MDR KULTUR-Zukunftswerkstatt #5 Buchbranche sucht neue Formate zum Austausch mit Literaturbegeisterten

Zum fünften und vorerst letzten Mal hatte MDR KULTUR zur digitalen Zukunftswerkstatt geladen. Diskutiert wurde dieses Mal die Situation auf dem Literatur- und Buchmarkt. Denn die Corona-Krise bedeutete einen massiven Einschnitt: Die Leipziger Buchmesse wurde abgesagt, Lesereisen abgebrochen, Buchläden geschlossen. Vier Akteure berichten, wie sie mit dem Shutdown umgegangen sind, welche Alternativen es in virtuellen Räumen geben kann und wie die Leipziger Buchmesse realisiert werden kann.

Eine Grafik mit der Abbildung eines Laptops und eines Buches.
Bildrechte: MDR/Florian Leue

Für viele Menschen war die Corona-Krise eine Gelegenheit, sich ganz anders auf Literatur einzulassen. Vielleicht hatten manche seit langem wieder Zeit um an einem Tagebuch oder anderen Texten zu schreiben. Für andere bot der Shutdown die nötige Ruhe, um sich mit schwereren Büchern zu beschäftigen. Das berichtet die Buchhändlerin Elisabeth Röttsches in der MDR KULTUR-Zukunftswerkstatt. Die Corona-Epidemie bot einige Möglichkeiten.

Gleichzeitig war die Krise auch für den Buchmarkt eine tiefgreifende Zäsur: Denn die Vermittlung von Literatur lebt vom Austausch vor Ort. Nur in Buchläden oder auf Messen stoßen Leserinnen, Leser und die Verlage auf Neues und Unerwartetes. Die Epidemie rüttelte also ordentlich an den Strukturen der Branche.

Das Gerüst steht

Besucher auf der Leipziger Buchmesse
Die Leipziger Buchmesse ist ausgefallen. Bildrechte: MDR/Marco Prosch

Das große Gerüst, bestehend aus Buchhandel, Autorinnen, Autoren und Literaturberieb mit Veranstaltenden und Buchmessen, steht noch. So ließe sich zusammenfassen, was die Gäste der Zukunftswerkstatt an Erfahrungen zusammengetragen haben. An manchen Stellen muss allerdings eine neue Stütze eingebaut werden, hier und da eine Schraube nachgezogen oder ausgetauscht werden. Das ist vor allem nötig, weil im Frühjahr eine der normalerweise wichtigen Stützen weggebrochen ist: die Leipziger Buchmesse.

Die Arbeit eines ganzen Jahres war umsonst. Wir musste unser mühsam erarbeitetes Geld wieder zurückgegeben und konnten nichts für das Buchgeschäft tun.

Oliver Zille, Direktor der Leipziger Buchmesse

Ungewohnter Einschnitt

Für alle, die sich im Buchgeschäft bewegen, war dieser kurzzeitige Zusammenbruch der Betriebsstrukturen eine komplett neue Situation. Jo Lendle, Chef des Hanser-Verlages, erkennt zielsicher die Potentiale einer bestimmten Roman-Idee oder die Möglichkeiten einer beherzt gesetzten Anthologie zur deutschen Minnelyrik. Aber er musste auf ungewohnte Pfade ausweichen, als er nach Wegen suchte, wie er Bücher ohne die dazugehörigen Buchpremieren, Messeauftritte, Signierstunden präsentieren könnte. Er versucht deswegen noch näher an die heranzurücken, die seine Begeisterung für Bücher teilen.

Doch die größte Überraschung war für den Verleger, dass der Versandhandel sein Urspungsgeschäft komplett vernachlässigte und sich auf Alltagsprodukte konzentrierte: "Das hat uns erstmal kalt erwischt. Wir haben uns Sorgen gemacht und uns gefragt: Wie kommen die unabhängigen Buchhändler mit dieser Situation zurecht, in der sie das abfangen mussten. Das hatten wir niemals geprobt. Dann merkten wir, dass da etwas greift, wo die Leute gemerkt haben: Wenn ich meine Buchhandlung behalten will, muss ich da hingehen."

Lob der Strukturen

Trotz der ungewohnten Situation erzählen die Gäste der Zukunftswerkstatt mit einer großen Ruhe, denn die Situation könnte schlimmer sein. Alle vier loben die großzügigen staatlichen Förderprogramme und betonen, dass in anderen Ländern die Bedingungen weitaus härter sind. Schriftstellerin Nora Bossong und Oliver Zille, Jo Lendle und Elisabeth Röttsches erklären, dass sie nicht zu den Jammerern gehören wollen. Stattdessen wollen sie sich den Dingen stellen, am besten mit Ideen und Taten.

Neue Formate für die Zukunft

Nora Bossong beispielsweise drängt in dieser Stunde immer wieder darauf, die Corona-Krise im Zusammenhang mit der Klimakrise zu verstehen. Corona zwänge uns jetzt möglicherweise zu einem Umdenken, das schon im Zuge der Klimakatastrophe hätte stattfinden müssen: "Man muss sich grundsätzlich Gedanken machen, wie das langfristig laufen soll: Wollen wir ein bedingungsloses Grundeinkommen für Künstler, wollen wir über bestimmte Formate der Literaturförderung neu nachdenken, ist es sinnvoll, jemandem zum Vorlesen von drei Gedichten nach Australien zu schicken?"

Mit diesen Fragen macht sich Bossong für neue Formate stark, die in den vergangenen Monaten überall auftauchten: digitale Lesungen und Online-Buchmessen. Diese Ideen könnten die Branche auch in Zukunft prägen. Für Oliver Zille jedoch sind das nur aus der Not geborene Formate. "Was eine Messe leistet, kann digital nicht ersetzt werden", verteidigt er seine Veranstaltung.

Gleichzeitig deutet der Buchmesse-Chef an, dass nichts in Stein gemeißelt sei und dass der Termin der Buchmesse, der traditionell im März liegt, nicht mehr unantastbar sei. Denn der März ist eine Haupt-Viren-Verbreitungszeit, und vielleicht muss ein Branchentreffen dem Virus weichen. Jo Lendle macht das mit dem Hanser-Verlag schon in diesem Herbst vor: Er wird auf der Frankfurter Messe keinen Stand buchen. Auf welches Ziel der Buchmarkt in dieser Krise hinläuft, lässt sich in dieser Zukunftswerkstatt noch nicht ablesen. Klar ist nur, dass der Weg in die Zukunft mit der Liebe zur Literatur und dem Medium Buch gepflastert ist.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 15. Juli 2020 | 06:15 Uhr