Eine alte Kamera
Bei der Spielfilm-DEFA gab es keine einzige Kamerafrau und nur wenige Regisseurinnen. Bildrechte: dpa

Filmgeschichte Ost Wo waren die starken Frauen bei der DEFA?

In der DDR schien die Gleichberechtigung der Frauen weiter vorangeschritten als in der Bundesrepublik. Auch in der Filmbranche? Cornelia Klauß hat mit dem Buch "Sie. Regisseurinnen der DEFA und ihre Filme" umfassend die Lage in der Filmorganisation erkundet, wie sie im Interview erklärt.

Eine alte Kamera
Bei der Spielfilm-DEFA gab es keine einzige Kamerafrau und nur wenige Regisseurinnen. Bildrechte: dpa

MDR KULTUR: War es bei der DEFA ausgewogener mit der Geschlechtergerechtigkeit als in Westdeutschland?

Cornelia Klauß: Also keinesfalls. Man muss sehen, dass sich die DDR eigentlich immer auf die Fahnen geschrieben hatte: die Gleichberechtigung stand ganz vorne. Was ja, finde ich, auch immer wie so ein Argument war in diesem kalten Krieg, wo es immer hieß: Ja, in der DDR – das mit den Frauen, das haben die schon ganz gut im Griff.

Cornelia Klauß
Cornelia Klauß, Mitherausgeberin des Buches "Sie. Regisseurinnen der DEFA und ihre Filme" Bildrechte: Steffen Bohl

Aber de facto war es im Spielfilmstudio so, dass da letztenendes nur fünf Regisseurinnen gearbeitet haben, davon zwei im Kinderfilm. Eine ist auch leider sehr früh im Zuge eines Autounfalls verstorben, so dass also Evelyn Schmidt und Iris Gusner die einzigen sind, die da die Fahne hochgehalten haben.

Aber, das ist natürlich auch interessant, Spielfilm ist immer das eine. In diesen etwas kleineren Formaten wie Dokumentarfilm, Animation, da war das Vertrauen für Regisseurinnen auch größer. Und da haben auch sehr viel mehr Regisseurinnen gearbeitet.

Und welche Themen haben, sagen wir mal die DEFA-Frauen in ihren Filmen angefasst. Sind das vorwiegend Frauenthemen gewesen?

Sie. Regisseurinnen der DEFA und ihre Filme, buch, cover, Cornelia Klauß,Ralf Schenk
Cover des Buches "Sie. Regisseurinnen der DEFA und ihre Filme" von Cornelia Klauß Bildrechte: Bertz und Fischer Verlag

Das liegt schon nahe, und das war ihnen sicherlich auch nochmal ein starker Impuls. Also, ich würde sagen, Frauenthemen ja, aber in der DDR ging es bei den kritischen Filmen – über die sprechen wir ja in erster Linie – nicht um die Filme, die Auftragsfilme waren, die die Propaganda verlängert haben. Also bei den wirklich künstlerisch interessanten Filmen sprechen wir eigentlich vor allem über die, die immer versucht haben, Wirklichkeit und Propaganda auszuloten. Also, was ist denn eigentlich Ideologie und wie sieht es denn in der Realität wirklich aus?

Und da war das natürlich vielen Frauen, auch vielen Regisseurinnen, ein wichtiger Impuls zu sagen: also, das wird uns hier alles so schön geredet – aber der Alltag der Frauen, also mit Kindern und Schichtarbeit und kein Mann zu Hause und weniger Verdienst, das ist ja dann doch eine andere Realität!

Nun sind die Regisseurinnen die berühmtesten Akteure hinter der Kamera. Wie steht es eigentlich um Drehbuch- und Kamerafrauen? Ist das ähnlich wie bei den Regisseurinnen in der DEFA-Zeit?

