Umfrage Das sagen Theater in Mitteldeutschland zum möglichen Wiedereinstieg

Die Spielzeiten der Theater sind Corona-Pandemie vielerorts abgesagt oder scheinen kurz davor. Die Politik macht mal mehr, mal weniger deutliche Ansagen, ob Proben wieder aufgenommen werden können. In dieser unübersichtlichen Situation hat MDR KULTUR die rund 30 öffentlich finanzierten Theater in Mitteldeutschland angefragt, wie – und wann – sie die Möglichkeiten für einen Neustart der Häuser sehen.

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Die Stadt- und Staatstheater sind geschlossen. Aber hinter den Kulissen wird umso mehr gespielt. Als Hauptakteure treten auf: Kulturminister Benjamin-Immanuel Hoff in Thüringen. Er gibt den großen Zampano und erklärt per Zeitungsartikel den Spielbetrieb für diese Spielzeit für beendet. Sachsens Kulturministerin Barbara Klepsch eifert ihm nach, aber bescheidener. Sie informiert in einer Pressekonferenz darüber, dass die Spielzeit für Staatsschauspiel und Semperoper beendet sei. Wobei bei ihr nicht ganz klar wird, was sie genau meint: Nur die Vorstellungen vor Publikum? Oder auch die interne Probenarbeit?

Auf der anderen Seite stehen die Theatermacher, die wieder ins Rampenlicht wollen. Um die Zampanos nicht zu brüskieren, stellen sie vorsichtig und diplomatisch ein paar Fragen und machen Pläne, was zum Beispiel in dieser Spielzeit noch retten wäre, wenn man Hygiene- und Distanzmaßnahmen beachtet. Vielleicht geht ja ein kleines Sommertheater als Open Air im Theaterhof oder ein Liederabend mit Klavierbegleitung? Ihr Spiel erinnert derzeit aber auch an "Warten auf Godot".

In dieser unübersichtlichen Situation hat MDR KULTUR die rund 30 öffentlich finanzierten Theater in Mitteldeutschland angefragt, wie sie die Situation einschätzen und wie – und wann – sie die Möglichkeiten für einen Theater-Neustart sehen.

Sachsen

Einen Neuanfang im Herbst plant der Intendant des Leipziger Schauspiels, Enrico Lübbe – und zwar mit einem Stück, das mit seinem Thema wunderbar in diese schwierigen Zeiten passt: "Wir wollen zu Beginn mit der Winterreise, Schubert/Jelinek eröffnen. Da könnte man schon mal anknüpfen, denn da geht es sehr viel um Einsamkeit."

Enrico Lübbe
Intendant Enrico Lübbe plant, dass es im Hersbt am Leipziger Schauspiel weitergeht. Bildrechte: dpa

Wahrscheinlich werde mit weit unter 100 Zuschauern gestartet, in einem Saal, in den sonst 670 Menschen passten. Schwieriger sehe es bei anderen Produktionen aus, wie bei "Medea", einem griechischen Chorstück am Schauspiel Leipzig, das schon halb fertig geprobt gewesen sei. Nun müsse überdacht werden, so Lübbe, ob und wie mit weniger Menschen und Sicherheitsabstand weitergeprobt werden könne.

Auch Joachim Klement, Intendant des Staatsschauspiels Dresden stellt die Auswahl seiner Stücke für die Herbstspielzeit infrage. "Wenn man ein Stück plant, in dem es um Polarisierung geht, wo man Positionen herausfordert oder erzwingt im Hinblick auf einen Inhalt, ist die Frage: Ist Polarisierung das Erste, was einem im Theater begegnen soll, wenn wir das Haus wieder öffnen? Ist das dann hilfreich?"

Generalintendant Klaus Arauner vom Gerhart-Hauptmann-Theater Görlitz-Zittau verweist darauf, dass die Mitarbeiter der Gesellschaft seit 1. April in Kurzarbeit "Null" seien, am 20. April sei der Beschluss über die vorzeitige Beendigung der Spielzeit 2019/20 gefasst worden. Sobald konkrete Regelungen zu Abstand und Hygienestandards vorlägen, werde man alle notwendigen logistischen, räumlichen und organisatorischen Maßnahmen in Angriff nehmen. Derzeit arbeite man an Spielplanszenarien, deren Machbarkeit von diesen Regelungen abhänge, da sie mit Blick auf Kapazität und Einnahmeerwartungen wirtschaftliche Folgeeffekte hätten: "Diese Hochrechnung ist ein entscheidender Faktor bei der letztlichen Festlegung des Spielplanes im Herbst und damit auch des konkreten Wiedereinstiegsszenarios."

