Kunstbetrieb in Not Schaden sich Musiker mit Umsonst-Konzerten?

Die Sängerin Norah Jones hat's getan, der Starpianist Igor Levit hat's getan, genauso wie die Techno-Band Scooter, aber auch viele weniger bekannte Musikerinnen und Musiker. Sie haben kostenlos Konzerte gegeben. Umsonst-Konzerte liegen gerade absolut im Trend, sei es für die Nachbarn vom Balkon oder gerne auch aus dem Wohnzimmer hinaus in die Welt per Livestream. Eine tolle Sache, oder? Finden nicht alle. Mittlerweile mehren sich kritische Stimmen.

Die Musiker Kai Mader, Nicolas Schulze, Philip Meister und Buchan Heiß geben ein Jazzkonzert von ihren Balkonen.
Einfach ohne Geld spielen - angebracht oder völlig daneben? Bildrechte: imago images / Martin Müller

Stephanie Lottermoser macht nicht mit. Die Sängerin und Saxophonistin streamt keine Gigs aus dem Wohnzimmer, stellt sich zum Musizieren nicht auf den Balkon, gibt keine kostenlosen Konzerte. Und den Eifer, mit dem gerade viele ihrer Musikerkollegen genau das tun, beobachtet sie mit einiger Skepsis: "An sich haben wir gerade eine ziemliche Not, was den Kunstbetrieb angeht, und uns wird das auch noch monatelang beschäftigen. Ich finde, man muss schon auch so ein bisschen das politische Zeichen sehen, dass man damit setzt."

Musiker sind auch Unternehmer

Das gilt gerade jetzt, wo staatliche Hilfen nicht richtig greifen, findet die Musikerin. Und so hat sie kürzlich mit einem Post auf Facebook Furore gemacht, einem Aufruf an ihre Musikerkollegen: Hört auf, systematisch umsonst Konzerte zu geben! Die Reaktionen: Viel Solidarität, aber auch viel Unverständnis.

Bewohner machen auf einem Balkon Musik
Viele Menschen beteiligten sich im März an einem bundesweiten Aufruf zu einem Musik-Flashmob und spielten die "Ode an die Freude" von Ludwig van Beethoven. Bildrechte: dpa

"Mir haben dann Leute auch einfach geschrieben: 'Ja, aber du brichst dir doch keinen Zacken aus der Krone. Du hast doch dein Saxophon eh zu Hause, dann kannst du doch jetzt auch spielen!"", erzählt Lottermoser: "Ungeachtet dessen, dass ich ja auch die Musiker in meiner Band bezahle, wir nehmen gerade ein Album auf. Das Geld fliegt mir ja auch nicht irgendwie zu. Das wird dann alles so vergessen."

Der typisch romantische Musikbegriff, er verschleiert, dass Musikerinnen und Musiker auch Unternehmer sind. Dabei will Stephanie Lottermoser die Corona-Konzerte gar nicht verdammen: "Mir geht's jetzt nicht darum, dass man mal einen Gruß rauslässt an die Fans oder an das Publikum. Und natürlich ist Musik was, was immer helfen kann und immer emotional was abfangen kann oder einen aufbauen kann. Aber ich finde es gefährlich, wenn man zu selbstverständlich davon ausgeht, dass jetzt einfach Künstler monatelang dauerhaft umsonst in dieser Art Musik veröffentlichen."

Igor Levit fördert mit Twitter-Konzerten prekäre Honorare

Das ARD Radiofestival 2016 unter der Federführung des WDR steht vom 16. Juli bis 10. September bundesweit und täglich ab 20.05 Uhr für allerbeste Sommer-Radio-Unterhaltung aus neun ARD-Kulturprogrammen und ganz Europa. Das ARD Radiofestival ist auch per Digitalradio oder im Internet zu hören: per Livestream sowie mit zahlreichen Hörbeispielen und Audios zum Nachhören. SWR2 KONZERT: HEIDELBERGER FRÜHLING, "ARD Radiofestival 2016", Eröffnungskonzert 20. Heidelberger Frühling, am Donnerstag (21.07.16) um 20:04 Uhr. Igor Levit, Klavier
Pianist Igor Levit verlegte während der Pandemie den Konzertsaal in sein Wohnzimmer und übertrug seine Darbietung über Twitter. Hunderttausende Menschen sahen und hörten zu. Bildrechte: SWR/Radio Bremen/Felix Broede

