Das Blaue Wunder
"Das Blaue Wunder" ist in der Inszenierung auch ein Spiel mit der Farbe Blau Bildrechte: Sebastian Hoppe

Staatsschauspiel Dresden AfD-Groteske "Das Blaue Wunder": Politisches Theater auf exzellentem Niveau

Wohin würde die Reise gehen, wenn man das Parteiprogramm der AfD ernst nähme? Volker Lösch hat diese Frage am Staatsschauspiel Dresden inszeniert. Unser Kritiker war von "Das Blaue Wunder" begeistert.

Stefan Petraschewsky, MDR KULTUR-Theaterredakteur
Bildrechte: MDR/Robert Kühne

von Stefan Petraschewsky, MDR KULTUR-Theaterredakteur

Das Blaue Wunder
"Das Blaue Wunder" ist in der Inszenierung auch ein Spiel mit der Farbe Blau Bildrechte: Sebastian Hoppe

Im Prolog von "Das Blaue Wunder" stehen acht Schauspieler mit dem Rücken zur Wand. Vor dem Eisernen Vorhang. Dresdner Bürger von heute. Die Frau, die zu reden beginnt, sagt, sie war immer stolz darauf, nie ohne Arbeit dazustehen. Es sei doch so: "Die einen rackern, die anderen machen nix! Diese Ungerechtigkeit!" - Und schon ist die Spaltung der Gesellschaft herbeigeredet. Jeder der Acht hat seine Argumente. Die Wende spielt eine Rolle, Verlustgeschichten kommen zur Sprache. Neid und Angst. "Fakt ist, wir lassen unser Heimatland verkommen!", sagt Gregor, und spricht von Gesinnungskorridor. Am Ende sind sich alle einig: "Wenn wir das Sagen hätten!" Eine Drohung? Oder Hoffnung?

Das Blaue Wunder
Im Prolog des Stückes stehen die Darstellenden vor dem Eisernen Vorhang Bildrechte: Sebastian Hoppe

Volker Lösch inszeniert diesen Prolog wie einen Schnelldurchlauf seiner bisherigen Dresdner Inszenierungen von den "Webern" 2004 bis "Der Weg ins Leben" 2017. Immer wieder hatte er bei Pegida und Co. die Beweggründe recherchiert. Das macht er jetzt, im Jahr der sächsischen Landtagswahl, bei der die AfD stärkste Fraktion werden könnte, nicht mehr. Weil die Rechten kein Interesse hätten zu reden, resümiert Lösch. Und zitiert am Ende des Prologs das Bild der alten, hier gefühlt auch neuen DDR. "Wenn wir das Sagen hätten!" – Pause. Was dann? – Dann öffnet sich der Eiserne Vorhang ein zweites Mal.

"Märtyrer Poggenburg" und "Prediger Höcke"

Auf leerer Bühne taucht zu Wagner-Klängen aus dem "Ring" – passend aber auch abgedroschen – ein Schiff auf, dessen stählerne Spanten an die Brücke erinnern, die in Dresden "Blaues Wunder" heißt. Auf dem Oberdeck steht Germania im Kapitänskostüm und hält das "Blaue Buch" in der Hand. Es soll "Hoffnung und Kompass" sein. Für die große Fahrt elbabwärts in eine Neue Welt. Das "Blaue Buch", oder auch "deutscheste Buch" hat die Farbe der AfD und weist den Weg aus den "Qualen der Globalisierung" hin zu neuem Lebenssinn. Es enthält Verse von "Märtyrer Poggenburg" oder "Prediger Höcke". "Wir müssen wieder wir selbst werden", lautet seine Vision.

Dann gehen die Acht an Bord dieser Arche, die natürlich auch, im Kontext dieser Groteske, ein Narrenschiff ist, auf dem im Mittelalter die Verrückten – gern auch die Unangepassten – hinter der nächsten Flussbiegung entsorgt worden waren. Heute aber geht die Fahrt über Hamburg hinaus gen Westen aufs offene Meer. Die Passagiere hören dazu ihre Heilige Schrift, neben Märtyrer- und Prediger-Versen auch Sätze aus "Gauland 4" und "Storch 8" – aber auch von "Sloterdijk". Und sie dürfen mit Winnetou-Filmmusik und Romantik-Rekursen zum "Wir-Selbst" finden.

Allerdings entpuppt sich das Traumschiff schnell als einsame Insel. Weil der Handel mit anderen Völkern ausgeschlossen ist, wird der Proviant knapp und muss teuer bezahlt werden. Deswegen werden die "Maschinenmenschen" ganz unten heraufgeholt und über Bord geworfen. Deutsche übernehmen ihre Arbeit. Der knappe Lohn reicht am Ende trotzdem nicht. Es gibt, kostenlos, nur noch Sauerkraut, das die Besatzung ständig aufs Klo treibt.

Das Blaue Wunder
Carola Reuther war für die Kostüme der Inszenierung verantwortlich Bildrechte: Sebastian Hoppe

Wehrertüchtigung für die Männer. Kindersegen für die Frauen

Das stählerne Spantengerüst des bühnenfüllenden Schiffs eignet sich bestens, um die neu entstandenen Hierarchien abzubilden, die Mechanik der Ausbeutung vorzustellen. Deutsche Arbeiter werden jetzt von deutschen Matrosen in Schach gehalten. Auch weil ein Messer in der Kombüse fehlt. "Volksverräter" könnten dahinter stecken. Der "Schiffsführer" ordnet Wehrertüchtigung für die Männer an. Die Frauen dürfen wieder Kinder kriegen. Von der Kultur bleibt "Mendels Sohn Bartholdy".

