Premiere in Erfurt "Dead Man Walking" – eine Oper zum Thema Todesstrafe?

Das Thema Todesstrafe polarisiert, emotionalisiert, erweckt Abscheu, Nachdenken, möglicherweise auch Interesse. US-amerikanische Gefängniswärter rufen "Dead man walking" ("Toter Mann kommt"), wenn ein zum Tode Verurteilter aus seiner Zelle zum Hinrichtungsraum geführt wird. "Dead man walking" gibt es als Hollywood-Verfilmung mit Sean Penn und Susan Sarandon, seit 2000 auch als Oper – und die hatte nun als Neuproduktion am Theater Erfurt Premiere. MDR KULTUR-Opernkritikerin Bettina Volksdorf hat die Premiere am 23. März besucht und lobt vor allem die überzeugende Ensembleleistung und herausragende solistischen Leistungen.

Komponist Jake Heggie und Librettist Terrence McNally haben das Thema Todesstrafe aufgegriffen, weil es ein Opern-Stoff ist, der Dramatik, Emotionen und das Thema Liebe aus einer tief religiösen bzw. humanistischen Haltung heraus bietet. Zudem dürften sie den Rückenwind der erfolgreichen Hollywood-Verfilmung von 1995 mit Sean Penn ausgenutzt haben und wollten andererseits das in den USA ethisch-kontrovers diskutierte Thema Todesstrafe ins öffentliche Bewusstsein rücken.

Dead man walking
Die Hinrichtung erinnert in der Erfurter Inszenierung an eine Kreuzigung Bildrechte: Lutz Edelhoff/Theater Erfurt

Die Oper basiert auf dem Buch "Dead Man Walking" von Schwester Helen Prejean, die als Nonne Todeskandidaten vor ihrer Hinrichtung Beistand leistete und auf diese Weise eigenen Erfahrungen verarbeitete. Heute zählt "Dead Man Walking" in Amerika zu den meistgespielten, zeitgenössischen Opern.

Die Oper ist filmschnittartig als rasche Szenenfolge konzipiert. Zunächst wird erzählt, wie Joseph De Rocher und sein Bruder ein junges Mädchen vergewaltigt, anschließend sie und ihren Freund getötet haben. Nun soll Joseph mit der Giftspritze hingerichtet werden. Deshalb sucht er bei der Ordensschwester Helen Halt. Sie wiederum versucht Kraft ihres Glaubens in zahlreichen persönlichen Begegnungen mit Joseph ihn, aber auch die Eltern und Geschwister der Ermordeten zu trösten. Obwohl Joseph ein Mörder ist, ist er für  Helen auch ein Kind Gottes geblieben. Ihn will sie zum Geständnis, vor allem aber zur Reue bewegen. Dabei wird Helen fast zwischen dem Täter und den Opfern zerrieben.

Amerikanische Musiksprache

Musikalisch bedient Heggie einen stilistisch breit aufgefächerten, sangbaren Melodienkanon sowie eine eher klassische Formensprache u.a. mit Arien, Duetten, Ensembleszenen.

Dead man walking
Kammersänger Máté Sólyom-Nagy singt die Hauptrolle des Joseph De Rocher Bildrechte: Lutz Edelhoff/Theater Erfurt

Amerikanische Komponisten holen ihr Publikum in der Regel ab, das heißt, es wird neben dramatischen Szenen eben auch auf Musical-, Jazz-, Film- oder Tanzmusik-Elemente zurückgegriffen.

Ich habe das gestern als eine überzeugende Ensembleleistung erlebt und schließe da ausdrücklich den Opern-, sowie Kinder- und Jugendchor des Theaters ein, samt einigen herausragenden solistischen Leistungen. Antigone Papoulkas als Sister Helen und Kammersänger Máté Sólyom-Nagy als Joseph De Rocher waren bei diesen physisch und mental anstrengenden Partien beeindruckend intensiv in Gesang und Spiel. Ebenso Katja Bildt als Mutter Rocher und Margrethe Fredheim als Sister Rose, die zudem den souligen Ton wunderbar traf.

Orchesterarbeit teilweise zerfasert

Das, was aus dem Graben unter der Leitung des 28-jährigen Chanmin Chung zu hören war, hat mich vor allem im ersten Akt etwas ratlos gemacht: Es ist ja so, dass Jake Heggie szenische Vorgänge häufig musikalisch illustriert und dabei durchaus kalkuliert mit den Emotionen des Publikums spielt. Da singt der Kinderchor zum Beispiel einen Gospel, dann wieder folgt eine große orchestrale Geste à la Puccini, wird Elvis oder Hollywood-Filmmusik zitiert. Das kann durchaus suggestiv wirken – in meiner Wahrnehmung kam da gestern aber vieles einfach nicht von der Stelle, wirkte zerfasert, statt unter Hochspannung zu pulsieren und punktgenau das dramatische Potential, den Groove der Rhythmen, das Existentielle auszuloten. Davon habe ich erst am Ende etwas gespürt. Aber diese Oper ist meines Erachtens mindestens so schwer zu machen wie eine gute Operette. Ich denke, das ist bei so einem jungen Dirigenten auch ein Entwicklungsprozess.

Dead man walking
Die Aufführung erfolgt in englischer Sprache mit Übertiteln Bildrechte: Lutz Edelhoff/Theater Erfurt

Sparsames Bühnenbild

Als Ausstattung ist im Kern eine beinahe leere Drehbühne zu sehen, auf der ein großer, quaderförmiger, metallisch-glänzender (Gefängnis-)Block steht. Keinerlei Anspielungen auf die USA, sparsamst dekoriert von Hank Irwin Kittel, zugleich wirkungsvoll ausgeleuchtet von Florian Hahn.

Regisseur Markus Weckesser hat eher geradlinig-naturalistisch am Libretto entlang inszeniert. Nur im Schlussbild erreicht das eine andere ästhetische Fallhöhe durch geradezu ikonographische Bezüge. Wenn Joseph in den Tod gespritzt wird, ist er auf seinem Bett festgeschnallt, flankiert von den beiden getöteten Teenagern zur Linken und zur Rechten. Da assoziiert man meines Erachtens unweigerlich eine Kreuzigungsszene! Ob er auf Erlösung hoffen darf, diese Frage sollte jeder im Publikum für sich selbst beantworten.

Angaben zur Oper "Dead Man Walking"

Oper in zwei Akten
In englischer Sprache mit Übertiteln
Dauer ca. 3 Stunden, Altersempfehlung ab 16 Jahre

Musik von Jake Heggie
Libretto von Terrence McNally nach dem Buch von Sister Helen Prejean
Auftragswerk der San Francisco Opera (Uraufführung 2000)

Regie: Markus Weckesser

Aufführungen:
31.03.2019, 15:00 Uhr | Großes Haus
31.03.2019, 18:15 Uhr | Studio
06.04.2019, 19:30 Uhr | Großes Haus
08.04.2019, 19:00 Uhr | N.N.
10.04.2019, 19:30 Uhr | Großes Haus
12.04.2019, 19:30 Uhr | Großes Haus
14.04.2019, 15:00 Uhr | Großes Haus

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 24. März 2019 | 13:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 24. März 2019, 16:36 Uhr

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