Bücherstapel
Bestsellerlisten sagen nichts über die Qualität der Werke aus. Bildrechte: Colourbox.de

Gespräch mit Denis Scheck Was uns Bestsellerlisten sagen

In der Sendung "druckfrisch" nimmt sich der Literaturkritiker Denis Scheck die Bestsellerlisten vor, mal die Belletristik und mal das Sachbuch. Und sein Urteil ist dabei immer gnadenlos. Trotzdem wird sich vermutlich kein einziger Leser davon abhalten lassen, die Bücher seiner Lieblingsautoren dennoch zu kaufen. Über Sinn und Unsinn von Bestsellerlisten.

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Bestsellerlisten sagen nichts über die Qualität der Werke aus. Bildrechte: Colourbox.de

MDR KULTUR: Herr Scheck, was würden Sie sagen, ist das Geheimnis der Bestsellerliste? Es sind ja eigentlich nur Zahlen und Marketing, aber man schaut als Leser ja hin. Warum eigentlich?

Denis Scheck: Ich glaube, die meisten Menschen sitzen einem semantischen Missverständnis auf, wenn von Bestsellerlisten die Rede ist. Nämlich viele verwechseln, dass auf der Bestsellerliste keineswegs die besten Bücher stehen, sondern lediglich die meistverkauften. Und während in der Politik die Demokratie ein wunderbares Mittel zur Lösung politischer Probleme ist, ist in der Kunst das demokratische Prinzip prinzipiell von Übel.

Nur einmal als Gedankenexperiment: Sie wollen doch nicht etwa eine der zehn meistverkauften Mahlzeiten zu sich nehmen. Das wäre, das wissen wir instinktiv, vermutlich ein vollkommen unverdaulicher Raststätten-Mampf. Und bei den Büchern ist es ganz genauso.  Die zehn meistverkauften Titel, das sind meistens die, wie die von unserem Ex-Nationaltorwart Oliver Kahn. Er hat inzwischen vier geschrieben – sein Erstes hieß "Nummer eins" – da findet sich doch tatsächlich der Satz: "Die Trennung von meiner Frau hatte nichts mit ihrer Person zu tun." Ein Satz, der mich an den späten Martin Heidegger erinnert.

In den 20er-Jahren, als in Deutschland die ersten Bestsellerlisten erschienen, war schon von "geistiger Verflachung" die Rede. Mit Ihrer Erfahrung zu Bestsellern: Warum kommen denn Qualität und Quantität oft nicht zusammen?

Denis Scheck, deutscher Literaturkritiker und Journalist
Denis Scheck moderiert seit 2003 die Sendung "druckfrisch". Bildrechte: dpa

Wenn ich das wüsste, dann würde ich sofort einen Verlag gründen und dafür sorgen, dass die tollen Bücher zu Bestsellern werden. Wenn man die Bücher der Bestsellerliste liest, dann kann man daran dem Land schon ein wenig den literarischen Puls messen. Das unternahm mein Kollege Gor Vidal in den 60er-Jahren, in dem er für einen Essay die Bestsellerliste der New York Times von vorne bis hinten las. Wenn man das über lange Strecken macht, dann fällt einem positiv auf – und deswegen bin ich da gar nicht so kulturskeptisch – dass all die Personen aus der Politik, aus dem Sport, aus der Wirtschaft, immer noch zum Leitmedium Buch streben.

Ob Politiker, Sportler, Ökonomen - es streben immer noch alle zum Leitmedium Buch.

Denis Scheck, Literaturkritiker

Ich würde mich ängstigen, wenn dieser Trend aufhören würde – wenn sie lieber YouTube-Videos machen wollen oder einen Podcast. Sondern mir ist sogar ganz lieb, dass sie ihre armselige Existenz noch veredeln wollen, indem sie sich mit literarischen Lorbeerkränzen schmücken. Dagegen habe ich gar nichts. Nur machen das manche besser und manche schlechter.    

Der Publizist und Kritiker Jörg Magenau hat vor kurzem ein ganzes Buch über Bestseller herausgebracht: "Bestseller. Bücher, die wir liebten und was sie über uns verraten". Darin vertritt er die Ansicht, das Bestsellerlisten immer auch Stimmungen im Land abbilden. Glauben Sie, dass man in der Bestsellerliste auch ein bisschen in die Zukunft schauen kann?

Ich schätze den Kollegen Jörg Magenau, auch als Biograf von Christa Wolf und Martin Walser, aber in die Zukunft schauen: Nein, das glaube ich nicht. Das könnte man, glaube ich, eher anhand von Geburts-Statistiken. Ich bin ein großer Fan von Literatur, die sich mit der Zukunft beschäftigt – Science-Fiction-Literatur. Aber bei den Bestsellerlisten, da finden Sie Fragen der Vergangenheit, nicht der Zukunft.

Die Hamburger Firma Qualifiction glaubt, die Bestseller-DNA entschlüsseln zu können und vertreibt eine Software zur Vorhersage von Bucherfolgen. Welche Zutaten müssten in einem Bestseller sein, damit er bei Ihnen eine Chance auf Wertschätzung hätte?

Ich glaube nicht an eine solche Formel. Ich glaube, dass wirklich jeder Autor so gut schreibt, wie er nur kann. Und es gibt so ein Phänomen – in der Astronomie spricht man von einem Fenster, wenn die Verhältnisse besonders günstig sind, wenn man zum Beispiel zu einem fremden Planeten fliegen will – und so gibt es auch für bestimmte Themen ein Fenster.

Es ist immer: Zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort zu sein.

Denis Scheck, Literaturkritiker
JK Rowling auf dem Empire State Building
Für Denis Scheck hat J. K. Rowling das Buch wieder zum "Blockbuster" gemacht. Bildrechte: IMAGO

Und so entsteht dann "Vom Winde verweht" oder "Ein fliehendes Pferd". Aber an eine Formel, an die glaube ich nicht. Es gibt Phänomene wie "Harry Potter", der Jahrtausend-Bestseller, der mir ja auch gut gefallen hat. Allein schon wegen des Umstandes, dass vor 18 Jahren die meisten Menschen glaubten, der Literatur sei das "Blockbuster-Phänomen" abhandengekommen. Dass das heute nur noch ein Film leisten könnte – denken wir an "Star Wars" oder vielleicht noch Computerspiele. Dann kam Joanne K. Rowling und schrieb Jugendbücher über Zauberinternate und löste damit weltweit ein Phänomen aus. So, dass Menschen sich um Mitternacht die Beine platt standen, vor Bücherhandlungen, weil sie nicht erwarten konnten, wie es weitergeht.

Das Gespräch führte MDR KULTUR-Moderator Carsten Tesch

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Denis Scheck gibt einen Überblick über aktuelle Bestseller auf der Leipziger Buchmesse.
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 16. Mai 2018 | 07:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 16. Mai 2018, 14:58 Uhr

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