Das Ganze klingt wie ein Viertes Reich: 'Schiff Heil!'

Stefan Petraschewsky, MDR KULTUR-Theaterredakteur

Dann aber: schwefelgelbes Bühnenlicht, absolute Flaute. Not und Elend. – Plötzlich ein Rettungsschiff am Horizont: die "Orbán"! Oder doch nicht? - Dann ein anderes Schiff mit schwarzer Flagge. Piraten? Nein. Kämpfer des Islamischen Staates. "IS und NS! "Heil Allah!" Große Verbrüderung. Und Kurs zurück, elbaufwärts, nach Dresden. Jetzt als U-Boot, wie es der aufgepeppte Soundtrack von "Das Boot" nahelegt. Mit voller Kraft auf den Landtag zu. Machtübernahme. Und Aufräumen. Ein Drei-Punkte-Programm: kein Geld für weltoffene Vereine; mehr Polizei; Unterstützer der "Willkommenskultur" werden zur Rechenschaft gezogen.

Es ist fünf vor zwölf

Volker Lösch kontrastiert diese AfD-Groteske mit neun kurzen Szenen, die zwischen die Schiffshandlung geschnitten werden. In ihnen treten reale Protagonisten für ein weltoffenes Dresden vor den Vorhang und sprechen sich unter anderem gegen schärfere Polizeigesetze aus. Immer aber auch gegen eine Politik, die das AfD-Problem in Sachsen klein rede. Von Seenotrettern, "Mission Lifeline", über "Herz statt Hetze" bis "Banda Internationale" reicht das Spektrum. Die Sprecherin, die zuletzt auftritt, wünscht sich "vor allem", dass man in Dresden "raus aus der Opferrolle" komme und "dass wir die Geschichte kritisch reflektieren".

Am Ende des knapp zweieinhalbstündigen Theaterabends steht ein bunter Chor realer Bürger auf der Bühne. Es sind viele, die trotzdem fordern: "Wir müssen mehr werden". Und: "Mischt Euch ein!" Sie fordern die Parteien für den bevorstehenden Landtagswahlkampf auf, sich glaubwürdig gegen eine Koalition mit der AfD auszusprechen. Der Schlusssatz lautet - und ist auch eine Vision: "Sachsen kann richtig geil FÜR ALLE werden!"

Das Blaue Wunder
Ein riesiges Schiffsskellett bestimmt das Bühnenbild Bildrechte: Sebastian Hoppe

Politische Agitation oder kritische Auseinandersetzung mit Gesellschaft?

Ist das Ganze noch Theater? Oder Propaganda? Ein Missbrauch der Bühne? Obendrein ein Missbrauch von öffentlichen Geldern? – Ist es OK, wenn die Schauspieler in ihren Rollen den Dresdnern vorwerfen, sie hätten 1989 statt "Wir sind das Volk" als erste "Wir sind EIN Volk" gerufen? Zumal dann, wenn in der damals gültigen Präambel des Grundgesetzes von einem "gesamten Deutschen Volk" gesprochen wird?! Ist das die geforderte Art und Weise, Geschichte kritisch zu reflektieren?!

Diese Fragen sind der politische Zündstoff, der dieser Inszenierung innewohnt. Tatsächlich greift hier die übliche Kritik nicht mehr. Denn das hier ist nicht nur ein Kunstwerk, sondern auch ein politischer Appell. Eine Grenze. Vielleicht auch ein letztes Wort von Volker Lösch auf dieser Dresdner Bühne. Denn sollte es so kommen, wie die Groteske nahelegt, gäbe es das nächste Mal wohl eine Zensur für so ein Theater der Weltoffenheit. Sollte es nicht so kommen, was sollte Lösch dann noch in Szene setzen? Ein Stück nach dem Motto: War doch nicht so schlimm?

Die Mechanik hinter den Ideologien erkennen

In der Premiere gab es eine Unterbrechung der Vorstellung. Joachim Klement, der Intendant, kam auf die Bühne und sprach von einem Tonausfall. Die Wochenzeitung "Die Zeit" berichtete zuvor über Streit hinter der Bühne. Nicht alle fänden die Inszenierung gut. Ein Techniker schäme sich in Grund und Boden. War das also mehr als ein Zufall? Ein Schuss vor den Bug, um im Bild des Abends zu bleiben?

Mein Fazit lautet: Hingehen und sich selbst ein Bild machen. Das Format Theater, jenseits aller wertenden Maßstäbe, was eine Bühne darf oder nicht, ist groß genug. Auch für diesen Abend, der schauspielerisch, inszenatorisch, bühnen- und kostümbildnerisch, lichttechnisch, aber auch ton- und bühnentechnisch – wie hier das Schiff sich dreht und wendet, auf- und abtaucht – auf einem exzellenten Niveau stattfindet.

Volker Lösch hat 15 Jahre lang die Dresdner Befindlichkeiten immer wieder klug und ausgewogen auf die Bühne gebracht. Und die Mechanik hinter den Ideologien entlarvt, wo er hier, in dieser Inszenierung, aus dem "Spiegel" vom Februar 1990 zitieren lässt – offenkundig sind es West-Leser, die es in Leserbriefen eine Schande nennen, wie DDR-Flüchtlinge mit Geschenken überhäuft würden.

Danke für so ein Theater der Aufklärung!

Stefan Petraschewsky, MDR KULTUR-Theaterredakteur

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 28. Januar 2019 | 08:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 01. Februar 2019, 14:37 Uhr

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