesuch ausgebrannt war; gelangweilt war von der eigenen luxuriösen Existenz und der Untreue seiner Frau. "The Professor" erzählt, wie Richard angesichts seiner Krankheit nicht in Depressionen versinkt, sondern wach wird und jedes Laster wahrnimmt, das ihm vor die Finger kommt. Er säuft, kifft, schmeißt Pillen, lässt sich von einem Studenten einen Blowjob geben. Mit anderen Worten: der todkranke Richard erlebt angesichts des Todes die Befreiung seines Lebens.

Johnny Depp in einer Szene aus The Professor
Johnny Depp (Mitte) in einer Szene aus "The Professor" Bildrechte: imago images/Everett Collection

„The Professor“ ist ein schöner Film von Wayne Roberts mit einem endlich einmal wieder großartigen Johnny Depp. Der Schauspieler, der in den vergangenen Jahren seine Rollen immer nur halbherzig ausfüllte, brilliert als Mann, der sehr, sehr bald sterben wird. Er ist nicht einfach nur das Kunstprodukt Johnny Depp, sondern entwickelt als Schauspieler die sehr berührende Figur des Sterbenden und radikal noch einmal leben Wollenden, der sich in der "ars moriendi", der "Kunst des Sterbens", versucht. Mit aller Ambivalenz, versehen mit aller Angst, unvollkommen und darin nur allzu menschlich, meint unser Filmkritiker Hartmut Tegeler.

Mehr Informationen Der Film "The Professor" ist aktuell bei Amazon Prime verfügbar.

Film: "Der Geburtstag"

Der Geburtstag
Anne Ratte-Polle (Anna), Mark Waschke (Matthias), Kasimir Brause (Lukas Bildrechte: W-film / Friede Clausz

Geburtstage sind für Kinder heilig, wenn da was schief geht, tut es richtig weh. Lukas will seinen siebten Geburtstag feiern, doch sein Vater Matthias (herrlich gestresst und überfordert von Mark Waschke gespielt) erweist sich mal wieder als Fehlbesetzung, holt ihn zu spät ab, vergisst das Geschenk. Mit der von ihm geschiedenen Frau Anna (feinsinnig gespielt von Anne Ratte-Polle) veranstaltet er eine Party, bei der seltsamerweise ein Junge zurückbleibt. Beim Versuch, das unbekannte Kind in dieser Unwetter-Nacht nach Hause zu bringen, gerät die Wirklichkeit aus den Fugen. In bester schwarz-romantischer Tradition wird das ganz Alltägliche hier in etwas Unheimliches verwandelt, so unser Filmkritiker Knut Elstermann.

Der in Berlin lebende uruguayische Regisseur und Drehbuchautor Carlos Morelli hat mit seinen wunderbaren Darstellern und geheimnisvollen, düsteren Bildern (tolle Kamera: Friede Clausz) in Halle einen faszinierenden, modernen Film noir gedreht, in dem Vater Matthias zwar den Überblick total verliert, aber vielleicht den Sinn für Verantwortung gewinnt. 

Mehr Informationen Den Film "Der Geburtstag" bietet W-film als Video on Demand an.


Doku-Serie über Missbrauchsskandal

Bei einer Pressekonferenz wird eine Tafel präsentiert mit der Aufschrift US versus Jeffrey Epstein
"Jeffrey Epstein: Stinkreich" widmet sich dem Aufstieg und Fall von US-Multimillionär Jeffrey Epstein. Bildrechte: Netflix

Die Doku-Serie "Jeffrey Epstein: Stinkreich" bildet in vier Teilen den Missbrauchsskandal um den US-Multimillionär Jeffrey Epstein ab. Laut MDR KULTUR-Filmkritiker Knut Elstermann wird darin den Opfern des Multimillionärs eine Stimme gegeben: "Die gründliche Serie wurde vom Autor James Patterson produziert, der bereits ein Buch über den Fall veröffentlichte. Sie bietet eine genaue Rekonstruktion der skandalösen Vorgänge, die lange verharmlost und vertuscht wurden, und gibt den Opfern eine Stimme."

