Deichkind
Deichkind geben die Frage auf alle Antworten: "Wer sagt denn das?" Bildrechte: dpa

Neues Album "Wer sagt denn das?" Phänomen Deichkind: Kapitalismuskritik zum Mitgrölen

Ihre Konzerte sind riesige Shows, ihre Songzeilen sind längst im allgemeinen Wortschatz angekommen. Auf ihrem siebten Album "Wer sagt denn das?" mischen Deichkind wieder Systemkritik mit Trinkliedern. Und Lars Eidinger tanzt dazu. Wie konnte es soweit kommen? Wir gehen dem Phänomen Deichkind auf den Grund.

Juliane Streich, Autorin für MDR KULTUR
Bildrechte: MDR/Robert Kühne

von Juliane Streich, MDR KULTUR

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Deichkind geben die Frage auf alle Antworten: "Wer sagt denn das?" Bildrechte: dpa

Man könnte meinen, Deichkind sind einfach eine Spaßband für Leute, die gern Alkohol trinken. Das stimmt auch, schließlich grölt man bei ihren Konzerten gerne die Parole "Kein Staat, kein Gott, lieber was zu saufen". Doch geht die Hamburger Gruppe weit über die prollige Partyband hinaus.

"Leider geil" und "Like mich am Arsch"

Das fängt bei den Texten an. Neben ihrem "Schmeiß-die-Möbel-aus-dem-Fenster"-Überhit "Remmidemmi" haben sie Zeilen geschrieben, die sich als geflügelte Redewendungen im Sprachgebrauch internetaffiner Groß- und Kleinstadtmenschen durchgesetzt haben. "Like mich am Arsch" zum Beispiel, wenn man von all dem Gefällt-Mir-Geheische in den sozialen Netzwerken genug hat. "Leider geil" für alles, was man eigentlich nicht machen soll, was aber viel zu viel Spaß macht, zum Beispiel Trash-TV gucken oder fette Karren fahren. "Bück dich hoch" für alle, die in ihrem Job ordentlich den Chef anschleimen.

Kapitalismuskritik zum Mitgrölen

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Salutieren auf Deichkind-Art Bildrechte: dpa

Zwischen all dem Witz, den Mitsing-Slogans und den Tanzbeats kann man jede Menge Gesellschaftskritik erkennen. Denn "Bück dich hoch" ist nicht einfach nur lustig, weil es den fiesen Chef und den geknechteten Angestellten karikiert, sondern auch schlau, weil darin sehr viel Kapitalismuskritik steckt, genauso wie in "Arbeit nervt". Bemerkenswert war auch ihr Anti-WM-Song "Ich habe eine Fahne", den sie zum Start der Fußballweltmeisterschaft 2014 veröffentlichten und in dem sie sich kritisch mit dem kollektiven Party-Patriotismus, der Fifa und der Beschränktheit von besoffenen Fans auseinandersetzen. Die Fifa fand das gar nicht witzig und ließ mit Hilfe ihre Anwälte das Video verbieten. Mit ihrem Song "Illegale Fans" mischten sich Deichkind in die Debatte ums digitale Urheberrecht ein und bei einer ECHO-Preisverleihung und auf Konzerten traten sie mit "Refugees Welcome"-Jogginganzügen auf.

"Kein Bock mehr auf Hass"

Auch auf ihrem neuen Album "Wer sagt denn das?" setzen sich Deichkind ausdrücklich mit gesellschaftspolitischen Themen auseinander. In "Dinge" thematisieren sie die Lust am Konsum, im Titelsong behandeln sie die Spaltung der Gesellschaft. In einem Interview mit der "Zeit" sagte Sebastian Dürre zum Thema Rechtsruck und Populismus, er sei nicht der "Ihr Nazis braucht alle aufs Maul!"-Typ, sondern eher der "Hört damit auf und kommt zurück"-Typ: "Weil es einfach geiler auf der guten Seite ist. Wir wollen keine verbalen Vergeltungsschläge machen, wir wollen Leute aufwecken und zurückholen. Wir haben keinen Bock mehr auf Hass."

