Veranstaltungs- und Konzertabsagen Corona-Krise: Fragen und Antworten zu Hilfen für freischaffende Künstler

Der Kampf gegen das Coronavirus hinterlässt überall seine Spuren – besonders auch in der Kulturbranche. Waren es zunächst größere Veranstaltungen, die nicht mehr stattfinden durften, ist der Kulturbetrieb mittlerweile gänzlich zum Erliegen gekommen. Besonders betroffen davon: freischaffende Künstlerinnen und Künstler. Bei ihnen führen die Maßnahmen zur Eindämmung des Coronavirus zu existenzbedrohenden Honorarausfällen. Was freischaffende Künstler jetzt wissen müssen.

Eine E-Gitarre wird gespielt
Die Veranstaltungsabsagen wegen der Ausbreitung des Coronavirus stürzt viele freiberufliche Künstler in eine existentielle Notsituation. Bildrechte: IMAGO

Anmerkung der Redaktion: Wir aktualisieren diesen Artikel fortlaufend und erweitern ihn mit Fragen und Antworten. Bitte beachten Sie, dass die Aufzählung der Hilfsmaßnahmen keinen Anspruch auf Vollständigkeit erhebt.

Bekommt ein Künstler Ausfälle bei Quarantäne bezahlt?

Freischaffende Künstlerinnen und Künstler, die selbst Auftritte oder Veranstaltungen absagen mussten, weil sie sich in Quarantäne befinden, bekommen einen Ausgleich vom Land. Laut Landesdirektion Sachsen fallen auch Freiberufler unter das sogenannte Infektionsschutzgesetz. Eine Erstattung kommt demnach aber nur in Frage, wenn der Freiberufler selbst eine Quarantäneanordnung oder ein Tätigkeits-/Beschäftigungsverbot vom zuständigen Gesundheitsamt erhalten hat. Wie hoch der Betrag ist, der erstattet wird, wird auf der Grundlage der letzten vom Finanzamt vorliegenden Steuererklärung berechnet.

Bekommen freischaffende Künstler abgesagte Veranstaltungen bezahlt?

Abgesagte Veranstaltungen fallen der Landesdirektion Sachsen zufolge nicht unter das sogenannte Infektionsschutzgesetz und sind somit nicht erstattungsfähig. Sind Besucher bei kleineren Aufführungen, die noch durchgeführt werden konnten, einfach weggeblieben, gibt es auch keinen Ausgleich. "Trotzdem sollten Künstler mit Veranstaltern über Ausfallhonorare verhandeln", sagt Gerald Mertens von der Deutschen Orchestervereinigung: "Dabei zeigen sich gerade private Veranstalter solidarisch."

Welche Regelungen gibt es für nebenberufliche Musiker in Musikschulen, die wegen Corona schließen mussten?

Sollte ein Arbeitsvertrag vorliegen, erhalten die Musikerinnen und Musiker Lohnfortzahlung, sagt Gerald Mertens von der Deutschen Orchestervereinigung. Für Honorarlehrkräfte hänge eine Vergütung von den Einzelheiten der Honorarvereinbarung ab. Mertens erklärt: "Diese sehen in der Regel so aus, dass Honorare nur für tatsächlich erbrachte Leistungen gezahlt werden, das heißt, nicht stattfindende Stunden werden auch nicht vergütet."

Wo können Honorarlehrkräfte eine Entschädigung für das wegfallende Honorar beantragen?

Nach Angaben der Deutschen Orchestervereinigung sieht lediglich das Infektionsschutzgesetz (IfSG) Entschädigungen vor. Gerald Mertens, Geschäftsführer der Orchestervereinigung erklärt: "Voraussetzung dafür ist allerdings, dass die Betroffenen per Anordnung in Quarantäne gesetzt werden. Sollte dies der Fall sein, melden Sie sich bei Ihrer Kommune unter Verweis auf Paragraph 56 IfSG und erfragen die zuständige Stelle." Dabei sei es unerheblich, ob Lehrkräfte angestellt oder freischaffend tätig sind, so Mertens weiter. Für Selbständige gibt es zudem auf den Seiten der Deutschen Orchestervereinigung Informationen über Hilfefonds.

Wie sehen die staatlichen Hilfen für freischaffende Künstler aus?