Jeffrey Epstein war vorgeworfen worden, über Jahre hinweg Minderjährige missbraucht und zur Prostitution gezwungen zu haben. Kurz nach seiner Festnahme hatte er sich 2019 im Gefängnis das Leben genommen. In der Serie untersucht Filmemacherin Lisa Bryant den Aufstieg Epsteins zum erfolgreichen Unternehmer. Dabei geht es auch um seine Kontakte zu prominenten Persönlichkeiten, wie dem britischen Prinzen Andrew.

Mehr Informationen Die vierteilige Doku-Serie "Jeffrey Epstein: Stinkreich" wird bei Netflix angeboten.


Historien-Film: "Die dunkelste Stunde"

Winston Churchill steht 1940 vor einer historischen Entscheidung. Soll er als Premierminister vor den siegreichen Nazis zurückweichen und einen Kompromiss mit den Verbrechern aushandeln? Dieser Film von Joe Wright  zeigt, dass der große Entschluss,  Demokratie zu verteidigen, in einem inneren Kampf entstand, den sich Churchill nicht leicht machte, denn er wusste immer, wie groß die Opfer sein würden.

Filmplakat "Die dunkelste Stunde" Film mit Gary Oldman als Winston Churchill, Lily James als Elizabeth Layton & Kristin Scott Thomas	als Clementine Churchill
Bildrechte: Universal Pictures Int.

Sehr zurecht wurden die fantastischen Make-up-Künstler mit einem Oscar geehrt, die eine fast unheimlich vollkommene Churchill-Maske geschaffen haben. Schauspieler Gary Oldman erhielt für seine Darstellung einen Golden Globe und einen Oscar, er macht diesen kauzigen, unbequemen und aufrechten Mann zu einem unvergesslichen Ereignis. Oldman spielt einen listigen, zutiefst menschlichen, mit sich ringenden Politiker von einem großen moralischen und intellektuellen Format, das man heute schmerzlich vermisst, so unser Filmkritiker Knut Elstermann.

Mehr Informationen Den prämierten Film "Die dunkelste Stunde" gibt es als DVD, Blu-Ray und als Video on Demand.


Queere Netflix-Serie: "Feel Good"

Mae Martin als Mae und Charlotte Ritchie als George
Ziehen bald zusammen: Mae (Mae Martin, links) und George (Charlotte Ritchie). Bildrechte: Courtesy of Netflix

Hauptfigur Mae ist Kanadierin, queer und lebt schon lange in London. Als Stand-up-Comedian kommt sie gerade so über die Runden und schläft auf dem Sofa ihres besten Freundes. Bei einem Auftritt lernt sie George kennen. Für die junge Lehrerin ist es das erste Date mit einer Frau – und der erste Kuss. Weil Mae gerade keine Wohnung hat, zieht sie recht schnell bei George ein. Konflikte sind vorprogrammiert.

Hauptdarstellerin Mae Martin hat die Serie zusammen mit Joe Hampson geschrieben. Wie ihr Rollen-Ich kommt sie aus Kanada, ist Stand-up-Komikerin und queer. In der Serie verarbeitet sie eigene Erfahrungen und Erlebnisse. Deshalb wirkt die Serie nie aufgesetzt, sondern echt, ist humorvoll und eben sehr natürlich.


Kultfilme von Éric Rohmer: "Claires Knie"

Claires Knie
Irrungen und Wirrungen von Liebe und Lust Bildrechte: imago/United Archives

Von den Irrungen und Wirrungen der Liebe und Lust zu erzählen, mit leichter Hand und doch tief schürfend, diese Kunst beherrschte Éric Rohmer. Beispielsweise zu bestaunen in "Claires Knie": Kurz vor seiner Hochzeit verbringt der 35-jährige Diplomat Jérôme (Jean-Claude Brialy) die Ferien in den französischen Alpen, am See von Annecy. Dort trifft er nicht nur auf seine ehemalige Geliebte, die Schriftstellerin Aurora (Aurora Cornu), sondern macht auch Bekanntschaft mit zwei jugendlichen Halbschwestern. Eine der beiden sieht er auf einer Leiter stehend beim Kirschenpflücken, sein Verlangen entbrennt beim Blick auf "Claires Knie" ...

