Film-Klassiker Till Ulenspiegel: Weltstar Gérard Philipe im Dienste der DEFA

Er war ein Flimstar im Frankreich der 1950er Jahre und Publikumsliebling in der DDR: der französische Schauspieler Gérard Philipe. Er war Titelheld und Regisseur der ersten Koproduktion zwischen einer Ostblock- und einer Westfirma mitten im kalten Krieg: "Till Ulenspiegel". Der Film kam 1956 in die Kinos. Gedreht wurde in Sachsen-Anhalt. Für die DEFA war der Film ein Wagnis, für den Westen ein Ärgernis.

von Dennis Wagner, MDR KULTUR

Der französische Schauspieler Gérard Philipe schaffte das Unmögliche: Schier unüberwindbare Grenzen einfach zu überfliegen. Ein Foto von 1956 zeigt den Filmstar mit NVA-Soldaten – für die damalige Zeit eine nahezu absurde Aufnahme. Sie hängt heute im Kulturhaus in Raguhn in Sachsen-Anhalt, das seinen Namen trägt und heute ein Restaurant ist.

Ganz in der Nähe, an der Mulde, fanden 1956 die Dreharbeiten für "Till Ulenspiegel" statt. Weit über 1.000 Statisten wurden gebraucht, also rückte die NVA an. Doch viele kamen auch, um ihren Lieblingsstar aus dem fernen Frankreich leibhaftig zu sehen, erinnert sich Richard Preuße, der selbst als Statist dabei war:

[…] Die Mädels, die waren doch verrückt nach dem. Die jungen Dirnen. […] Viele junge Frauen aus Raguhn und der nah gelegenen Ortschaften machten diesem jungen, sympathischen Schauspieler einen großen Hof. Der hat dann im Ratskeller gespeist, abends, und da hingen die Mädels an den Fenstern und guckten rein, um den mal sehen zu können, ja, so war das!

Richard Preuße, Statist im Film "Till Ulenspiegel"

Der "fortschrittliche" Künstler

Gérard Philipe war nicht das erste Mal in der DDR. Schon 1955 stand er auf den Brettern der Volksbühne. Till Ulenspiegel zu verfilmen und die Figur nach Flandern zu versetzen war ein alter Traum von ihm. Dies in einer französisch-ostdeutschen Koproduktion zu versuchen, schien für alle von Vorteil zu sein. Zumal der Schauspieler hierzulande als einer der sogenannten fortschrittlichen Künstler galt.

Gérard Philipe war ein Superstar. Man kannte in der DDR einige seiner Filme – nicht alle, aber einige. Vor allem "Fanfan der Husar" war ein riesiger Publikumserfolg und man schätzte Gérard Philipe auch deswegen, weil er durchaus auch in gesellschaftskritischer Hinsicht seine Stimme erhob in Frankreich und für die Rechte der Arbeiter eintrat und für den Weltfrieden.

Ralf Schenk, Vorstand DEFA-Stiftung

Der französische Schauspieler Gérard Philipe erfüllt am Abend des 18.01.1957 nach einer Spätvorstellung seines Films "Die Abenteuer des Till Ulenspiegel " in einem Kino in Ostberlin Autogrammwünsche.
Gérard Philipe war ein weltweit bekannter Filmstar – auch in der DDR waren einige seiner Filme bekannt. Bildrechte: dpa

Der Kalte Krieg sanktionierte diplomatische und wirtschaftliche Beziehungen zwischen Ost und West. Die Nachrichten der 1950er waren voll von Angstszenarien, in denen man sich gegenseitig Angriffspläne unterstellte. Schenk erinnert sich an die Hallstein-Doktrin in der Bundesrepublik und an Ausfuhrverbote, die aber nicht von der DEFA ausgingen, sondern von der Bundesrepublik für DEFA-Filmen in den Westen. "Man glaubte, wenn man mit westeuropäischen Partnern Filme macht, dass man dann dieses Tor in den Westen sozusagen ein bisschen aufstoßen kann und endlich wieder Fuß fassen kann als Weltfirma DEFA."