Jutta Wachowiak
Die Schauspielerin Jutta Wachowiak Bildrechte: IMAGO

Also, es gab keine einzige Kamerafrau bei der DEFA im Spielfilm. Und im Fernsehen haben schon einige gearbeitet. Aber die Frauen haben sich überhaupt nicht durchgesetzt. Oder sie wurden nicht zugelassen. Oder man hat es ihnen nicht zugetraut. Das ist eine ganz klare Männerdomäne.

Aber in der Drehbucharbeit, in der Dramaturgie, im Schnitt, da waren die Frauen ganz stark. Helga Schütz und Regine Kühn sind jetzt mal zwei Namen von Drehbuchautorinnen, die auch die Filme von männlichen Regisseuren, würde ich mal sagen, auch sehr weiblich unterwandert haben.

Und wir haben natürlich sehr starke Schauspielerinnen, muss man sagen. Also, das Gesicht von der DEFA ist schon weiblich. Wenn ich da an Jutta Hoffmann denke, an Angelica Domröse, an Jutta Wachowiak. Diese großen, wichtigen Figuren waren Frauenfiguren. Und das hat was damit zu tun, dass den Frauen auch eher der Zweifel zugetraut wurde. Oder, den Zweifel durfte man ihnen belassen, während die Männer fast immer eher den Funktionär darstellen mussten, eher den Staat repräsentiert haben.

Wie war das dann eigentlich nach 1989? Gab es da eine plötzliche Veränderung? Einen plötzlichen Abriss in dieser Geschichte?

Da gibt es einen Abriss. Da ist das Trickfilmstudio, was zum Beispiel auch eine ganz tolle Arbeit geleistet hat, die wirklich mit einigen Filmen auch in der Weltliga mitspielen konnte – das ist dann ganz gnadenlos eingestampft worden. Und da ist eigentlich so eine ganz eigene Ästhetik mühsam und gegen viele Zensurvorwürfe usw. gewachsen. Aber das ist, wenn man das aus heutiger Sicht betrachtet, wo alles nur noch von Disney und Pixar dominiert ist, dann gewinnt man nochmal einen ganz eigenen Blick darauf.

DEFA-Studio für Spielfilme in Potsdam Babelsberg 1990
Das DEFA-Studio für Spielfilme in Potsdam Babelsberg 1990 Bildrechte: IMAGO

Und es gibt auf jeden Fall einige Dramaturginnen, Regisseurinnen, die dann nach 89 überhaupt erstmal wirklich zu ihrer Berufung gefunden haben. Zum Beispiel Tamara Trampe ist so jemand. Die ist eine ganz bedeutsame Dokumentarfilmregisseurin geworden, die das in der DEFA nie hätte werden können. Da durfte sie mal einen kleinen Film realisieren und hat dann eigentlich im besten Sinne auch DEFA-Sprache und DEFA-Haltung irgendwie fortgesetzt und in was Neues überführt.

Oder Sibylle Schönemann wäre vielleicht auch noch ein gutes Beispiel. Die ausgereist ist, weil sie sich diesen Bevormundungen nicht länger ausliefern wollte. Und dann hat sie 1990 mit "Verriegelte Zeit" vielleicht den allerersten, wirklich wichtigen, großen Film gemacht zu der Zeit, die sie im Knast verbracht hat, zu dem System Stasi und dieser ganzen Auseinandersetzung. Also, da war auf jeden Fall nach 89 plötzlich auch was möglich für die Frauen, für die Regisseurinnen.

Das Interview führte Annett Mautner für MDR KULTUR.

Angaben zum Buch "Sie. Regisseurinnen der DEFA und ihre Filme"
Herausgegeben von Cornelia Klauß und Ralf Schenk

416 Seiten, gebunden, 29 Euro
plus 2 DVDs mit 18 ausgewählten Filmen
erschienen in der Schriftenreihe der DEFA-Stiftung
ISBN: 978-3-86505-415-9
Bertz und Fischer Verlag

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Zuletzt aktualisiert: 08. Februar 2019, 04:00 Uhr

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