50 Jahre alt und sehr lebendig wirkt dieser Film von Éric Rohmer, findet Kritiker Hartwig Tegeler: "Ein Film über die Liebe und das Begehren und den Diskurs über beide." In "Claires" Knie entspinne sich "ein Reigen zwischen alten und neuen Bekannten und Liebhabern oder noch nicht Geliebten oder schon Geliebten." Am Ende erscheine die Hauptfigur als ein Mann, der weniger von seinen Gefühlen getrieben werde, als davon, über sie reden zu können. "Claires Knie" war der fünfte Teil in Rohmers "Moralischen Erzählungen". Zu diesem ersten Zyklus gehört auch "Meine Nacht bei Maud" mit Jean-Louis Trintignant, Publikumsliebling und erfolgreichster Film, sowie "Die Sammlerin". Alle drei zeigen sie die Kunst des französischen Altmeisters, "seine Figuren nicht zu denunzieren, sondern zu beobachten beim meist vergeblichen Versuch, ihr Glück zu finden". Zu sehen sind diese drei Filme bis in den Herbst in der Arte-Mediathek. Außerdem sind Éric Rohmers "Moralische Erzählungen" gerade bei Studiocanal in einer großen DVD-Edition neu aufgelegt worden.

Eric Rohmers Filme in der Arte-Mediathek


Miniserie: "Hollywood"

Hollywood steht für Ruhm, Glanz und große Träume. Was tatsächlich hinter den Kulissen abläuft, zeigt diese neue, siebenteilige Netflix-Miniserie. In "Hollywood" gibt es den schönen Schein ebenso wie die Abgründe – und natürlich das Happy End. Die Netflix-Miniserie basiert auf dem Buch "Hollywood Babylon" von Kenneth Anger. Aufgrund der Corona-Krise konnte die Serie nicht deutsch synchronisiert werden, deshalb ist sie jetzt im Original mit deutschen Untertiteln zu sehen.


"Rocketman"

Taron Egerton mimt in "Rocketman" den schillernden Elton John. Den Rahmen der Musical-Film-Biografie bildet eine Gruppen-Therapiesitzung, zu der Elton John in exzentrischem Federkostüm erscheint, aus dem er sich buchstäblich herausschält, um Schritt für Schritt den Blick auf den Menschen freizugeben.

Film  Still "Rocketman"
Taron Egerton als Elton John Bildrechte: Paramount Pictures

Anders als der Film "Bohemian Rhapsody", ebenfalls von Regisseur Dexter Fletcher, ist "Rocketman" überhaupt nicht zimperlich, wenn es um schwulen Sex und um das schwierige Coming-out des Superstars geht, findet unser Filmkritiker Knut Elstermann: "Hauptdarsteller Taron Egerton macht seine Sache glänzend, er singt die Songs selbst und gibt ihnen eine eigene, persönliche Note".

Mehr über "Rocketman" Das Biopic "Rocketman" ist bei Amazon Prime zu sehen.


"Heimat ist ein Raum aus Zeit"

Nach seinem großen Erfolg bei der Berlinale 2019 ist "Heimat ist ein Raum aus Zeit" auch für den deutschen Filmpreis nominiert. In diesem filmischen Essay erkundet Regisseur Thomas Heise ein Jahrhundert der eigenen Familiengeschichte, die er aus Dokumenten, Tagebucheinträgen, Schulaufsätzen, Briefen zusammensetzt. Der Weg führt von Wien und den Verfolgungen der jüdischen Familie bis in die DDR, wo Heises Vater ein bekannter Philosoph war. Von ihm ist ein ausführliches Gespräch mit Heiner Müller im Film zu Brechts Galilei zu hören.

