Siri Hustvedt
Mit "Damals" erscheint Siri Hustvedts siebter Roman. Bildrechte: imago/ZUMA Press

Roman "Damals": Siri Hustvedts Reise in die eigene feministische Vergangenheit

Der neue und zu Teilen autobiografische Roman der amerikanischen Autorin Siri Hustvedt streift eine Vielzahl von Themen: Frauensolidarität und Männerwahn, Liebe und Geschlechterkampf, Gewalt und Versöhnung. Doch dabei verzettelt sich Hustvedt nicht und liefert am Ende ein gelungenes Werk, wie unser Literaturkritiker findet.

von Jörg Schieke, MDR KULTUR-Literaturkritiker

Siri Hustvedt
Mit "Damals" erscheint Siri Hustvedts siebter Roman. Bildrechte: imago/ZUMA Press

Das Werk führt uns ins New York Ende der 70er-Jahre, nach Manhattan, wo die Luft flimmert von Versen und Ideen und Bildern, von Rausch und Traum. Die Dichter John Ashbery und Allen Ginsberg zelebrieren hier ihre Lesungen, Djuna Barnes hat einen poetischen, elegant eigensinnigen Feminismus begründet, und da hinein taumelt und tanzt eine junge Frau, die all ihre Jugend auf die eine Karte, die eine große Sehnsucht setzt: Sie will dazugehören, sie will lesen und schreiben, modern und unabhängig und furchtlos. 

Biografischer Roman von Siri Hustvedt

Es ist zu Teilen ihre eigene Geschichte, die die amerikanische Erfolgsautorin Siri Hustvedt mit ihrem neuen Roman "Damals" in Szene setzt. Hustvedt, für ihre letzten Romane international gefeiert, schreibt mit "Damals" ein sehr persönliches Buch und zeigt sich zugleich als versierte Roman-Konstrukteurin.

Sie braucht nicht mehr als eine kleine Wohnung, einen guten Platz in der Bibliothek, eine Neugier, jeder noch so abstrusen Roman-Idee, jeder noch so schwierigen Lektüre nachzugehen. "Minnesota", so wird die junge Frau, ihrer Herkunft wegen, von ihren Freundinnen genannt. Und natürlich erkennt man in dieser überspannt literaturbesessenen Ich-Erzählerin die heute 60-jährige Erfolgsautorin Hustvedt. 

Auszug aus "Damals"

Die ersten Momente in meinem ersten Apartment haben in der Erinnerung etwas Strahlendes, was nichts mit Sonnenlicht zu tun hat. Sie sind von einer Idee erleuchtet. […] Ich war 23 Jahre alt, mit einem Bachelor in Philosophie und Englisch vom St. Magnus College (einer kleinen, liberalen, von norwegischen Einwanderern gegründeten geisteswissenschaftlichen Universität in Minnesota), 5.000 Dollar auf der Bank, einem Haufen Kohle, den ich gespart hatte, als ich nach dem Examen ein Jahr lang in meiner Heimatstadt Webster als Barfau gejobbt und mich umsonst zu Hause einquartiert hatte, einer Smith-Corona-Schreibmaschine, einem Werkzeugkasten, von meiner Mutter gespendeten Küchenutensilien und sechs Kisten voller Bücher. Aus Kanthölzern und eines Sperrholzplatte baute ich mir einen Schreibtisch.

Aufstand gegen das Patriarchat

Siri Hustvedt
Die Autorin Siri Hustvedt Bildrechte: IMAGO

"Damals" ist eine große autobiografische Erzählung, eine ins Licht der 70er-Jahre getauchte Erinnerung – von Hustvedt an entscheidenden Stellen jedoch um ihr Wissen und ihr schriftstellerisches Können der Jetzt-Zeit ergänzt. Und so knüpft Hustvedt einen Erzählstrang an den nächsten; sie bewegt sich zwischen Damals und Heute. Lässt die 60-jährige Roman-Autorin Hustvedt die eigenen Tagebücher aus den 70er-Jahren finden, lässt sie stöbern in frühen, nie zuende gebrachten Roman-Projekten und modelliert eine Zeit, in der sich Feministinnen zu einer Art Hexenversammlung zusammenfanden und die Welt in ihren Maßstäben und Machtverhältnissen noch immer eine von Männern bestimmte Welt war, an der Universität genauso wie abends bei der Party.

Genau gegen diese Welt aber begehrt die junge Frau auf, sie wird stark und selbstbewusst eben in dem Moment, da sie nach einer gerade noch abgewehrten Vergewaltigung ihre Scham und Angst überwindet – und bald wieder auf die Straße geht, nun aber mit einem Messer in der Tasche. Sie wehrt sich auch mit ihrem Wissen, ihrer Sprache, und setzt der von den Männern beherrschten Philosophie und Literaturwissenschaft ihre eigenen Überlegungen entgegen. Eine der großartigsten Stellen in diesem Buch ist jene, da die junge Studentin einen selbstgefälligen Professor mit knallharten Wittgenstein-Zitaten in Grund und Boden debattiert – und anschließend, erschrocken über die eigene Courage, in Ohnmacht fällt.

Gelungener Roman – mit kleinen Makeln

Siri Hustvedts siebter ist ein gelungener Roman; tief melancholisch der eigenen Jugend nachschauend, raffiniert aber genau diese Melancholie auch immer wieder bezähmend. Sicher, die aus der Perspektive der gereiften Autorin eingestreuten politischen Botschaften, der etwas manifest-artige Feminismus sprengen manchmal das so geschmeidige Miteinander der Zeit-Ebenen. Aber das ist nur ein winziger Makel in einem Buch, das wahre und erdichtete Biografie schlüssig zusammenbindet – auf dass daraus ein sehr lesenswerter Roman entsteht.

Cover des Romans "Damals" von Siri Hustvedt.
Der Roman "Damals" von Siri Hustvedt ist im Rowohlt Verlag erschienen. Bildrechte: Rowohlt Verlag

Infos zum Buch "Damals" von Siri Hustvedt
448 Seiten, gebunden
Verlag: Rowohlt
ISBN: 978-3-498-03041-4
Preis: 24 Euro

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 05. März 2019 | 08:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 05. März 2019, 04:00 Uhr

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