Deniz Yücel
Deniz Yücel sitzt seit Februar 2017 in der Türkei in Haft. Bildrechte: dpa

Sachbuch "Wir sind ja nicht zum Spaß hier" - Texte von Deniz Yücel

Ein Jahr saß Deniz Yücel in türkischer Haft. Das Buch "Wir sind ja nicht zum Spaß hier" versammelt nun Texte des Journalisten. Sie reichen von Berichten über Pegida bis zu den Erfahrungen in der Gefangenschaft.

von Holger Heimann, MDR KULTUR-Literaturkritiker

Deniz Yücel
Deniz Yücel sitzt seit Februar 2017 in der Türkei in Haft. Bildrechte: dpa

Am 14. Februar 2017 hat Deniz Yücel das Polizeipräsidium in Istanbul aufgesucht, um zu erfahren, warum gegen ihn ermittelt wird. Seitdem saß er in Haft wegen des Verdachts der "Terrorpropaganda" und der "Aufwiegelung der Bevölkerung". Eine Anklageschrift hatte er bis dahin nie zu Gesicht bekommen. Am 16. Februar wurde Yücel freigelassen.

Yücel ist bei weitem nicht der einzige Journalist, der im Gefängnis festgehalten wurde. Aber kaum ein anderer Fall hat für so viel Aufmerksamkeit gesorgt. An dem Tag, da sich seine Verhaftung jährte, ist ein Buch mit Texten des Reporters erschienen. "Wir sind ja nicht zum Spaß hier" versammelt jedoch nicht allein Beobachtungen aus der Haft. Es ist eine Art Best-of der journalistischen Arbeiten Yücels, der 1973 als Sohn türkischer Einwanderer in der Nähe von Frankfurt am Main geboren wurde.

Dieser Ort hat keine Erinnerung. Alle, die ich hier kennengelernt habe – kurdische Aktivisten, Makler, Katasterbeamte, festgenommene Richter und Polizisten, Gangster – alle haben mir gesagt: 'Du musst das aufschreiben, Deniz Abi.' Ich habe gesagt: 'Logisch, mach' ich. Ist schließlich mein Job. Wir sind ja nicht zum Spaß hier.'

Deniz Yücel über seinen Gefängnisaufenthalt

Andere Stimme aus der Türkei

Es gibt in dem Buch einen Text, der Auskunft gibt, warum der Autor die DKP wählt. Yücel erklärt, was es für ihn heißt, Journalist zu sein, und er ist bei einer Pegida-Demonstration in Dresden. Doch Schwerpunkt seines Schreibens ist spätestens ab Mai 2015 die Türkei, über die er seither als Korrespondent der "Welt" berichtet. Yücel interviewt Oppositionelle, berichtet vom Elend der Flüchtlinge, von immer neuen Bombenattentaten und von den blutigen Kämpfen in Ostanatolien zwischen der türkischen Armee und kurdischen Truppen.

Der Objektivität verpflichtet

Deniz Yücel - Wir sind ja nicht zum Spaß hier, Buchcover
Deniz Yücel:
"Wir sind ja nicht zum Spaß hier"
Bildrechte: Edition Nautilus

Schritt für Schritt zeichnet er Erdogans Weg zum Diktator nach. Und er schaut auf die Widersacher des türkischen Präsidenten. Die Gülen-Bewegung und die kurdische PKK haben jedoch keinen Bonus bei Yücel, nur weil sie Gegner Erdogans sind. Diesem Reporter geht es stets um Genauigkeit und um Differenzierung.

Er attackiert die Strategie der PKK, die Kämpfe in Wohngebiete zu verlagern, um mit zivilen Opfern Politik zu machen. Und er schreibt, es könne als erwiesen betrachtet werden, dass die Gülen-Organisation maßgeblich für den Putschversuch verantwortlich war, aber deswegen sei nicht jeder Gülen-Anhänger ein Putschist.