Heises Bilder illustrieren die von ihm selbst gelesenen Texte nicht, sie kommentieren, brechen auf, konterkarieren mit sparsamen, aber wirkungsvollen filmischen Mitteln. Der fast vierstündige Film konfrontiert den mitdenkenden Zuschauer mit den Hoffnungen, Illusionen, den intellektuellen und politischen Kämpfen und den Tragödien von drei Generationen. MDR KULTUR-Filmkritiker Knut Elstermann urteilt: eine ungemein faszinierende Verbindungen von privatem Erleben und Epochenerfahrung.

Mehr zu "Heimat ist ein Raum aus Zeit" Der Dokumantarfilm erscheint am 30. April als DVD. Online ist er beim Verleiher selbst zu sehen in der GMfilms OnlineLounge.


"Deutscher"

In Corona-Zeiten geraten Rechtspopulisten deutlich ins Hintertreffen, doch das könnte sich ändern, wenn die "Krise nach der Krise" kommt. Darum hat die Mini-Serie "Deutscher" auf ZDFNeo eine große Aktualität, meint MDR KULTUR-Filmkritiker Knut Elstermann. Die vierteilige Serie (Regie: Sophie Linnenbaum und Simon Ostermann) spielt durch, was geschähe, wenn die Rechtspopulisten durch Wahlen die absolute Mehrheit erringen und das Land regieren würden.

Szenenbild aus der Miniserie "Deutscher"
"Deutscher": Über die Spaltung der Gesellschaft Bildrechte: ZDF/Martin Rottenkolber

Zwei benachbarte Familien, die Schneiders und die Pielckes, reagieren auf den Machtwechsel und die ersten Maßnahmen der neuen Regierung sehr unterschiedlich. Während Familie Pielcke (Milena Dreißig und Thorsten Merten) voller Freude und Optimismus in die rechte Zukunft schaut, ist Familie Schneider (Meike Droste und Felix Knopp) gelähmt und ratlos. Die Nachbarjungen allerdings bleiben weiter befreundet, was die Konflikte verschärft und zugleich Wege zur Überwindung eröffnet. Die viel beklagte Spaltung unserer Gesellschaft wird hier, sehr gut gespielt und erfrischend und unterhaltsam inszeniert, findet hier ein starkes Sinnbild: Der Gartenzaun wird in diesen Zeiten zur gefährlichen Grenzmauer.

Mehr zu "Deutscher" Die Miniserie ist bis zum 25. April 2022 in der ZDF-Mediathek abrufbar.


"Betonrausch"

Filmszene aus "Betonrausch"
Szene aus der Serie "Betonrausch" Bildrechte: Nik Konietzny

Die Hochstapler-Satire "Betonrausch" ist (nach "Dark") die zweite deutsche Netflix-Eigenproduktion. David Kross spielt Victor, einen Provinzjungen mit Vaterkomplex, und Frederick Lau den Trickbetrüger Gary. Beide träumen gemeinsam groß und bauen sich auf illegalen Wegen ein Immobilienimperium auf. Sie spekulieren, betrügen Anleger und machen mit der Bankangestellten und Ehefrau von Victor, Nicole (Janina Uhse) gemeinsame Sache. Bis eines Tages die Polizei die Luxusvilla von Victor stürmt und ihn wegen Steuerhinterziehung und Betruges verhaftet. Unsere Filmkritikerin Anna Wollner ist vor allem von Hauptdarsteller David Kross beeindruckt: "Als Unschuld vom Lande steht ihm die Naivität eigentlich ins Gesicht geschrieben. Und dennoch hat er es auf seine spitzbübisch-schelmische Art faustdick hinter den Ohren." Kross spiele den Hochstapler charmant und stilsicher.

Mehr über "Betonrausch" Der Film ist bei Netflix zu sehen.


