Kati Naumann
Kati Naumann ließ in ihren Roman auch reale Ereignisse einfließen Bildrechte: MDR/Clementine Künzel

Kati Naumann: "Was uns erinnern lässt" Das stumme Leiden der Zwangsumgesiedelten in der DDR

Im Sperrgebiet der DDR kam es ab den 50er-Jahren zu Zwangsumsiedlungen. Sie wurden beispielsweise "Aktion Ungeziefer" genannt. Kati Naumann hat einen Roman über diese Schicksale geschrieben. Darin fließen auch persönliche Verbindungen ein, Naumann hat einen Teil ihrer Kindheit bei ihren Großeltern im thüringischen Sperrgebiet verbracht.

von Jens-Uwe Korsowsky, Artour-Redakteur

Kati Naumann
Kati Naumann ließ in ihren Roman auch reale Ereignisse einfließen Bildrechte: MDR/Clementine Künzel

Vor 30 Jahren verlief im Thüringer Wald die Demarkationslinie des kalten Krieges zwischen Ost und West. Die Schriftstellerin Kati Naumann hat jetzt diese von Geschichte kontaminierte Gegend mit einem Roman erkundet. Ihre Großeltern wohnten in Sonneberg, im Sperrgebiet und sie hatte einen großen Teil ihrer Kindheit bei ihnen verbracht. Als Naumanns Mutter starb, fing die Autorin an, zu dieser Zeit zu recherchieren. Und stieß auf das dunkle Kapitel der Zwangsaussiedlungen.

Und da habe ich angefangen diese Idee zu entwickeln und zu recherchieren und bin dann auf die Zwangsaussiedlungen gestoßen. Ich muss sagen, ich habe zu DDR-Zeiten davon nichts gewusst, es ist ja ein gut gehütetes Geheimnis gewesen."

Kati Naumann
Kati Naumann, Was uns erinnern lässt
Kati Naumann: "Was uns erinnern lässt" Bildrechte: HarperCollins

Für ihren Roman "Was uns erinnern lässt" hat sich Naumann in Spechtsbrunn im ehemaligen Sperrgebiet einquartiert. Sie hat die Topografie der von politischen Verwerfungen geprägten Gegend erkundet, hat Geschichten gehört, davon, wie der Einzelne ins Räderwerk der Weltpolitik geriet. Plötzlich gehörten die Nachbarn zu einem anderen Teil der Welt.

Naumann erläutert dazu: "Ich wollte gerne das Alltagsleben der einfachen Menschen zeigen, die nicht selber eine Entscheidung getroffen haben, sondern die zufällig an einem Ort gewohnt haben, der dann in der sowjetischen Besatzungszone war und dann im Sperrgebiet oder im Schutzstreifen lag. Dieses Leben hat sich eigentlich von Jahr zu Jahr verändert, weil die Grenzsicherung immer stärker ausgebaut worden ist und damit der Radius der Menschen, die dort gelebt haben, eingeschränkt wurde. Man konnte dieses Sperrgebiet zwar verlassen, aber um es betreten zu können, brauchte man entweder den Stempel im Ausweis oder, wenn man Besuch haben wollte, selbst von den engsten Angehörigen, haben die einen Passierschein gebraucht."

Familienschicksale

Naumann erzählt anhand der fiktiven Familie Dressel vom Leben hinter dem Schlagbaum. Seit Generationen wohnt Familie Dressel im Thüringer Wald und bewirtschaftet ihr Hotel Waldeshöh. Als die Teilung Deutschlands vor ihrer Haustür Landschaft und soziale Beziehungen durchtrennt, bleiben nicht nur die Gäste fern, auch gerät Familie Dressel allmählich zwischen die Fronten des Kalten Krieges. Klug breitet der Roman vor realem politischem Hintergrund ein Familienschicksal aus.

Diese Thematik, das Leben im Sperrgebiet, das hat ja immer Familien betroffen. Also zum Beispiel: Bei einer Zwangsaussiedlung ist eine Person als politisch unzuverlässig eingestuft worden und die ganze Familie musste dann mitgehen.

Kati Naumann

"Aktion Ungeziefer"

Fünf Kilometer betrug das Sperrgebiet an der Grenze, 500 Meter der Schutzstreifen. Und in dem neuralgischen Gebiet lebten Menschen. Im Juni 1952 fand auf Geheiß der Sowjets die erste Zwangsumsiedlungsaktion statt. Unter dem unzweideutigen Namen "Aktion Ungeziefer" mussten innerhalb von 48 Stunden politisch als missliebig geltende Personen Haus und Hof verlassen, oft mit unbekanntem Ziel.

Gedenkpyramide aus Steinen von Häusern, die im Zuge von DDR-Zwangsaussiedlungen niedergerissen wurden.
Gedenkpyramide in Vockfey, bestehend aus Steinen von Häusern, die im Zuge von DDR-Zwangsaussiedlungen niedergerissen wurden Bildrechte: dpa

Bis zum Fall der Grenze wurden ca. 12.000 Menschen umgesiedelt. Naumanns Roman nähert sich dieser wenig bekannten Thematik aus der Gegenwart; noch immer leiden ihre Protagonisten unter dem Verlust der Heimat.

Was diese Zwangsaussiedlung mit den Menschen gemacht hat, beschreibt Naumann folgendermaßen: "Die Menschen, die zwangsausgesiedelt worden sind, sind in der Regel weit weg geschickt worden von ihrer Heimat und die sind auch getrennt worden. Also, dass jetzt nicht ein ganzes Dorf umgesiedelt wurde, sondern die sind vereinzelt worden und sie sind eben dort an ihren neuen Orten angekündigt worden als die Verbrecher aus dem Grenzland. Es wurde ihnen damit schwer gemacht, Fuß zu fassen. Ich denke, man wollte damit verhindern, dass sich der Volkszorn aufbaut gegen diese Maßnahmen. Es war den Menschen auch unter Androhung von Gefängnisstrafen verboten, darüber zu sprechen."

Vernichtung der alten Existenz

Familie Dressel aus dem Roman wird nach Wolfen zwangsumgesiedelt. Gegen 6 Uhr morgens kommen die LKW und die Polizei, um sie abzuholen. Am darauffolgenden Tag wird ihr Haus geschleift. Den Ort der Grenzkompanie aus dem Roman gibt es wirklich. Wie eine schauerliche "Fata Morgana" steht er noch heute geisterhaft in der Weltgeschichte rum. So schafft es der Roman, das Spannungsfeld von Fiktion und Realität wunderbar miteinander zu verweben.

Ich wollte möglichst nahe an der Realität dran sein, damit die Menschen, die das erlebt haben, die in diesen Gegenden gewohnt haben, sich wiederfinden. Auch wenn die Familie fiktiv ist, alle kleinen Episoden und Erinnerungssplitter, die darin vorkommen, sind Erinnerungen von echten Menschen.

Kati Naumann

Niemand entgeht den Dummheiten seiner Epoche, das nennt man dann Schicksal. Der Roman "Was uns erinnern lässt" erzählt emotional berührend von einem Familienschicksal, das sich gegen seine Epoche stemmt.

Angaben zum Buch Kati Naumann: "Was uns erinnern lässt"
416 Seiten, gebunden, 20 Euro
ISBN: 978-3959672474
Verlag HarperCollins

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Artour | 11. Juli 2019 | 22:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 12. Juli 2019, 15:03 Uhr

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