Daniela Krien
Die Schriftstellerin Daniela Krien lebt in Leipzig Bildrechte: Gerald von Foris/Graf Verlag

Roman "Die Liebe im Ernstfall" Daniela Krien erzählt meisterhaft von der Liebe und ihrem Scheitern

Sie arbeiten als Buchhändlerin, Ärztin, Schriftstellerin, Musiklehrerin und Schauspielerin und sind über Freundschafts- oder Verwandtschaftsbeziehungen miteinander verbunden. Sie leben in Leipzig und scheinen alle keinen festen Platz in der Gesellschaft zu finden, kein beständiges Liebes- und Familienglück. Lebensklug und uneitel gewinnt Daniela Krien ("Irgendwann werden wir uns alles erzählen", "Muldental") ihren fünf Frauenbiografien einen neuen Ton ab und erzählt mehr über unsere Gegenwart als manch anderer ambitionierter Text, meint unser Kritiker.

von Rainer Moritz, MDR KULTUR

Daniela Krien
Die Schriftstellerin Daniela Krien lebt in Leipzig Bildrechte: Gerald von Foris/Graf Verlag

Von fünf Frauen erzählt dieser Roman. Sie leben in Leipzig, und sie sind selbstbewusste, eigenwillige Charaktere, die privat wie beruflich einiges zu schultern hatten und haben. Paula ist Buchhändlerin, Judith Ärztin, Brida Schriftstellerin, Malinka Musiklehrerin, Jorinde Schauspielerin. Trotz dieser vermeintlich guten Verankerung im bürgerlichen Leben scheint keine von ihnen auf Dauer in dieser Gesellschaft einen festen Platz, scheint keine von ihnen ein beständiges Liebes- und Familienglück zu finden.

Scheinbar Bekanntes erzählt Daniela Krien lebensklug und mit nachhallendem Ton

Daniela Krien widmet jeder ihrer Protagonistinnen, die über Freundschafts- oder Verwandtschaftsbeziehungen miteinander verbunden sind, ein Kapitel und lässt sie durch ihren Alltag lavieren und auf ihre Vergangenheit zurückblicken, ohne dass sie je einen Fixpunkt erreichen würden. Sie gehen (On-Off-)Beziehungen ein, begreifen Sex nicht nur als Nice-to-have-Phänomen, heiraten, bekommen Kinder, haben Affären, trennen sich, kehren zu ihrem Ex zurück, machen Patchwork-Urlaube, streiten sich ums Sorgerecht, tragen mal offene, mal unterschwellige Konflikte mit ihren Eltern aus – oder suchen, wie die in ihrem Beruf aufgehende Judith, auf Partnerschaftsportalen nach Männern, die ihre Eitelkeit im Zaum halten, kulturell interessiert sind und noch nicht unter Erektionsflauten leiden.

Das alles, so meint man auf den ersten Blick, kennt man – aus vielen anderen Romanen oder Beziehungsratgebern. Umso größer ist das sich steigernde Erstaunen darüber, dass Daniela Krien diesem Reigen von Frauenbiografien einen eigenen, nachhallenden Ton verleiht. Wie schon in ihrem 2011 erschienenen Debütroman "Irgendwann werden wir uns alles erzählen", der von der "amour fou" zwischen einer knapp Siebzehnjährigen und einem über zwanzig Jahren älteren Bauern handelte, herrscht auch in diesem Buch eine Neugier auf das, was zur Liebe und zu deren Scheitern führt.

Ein Roman, der viel über unsere Gegenwart zu erzählen weiß

Dass dieser primär nicht an erzählerischen Innovationen interessierte Roman so überzeugt und über unsere Gegenwart mehr zu erzählen weiß als viele ambitionierter auftretende Texte, hat mit dem klaren, unverstellten und kompromisslosen Blick der Autorin auf ihr Personal zu tun. Dieses kämpft darum, Richtig und Falsch auseinanderzuhalten und danach zu handeln: meist vergeblich. Liebe hat, so die Folgerung, nicht primär mit Gefühl und Romantik zu tun: "Man muss die Liebe vom Ernstfall aus betrachten."

Selten pathetische und sehr präzise Sätze über Ernstfälle

An Ernstfällen mangelt es in diesen Geschichten nicht. Und wie es möglich ist, über Ernstfälle in zurückgenommenen, selten pathetischen und sehr präzisen Sätzen zu schreiben, das lässt sich an Daniela Kriens Roman mit Vergnügen beobachten. Eine ihrer Figuren, die Schriftstellerin Brida, erinnert sich so an die Zeit, als sie an einem Literaturinstitut studierte. An "Menschenkenntnis und Lebensklugheit" habe es der Prosa ihrer Kommilitonen gemangelt, die stattdessen Wert darauf gelegt hätten, "auf Stil getrimmte Texte" zu präsentieren.

Das Leben lässt sich nur vom Ernstfall aus betrachten

Daniela Krien hat mit diesem Buch einen lebensklugen Tonfall gefunden, der mit einfacher Syntax arbeitet und dieses Stilmittel effektvoll einzusetzen versteht. Es sind ihre lapidaren Sätze, die einem nicht mehr aus dem Kopf gehen. Wenn Paulas ökologisch hoch motivierter Partner Ludger sich selbst als glücklichen Menschen sieht, zeigt der Folgesatz, worauf seine Einschätzung basiert: "Paula erschien es, als bezahle sie den Preis für dieses Glück". Und wenn Malikas Mutter, unzufrieden darüber, dass aus ihrer Tochter keine weltberühmte Solistin wurde, deren gute Noten als Musiklehrerin mit einem "Wenn man bedenkt, was du hättest werden können" kommentiert, oder Paula Radionachrichten in der Hoffnung hört auf eine "Meldung, die schlimmer war als ihr eigenes Leben", dann spürt man die uneitle Kunst der Daniela Krien – und man weiß plötzlich, dass das Leben selbst wohl nur vom Ernstfall aus zu betrachten ist.

Informationen zum Buch: Daniela Krien: "Die Liebe im Ernstfall"
Erschienen bei Diogenes Zürich
288 Seiten, 22 Euro, gebunden
ISBN 978-3-257-86354-3

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | Buch der Woche | 26. Februar 2019 | 08:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 26. Februar 2019, 04:00 Uhr

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