Aber egal, was im Herbst gespielt werden soll, wenn es dazu kommt, muss im Sommer geprobt werden. Doch wie proben mit Mindestabstand, wie mit oder gar ohne Masken? Wie viele Menschen dürfen in eine Umkleidekabine?

Verschärfte Abstandsregeln für Sänger

Für die Orchester und Musiktheater gelten noch einmal verschärfte Bedingungen. Wegen der Tröpfchendiffusion gelten für Sänger und Blasmusiker andere Mindestabstände, für Blechbläser beispielsweis bis zu acht Meter. Wie schwer es da sein wird, ein Orchester zusammenzubekommen, ist vorstellbar. Um dennoch eine Chance auf Proben zu bekommen, erarbeiten die Häuser entsprechende Konzepte, die schließlich von den Gesundheitsämtern abgesegnet werden müssen. Am Schauspiel Leipzig könnte dann ein Proben-Start im Mai oder Juni möglich sein.

Die kleineren Theater in Sachsen haben ganz andere Probleme. Während einige noch überhaupt nicht wissen, wie es weiter gehen soll, hoffen zum Beispiel das Theater der jungen Generation oder die Sächsischen Landesbühnen auf Regelungen für Freilufttheater. Beide Häuser planen ihre Veranstaltungen nach wie vor umzusetzen.

Andere Häusern, die ihre Spielzeiten bereits abgesagt haben, wie die Staatsoperette, arbeiten an einem Ersatzspielplan. Das Theater Plauen Zwickau schließt Ein-Personen-Stücke und Liederabende im Juni oder Juli nicht aus. Die Theater Chemnitz  teilten mit, ihre Spielzeit sei beendet, man arbeite aber an einem "Sommerspielplan 2020" mit kleinen Veranstaltungsformaten. Und auch das Theater Bautzen will das von Intendant Lutz Hillmann inszenierte Sommertheater auf der Ortenburg noch retten. Die normalerweise 40.000 Besucher stellen ein Viertel der Jahresbesucher dar. Brächen sie weg, würden wichtige Einnahmen fehlen.

Kein konstruktives Miteinander

Ganz zu schweigen vom Sinn des ganzen Tuns. "Ein Theater, das nicht spielt, ist seines Sinns beraubt" – diesen Satz stellt Intendant Hillmann unmissverständlich an den Anfang einer Pressemitteilung – auch in seiner Eigenschaft als Vorsitzender des Landesverbandes Sachsen im Deutschen Bühnenverein. Der Verband drängt auf weitere Regelungen auf Landesebene. Einen Maßnahmenkatalog, der weitere Theaterveranstaltungen möglich machen könnte, hat der Verband vergangene Woche erarbeitet und dem Kulturministerium in Sachsen vorgelegt. Doch Ministerin Barbara Klepsch hatte anders als gedacht reagiert und zunächst die Spielzeiten an den beiden Staatstheatern, an Semperoper und Staatsschauspiel, für beendet erklärt. Konstruktives Miteinander sieht anders aus.

Sachsen-Anhalt

 Matthias Brenner, Intendant Neues Theater Halle/Saale
Der hallesche Intendant Matthias Brenner ist voller Tatendrang. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

In Sachsen-Anhalt sprudelt der Intendant des Neuen Theaters in Halle, Matthias Brenner, vor Ideen, um wieder ins Spielen zu kommen. Auch, wenn die Bühnen Halle ihren regulären Spielbetrieb bis Ende der Saison offiziell eingestellt haben - Grund ist der Infektionsschutz, wie die Theater, Oper und Orchester GmbH Halle mitteilte. Darum die Ideen, für alternative Aufführungen. Eine davon: Open-Air Veranstaltungen, im Innenhof des Theaters mit bis zu 60 Zuschauern und Vorsichtsmaßnahmen, wie Brenner erklärt: "Ein Meter Abstand von Stuhl zu Stuhl, und zwar richtiger, effektiver Abstand. Nicht von Nasenspitze zu Nasenspitze, sondern Stuhlkante zu Stuhlkante."

Im Juni oder Juli solle es mit Monologen oder ein, zwei angepassten Stücken aus dem aktuellen Spielplan losgehen. Matthias Brenner könne sich auch vorstellen, immer mal Sängerinnen und Sänger oder Musikerinnen und Musiker aus den anderen Sparten der Bühnen Halle einzubinden. Hauptsache, die Kultur werde wieder erlebbar gemacht. Mit der Stadt seien sie im regen Kontakt und spontan wäre das Ensemble des Neuen Theaters auch. Auch wenn das Gesundheitsamt lange prüfe und erst vier Tage vorher das OK gebe, würden sie trotzdem starten. Er wolle Feuer machen in einem nassen Wald, so Brenner.

