Sprachdebatte Podiumsdiskussion in Dresden über Verrohung der Sprache

Journalist Alexander Kissler und Kommunikationswissenschaftler Eric Wallis diskutierten am Montag im Militärhistorischen Museum Dresden über die Rolle von Framing, Signalwörtern und wie Sprache unser Geschichtsbild beeinflusst. Eine echte Kontroverse gab es jedoch nicht, auch machten sich die Diskutanten keine großen Sorgen um die Sprache. "Wo Sprache zu Slogans verkommt, da verarmt das Denken", hieß es – das beste Beispiel dafür lieferte leider die Diskussion selbst. Ob Wendungen wie "Vogelschiss der Geschichte", wie Alexander Gauland die NS-Zeit bezeichnete, unser Geschichtsbild verändern – darum ging es letztendlich trotz Ankündigung nicht, resümiert Michael Bartsch, der für MDR KULTUR dabei war.

Militärhistorisches Museum der Bundeswehr in Dresden
Im Militärhistorischen Museum in Dresden fand am 24. Februar die Podiumsdiskussion statt: "Von Nazis und Fliegenschissen - Wie mit Sprache unser Geschichtsbild bearbeitet wird" Bildrechte: MDR/Stephan Tittel

Die Einladungsgrafik zu diesem Forum im Militärhistorischen Museum Dresden zeigt zwei Gestalten auf gegenüberliegenden Felsvorsprüngen, die mittels Schalltrichtern kleine Bomben gegeneinander abschießen. Die Diagnose von Kommunikationschef Jan Kindler zur Begrüßung passte dazu: "Und das machen wir, weil wir nicht die einzigen sind, die das Gefühl haben, dass Sprache selbst so etwas wie ein Schlachtfeld geworden ist."

Mann spricht und Buchstaben kommen aus seinem Mund. 4 min
Bildrechte: PantherMedia / SIphotography

Beeinflusst Sprache das Geschichtsbild? Im Militärhistorischen Museum Dresden diskutierten darüber der Kommunikationswissenschaftler Eric Wallis und der Journalist Alexander Kissler. Michael Bartsch berichtet.

MDR KULTUR - Das Radio Di 25.02.2020 12:10Uhr 03:46 min

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Mann spricht und Buchstaben kommen aus seinem Mund. 4 min
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Beeinflusst Sprache das Geschichtsbild? Im Militärhistorischen Museum Dresden diskutierten darüber der Kommunikationswissenschaftler Eric Wallis und der Journalist Alexander Kissler. Michael Bartsch berichtet.

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Ist Framing wichtig für die Verständigung?

Alexander Kissler
Journalist Alexander Kissler Bildrechte: IMAGO

Die beiden Podiumsgäste hingegen vermieden jeden Anflug einer Kontroverse und wurden von Moderator Oliver Reinhard von der "Sächsischen Zeitung" auch kaum gegeneinander aufgebracht. "Cicero"-Journalist Alexander Kissler blieb mit seiner Ausgangsthese unwidersprochen, dass das sogenannte Framing letztlich unvermeidlich sei. Ein rund 50 Jahre alter soziologischer Begriff, der die Reduktion komplexer Sachverhalte auf einen zu den jeweils eigenen Intentionen passenden Rahmen meint und seit einigen Jahren wieder in Mode gekommen ist.

Wir setzen natürlich immer einen Rahmen, weil wir ja nicht die ganze Wirklichkeit abbilden oder auch nur wahrnehmen können. Wir brauchen einen Rahmen, damit die Welt handhabbar ist.

Alexander Kissler, Journalist

Kissler nannte als Beispiel für solche Raster Begriffe wie Neoliberalismus oder Aktivist.

Zum Begriff Framing: Als Framing bezeichnet man eine Kommunikationsstrategie, mit der eine bestimmte Botschaft durch ausgewählte (Reiz)Wörter vorbestimmt ist. Diese Wörter üben Einfluss darauf aus, wie Rezipienten die Botschaft aufnehmen und welche Assoziationen sie erhalten. Dadurch wird die Wahrnehmung der Rezipienten beeinflusst.