Die Bundesregierung hat Corona-Soforthilfen für Solo-Selbständige und kleine Unternehmen in wirtschaftlichen Schwierigkeiten in Folge von Corona in Höhe von insgesamt bis zu 50 Milliarden Euro beschlossen. Mit den wirtschaftlichen Notfhilfeprogrammen habe die Politik schnell reagiert und versucht, "die entstehenden Schäden auch im Kulturbereich zu minimieren", sagt Nikolaus Neuser, Vorsitzender der Jazz-Union Berlin. Dadurch wird die Bundesregierung finanzielle Soforthilfe in Form von Zuschüssen zur Sicherung der wirtschaftlichen Existenz der Antragsteller und zur Überbrückung von akuten Liquiditätsengpässen leisten. Mit den Mitteln können laufende Betriebskosten wie Mieten, Kredite für Betriebsräume, Leasingraten und ähnliches bezahlt werden.

Solo-Selbständige – also Selbständige ohne Beschäftigte, Einzelkünstler etc. – und Kleinstunternehmen mit bis zu fünf Beschäftigten erhalten danach bis 9.000 Euro Einmalzahlung für drei Monate. Bei bis zu zehn Beschäftigten fließen bis 15.000 Euro Einmalzahlung für drei Monate. Die Abwicklung erfolgt elektronisch über die Länder. Die Zuschüsse können ab sofort bis zum 31.05.2020 beantragt werden – in Sachsen bei der Sächsischen Aufbaubank, in Sachsen-Anhalt bei der Investitionsbank Sachsen-Anhalt und in Thüringen bei der Thüringer Aufbaubank.

Im Falle von Einkommenseinbußen können Betroffene bei der Künstlersozialkasse und bei den Finanzämtern die Senkung ihrer Beiträge oder Steuervorauszahlungen beantragen; außerdem sind Stundungen möglich.

In Sachsen hat das Wirtschaftsministerium bereits ein eigenes Hilfsprogramm aufgelegt. Es richtet sich speziell an Kleinstunternehmer und Selbstständige - darunter Künstler, Fotografen und Ladenbesitzer. Aus diesem Fonds werden Zuschüsse als Darlehen bis zu 50.000 Euro, in Ausnahmefällen auch bis zu 100.000 Euro gezahlt. "Zinsfrei, drei Jahre lang tilgungsfrei, mit einer Laufzeit von acht Jahren", so Wirtschaftsminister Dulig. Das Sofortprogramm ist am 23. März in Kraft getreten, die Darlehen sollen innerhalb von 48 Stunden bewilligt werden.

Am 23. März ist ebenfalls das "Corona-Soforthilfeprogramm für die Thüringer Wirtschaft" gestartet. Hier können auch Soloselbstständige aus künstlerischen Berufen, Angehörige freier Berufe und der Kreativwirtschaft Antrag auf eine Einmalzahlung stellen. Bei der Antragstellung müsse die Schadenshöhe beziffert und eine eidesstattliche Erklärung abgegeben werden, erklärte Wirtschaftsminister Tiefensee: "Wir haben das Antragsverfahren bewusst schlank gehalten", so der Minister. Das Antragsformular kann über die Website der Thüringer Aufbaubank abgerufen werden.

Auch Sachsen-Anhalt will seinen Künstlern mit einem Soforthilfeprogramm durch die Corona-Krise helfen. Kulturminister Rainer Robra sagte, die Landesregierung biete "unbürokratisch und unkompliziert eine erste Soforthilfe an". Musiker, Schauspieler, bildende Künstler und Schriftsteller können demnach eine Soforthilfe von 400 Euro pro Person und Monat beantragen, zunächst für zwei Monate. Außerdem stellte das Ministerium flexible Hilfen für geförderte Projekte in Aussicht, die wegen der Pandemie abgesagt wurden oder werden. Betroffene sollen sich frühzeitig beim Landesverwaltungsamt melden.

Achtung: Anders als geplant, kann das Soforthilfeprogramm des Bundes auch mit Hilfen aus einem Landesprogramm kombiniert werden. Wenn dadurch eine Überkompensation erfolgen sollte, ist diese zurückzuzahlen.

Welche anderen finanziellen Hilfen gibt es?