Sachsen-Anhalts Theater sind diejenigen, die am längsten auf eine konkrete Ansage ihres Kulturministeriums warten müssen, wie die Umfrage von MDR KULTUR ergab. Während auf lokaler Ebene Austausch stattfindet, fehlt dieser auf der Landesebene. Insofern fordern die Häuser – von  Dessau über Magdeburg, Halle und Stendal – von  ihrem Kulturministerium dringend einen behördlichen Fahrplan für den Wiedereinstieg. Das Theater Magdeburg hat jedoch schon die Notbremse gezogen und die Spielzeit für die aktuelle Saison beendet. Jedoch soll es ein Alternativprogramm geben. Auch in Stendal denkt man über Ersatzprogramme nach, mit kleinerer Besetzung oder stärkerem Medieneinsatz. Man befinde sich auf einem langen Weg in die theatrale Normalität, so Intendant Wolf Rahls, den die Theater auch als Chance sehen könnten und sollten. Der Generalintendant vom Anhaltischen Theater in Dessau, Johannes Weigand, denkt über eigene Produktionen in den Sparten Puppenspiel und Schauspiel für ganz neue Theaterereignisse nach. Er gibt auch zu bedenken, dass mit deutlich weniger Zuschauerzahlen das Proben und Spielen definitiv ein Verlustgeschäft sei.

Thüringen

Dazu, wie und wann es weitergehen könnte, hat es am Donnerstag in Thüringen Gespräche gegeben. Nachdem Kulturminister Benjamin-Immanuel Hoff zunächst den Spielbetrieb für diese Spielzeit für beendet erklärt hatte  – für alle Stadt- und Staatstheater des Freistaates – hat er am Donnerstag in einer Telefon-Schalte mit den Thüringer Intendanten davon gesprochen, dass bei einer neuen Welle der Lockdown gar bis Jahresende denkbar wäre.

Steffen Mensching
Der Rudolstädter Intendant Steffen Mensching glaubt, dass Corona die Aufführungspraxis ändert. Bildrechte: MDR/ Daniela Höhn

Der Intendant am Theater Rudolstadt, Steffen Mensching, malte im Gespräch mit MDR Kultur ebenfalls ein düsteres Bild. Gerade die in der Regel älteren Theaterbesucher seien als Risikogruppe besonders gefährdet. Abstandsregeln, die auch auf der Bühne eingehalten werden müssten, erforderten eine neue Spielweise. Der Mindestabstand zwinge die Häuser dazu, Stücke zu entwickeln, die dieser Spielweise entsprechen – und gleichzeitig dabei noch Produktionen zu schaffen, die ansehbar sind. Es verändere die Aufführungspraxis, so Mensching.

Ein weiteres Ergebnis der Schalt-Konferenz ist eine Arbeitsgruppe der Thüringer Intendanten, um Möglichkeiten für einen neuen Probe- und Spielbetrieb zu erarbeiten. Das begrüßt Hasko Weber, Generalintendant des Deutschen Nationaltheaters in Weimar, als große Freiheit. Wie das Erleben des Theaters sich dann ändert, darauf schaut er jedoch mit Unbehagen, gerade auf den großen Bühnen. In seinem Haus wären Stücke mit Mindestabstand schon inszenatorisch möglich, auch diese ästhetisch interessant zu gestalten. Aber: "Der Kreis der Zuschauer, die das sehen, in so einem großen Raum. Stellen Sie sich das mal vor: 100 Leuten einzeln verteilt. Das ist ja atmosphärisch problematisch. Damit ist ja die Architektur des Theaters konterkariert."

Am Theater Erfurt läuft der Probenbetrieb langsam wieder an – wohlbemerkt unter Einhaltung eines intern entwickelten Hygiene- und Sicherheitskonzeptes. Für "La Traviata" würden ab dem 5. Mai die Solokorrepetitionen beginnen und für "Sweeney Todd" probe der Chor des Theaters Erfurt ab dem 4. Mai in einzelnen Stimmgruppen, heißt es aus dem Theater. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den Werkstätten des Theaters arbeiten in festgelegten Teams und dort, wo es notwendig ist, unter Einsatz von Mund-Nasen-Masken und bauen die Produktionen der nächsten Spielzeit wie geplant.

Neue Formate von Nöten

Von allen Stadt- und Staatstheatern, die auf die MDR KULTUR-Anfrage antworteten, wollen die Hälfte der Häuser die bereits geplanten Open-Air-Veranstaltungen im Sommer durchführen oder denken bereits über alternative Formate von Ein-Mann-Stücken bis Theater Drive-In nach. Unterhaltungsformate in einem Sommer mit eingeschränkten Urlaubsmöglichkeiten sind sicherlich eine gute Idee, aber auch eine besondere Herausforderung. Nichts weniger als neue Formate und eine neue Aufführungspraxis scheint von Nöten

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 30. April 2020 | 15:45 Uhr