Mit ihrer Kritik ist die Musikerin nicht allein. Zahlreiche Künstler haben sich ihrem Post angeschlossen. Und auch Musikkritiker sprechen sich gegen die Umsonst-Kultur aus, so wie Uwe Mattheis in der "taz", oder Arno Lücker, der die Twitter-Konzerte des Pianisten Igor Levit kritisiert. Dieser züchte ein Publikum heran, das dann später auch prekäre Honorare für "kleinere" Musiker und Musikerinnen bei Hochzeiten etc. zahle.

Aber dann gibt es auch Leute wie den Bariton Daniel Blumenschein. Er hat um Ostern herum eine Reihe von Balkonkonzerten gegeben, unter dem trotzigen Titel: "Ich lass' mir meine Passion nicht nehmen!" Er sagt: "Ohne eine Passion wird für mich nicht Ostern. Und das war ein Gedanke dessen. Und ein zweiter erschloss sich: Meine Passion ist das Singen, das brauche ich fast wie die Luft zum Atmen. Wo ich dann gesagt habt, ich lass mir jetzt durch Corona meine Passion des Singens nicht nehmen."

Trost spenden, üben und nicht vergessen werden

Neben diesem gibt es viele Gründe, warum Musiker jetzt unbezahlt Konzerte geben: Sei es, um Trost zu spenden, künstlerische Ziele nicht aus den Augen zu verlieren oder bei Fans nicht in zu Vergessenheit zu geraten. Manche hoffen sogar, neues Publikum zu gewinnen, so wie die Dirigentin Eva Meitner, die jeden Tag auf YouTube kurze Videoclips hoch lädt, in denen sie klassische Stücke auf einem Spielzeugklavier spielt. "Das ist ja ein großes Problem, was die Klassik eigentlich im normalen Konzertbetrieb hat", sagt sie: "Es sind immer irgendwelche Hemmschwellen da. Also man erreicht mit dem normalen Konzertbetrieb die Leute, die man immer erreicht hat. Insofern ist das natürlich eine riesige Chance. Weil mit solchen Formaten kann man jetzt ganz andere Bevölkerungsgruppen ansprechen, sag ich mal, auf relativ simplem Wege."

Gewöhnt sich der Mensch an eine Welt ohne Kultur und Kunst?

Der Bariton Daniel Blumenschein wiederum hatte auf seinem Balkon auch das große Ganze im Blick: Die Kultur als fragiles Gut und den Menschen als Gewohnheitstier.

Da hab ich halt auch mit der Kultur so meine Befürchtungen, dass, je länger wir nichts machen dürfen, öffentliche Aufführungen machen dürfen, wird sich der Mensch eventuell daran gewöhnen, auch ohne diese Kultur klar zu kommen.

Daniel Blumenschein, Bariton

Wie also können Musiker die Konzertkultur erhalten, ohne sie der Kostenlosmentalität zu opfern? Eine Lösung: Sich online bezahlen lassen, oder zumindest um Spenden bitten. Immerhin: Die Sorge, dass wir uns von Live-Konzerten entwöhnen könnten, teilt nicht jeder. Nochmal Dirigentin Eva Meitner:

Ein Live-Konzert ist durch überhaupt nichts zu ersetzen. Das ist so wertvoll. Das kriegt man mit technischen Mitteln nicht ersetzt. Wenn es dann vorbei ist, dann freut man sich ja umso mehr, wenn das wieder möglich ist, wenn das wieder geht.

Eva Meitner, Dirigentin

Hilfe für Musikerinnen und Musiker

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 14. Mai 2020 | 10:15 Uhr