Angst
Kriminalromane und Thriller sind Studien zufolge die beliebtesten Buch-Genres der Deutschen. Bildrechte: Colourbox

Zum Auftakt der Criminale Robert Harris, Arne Dahl und Co. - wie Krimiautoren mit unseren Ängsten spielen

Bei der Criminale in Halle lesen in dieser Woche Krimiautoren aus ihren Werken. Anlass für MDR KULTUR, drei Krimis vorzustellen, die Ängste wie Terrorismus, Finanzkrise und Kindesmissbrauch aufgreifen.

von Stefan Maelck, MDR KULTUR-Krimikritiker

Angst
Kriminalromane und Thriller sind Studien zufolge die beliebtesten Buch-Genres der Deutschen. Bildrechte: Colourbox

Ein guter Krimi ist viel mehr als der Kriminalfall, den er erzählt. Der Fall ist am stärksten, wenn er sich aus den Problemen, aus den Krisen einer Gesellschaft nährt und entwickelt. Derzeit ist die Finanzkrise ein großes Thema in der Kriminalliteratur, genau wie in anderen fiktionalen Erzählformen und wie auch im Sachbuch: Krise, Inflation, Abbau des Sozialstaats, Zukunftsängste, wachsende gesellschaftliche Reibungspunkte, wachsende Verbrechensraten wegen der größer werdenden Schere zwischen Arm und Reich. Und auch die zunehmende Migration in Europa – also all das, was aus diesen Krisen erwächst und erwachsen kann wird abgebildet, analysiert und antizipiert. Ein weiteres Thema ist natürlich der internationale Terrorismus, auch hier gibt es jede Menge guten Lesestoff – bei aller Monstrosität des furchtbaren Themas.

Zwei der besten Krimis zum Thema Finanzkrise sind nicht mehr ganz neu, aber herausragend: Das sind meiner Meinung nach "Angst" von Robert Harris und "Gier" von Arne Dahl. Ein Krimi, der sich mit dem Verschwinden des Sozialstaats, mit Begriffen wie Multikulti, Überfremdung, Migration, Integration und internationalem Terrorismus beschäftigt und mit den daraus resultierende Ängsten, ist "Unter Feinden" von Georg M. Oswald. Aber auch Oswalds letzter Roman "Alle die du liebst" beschäftigt sich mit den aus der Globaliserung resultierenden Veränderungen.

Robert Harris: "Angst" - Angst in Zeiten der Finanzkrise

Robert Harris hat Bestseller wie "Vaterland" und "Enigma" verfasst. Wie nähert er sich dem Thema Finanzkrise in seinem Roman "Angst"? Harris macht das mit einem einfachen aber effektiven Trick: Am Anfang ist mal wieder Charles Darwin. Nicht dessen Buch "Von der Entstehung der Arten", das kommt später, sondern sein Werk "Über den Ausdruck der Gemütsbewegungen bei Mensch und Tier", erstmals erschienen 1872 in London und als Erstausgabe heute gut 10.000 Euro wert. Und so eine Erstausgabe findet der amerikanische Mathematiker Dr. Alexander Hoffmann eines Tages in seiner Post. Allein die Visitenkarte eines Amsterdamer Antiquariats gibt einen Hinweis darauf, wo das Buch herkommt. Diese Karte liegt ausgerechnet im Kapitel über die menschliche Angst.

Robert Harris: Angst (Buchcover)
Robert Harris: Angst (Buchcover) Bildrechte: Heyne Verlag

Hoffmann ist nicht sehr verwundert über das wertvolle Buch, er lebt mit seiner Frau Gabby in einer 60-Millionen-Euro-Villa in Genf und verdient Milliarden mit einem Hedge-Fonds – Hoffmann hat ein selbstlernendes, auf Algorithmen basierendes Computersystem erfunden, an dem er jahrelang gebastelt hat. "Vixal-4" scannt das Netz auf alles, was mit Angst zu tun hat, und zieht daraus sekundenschnell wertvolle Schlüsse über mögliches Anlegerverhalten.

Schnell entwickelt Harris die ganze Paranoia der Finanzwelt: Hoffmann findet heraus, dass er das Darwin-Buch angeblich selbst bestellt hat, auch im weiteren Verlauf gibt es immer wieder Transaktionen, an die er sich nicht erinnern kann. Liegt das an seiner Kopfverletzung? Oder meldet sich die alte Depression zurück, mit der er sich herumgeschlagen hat, bevor er mit "Vixal-4" erfolgreich wurde? Oder stecken gar sein alter Kollege Bob Walton oder sein Partner Hugo Quarry hinter all den Ungereimtheiten? Oder schlichter Identitätsdiebstahl? Oder der nächtliche Einbrecher in Hoffmanns Haus?

"Vixal-4" ist nicht zu stoppen, arbeitet auf den sogenannten Flash-Crash hin, etwas, das es im Mai 2010 wirklich gegeben hat, als der Dow Jones plötzlich um mehr als neun Prozent fiel. Alex Hoffmann ahnt, dass "Vixal-4" inzwischen Entscheidungen trifft, die nicht mehr im Interesse seiner Firma sind. Und so kommt es natürlich zu einem Showdown, in dem der Zauberlehrling begreift, dass er die Geister, die er rief, vernichten muss. "Angst" ist in Zeiten, in denen die Börse selbst Facebook und Twitter auf mögliches Anlegerverhalten analysiert, nicht wirklich überraschend, aber unheimlich unterhaltsam und spannend.

