Die Sklavin Tituba (Darling Légitimus, Mi.) versucht Betty (Christiane Ferez, liegend), die Tochter des Priesters, zu beruhigen
Elisabeth Proctor (gespielt von Simone Signoret) wird wegen Hexerei angeklagt. Bildrechte: 1957 Pathé Production/DEFA

Film "Die Hexen von Salem" Als die DEFA europäisch filmte

1957 kam "Die Hexen von Salem" in die Kinos - eine erstaunliche filmische Zusammenarbeit von Frankreich und der DDR. Die Ostfassung war eine halbe Stunde kürzer. ARTE zeigt nun die restaurierte Langfassung, die auch kürzlich als Doppel-DVD und Blu-ray erschienen ist. MDR KULTUR-Filmkritiker Jörg Taszman über ein Kuriosum der Filmgeschichte zum Wiederentdecken.

Die Sklavin Tituba (Darling Légitimus, Mi.) versucht Betty (Christiane Ferez, liegend), die Tochter des Priesters, zu beruhigen
Elisabeth Proctor (gespielt von Simone Signoret) wird wegen Hexerei angeklagt. Bildrechte: 1957 Pathé Production/DEFA

Mitten im Kalten Krieg in den 50er-Jahren versuchte die DEFA sich mit vier ostdeutsch-französischen Koproduktionen zu profilieren. So unter anderem mit dem Ehepaar Yves Montand/Simone Signoret, dass in "Die Hexen von Salem" erstmals gemeinsam vor der Kamera stand. Jean-Paul Sartre hatte das Stück von Arthur Miller zuvor für das Theater adaptiert. Regie bei der Verfilmung führte der belgische Theaterregisseur Raymond Rouleau.

Worum es geht

Die Sklavin Tituba (Darling Légitimus, Mi.) versucht Betty (Christiane Ferez, liegend), die Tochter des Priesters, zu beruhigen
Der Film betrachtet ein dunkles Kapitel der US-Geschichte: die Hexenverfolgung in Salem im 17. Jahrhundert. Bildrechte: 1957 Pathé Production/DEFA

In Salem einem kleinen Ort in Massachusetts leben 1692 vor allem gottesfürchtige Menschen. So auch die Ehefrau des eher liberal eingestellten John Proctor, die ihrer Tochter, sehr zum Unmut ihres Mannes, das Spielen mit ihrer Puppe verbietet. Proctor quälen ganz andere Dämonen. Er hatte einst eine Affäre mit der 16-jährigen Abigail, die ihn seitdem immer wieder provoziert.

In der puritanischen Siedlung tauchen bei einigen Mädchen Hysterieanfälle auf. Das nutzt ein ehrgeiziger Pastor aus, um den Mädchen einzureden, sie seien von Hexen beeinflusst. Auch Abigail will sich so durch Verleumdung der Ehefrau John Proctors entledigen. Sie provoziert den von Yves Montand gespielten Proctor immer wieder.

Parallelen zur Geschichte

Die Sklavin Tituba (Darling Légitimus, Mi.) versucht Betty (Christiane Ferez, liegend), die Tochter des Priesters, zu beruhigen
Die Sklavin Tituba (Darling Légitimus, Mitte) versucht Betty (Christiane Ferez, liegend), die Tochter des Priesters, zu beruhigen. Bildrechte: 1957 Pathé Production/DEFA

Die von Sartre bearbeitete Geschichte Arthur Millers um Puritanismus, Hexenverfolgungen und eine brutale Justiz galt vor Beginn der Dreharbeiten noch als Parabel auf die Hexenjagden der McCarthy-Ära.

Durch den Einmarsch der Russen in Ungarn 1956 und folgende Schauprozesse gegen Intellektuelle gab es plötzlich unerwünschte Parallelen zur Scheinjustiz in ganz Osteuropa.

Spannende Fragen auch 60 Jahre nach der Uraufführung

Hanns Eisler
Hanns Eisler schrieb die Filmmusik für "Die Hexen von Salem" Bildrechte: dpa

In der DDR kam "Die Hexen von Salem" erst sechs Monate nach der französischen Premiere im Oktober 1957 in die Kinos, in einer Fassung, die um 30 Minuten gekürzt wurde. In der ARTE-Fassung lassen sich die fehlenden Szenen nicht mehr erkennen. Auf Blu-ray und DVD der Langfassung liegen die herausgeschnittenen Szenen nur auf Französisch mit deutschen Untertiteln vor. Die Musik stammt übrigens von Hanns Eisler.

60 Jahre nach seiner Uraufführung wirkt diese Verfilmung generell zu nah an der Theatervorlage. Sie punktet jedoch durch eine große Intensität und stellt in Zeiten eines neu aufkeimenden Puritanismus und einer zunehmenden radikalen Auslegung von Religionen spannende Fragen.

Offenes Interview im DVD-Bonusteil

Besonders die sehr sinnliche Darstellung von Mylène Demongeot als "Ehebrecherin" Abigail beeindruckt. Sie gibt übrigens auf der DVD ein herrliches Interview und redet sehr offen über das "düstere" Ostberlin und das anstrengende Ehepaar Yves Montand/Simone Signoret. Beide Stars tauchen auch kurz in einem Drehbericht für die DDR Zuschauer auf.

Rührend ist, wenn die Signoret Deutsch spricht und Montand ist einfach nur cool und charmant. Wem also die ARTE-Ausstrahlung nicht reicht, der kann auf die filmhistorisch wirklich gelungene DVD-Edition zurückgreifen.

Der Film "Die Hexen von Salem"

Sendung bei ARTE: 4. Juni 2018, 21:50 Uhr

Erschienen als Doppel-DVD und Blu Ray
Länge in der DEFA-Fassung 115 Min, dazu Französische Langfassung 145 Min
Ton: Deutsch (DEFA), Deutsch/ gelegentlich Französisch mit deutschen Untertiteln (Langfassung)

Mit: Simone Signoret, Yves Montand, Mylène Demongeot, Jean Debucourt, Raymond Rouleau, Pascale Petit

Regie: Raymon Rouleau
Autor: Arthur Miller
Drehbuch: Jean-Paul Sartre
Musik: Hanns Eissler

Produktion: Films Borderie, Compagnie Industrielle et Commerciale Cinématographique, Pathé Consortium Cinéma, DEFA

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 04. Juni 2018 | 16:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 04. Juni 2018, 19:04 Uhr

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