Türkische Tragik erfahrbar gemacht

Deniz Yücel (Journalist)
Deniz Yücel im November 2015 in der ZDF-Talkshow "Maybrit Illner" Bildrechte: IMAGO

In der Summe spiegeln seine Beiträge aus der Türkei von 2013 bis heute die große Tragik eines Landes. Von der Aufbruchsstimmung, die mit den Gezi-Protesten verbunden war, ist nichts geblieben. Erdogan hat vielmehr den nach dem Putsch verhängten und immer wieder verlängerten Ausnahmezustand zum Kern seiner Politik gemacht.

Yücels Reportagen und Interviews markieren entscheidende Wegmarken in diesem Prozess. Neue Erkenntnisse können die naturgemäß zeitverhafteten Beiträge indes kaum bieten. Gespannt ist man deshalb vor allem auf die Berichte aus der Haft, mit denen der Band schließt. Vier solcher Texte hat Deniz Yücel geschrieben, drei waren bereits in der "Welt" abgedruckt.

Journalist - auch im Gefängnis

In einem Haftprotokoll, das er während der ersten Tage hinter Gittern verfasste, hat der Gefängnisinsasse seinen Alltag sehr präzise festgehalten. Zellenausstattung, Kälte, Handschellen heißen die Stichworte dazu. Folter erlebt er zum Glück nicht, wohl aber erzählt ihm ein Mithäftling zitternd von den erlittenen Qualen.

"Post" ist vielleicht der wichtigste Begriff in der Aufzählung. Deniz Yücel begreift sehr früh, dass der beständige Kontakt über seine Anwälte zur Außenwelt für ihn existenzielle Bedeutung hat, weil jeder Brief verbunden ist mit dem Wissen, nicht vergessen zu sein.

Immer wieder schlüpft der Häftling in die Rolle des Journalisten. Beobachten und aufschreiben - das betrachtet er als seine Aufgabe. Wie ihm das unter widrigen Bedingungen gelingt, zeigen seine Texte auf beeindruckende Weise.

Holger Heimann, MDR KULTUR-Rezensent

Yücel liefert nicht nur die Erzählung seiner Haft. Es geht ihm auch weiterhin darum, Korrespondent zu sein. Und das heißt nichts anderes, als weiterhin zu recherchieren und zu analysieren, was im Land geschieht - auch aus dem Gefängnis heraus.

"Der kleine Prinz" als Rettung

Der deutsche Journalist Deniz Yücel, Türkei-Korrespondent der 'Welt'
Deniz Yücel im September 2015 im türkischen Nusaybin, nahe der türkisch-syrischen Grenze Bildrechte: dpa

Während der ersten Hafttage war das wegen des Verbots von Stift und Schreibpapier besonders schwierig. Yücel berichtet in dem Buch, wie er zunächst mit Gabelspitze und Soße versucht hat, die Seitenränder in einen Roman zu beschreiben. Das Verfahren stellte sich rasch als viel zu mühsam heraus, das Ergebnis war unbefriedigend. Schließlich gelang es ihm, einen Kugelschreiber in die Zelle zu schmuggeln. Eine illustrierte Ausgabe von Saint-Exupérys "Der kleine Prinz" bot sodann genug Platz für die Notizen. Versteckt in der schmutzigen Wäsche brachte ein Anwalt die Aufzeichnungen schließlich aus dem Gefängnis.

An einer Stelle zitiert Yücel den großen türkischen Dichter Nazim Hikmet, der um die Mitte des vergangenen Jahrhunderts wegen seiner politischen Überzeugungen immer wieder inhaftiert war. "Es geht nicht darum, gefangen zu sein/ Sondern darum, sich nicht zu ergeben", hat Hikmet in einem seiner Gedichte, die er in Gefangenschaft schrieb, formuliert. Das ist auch Yücels Grundüberzeugung, nach ihr hat er ein Jahr im Hochsicherheitsgefängnis Silivri in Istanbul gelebt. In seinen Berichten aus der Haft findet diese mutige Haltung in jedem Satz Ausdruck.

Deniz Yücel: "Wir sind ja nicht zum Spaß hier" Reportagen, Satiren und andere Gebrauchstexte
Herausgegeben von Doris Akrap
218 Seiten, 16 Euro
ISBN 978-3-96054-073-1
Edition Nautilus

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | Sachbuch der Woche | 14. Februar 2018 | 07:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 14. Februar 2018, 01:00 Uhr

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