David Wagner
David Wagner wurde 2013 für sein Buch "Leben" mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet. Bildrechte: imago/teutopress

Buchkritik "Der vergessliche Riese": David Wagners Roman über Demenz

David Wagner schreibt gern nah an der eigenen Biografie entlang: So erzählte in seinem Buch "Leben" ein sterbenskranker junger Mann von einem längeren Krankenhausaufenthalt – den Wagner selbst so ähnlich erlebt hat. Dafür erhielt der Autor 2013 den Preis der Leipziger Buchmesse. In seinem neuen Buch "Der vergessliche Riese" nähert sich der Schriftsteller dem Thema Demenz – und damit auch seinem eigenen Vater.

von Holger Heimann, MDR KULTUR-Literaturkritiker

David Wagner
David Wagner wurde 2013 für sein Buch "Leben" mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet. Bildrechte: imago/teutopress

Immer weniger von seinem Leben zu wissen, das kann beängstigt sein. Wer sich selbst abhanden kommt, der wird mit Momenten extremer Verunsicherung konfrontiert. Die Altersdemenz ist eine der gefürchteten Krankheiten einer vergreisenden Gesellschaft. David Wagner erzählt in seinem neuen Buch von der Erkrankung eines knapp über 70 Jahre alten Mannes, dem diese abgrundtiefe Verzweiflung überwiegend erspart bleibt. Wagner hat selbst so einen Vater.

Ich beschreibe eine Situation, die der meinen familiären sehr, sehr ähnlich ist. Natürlich haben die Figuren reale Vorbilder, trotzdem sind es literarische Figuren.

David Wagner, Schriftsteller

Den eigenen Vater neu kennenlernen

Der geistige Verfall hat den alten Mann in dem Buch weder aggressiv noch verbittert werden lassen. Sein Leiden bringt sogar positive Nebenwirkungen mit sich. Es sorgt dafür, dass die ursprüngliche Familie wieder enger zusammenrückt. Auch davon handelt diese Annäherung an den Vater, an der Wagner vier Jahre gearbeitet hat.

Ich wusste irgendwann, dass ich das unbedingt erzählen möchte, diese Wiederbegegnung mit einem Vater und dieses Neukennenlernen des eigenen Vaters. Aber ich wusste lange gar nicht, wie ich das genau erzählen soll.

David Wagner

David Wagner hat sich für die Dialogform entschieden. Über weite Strecken sind der Vater, der im Rheinland lebt, und sein Sohn, der regelmäßig aus Berlin anreist und auch im Buch David heißt, miteinander in einem durch Wiederholungsschleifen bestimmten Gespräch. Mit Folgen.

Der Leser ist kein stiller Beobachter, er wird involviert

Wagner tritt nicht, wie andere Autoren vor ihm, vornehmlich als Beobachter auf, der Krankheitsphänomene oder die eigene Überforderung ausstellt. Der Erzähler schaut kaum einmal von außen auf das Geschehen, sondern ist selbst involviert. Er muss nichts erklären, die Krankheit zeigt sich durch die präzise Wiedergabe der sehr eigenen Kommunikation mit einem Dementen.

Dass sich dieser Demenzkranke seines eigenen Zustandes bewusst ist, macht den Umgang mit ihm erheblich einfacher. Überdies hat er sich ein zugewandtes, interessiertes Wesen bewahrt. Seine freundliche Ausgeglichenheit wird selbst dann nicht erschüttert, als er von seinen Kindern ohne Vorankündigung in ein Pflegeheim gebracht wird. Der verständnisvolle Sohn wiederum beweist eine bewundernswerte Nachsicht, wenn er wieder und wieder biografische Zusammenhänge erklärt und dieselben Fragen beantwortet.

Es ist so ähnlich wie bei einem vier- oder fünfjährigen Kind, das hundertmal dasselbe fragt, ziemlich lange ist man da relativ tolerant. Es nützt auch nichts, genervt zu sein. Das Verständnis für die Wiederholungen ist ja nicht da. Das Kurzzeitgedächtnis reicht eben nur noch zwei oder drei Minuten.

David Wagner, Schriftsteller

Die eigene Kindheit wird präsenter

Indem der Sohn den Dementen an ein Früher erinnert, sorgt er dafür, dass die Erfahrungen und Erlebnisse vergangener Jahre nicht gänzlich verschwinden. Dabei hat er selbst noch manches mit dem alten Herrn zu klären. Dass der Vater die sterbende Mutter des Erzählers allzu schnell vergessen und deren beste Freundin geheiratet hat, kommt ebenso zur Sprache wie die Nazivergangenheit des Großvaters. Während die Demenz fortschreitet und der Vater mehr und mehr vergisst, wird umgekehrt für den Sohn die eigene Kindheit wieder präsenter.

'Weißt du noch', frage ich, als wir zum Auto zurückgehen, 'wie wir beide auf Rollerskates durch die Fußgängerzone gefahren sind?' / 'Ach ja?' / 'Fast jeden Samstag. Wir haben auf dem Wochenmarkt eingekauft, und du hast die dicken Wochenendzeitungen besorgt, die damals eingerollt wurden.'

Dialog aus dem Buch "Der vergessliche Riese"

Dieses "Weißt du noch?" wird zum Refrain des Buches. Und es passt zur erstaunlichen Leichtigkeit dieser berührenden und oft auch komischen Erzählung, dass der alte Mann einmal erwidert: "Du kannst mir viel erzählen. Ich weiß nichts mehr. Und ich sage dir, so schlecht ist das gar nicht."

Angaben zum Buch David Wagner: "Der vergessliche Riese"
270 Seiten, gebunden, 22 Euro
ISBN: 978-3-498-07385-5
Rowohlt Verlag

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 03. September 2019 | 08:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 03. September 2019, 04:00 Uhr

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