Tatort: "Die Guten und die Bösen"

Dieser aus Sicht unseres Filmkritikers Knut Elstermann außergewöhnliche Tatort des Hessischen Rundfunks von Petra K. Wagner (Buch: David Ungureit) stellt das Ermittlerpaar Anna Janneke und Paul Brix (Margarita Broich und Wolfram Koch) vor eine Aufgabe, deren Lösung scheinbar leicht, deren moralische Dimension aber unermesslich ist. Der Täter nämlich gesteht ohne zu zögern. Er ist ein Polizeihauptmeister (mit tragischer Größe von Peter Lohmeyer gespielt), der den Vergewaltiger seiner Frau gefoltert und getötet haben will.

Die Kommissare Anna Janneke (Margarita Broich) und Paul Brix (Wolfram Koch).
Die Kommissare Anna Janneke (Margarita Broich) und Paul Brix (Wolfram Koch). Bildrechte: HR/Degeto

Wer ist Täter? Wer ist Opfer? Wie lässt sich Gerechtigkeit nach einer furchtbaren Tat erlangen? Alle angeblichen Gewissheiten lösen sich bald auf, wofür die chaotischen Renovierungsarbeiten im Kommissariat ein schönes Sinnbild sind, niemand findet hier irgendetwas. Bei den ungelösten Fällen sitzt die pensionierte Kommissarin Elsa Bronski, die vielleicht ein geheimes Wissen hütet.

"Die große Hannelore Elsner gibt diesem klugen Tatort in ihrer letzten Rolle eine stille Weisheit, ein zartes, zerbrechliches Orakel im Keller", so Filmkritiker Elstermann. Sie starb kurz nach den Dreharbeiten.

Mehr zum Tatort "Die Guten und die Bösen" Der Film ist bis zum 19. Oktober 2020 in der ARD-Mediathek zu sehen.


"Stromberg"

Der Schauspieler Christoph Maria Herbst als Versicherungsangestellter Bernd Stromberg in einer Szene der fünften Staffel der ProSieben-Serie «Stromberg»
Christoph Maria Herbst als Bernd Stromberg Bildrechte: dpa

Die Comedy-Serie "Stromberg" (2004-2012) mit Christoph Maria Herbst in der Rolle des gemeinen, sarkastischen und egoistischen Chefs einer Versicherungsabteilung gehört zu den beliebtesten deutschen Serien. Strombergs markige Sprüche sind legendär, auch wenn man sich einen Chef wie ihn niemals wünschen würde. "Stromberg" war die erste große Serie von Regisseur Arne Feldhusen, der auch für "How To Sell Drugs Online (Fast)" und "Deutschland 86" bekannt ist. Mindestens genauso unterhaltsam wie Christoph Maria Herbst sind auch Bjarne Mädel (als naiver und besserwisserischer Ernie), Oliver Wnuk (als der nicht sehr helle Fußball-Fan Ulf) und Diana Staehly (als sorgfältig arbeitende und Streit schlichtende Tanja) in den Nebenrollen.

Mehr zu "Stromberg" "Stromberg" ist auf DVD/Blu-ray erschienen und außerdem bei Netflix, Amazon Prime und My Spass abrufbar.


"Systemsprenger"

Wer den großartigen Film, der im Kino ein schöner Überraschungserfolg war, noch nicht gesehen hat, kann das jetzt auf verschiedenen Wegen nachholen. Regisseurin Nora Fingscheidt erzählt von Benni, einem neunjährigen Mädchen, das einen langen Weg durch Gastfamilien und erfolglose Untersuchungen und Therapien hinter sich hat. Mit seiner unbändigen, unbeherrschbaren Wut, seinen heftigen, zerstörerischen Anfällen ist es eine Gefahr für andere und für sich selbst. Das Mädchen fällt durch alle Raster der sozialen Fürsorge.

