Kinostart vor 35 Jahren DEFA-Film "Gritta von Rattenzuhausbeiuns" - Ein Mädchen rebelliert!

Bettina und Gisela von Arnim - Mutter und Tochter - schrieben das Kinderbuch "Das Leben der Hochgräfin Gritta von Rattenzuhausbeiuns" 1844/45. Christa Kozik entdeckte das lange unbekannt gebliebene Werk und schrieb ein Drehbuch dazu. Jürgen Brauer drehte den Film für die DEFA mit Nadja Klier in der Hauptrolle - und konnte ihn auch 1985 auch auf der Berlinale präsentieren. Noch während der Vorführung wurde applaudiert. Die Geschichte über das rebellische Mädchen ist nachdenklich und albern zugleich und vor allem: zeitlos.

Peter (Mark Lubosch) und Gritta (Nadja Klier).
Peter (Mark Lubosch) und Gritta (Nadja Klier) in dem DEFA.Film "Gritta von Rattenzuhausbeiuns" Bildrechte: MDR/PROGRESS/Waltraut Pathenheimer

"Es war einmal, ja es war wirklich einmal, 100 oder 200 Jahre ist das her, da lebte in dem alten, verfallenen Grafenschloss derer von Rattenzuhausbeiuns ein Mädchen. Sie hieß Gritta." So.heißt es am Anfang des DEFA-Märchenfilms "Gritta von Rattenzuhausbeiuns". Und diese Gritta "war frech", erzählt Nadja Klier, eine echte Expertin in Sachen "Gritta", denn sie hat eben jenes Mädchen mal gespielt: "Sie war, glaub ich, sehr schlau. Und sie hatte sehr, sehr gutes Gerechtigkeitsgefühl, und das hab ich übrigens auch. Also das ist eine Eigenschaft, die diese Figur und ich aber sowas von miteinander haben. Sie ist sehr liebevoll, auch zu Tieren, und sie hatte auch eine gewisse Verantwortung. Und sie ist eine Führungsnatur."

Als Gritta musste sich Nadja Klier mit vielen, vielen sprachbegabten Ratten auf dem Schloss arrangieren und einem Papa, dessen Denken fast ausschließlich um seine Erfindungen kreist - und der dennoch eine junge Frau auf das Schloss bringt. Eine, der Gritta viel zu selbständig und aufmüpfig ist. Weshalb sie nun die Erziehung des Mädchens in die Hand nehmen will. Was Gritta vom Rattenschloss so gar nicht behagt:

Dialog aus Gritta von Rattenzuhausbeiuns: Gritta: Und in diese Zimtzicke hat sich mein Vater verknallt. Seitdem sie da ist, ist alles anders. Sie schreit und ich muss springen. Sag was: Mit Dir kann man die Welt auch nicht verändern.

Peter: Kinder können die Welt nicht verändern. Wir wissen viel zu wenig von der Welt.

Gritta: Vielleicht gerade deshalb. Die Erwachsenen haben sich schon an alles gewöhnt. Auch an das Böse und Schlechte.

Die Vorlage schrieben Bettina und Gisela von Arnim

Das Drehbuch stammt aus der Feder von Christa Kozik. Es orientiert sich an einem Stoff von Bettina und Gisela von Arnim, der fast genauso wie der Film heißt: "Das Leben der Hochgräfin Gritta von Rattenzuhausbeiuns".

Ich hab mal vor vielen, vielen Jahren im Schloss Wiepersdorf, also im ehemaligen Haus der Bettina von Arnim, ihr Kinderbuch entdeckt in der Bibliothek. Und zwar ist das Kinderbuch leider recht unbekannt gewesen. Mich hat der rebellische Geist des Buches so begeistert, dass ich gedacht hab, das muss man aus der Versenkung holen.

Christa Kozik
Hermann Beyer als Hochgraf Julius Ortel von Rattenzuhausbeiuns
Mit einer Erfindung beschäftigt: Hermann Beyer als Hochgraf Julius Ortel von Rattenzuhausbeiuns Bildrechte: MDR/PROGRESS/Waltraut Pathenheimer

Was dann, dank der DEFA, gelingt. Und der Film landet nicht nur in den DDR-Kinos, Regisseur Jürgen Brauer präsentiert ihn auch auf der Berlinale. Er erinnert sich: "Ich habe gestaunt darüber, dass dieser Film - der sicher für alle Altersklassen gemacht ist, aber für die ganz Jungen, also für die Sechs-, Sieben-, Achtjährigen vielleicht ein bisschen schwerer verständlich ist - gerade bei denen, die in großer Zahl in diesem Kino waren, so gut angekommen ist, dass sie also mitten im Film applaudierten, was ich also bisher noch nicht erlebt hab."

Dialog aus Rattenzuhausbeiuns: Prinz Bonus: Wir geruhen, euch gnädig zu sein. Nun los, mach schon, fall vor mir auf die Knie. Das gehört sich so.

Gritta: Ich denke nicht daran. Was willst du denn hier?

Prinz Bonus: Ich bin Prinz Bonus. Du musst Dich freuen, wenn Du mich siehst.

Gritta: Und wenn ich mich nicht freue?

Noch heute lohnt es sich, dem starken Mädchen "Gritta von Rattenzuhausbeiuns" zuzuschauen. Der Film findet eine gute Balance zwischen nachdenklichen Tönen und puren Albernheiten, lässt auch Fragen offen. Und wer sich danach noch immer vor Ratten fürchtet, dem ist wirklich nicht zu helfen.

Über das Kinderbuch von den Arnims: Verfasst wurde dieser phantasievolle und übermütige Märchenroman im Jahr 1844/45. Geschrieben haben ihn Bettina und Gisela von Arnim, Mutter und Tochter. Gisela, die am meisten zu dem Roman beigetragen haben soll, war damals 17 Jahre alt und das jüngste von sieben Kindern von Bettina Brentano und Achim von Arnim. Sie interessierte sich früh für die Märchen von Wilhelm Hauff und Märchen sollte sie ihr Leben lang bevorzugen. Zusammen mit ihren Schwestern gründete sie den "Kaffeter-Kreis". Später wurde aus dem anfänglichen "Jungfrauen-Orden" ein literarischer Salon, zu dem auch Männer zugelassen waren. 1859 heiratete Gisela von Arnim Herman Grimm, einen Sohn Wilhelm Grimms.

Filme in der DDR

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 07. März 2020 | 06:45 Uhr

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