Inhaber eines Wahrnehmungsvertrags aus der freien Szene können auf einen Ausgleich hoffen: Ihnen bietet die Gesellschaft zur Verwertung von Leistungsschutzrechten mbH (GVL) eine einmalige Soforthilfe in Höhe von 250 Euro an, wenn sie durch virusbedingte Veranstaltungsabsagen Honorarausfälle erlitten haben. Zur Beantragung müssen sich Betroffene direkt an die GVL wenden.

Die Gema hat einen "Schutzschirm Live" eingerichtet, eine pauschale Nothilfe, mit der Musikurheber eine Vorauszahlung auf ihre künftigen Ausschüttungen in den Live- und Wiedergabesparten beantragen können. Diese finanzielle Unterstützung richtet sich vorrangig an Komponisten und Textdichter der GEMA, die zugleich als Performer auftreten und aufgrund von flächendeckenden Veranstaltungsabsagen in finanzielle Schwierigkeiten geraten. Anträge können ab dem 30. März 2020 über das Online-Portal der Gema gestellt werden. Darüber hinaus hat die Gema aus den Mitteln für soziale und kulturelle Förderung einen "Corona-Hilfsfonds" gebildet, aus dem existenziell gefährdete Mitglieder eine einmalige persönliche Übergangshilfe von bis zu 5.000 Euro beantragen können.

Zur Unterstützung freiberuflicher Museumswissenschaftler hat die Ernst-von-Siemens-Kunststiftung kurzfristig ein Förderprogramm aufgelegt. Mit der Förderung sollen die Betroffenen an den Museen gehalten und in Notlagen unterstützt werden. Je nach Projekt will die Stiftung zwischen 2.000 und 25.000 Euro "für begrenzte Restaurierungsprojekte und die wissenschaftliche Arbeit an Ausstellungskatalogen, Bestandskatalogen oder Werkverzeichnissen" beisteuern.

Gibt es besondere finanzielle Hilfen für freischaffende Berufsmusiker?

Die Deutsche Orchester-Stiftung hat eine bundesweite Spendenkampagne gestartet, um freischaffende Berufsmusiker in der Coronakrise zu unterstützen. Weil alle Auftritte und Unterrichtsstunden abgesagt worden seien, stünden viele von ihnen vor dem sozialen Aus, sagte der Geschäftsführer der Deutschen Orchestervereinigung, Gerald Mertens. Die Spenden sollen dabei helfen, die ersten kritischen Tage und Wochen zu überbrücken, bis die staatlichen Hilfen organisiert seien.

In diesen eigens eingerichteten Nothilfefonds kann jeder einzahlen. Die Stiftung will sich um eine zeitnahe Verteilung der Gelder kümmern. Zudem bieten die Deutsche Orchestervereinigung und die GVL Nothilfefonds an. Informationen sind auf den jeweiligen Webseiten zu finden.

Spendenkonto

Deutsche Orchester-Stiftung
Kennwort: Nothilfefonds
IBAN: DE35 1004 0000 0114 1514 05
BIC: COBADEFFXXX

Laut Mertens müssen Musiker einen zweiseitigen Antrag ausfüllen, um Hilfe aus diesem Spendentopf zu beantragen. In diesem müsse der Musiker darstellen, welche Honorare und Veranstaltungen ihm entgangen sind. Außerdem müsse der Bescheid der Künstlersozialkasse beigefügt werden, um zu belegen, dass man ein freiberuflicher, professioneller Künstler ist. Den Antrag finden Musiker auf der Internetseite der Orchester-Stiftung.

Gerlad Mertens, Geschäftsführer der Deuschen Orchestervereinigung – Lachender Mann an Betonsäule in Büro 7 min
Bildrechte: Maren Strehlau

Die Deutsche Orchester-Stiftung ruft angesichts der Corona-Krise zu Spenden auf. Damit soll den frei arbeitenden Berufsmusikern in Deutschland unter die Arme gegriffen werden.

MDR KULTUR - Das Radio Di 17.03.2020 13:10Uhr 06:51 min

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Audio

Nothilfe-Fonds "Sängerhilfe"

Die Zeitschrift "Oper" und die Manfred-Strohscheer-Stiftung haben den Nothilfe-Fonds "Sängerhilfe" gegründet. Nach Angaben der Initiatoren können Sängerinnen und Sänger sowie Beschäftigte des Musiktheaters dort Hilfe von bis zu 2.000 Euro beantragen, wenn sie durch die Corona-Krise in wirtschaftliche Bedrängnis geraten sind. Zugleich wurde zu Spenden für den Fonds aufgerufen.