Aus Sicht unseres Filmkritikers Knut Elstermann spielt Helena Zengel dieses Mädchen nicht nur als tickende Zeitbombe, die jederzeit explodieren kann, sondern als hilfsbedürftiges, zerbrechliches Wesen, das jede Unterstützung verdient. "Systemsprenger" vermeidet dabei oberflächliche Anklagen gegen die sozialen Mechanismen: Gabriela Maria Schmeide und Albrecht Schuch spielen überforderte, aber sehr engagierte Sozialarbeiter, die sich für das Kind aufopfern und doch an ihre Grenzen stoßen. "Der Film ist auch eine Würdigung solcher engagierter Menschen", so Elstermann.

Nora Fingscheidt verwende dabei sowohl experimentelle als auch dokumentarische, sehr direkt wirkende Mittel, um die Zuschauerinnen und Zuschauer in Bennis Welt mitzunehmen und Verständnis für diese kindliche Naturgewalt zu erzeugen.

Mehr zu "Systemsprenger" Der Film ist auf DVD erhältlich und auf verschiedenen Streaming-Plattformen zu sehen, darunter Amazon Prime und Netflix.


"Haus des Geldes"

Filmszene
Die Gangsterin Tokio führt mit ihrem wunderbar ironischen Off-Kommentar durch die Geschehnisse in "Haus des Geldes". Bildrechte: Netflix/Tamara Arranz Ramos

Gerade ist die vierte Staffel der durchgeknallten und hochspannenden Bankräuberstory "Haus des Geldes" gestartet. Die spanische Serie erzählt vom idealistischen und intelligenten "Professor" und seiner Crew aus Kriminellen um "Tokio", "Rio" und "Nairobi", die zuerst die spanische Banknotendruckerei und in der aktuellen Staffel die Nationalbank Spaniens überfallen. Nicht nur durch das Lied "Bella Ciao" ist die Serie zum Kult geworden.

Die Charaktere wachsen einem einfach ans Herz. Sie sind keine hartgesottene Gangster, sondern Individualisten, die mit dem Gesetz auf Kriegsfuß stehen. Der Professor entpuppt sich im Laufe der Serie zum Idealisten und Kämpfer und ruft zum Widerstand gegen die Staatsgewalt auf. "Haus des Geldes" bietet damit neben wirklich fesselnder Unterhaltung auch Kapitalismuskritik gepaart mit einem gesunden Schuss Anarchismus. Zusammen mit jeder Menge Emotionen und wunderbarem Pathos ist "Haus des Geldes" damit für viele die beste Serie derzeit.

Mehr zu "Haus des Geldes" Von der spanischen Serie "Haus des Geldes" (im Original "La Casa de Papel") sind bisher vier Staffeln erschienen.

Die sind über den Streaming-Dienst Netflix verfügbar.


"Kopfplatzen"

Eigentlich sollte der Film im Kino laufen, ist nun aber im Netz zu besichtigen. Darin geht es um das Tabuthema Pädophilie mit Max Riemelt als Markus in einer seiner besten Rollen, findet Filmkritiker Knut Elstermann, mit seiner sympathischen Ausstrahlung und seiner Attraktivität zeigt er uns ein ganz anderes Täterbild, als man es sich vielleicht sonst vorstellt. Trotzdem ist immer klar: Das ist ein zumindest ein potentieller Täter, es kann jeden Augenblick Schreckliches geschehen.

Als sich seine Nachbarin, eine alleinerziehende Mutter, in Markus verliebt, sucht er die Nähe ihres kleinen Sohnes. Es spielen sich ungeheuer starke Szenen ab, bei denen einem mit dem Wissen um Markus' Pädophilie der Atem stockt, urteilt unser Filmkritiker Elstermann. Markus leidet selbst, wenn er vergeblich versucht Hilfe zu finden, auch das zeigt der Film.

Mehr zu "Kopfplatzen" Der Film kann über die Edition Salzgeber auf Vimeo kostenpflichtig gestreamt werden.


"Es gilt das gesprochene Wort"

Am 24. April wird – in welcher Form auch immer – der Deutsche Filmpreis verliehen, moderiert vom fabelhaften Edin Hasanovic. Einer der besten deutschen Filme, aus der Sicht unseres Filmkritikers Knut Elstermann, wurde fünfmal nominiert: "Es gilt das gesprochene Wort", nur wenige werden dieses Meisterwerk kennen, doch das kann man ändern und es lohnt sich wirklich.

