Solidaritätsaktion mit freischaffenden Musikern "Live ist Life" – wie ein "Konzert" trotz Corona stattfinden kann

In Corona-Zeiten streamen immer mehr Musiker ihre Konzerte im Netz. Doch auch der beste Livestream kann ein Konzerterlebnis nicht ersetzen. In Thüringen sind öffentliche Versammlungen in kleinem Rahmen wieder erlaubt. Diese Gelegenheit haben die Thüringer Achava-Festspiele genutzt. Unter dem Motto "Live ist Life" treten am 3. Mai Musikerinnen und Musiker in Weimar und Eisenach auf. Mit der Aktion sollen freischaffende Musiker finanziell unterstützt werden.

Thüringer Bach Collegium in Arnstadt
Verantwortlich für die musikalische Gestaltung der Kundgebung: das Thüringer Bach Collegium. Bildrechte: Förderverein Thüringer Bach Collegium / Jens Kobe

Wie bringt man in Zeiten, in denen keine Konzerte stattfinden dürfen, Musik zu den Menschen? Diese Frage beschäftigt Martin Kranz und Gernot Süßmuth seit Beginn der Corona-Krise. Kranz ist Intendant der Thüringer Achava-Festspiele, ein Musik- und Theaterfestival, das sich seit 2015 dem jüdisch-interkulturellen Dialog widmet;  Süßmuth ist Violinist und leitet das Ensemble "Thüringer Bach Collegium". Beide wollen klassische Musik auch in Corona-Zeiten erfahrbar machen: Live, direkt vor Ort, mit Musikern und Publikum.

 "Es braucht Perspektive und Hoffnung für die Menschen", sagt Kranz. Dadurch, dass seit Wochen keine Konzerte stattfinden, hätten viele "ein echtes Defizit". Außerdem wolle er sich mit freischaffenden Musikerinnen und Musikern solidarisieren. "Die haben das so noch nie erlebt. In Friedenszeiten hat es das noch nicht gegeben, dass es einfach keine Auftrittsmöglichkeiten gab."

Solidarität mit freischaffenden Musikern

Auch Süßmuth hat seit Corona keine Auftritte vor Publikum mehr gehabt. Musik erklinge im Moment nur im Netz oder im Radio, so der Violinist. Deshalb hätten er und Festspielintendant Kranz darüber nachgedacht, wie man das ändern könne: "Dann fiel uns ein, dass man ja demonstrieren darf." So sei die Idee entstanden, eine Kundgebung mit Musik zu organisieren, erklärt Süßmuth: "Eine Demonstration für die Solidarität mit all denjenigen, die gerade schweigen müssen."

Schloss Belvedere Weimar / Orangerie
In der Orangerie des Schlosses Belvedere in Weimar soll die Kundgebung stattfinden. Bildrechte: Peter Kranz

Diese Kundgebung mit musikalischer Untermalung wird am 3. Mai im Schlosspark Belvedere in Weimar stattfinden. Mehrere Redebeiträge soll es geben, unter anderem von Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow. Anschließend ist ein Kantatengottesdienst in der Georgenkirche in Eisenach geplant. Damit wollen die Veranstalter auch ein politisches Zeichen setzen – und zur Solidarität mit den Musikern aufrufen.

Livemusik trotz Corona möglich

Um die Aktion überhaupt umsetzen zu können, musste Kranz ein ausführliches Schutzkonzept erarbeiten. "Das sind vier ganze DIN A4-Seiten, wo genau draufsteht, was wir wann tun", berichtet er. Dabei gehe es unter anderem um Abstandsregelungen beim Einlass, um Desinfektion und um eine Liste der teilnehmenden Personen mitsamt Adresse. "Da mussten wir viel Zeit investieren, um das sicher und genehmigungsfähig zu machen." Aber, so fügt der Intendant hinzu:  Das war es uns und mir wert. Es ist so wichtig, dass wir etwas tun. Und dass wir zeigen, dass es geht."

Aktuell erlaubt sind in Thüringen Versammlungen von 30 Menschen in geschlossenen Räumen und 50 Menschen unter freiem Himmel. Dementsprechend limitiert sind die Plätze für beide Veranstaltungen. Wer kommen will, kann über den Ticket Shop Thüringen online einen beliebigen Betrag ab fünf Euro spenden. Darüber, wer dann tatsächlich einen Platz bekommt, entscheidet das Losverfahren.

Der Erlös soll komplett an freischaffende Musiker der Achava-Festspiele gehen, sagt Martin Kranz. Freiberufliche Künstler würden, so der Intendant, in der Krise nicht ausreichend vom Staat unterstützt. "Die Soforthilfe greift bei Künstlerinnen und Künstlern nicht, weil sie keine Betriebsausgaben haben. Die haben keinen Dienstwagen, kein Büro! Und für diese Menschen braucht es eine andere Form, um sie zu unterstützen."

Musik, die zur Corona-Gefühlslage passt

Da das Einstudieren komplett neuer Stücke schwierig ist, wenn man nicht wie gewohnt gemeinsam proben kann, greift das Bach Collegium auf schon bekanntes Repertoire zurück. Wichtig für Süßmuth war es, Stücke zu finden, die zur aktuellen Gefühlslage der Menschen passen – deshalb habe er Werke von Johann Sebastian Bach und Antonio Vivaldi ausgesucht, erklärt er. Die Musik sei emotional und strahle gleichzeitig eine gewisse Fröhlichkeit aus: "Sie sind auf der einen Seite tragend, sie drücken das aus, was uns vielleicht alle gerade ein bisschen beschäftigt – diese bangen Fragen – aber in ihrer Motivation sind sie trotzdem positive Stücke."

Da sie so lange nicht mehr vor Publikum gespielt hätten, seien alle etwas aufgeregt, gibt Süßmuth zu. Derweil hofft Kranz, dass es noch weitere Aktionen dieser Art geben wird. Damit Musiker trotz Krise auftreten und Geld verdienen können – und das Publikum nicht ganz auf Livemusik verzichten muss.

Corona: Unterstützung für Künstler und Kreative

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 01. Mai 2020 | 08:10 Uhr

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