Spendenkonto

Manfred Strohscheer Stiftung
Kennwort/Spendenzweck: Sängerhilfe
IBAN: DE56 1005 0000 0190 4821 17
BIC: BELADEBEXXX

Was können selbstständige Künstler sonst noch tun?

Der Rat der Handelskammern ist eindeutig: Selbstständige sollten sich nicht gleich arbeitslos melden. Laut IHK Gera können sie stattdessen Ergänzungsleistungen beim zuständigen Jobcenter beantragen, um zumindest den Lebensunterhalt abzusichern. Solche Mittel sollen laut den Arbeitsagenturen großzügig, unbürokratisch und schnell bewilligt werden. Der IHK zufolge versuchen derzeit offenbar viele Selbstständige, sich arbeitslos zu melden und ihr Gewerbe abzumelden. Hier sei es derzeit besser, erstmal abzuwarten, welche Hilfen die Bundesregierung dazu noch beschließt, so der Handelsverband Sachsen.

Darüber hinaus empfiehlt die Gewerkschaft ver.di selbstständigen und freien Kulturschaffenden, ihre Ausfälle genau zu dokumentieren. Künstler sollten etwa abgesagte Veranstaltungen, Aufträge oder Stipendien mit Datum, Zeit- und Gehaltsangaben sowie Veranstalter dokumentieren und ihren Anteil am Jahresgesamtumsatz schätzen. Sollte es eine Notfallförderung geben, kann die Dokumentation eingereicht werden.

Auch die Stundung oder das Herabsetzen von laufenden Vorauszahlungen zur Einkommenssteuer und Körperschaftssteuer kann Linderung verschaffen. Dies kann vom zuständigen Finanzamt auf Antrag genehmigt werden. Empfohlen wird, direkt beim Finanzamt anzurufen.

Was passiert, wenn man als freier Künstler keine Einnahmen mehr erzielen kann?

Wer keine Einnahmen erzielen kann, weil zum Beispiel Konzerte, Ausstellungen und ähnliches abgesagt werden, hat die Möglichkeit, Leistungen nach dem Zweiten Buch des Sozialgesetzbuchs (ALG II) zu beantragen. Ansprechpartner ist das jeweils zuständige Jobcenter oder, für die Bewilligung von Arbeitslosengeld I, die Agentur für Arbeit.

Ab dem 1. April werden die Zugangsbeschränkungen für Hartz IV gelockert: Die Vermögensprüfung und die Überprüfung der Wohnungsgröße sollen dann für einen Zeitraum von sechs Monaten wegfallen. Konkret heißt dies, dass man in der eigenen Wohnung bleiben kann, auch wenn diese eigentlich zu groß für den Bezug von ALG II ist. Die Prüfung der Bedarfsgemeinschaft bleibt allerdings bestehen. Die Leistungen sollen schnell und unbürokratisch bewilligt werden.

Welche Maßnahmen bietet das Künstlersozialversicherungsgesetz in Notlagen?

Gerald Mertens von der Deutschen Orchestervereinigung erklärt: "Lässt sich die Schätzung des gemeldeten voraussichtlichen Jahresarbeitseinkommens im laufenden Jahr nicht verwirklichen, weil zum Beispiel Aufträge storniert werden, besteht jederzeit die Möglichkeit, der Künstlersozialkasse (KSK) die geänderte Einkommenserwartung zu melden. Die Beiträge werden auf Antrag den geänderten Verhältnissen angepasst. Die Änderung wirkt sich für die Zukunft aus und kann nach der gesetzlichen Regelung zwar wiederholt, aber nicht rückwirkend korrigiert werden. Eine Änderung der Schätzung des voraussichtlichen Jahresarbeitseinkommens sollte deswegen sorgfältig und behutsam erfolgen, je nachdem wie sich die Situation im laufenden Kalenderjahr absehbar entwickelt. Bestehen akute Zahlungsschwierigkeiten, können individuelle Zahlungserleichterungen gewährt werden. Dazu wird die KSK auf ihrer Webseite bald weitere Informationen geben."

Das könnte Sie auch interessieren

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 17. März 2020 | 13:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 01. April 2020, 10:11 Uhr

Abonnieren