Zelebriertes Scheitern in Mülltüten

Bock auf Hass hatten sie in ihrer gut 20-jährigen Geschichte aber eh nie, auch wenn die gesamte Bandgeschichte auf Anti-Haltung basiert. Nachdem sie sich 1997 als HipHop-Band gründen, kommen sie in der Rap-Szene ersteinmal nicht besonders gut an, was sich 2000 mit der Single "Bon Voyage" ändert. 2006 beschließen sie, das Scheitern zu zelebrieren. Die Stimmung in der Band ist schlecht, das Album "Aufstand im Schlaraffenland“ entsteht eigentlich nur, weil es noch Geld von der Plattenfirma abzugreifen gilt, mit einem letzten großes Exzess wollen sie sich auflösen und kombinieren ihren Rap nun mit Techno und Ballermann-Parolen. Bei ihrem ursprünglich letzten Auftritt ziehen sie spontan Mülltüten an, die sie hinter der Bühne finden.

Die Egal-Haltung wird zum Befreiungsschlag, Mülltüten zum Standard-Outfit einer nun doch zwei Jahre dauernden Tour, auf der von Topfpflanze bis Trampolin jeder mögliche Konsumschrott für die Show verwendet wird. Erst Jahre später wird DJ Phono zum Regisseur der Shows ernannt, die nun nicht mehr Anarchie, sondern einstudierte Inszenierungen mit Dramaturgie, Tanzchoreografien und Kostümwechseln sind. Deichkind gelten inzwischen – abgesehen von Rammstein – als beste Live-Band des Landes, die sich im Schlauchboot oder Fass über die Masse tragen lässt.

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Shows mit allem drum und dran: Deichkind live Bildrechte: imago/Robert Michael

Auch die Besetzung hat sich immer wieder geändert. Der Einzige, der seit der Gründung 1997 noch dabei ist, ist Philipp Grütering aka Kryptic Joe, der seit 2005 zusammen mit Sebastian "Porky" Dürre die Songs schreibt. 2009 trifft die Band mit dem Tod von Sebastian "Sebi" Hackert ein trauriger Tiefschlag. Doch nach einigem Überlegen entschließen sie sich fürs Weitermachen. Erst letztes Jahr verkündete Ferris MC aka Ferris Hilton den Ausstieg aus der Band, weil er sich lieber auf seine Solo-Karriere konzentrieren will.

Kunst für Theaterfreunde

Dem Erfolg der Band taten diese Personalien keinen Abbruch. Längst sind Deichkind nicht nur in den großen Mehrzweckhallen, sondern auch in den Feuilletons angekommen – nicht nur, weil sie 2010 mit "Deichkind in Müll – Eine Diskurs-Operette" im Hamburger Kampnagel Theater spielten. In allen ihren neuen Musikvideos springt auch Theater-Star Lars Eidinger durchs Bild, besonders bei "Keine Party", das ihn stampfend an verschiedenen Straßenecken, Parkhäusern oder Spielplätzen zeigt. Zu einem hämmernden Technobeat heißt es in dem Song: "Warum muss man denn gleich feiern, wenn die Eltern mal nicht da sind? Möbel aus dem Fenster, das ist doch blanker Wahnsinn". Eine klare Absage an ihre eigene Party-Ansage von 2006, die auch die anspricht, die damals noch Remmidemmi gemacht haben.

Aber auch wenn Musiker wie Fans älter werden, ist die Party noch lange nicht vorbei. Das zeigen Deichkind auf ihrem neuen Album, wo neben Gesellschaftskritik natürlich auch wieder Trinklieder wie "1000 Jahre Bier" zu hören sind. Diese Ambivalenz zwischen Saufen und Sinnieren, Party und Protest, Abriss und Abhandlung, Kommerz und Kritik macht Deichkind zur Band der Stunde, die zumindest die Frage auf alle Antworten hat: "Wer sagt denn das?"

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Dieses Thema im Programm: MDR JUMP | 19. Juli 2019 | 20:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 27. September 2019, 04:00 Uhr

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