Am Anfang des Films steht eine merkwürdig hölzerne Hochzeit auf einem deutschen Standesamt, besiegelt von einem ungeschickten Kuss, ganz offensichtlich lieben sich die Brautleute nicht: der Kurde Baran (Oğulcan Arman Uslu) und die deutsche Pilotin Marion (Anne Ratte-Polle, nominiert als beste Darstellerin). Sie hat ihn im Türkei-Urlaub kennengelernt, einen Flüchtling, der für Geld mit Frauen schläft. In ihrer tiefen Lebenskrise, an Krebs erkrankt, holt sie den viel jüngeren Mann nach Deutschland, hilft ihm auf eine kühle und überlegte Weise, um ihn dann doch auch überraschend zu lieben.

MDR KULTUR-Filmkritiker Knut Elstermann findet, Regisseur İlker Çatak (ebenfalls nominiert für den Deutschen Filmpreis), hat einen Film gedreht, der in seiner Sinnlichkeit, seiner entspannten, reduzierten Erzählweise, seinen intensiven Bildern und dem Mut, nicht alles auszusprechen, vor allem eine schöne Liebesgeschichte ist und erst dann ein einfühlsames Flüchtlingsschicksal, auch dank seiner überragenden Darsteller und kluger, treffender Dialoge.

Mehr zu "Es gilt das gesprochene Wort" Der Film ist auf DVD erschienen und auf verschiedenen Plattformen wie Chili, Amazon, iTunes oder Google Play zu sehen.


Tatort "Die Zeit ist gekommen"

Anna (Katia Fellin) und Louis Bürger (Max Riemelt) sehen zuversichtlich in die Zukunft.
Anna (Katia Fellin) und Louis Bürger (Max Riemelt) Bildrechte: MDR/W&B Television/Michael Kotschi

Es geht in diesem MDR-Tatort aus Dresden um einen spannenden Fall: Ein junges Paar will nach vielen Wirrungen endlich neu anfangen, beeindruckend gespielt von Max Riemelt und Katia Fellin. Sie wollen eine feste Arbeit, ein geregeltes Leben, ein Zuhause für den kleinen Sohn, der ist noch im Heim. Doch da wird vor ihrem Haus der Nachbar, ein Polizist, tot aufgefunden, sie werden wegen der Vorstrafe des Mannes verdächtigt. Beim Versuch zu fliehen, werden die beiden zu Geiselnehmern. Für die beiden Kommissarinnen entsteht eine doppelt schlimme Lage, sie müssen ermitteln und zugleich die akute, gefährliche Situation lösen.

Filmkritiker Knut Elstermann findet: Der hervorragende Regisseur, Stephan Lacant (von ihm stammt die erfolgreiche schwule Liebesgeschichte "Freier Fall", auch mit Max Riemelt) gibt diesen beiden Ermittlerinnen viel Raum für ihre feinsinnige Charakterzeichnung: Karin Gorniak (Karin Hanczewski) und Leonie Winkler (Cornelia Gröschel in ihrem 3. Fall). Im Jahr 2018 übernahm Cornelia Gröschel die Rolle einer Ermittlerin im Dresdner Tatort und kehrte damit in ihre Heimatstadt zurück. Beide Frauen agieren sehr menschlich, sehr normal, sehr gegenwärtig, auch in diesem, sehr differenzierten und klug erzählten Fall, bei dem sie eine gewisse Sympathie, ein Verständnis für die verzweifelten Täter, die eben auch Opfer sind, empfinden, urteilt Filmkritiker Knut Elstermann.

Mehr zu "Die Zeit ist gekommen" In der ARD-Mediathek bis zum 5. Oktober 2020 verfügbar.