Künstlerische Ausführung in französischer Hand

Im Filmgeschäft dachte man es pragmatischer. Die Franzosen hätten die Massenszenen des Films ohne die DEFA nie finanziert bekommen. Außerdem erhoffte man sich so Drehgenehmigungen für andere Projekte im Osten. Die DEFA wiederum fand auch den Stoff der Romanvorlage ausgezeichnet: Immerhin ging es um einen Freiheitskampf.

Auch DDR-Schauspieler waren dabei, allen voran Erwin Geschonneck. Allerdings war er fast der Einzige, denn die Franzosen hatten die künstlerische Ausführung komplett an sich gerissen. Nur die Statisten wurden aus dem Osten bestellt, eingekleidet und mit Pferden versehen. Auch Preuße erinnert sich an seinen Auftritt als Kleindarsteller: "[…] Aufs Pferd rauf und dann reiten. 20 Meter, oder was weiß ich, vielleicht auch 30. Und dann war schon Schluss. Dann riefen sie schon von oben: Nochmal dasselbe!"

Schlachtszene in Till Ulenspiegel
Die Statisten kamen aus dem Osten, die ganze künstlerische Ausführung war ins französischer Hand. Bildrechte: MDR

Action und Unterhaltung statt Politik

Die DEFA erhoffte sich einen Film, der einen aufrechten Freiheitskämpfer zeigt. Doch mehr und mehr wurde klar, dass hier kein zweiter Thälmann, sondern ein Unterhaltungsstar die Kurbel drehte. Schenk: "Schon die ersten Drehbuchentwürfe kamen bei der DEFA nicht unbedingt nur gut an. Also man wollte natürlich einen Film mit Gérard Philipe machen, aber man merkte auch, dass der Film nicht nur ein politischer Film wird, sondern vor allem eben auch ein heiterer, ein amüsanter, ein auf aktionsreiche Szenen getrimmter Film."

Der französische Schauspieler Gérard Philipe  besucht am Abend des 18.01.1957 eine Spätvorstellung seines Films "Die Abenteuer des Till Ulenspiegel " in einem Kino in Ostberlin.
Till Ulenspiegel zu verfilmen war ein alter Traum von Gérard Philipe. Bildrechte: dpa

Die Hoffnungen der DEFA auf den Einzug in den Westen wurden jedoch durchkreuzt. Der Film lief zwar in der BRD, aber neu vertont und ohne die DEFA und ihre Schauspieler zu benennen. Auch die Weltpolitik kollidierte mit dem Film. 1956 brach in Ungarn ein Aufstand aus, den die Rote Armee blutig niederschoss. Im Westen herrschte Entsetzen, es gab Proteste. Und Gérard Philipe wurde bei der Pariser Premiere des "Ulenspiegel" schwer beschimpft – für seine Zusammenarbeit mit dem Ostblock.

Der Schauspieler habe anschließend eine Resolution gegen die Einmischung der Russen in Ungarn unterzeichnet – gemeinsam mit anderen französischen Kulturschaffenden, so Ralf Schenk von der DEFA-Stiftung. Zu den Unterzeichnern sollen auch Schriftsteller Vercors, Philosoph Jean-Paul Sartre und Schauspielerin Simone Signoret gehört haben.

Weitere Kooperationen zwischen Frankreich und DEFA

Erst im Januar 1957 kam Philipe wieder in die DDR. Drei weitere Filme produzierte die DEFA noch zusammen mit den Franzosen, allerdings ohne Philipe, der früh starb, im Alter von 36 Jahren.

An der Mulde hingegen kehrte nach dem Filmdreh der Alltag ein, mit all seinen liegengebliebenen Sorgen – und der liegengelassenen Kulisse, wie sich auch Richard Preuße erinnert: "Unser Nachbar, der hatte noch ein Gespann Pferde. Der fuhr dann, nachdem das mit dem Film vorbei war, dann machte der runter und hat noch sich das Holz geholt. Da waren sie dann ja auch umsichtig."

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | artour | 22. August 2019 | 22:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 24. August 2019, 09:39 Uhr

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