Contra Darum gehört Cosplay nicht auf die Buchmesse

von Claudius Nießen

Claudius Nießen
Bildrechte: Martin Jehnichen

Es ist kalt draußen und das Telefon klingelt. Der Mitteldeutsche Rundfunk ist dran, ob ich was schreiben will über die Leipziger Buchmesse. Buchmesse? Da wird mir gleich warm ums Herz. Das ist wie Geburtstag und Weihnachten an einem Tag, die schönste Zeit des Jahres, denke ich. Vor Freude rutscht mir die Brille von der Nase. "Ich will", sage ich. Und erwische mich im gleichen Moment bei dem Gedanken, dass man nie zu schnell "Ja" sagen sollte. Aber da ist es schon zu spät: Ich soll über Cosplayer schreiben. Cosplayer – um das einmal für die Nachwelt festzuhalten, sind Menschen deren Hobby es ist, sich zu verkleiden und zwar als Figuren aus Manga-Comics, Anime-Trickfilmen und Fantasygeschichten. Und weil das alleine irgendwie nicht den Kick bringt, trifft man sich verkleidet auf so genannten Conventions. Die größte in Deutschland ist die Manga-Comic-Con in der Halle 1 der Leipziger Messe und die findet parallel zur Leipziger Buchmesse statt. 15.000 Menschen zählt die Community der Cosplayer, lese ich. Gefühlt reisen die alle Jahre wieder mit Mann und Maus zur Buchmesse an und verstopfen die Gänge.

Seit dem letzten Jahr ist der Bogen aber nun wirklich überspannt. Da fegte mir eine irgendso ein Laserschwert die Brille von der Nase.

Claudius Nießen

Um eines gleich klar zustellen:  Ich habe nichts gegen Cosplayer. Ich liebe alle Menschen. Und Feen, Fabeltiere und Figuren aus Fantasygeschichten sowieso. Aber ich habe eine ausgeprägte Aversion gegen Kostüme. Ich mag mich einfach nicht verkleiden. Ich bin der, der auf Schwarz-Weiß-Mottopartys mit einem orangen Pullover in der Ecke vom Kühlschrank steht und wenn irgendwo die Roaring Twenties gefeiert werden, dann bleibe ich inzwischen lieber gleich zu Hause. Da kann kein Cosplayer was dafür. Das weiß ich.

Und weil ich auch um Menschenmassen eigentlich am liebsten einen großen Bogen mache, ist der Besuch der Buchmesse nicht nur eine Freude sondern auch eine ziemliche Herausforderung. Und da, das muss ich jetzt mal so sagen, liebe Cosplayer, macht ihr es mir nicht wirklich einfacher. Lange Zeit habe ich mich auf dem Weg zwischen zwei Terminen einfach nur an Euch vorbeigedrängelt. Als wäre der Weg zwischen zwei Messehallen nicht eh schon eine Tortur, habe mich an ausladenden Flügeln vorbeigezwängt, mich vor herabsausenden Pappmache-Schwertern geduckt und bin in letzter Sekunde dem Tod durch überdimensionierte Laserwaffen aus der Zukunft entkommen. Seit dem letzten Jahr ist der Bogen aber nun wirklich überspannt. Da fegte mir eine irgendso ein Laserschwert die Brille von der Nase.

Handwerklich, dass muss man jetzt einmal ganz ohne Neid zugeben, handwerklich war das Laserschwert echt gut gemacht. Und der Alien, der es geschwungen hat, beeilte sich auch zu betonen, dass er in Frieden komme und dass das alles keine Absicht gewesen sei. Die Brille war dennoch hin. Liebe Cosplayer, ich habe nichts gegen euch. Aber bitte bitte, haut mir dieses Jahr nicht wieder die Brille von der Nase.

Kurzporträt: Claudius Nießen ist Autor, Herausgeber und Geschäftsführer des Deutschen Literaturinstituts Leipzig. Eigentlich hätte aus ihm ein Cosplayer der ersten Stunde werden müssen. Schließlich ist er im Rheinland geboren, dass sich bekanntlich als Keimzelle des Karnevals versteht. So hätte er die Lust am Verkleiden quasi mit der Muttermilch aufsaugen müssen. Ob er beim alljährlichen Rosenmontagszug blaue Flecken vom Kamelle-Werfen davon getragen hat, ist ebenso wenig überliefert, wie mögliche andere Gründe für seine Abneigung gegenüber Verkleidungen. Nur so viel steht fest: Für Cosplay kann er sich ebenso wenig begeistern, wie für die fünfte Jahreszeit.

Über die Leipziger Buchmesse berichtet MDR KULTUR auch im Radio und Fernsehen: MDR KULTUR - Das Radio:
15.2. | 14:30 Uhr
15.3. | 12-14 Uhr und 17-19 Uhr
16.3. | 12-14 Uhr und 17-19 Uhr
18.3. | 12-13 Uhr

Im MDR Fernsehen:
15.3. | 22:05 Uhr "artour"
17.3. | 23:15 Uhr "Unter Büchern"

Zuletzt aktualisiert: 01. März 2018, 00:00 Uhr