Handelt es sich um eine Verrohung der Debatte?

Der Kommunikationswissenschaftler Eric Wallis
Kommunikationswissenschaftler Eric Wallis Bildrechte: Eric Wallis/Johannes Buldmann

Kisslers Gegenüber, der Kommunikationswissenschaftler Eric Wallis, hielt eher eine linguistische Vorlesung über die Rolle der Sprache als "Abtastnadel". Eine Verteidigung der Unschuld von Sprache an sich. Wallis sagte: "Selbst, wenn wir uns total streiten, sind wir immer noch sprachlich gesehen hochkooperativ. Er muss sagen: Ich akzeptiere, dass die Wörter die Wörter sind und heißen, was sie heißen, damit ich feststellen kann, dass Du mich gerade beschimpft hast und wir jetzt keine Freunde mehr sind." Anders als in der Einladung benannt, schlug keiner der beiden Gäste wirklich Alarm.

Ich würde mir keine Sorgen um die Sprache machen, eher um mich selbst. Ich sehe eher eine Verrohung der Debatte, aber ich sehe keine Verrohung der Sprache.

Eric Wallis, Kommunikationswissenschaftler

Der inflationäre Gebrauch von Signalwörtern

Alexander Kissler räumte immerhin eine Bedrohung der Sprache durch den inflationären Gebrauch von Signalwörtern ein.

Wo Sprache zu Slogans verkommt, da verarmt das Denken.

Alexander Kissler, Journalist

Ein Beispiel dafür lieferte leider die Diskussion selbst. Der Kampfbegriff des Framing beherrschte die kompletten beiden Stunden. Unklar blieb, ob es tatsächlich eine eskalierende Tendenz im Sprachgebrauch gibt, die mit Schlag- und Reizwörtern unüberbrückbare Fronten schafft. Noch unklarer blieb, ob ein veränderter sprachlicher Ausdruck auch unser Geschichtsbild schleichend verändert. Zu den meistgebrauchten Zitaten der Gegenwart zählt die Wendung des AfD-Bundestagsfraktionschefs Alexander Gauland, der die Nazidiktatur als einen "Vogelschiss" in der deutschen Geschichte bezeichnet hatte. Das war eigentlich das vorgegebene Thema der Diskussion und fand doch keinerlei Erwähnung.

Fazit: akademische Beiträge und wenig Besorgnis

Wenn denn die beiden Podiumsgäste Alexander Kissler und Eric Wallis in ihren sehr akademischen Beiträgen wenig Besorgnis erkennen ließen, mussten auch keine Ursachen möglicher Sprachverrohung erörtert werden. Es blieb für die Zukunft bei freundlichen Empfehlungen: "Darum ist es auch besonders wichtig, dass Politikerinnen und Politiker verantwortungsvoll kommunizieren. Was man wirklich erreichen kann, eine konstruktive Wendung, wenn man versucht, das Argument von der Person zu trennen."

In der Fragerunde für die rund 400 Gäste war Unwillen aus allen politischen Richtungen spürbar. "Mir ist das zu weichgespült hier", sagte ein Gast. "Das rein akademische Gerede um philosophische Begriffe hilft uns nicht weiter", monierte ein anderer, und: "dieser inflationäre Gebrauch von 'Nazi' ist in keiner Weise fördernd für die Diskussion". Viele hörten den Begriff des "Framing" an diesem Abend zum ersten Mal, gingen aber nach eigenem Bekunden nicht sonderlich erleuchtet nach Hause. Das Militärhistorische Museum tröstete sie mit einem Schluck Wein im Foyer.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | Kulturnachrichten | 25. Februar 2020 | 08:30 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 25. Februar 2020, 08:30 Uhr

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