Schauspiel Leipzig Die Welt als Bordell – "Der Besuch der alten Dame" in Leipzig satirisch und sehenswert

Stefan Petraschewsky, MDR KULTUR-Theaterredakteur
Bildrechte: MDR/Robert Kühne

Eine Ungerechtigkeit, die ihr vor Jahrzehnten als junge Frau widerfahren ist, lässt eine alte Dame ihre Rache planen. Sie möchte abrechnen und stattet daher ihrem Heimatdorf einen Besuch ab. Dort fordert sie dann, von langer Hand geplant, Vergeltung. Friedrich Dürrenmatt verfasste "Der Besuch der alten Dame" als Gesellschaftskritik in einer kapitalistischen Welt. Nun wurde Dürrenmatts tragische Komödie im Schauspiel Leipzig von Regisseur Nuran David Calis an eine moderne Welt adaptiert.

Bettina Schmidt, