Rollatoren von Mitbewohnern der Alexa Seniorenresidenz in Dresden stehen in der Tagesbetreuung vor einem Regal mit Produkten der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik (DDR).
In der AlexA Seniorenresidenz lebt die DDR wieder auf - zum Wohle der Gesundheit. Bildrechte: dpa

Was früher Heimat war DDR-Alltag als Erinnerung für Demenzkranke

In der AlexA Seniorenresidenz in Dresden-Pieschen leben 130 Senioren, die zu einem Großteil dement sind. Für ihre Betreuung hat sich das Altersheim etwas Besonderes einfallen lassen und lässt sie zum Teil wieder in der DDR leben. Mit Erfolg: Die Bewohner sind wieder kommunikativer und selbstständiger geworden.

von Hans-Michael Marten, MDR KULTUR

Rollatoren von Mitbewohnern der Alexa Seniorenresidenz in Dresden stehen in der Tagesbetreuung vor einem Regal mit Produkten der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik (DDR).
In der AlexA Seniorenresidenz lebt die DDR wieder auf - zum Wohle der Gesundheit. Bildrechte: dpa

Eigentlich wollte der Chef der AlexA-Seniorenresidenz nur ein Kino einrichten. Ein Kino im Altenheim, mit Hollywood-Flair und Popcornmaschine. Bedauerlicherweise passte ein Cadillac nicht rein. So wurde es ein Gefährt aus den Sechzigern der DDR – der Troll – und spielte die Hauptrolle bei der Kinopremiere.

Kommunikation durch Erinnerung

Mit überraschendem Erfolg, wie Gunter Wolfram berichtet, der die Einrichtung leitet. Denn stark demenzkranke Bewohner, die kaum ein Wort gesprochen hätten und nur sehr wenig kommunikativ gewesen wären, hätten sich plötzlich an den Troll erinnert. "Sie konnten Funktionen erklären, haben am Gas herumgespielt, die Bremse betätigt und sich darauf gesetzt", so Wolfram. Und vor allem hätten sie begonnen, erste Geschichten zu erzählen.

Geschichten, die wir noch nicht kannten. Geschichten von früher, wie sie in den Urlaub gefahren sind, wie sie mit ihrer Freundin ausgefahren sind.

Gunter Wolfram, Leiter AlexA Seniorenresidenz Dresden
Zwei Frau sitzen nebeneinander
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

artour Do 07.06.2018 22:05Uhr 05:10 min

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Video

100m² DDR – aber kein Museum

Der Troll hat Zuwachs bekommen. Auf knapp 100 Quadratmetern sind inzwischen zwei Erinnerungsräume entstanden. Eingerichtet mit Original-DDR-Möbeln, Küchengeräten, Radios und Spielzeug. Hellerau, Ratiomat und RFT senden Grüße aus den 60er- und 70er-Jahren. Aber, es ist kein Museum. Alles wird angefasst, benutzt und als sinnlicher Anreiz in die Betreuungsarbeit einbezogen.

Das Private und Familiäre als Geheimnis

Ein Mann mit Brille, weißem Hemd und Krawatte sitzt auf einem DDR-Motorrad.
Gunter Wolfram, Leiter der Seniorenresidenz, einem der Erinnerungszimmer Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Irgendwie herrscht in diesem Heim eine andere Stimmung. Mit einfachsten Mitteln wird hier eine entspannte, heimische, ja heimatliche, Atmosphäre geschaffen. Die Erinnerungsarbeit, die hier praktiziert wird – und das ist ihr Erfolg – spricht die Bewohner nicht über ihre ehemalige Arbeitswelt, sondern in ihrem privaten Alltag an. In den 60ern waren die Bewohner dreißig oder vierzig Jahre alt. Diese Zeit ist mit den stärksten Emotionen verbunden. Man gründet eine Familie, richtet sein Leben ein, wird sesshaft. "Dieser Alltag hier von unseren Bewohnern war immer auch sehr familiär geprägt", erklärt Wolfram. "Fast alle die hier bei uns leben und Wohnen kommen auch hier aus dem direkten Umfeld." Und dies freut den Leiter des Altersheims, da auch sie so ein Stück alte Heimat in diese Zeit mitnehmen können.

Keine DDR-Verherrlichung

Ein Zimmer, dass mit bunten DDR-Möbeln ausgestattet ist.
Wie eine Reise zurück in der Zeit. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Die zwanzig bis dreißig Senioren, die hier wochentags die DDR besuchen, leben dennoch im Heute. Ob ihnen das immer bewusst ist, kann keiner wirklich sagen. Aber es ist auch egal. Wichtig ist, über das, was ihnen Heimat und vertraut war, eine Beziehung zu ihnen aufzubauen. Und wenn am Haushaltstag geputzt wird und Gardinen gewaschen werden, sind sie mit Begeisterung dabei.

Die Kritik, man würde hier die DDR verklären oder verherrlichen, fällt ins Leere. Gunter Wolfram besteht darauf, dass politische Geschichte hier keine Rolle spiele. "Wir feiern hier weder einen Tag der NVA, noch gibt es hier einen Pioniernachmittag. Wir sehen das die Leute hier bei uns wohnen und leben, das jeder seine Biografie hat, das jeder seine Werte mitbringt und die gilt es für uns zu respektieren."

Wir sehen es als unseren Auftrag hier Lebensfreude zu verbreiten.

Gunter Wolfram, Leiter AlexA Seniorenresidenz Dresden

Spürbare Erfolge – auch auf emotionaler Ebene

Auf einem Tisch steht Spielzeug aus DDR-Zeiten.
Spielerisch sollen die Senioren emtional erreicht werden. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Und: Es funktioniert. Sicher, was an kognitiven Fähigkeiten durch die Demenz verschwunden ist, kann hier nicht wieder hergestellt werden. Aber die Bewohner sind nachweislich wieder selbstständiger. Sie bereiten sich ihr Frühstück selbst zu, was sie vorher nicht konnten und sie kommunizieren auch wieder untereinander. Heimleiter Wolfram hat Koch und Krankenpfleger gelernt und Pflegemanagement studiert. Er und seine Mitarbeiter sind Praktiker, keine Wissenschaftler. Erklären können sie die Erfolge nicht. Es scheine einfach zu helfen, wenn man Dinge aus einer gewissen Alltagskultur mitnehme, vermutet Wolfram. "Und über diese Wiedersehensfreude, diesen Wiedererkennungswert, dieses 'ich kann das', ohne, dass mir das jemand erklärt, macht es uns das wesentlich einfacher, die Leute emotional zu erreichen.“ 

Hier wird nicht sinnlos mit dem Heimatgefühl an die DDR gespielt. Hier wird ganz einfach ein anderer Umgang mit den Bewohnern gepflegt. Das sollte Schule machen. Und die DDR: Ist und bleibt Erinnerung.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | artour | 07. Juni 2018 | 22:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 07. Juni 2018, 15:37 Uhr