Angaben zum Buch: Robert Harris: Angst (Originaltitel The Fear Index)
aus dem Englischen übersetzt von Wolfgang Müller
erschienen im Heyne Verlag 2011
Taschenbuch, 384 Seiten, ca. 10 Euro

Arne Dahl: "Gier" - Kindesmissbrauch, Umweltverbrechen und die italienische Mafia

Arne Dahl: Gier (Buchcover)
Arne Dahl: Gier (Buchcover) Bildrechte: Piper Verlag

"Gier" war der Auftakt einer Thrillerserie um ein geheimes Europol-Team im Kampf gegen das internationale Verbrechen. Bei einer Frauenleiche, die im Londoner Hampstead gefunden wird, entdeckt man im Enddarm ein Röhrchen mit einer Nachricht an die Operative Einheit von Europol. Zuvor gab es schon eine Leiche in London, ein Tibeter, der überfahren wird und einem der Europol-Mitarbeiter, bevor er stirbt, noch ein paar unverständliche Worte mitgibt. Neben London spielt der Roman in New York, Riga, Stockholm, Den Haag und schließlich auch noch in Italien. In "Gier" bildet die Leiche der Frau aus London das Zentrum der geschilderten Verbrechen, es handelt sich um eine New Yorker Finanzanalystin, die einem unglaublichen Finanzbetrug auf die Spur gekommen ist. Doch "Gier" wäre kein echter Dahl, würden nicht auch ein Kindesmissbrauch, Umweltverbrechen und die italienische Mafia eine Rolle spielen. "Gier" ist ein typischer Arne Dahl und doch ist er mehr – der Autor wird immer perfekter in seiner Schilderung einer großangelegten weltweiten Finanzverschwörung. Mit diesem Roman hat Dahl Dantes Göttliche Komödie für den Kriminalroman erschaffen – um so tiefer man in die engeren Kreise gerät, umso größer wird die Sünde. Bei Dahl gibt es allerdings nur das Inferno, keinen Läuterungsberg und kein Paradies.

Angaben zum Buch: Arne Dahl: Gier
erschienen im Piper Verlag 2013
aus dem Englischen übersetzt von Antje Rieck-Blankenburg
Taschenbuch, 528 Seiten, ca. 11 Euro

Georg M.Oswald: "Unter Feinden" - Internationaler Terrorismus und persönlicher Kontrollverlust

Georg M. Oswald: Unter Feinden (Buchcover)
Georg M. Oswald: Unter Feinden (Buchcover) Bildrechte: Piper Verlag

Georg M. Oswald ist ein deutscher Autor, der auch als Anwalt arbeitet und mit "Unter Feinden" als Krimiautor startete. Er beschäftigt sich mit dem internationalen Terrorismus. Sein Roman spielt allerdings an nur einem Handlungsort: München. Die Kommissare Diller und Keller sind alte Kumpels, sie teilen eine Rock'n'Roll-Vergangenheit, genau wie die Liebe zur selben Frau, die inzwischen Dillers Ehefrau ist. Keller jedoch hat es übertrieben mit seiner Vorliebe für Drogen. Während die beiden im Vorfeld der großen Münchener Sicherheitskonferenz eine Wohnung observieren, versucht Keller sich Drogen zu besorgen. In derselben Nacht kommt es in dem Münchener Problemviertel zu Unruhen und Keller nutzt das Chaos, den jungen Dealer Amir Aslan über den Haufen zu fahren. Diller deckt den Freund, der sich immer tiefer in eine ausweglose Lage verstrickt. Keller wird erpresst von einem Mann, der ihm anbietet, als Dealer das Geld für die eigene Sucht und das Schmerzensgeld für die Familie des Opfers zu verdienen. Nebenbei sind Diller und Keller vorrangig damit beschäftigt, potentielle Attentäter mit islamistischem Hintergrund vor der Sicherheitskonferenz dingfest zu machen. Während Diller Stress mit seiner radikalen Tochter hat, stirbt Amir Aslan am Abend vor der Gegenüberstellung mit Diller und Keller. Und die Terroristen machen Keller ein Angebot, das er nicht ablehnen kann. Bei der Sicherheitskonferenz kommt es zur Katastrophe. Auch dieser Roman ist ein Beispiel für den Umgang mit der Angst einer Gesellschaft, die Kontrolle zu verlieren.

Angaben zum Buch: Georg M.Oswald: Unter Feinden
erschienen im Piper Verlag 2013
Taschenbuch, 256 Seiten, ca. 9 Euro

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Bildrechte: Colourbox.de

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MDR KULTUR - Das Radio Mi 02.05.2018 18:05Uhr 07:10 min

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Ein Mann zielt mit einer Pistole.
Bildrechte: colourbox.com

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Raymond Chandler hat mit seiner Art des Krimi-Schreibens die amerikanische Roman-Kunst entscheidend geprägt. Nicht nur mit seinem Privatdetektivs Philip Marlowe. Ein literarisches Porträt von Stefan Maelck.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | MDR KULTUR Spezial | 02. Mai 2018 | 18:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 02. Mai 2018, 00:00 Uhr

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