DVD-Tipp: Roy-Andersson-Box

In einer Filmszene aus «Über die Unendlichkeit» scheint ein umschlungenes Paar durch die Luft zu fliegen.
Der Start von "Über die Unendlichkeit" wurde verschoben, aber es bleibt noch die Roy-Andersson-Box. Bildrechte: imago images/Prod.DB

Der schwedische Regisseur Roy Andersson gehört zu den eigenwilligsten Filmemachern Europas. Der Start seines neuen Films "Über die Unendlichkeit" wurde verschoben, aber seine legendäre Trilogie über das Wesen des Lebens gibt es in einer schönen DVD-Box, urteilt Filmkritiker Knut Elstermann.

Die Box besteht aus "Songs from the Second Floor" (2000, begründete Anderssons Ruhm), "Das jüngste Gewitter" (2007) und seinem wohl bekanntesten Film mit dem langen Titel "Eine Taube sitzt auf einem Zweig und denkt über das Leben nach", für den er 2014 den Goldenen Löwen erhielt. Der Regisseur bedient sich für seine Tableaus im Arsenal der Kunstgeschichte bei Matisse, Chagall, Goya und bei deutschen Künstlern der 20er-Jahre wie Otto Dix.

Mehr zur Roy-Andersson-Box Enthaltene Filme:
"Eine Taube sitzt auf einem Zweig und denkt über das Leben nach"
"Das jüngste Gewitter"
"Songs from the Second Floor"


Netflix-Serie "Freud"

Szenenbild aus der Serie "Freud"
Bei der Umsetzung von "Freud" nahm sich Regisseur Marvin Kren viele Freiheiten. Bildrechte: Netflix/Jan Hromadko

Die achtteilige Netflix-Serie "Freud" nimmt den Zuschauer mit ins historische Wien gegen Ende des 19. Jahrhunderts. Der junge Sigmund Freud wird darin als Getriebener dargestellt: Er forscht, kokst, nimmt an Seancen teil und experimentiert mit Hypnose.

"Freud" ist kein biografisch verbürgtes Biopic des berühmten Psychologen. Stattdessen bedient sich Regisseur Marvin Kren ("4 Blocks") an Horrofilm-Elementen und entspinnt um seine drei Hauptfiguren einen Mix aus Kriminalgeschichte, Mysterythriller und Sittenbild einer Stadt. Die Geschichte um Freud (Robert Finster), Medium Fleur Salome (Ella Rumpf) sowie Polizist und Kriegsveteran Alfred Kiss (Georg Friedrich) nimmt dabei langsam an Fahrt auf und wird dann zur wilden Achterbahnfahrt.


Amazon-Serie "Dispatches from Elsewhere"

Dispatches from Elsewhere
"Dispatches from Elsewhere" Bildrechte: 2020 AMC Networks Inc

Jason Segel spielte in der erfolgreichen Sitcom "How I Met Your Mother" den Marshall. Jetzt gibt es Serie aus seiner Feder bei Amazon zu sehen: "Dispatches from Elsewhere". Der Chef eines dubiosen Instituts lockt vier Menschen mit der Versprechung, es gäbe eine erfülltere Wirklichkeit zu entdecken, eine bewusstseinserweiternde Schnitzeljagd beginnt.

Segel selbst spielt Peter, einen introvertierten Datenanalysten mit langweiligem Leben und unaufgeregtem Job. Ein Anruf der Elsewhere Society verändert alles. Peter glaubt schnell, Teil einer großen Mission zu sein. Mit drei anderen – Janice, Fredwynn und Simone – soll er ein verschwundenes Mädchen finden. Ob das alles ein Spiel oder Realität ist, verschwimmt. Das Urteil unserer Serienkritikerin: "Die Serie ist phantastisch. Verspielt und verträumt. Keine Serie zum Nebenbei-Gucken. Entweder man taucht voll und ganz in sie hinein. Oder man verpasst Großes."

Mehr zu "Dispatches from Elsewhere" Die zehn Folgen der ersten Staffel sind bei Amazon Prime zu sehen.

Kultur in der Corona-Krise

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 19. März 2020 | 08:10 Uhr

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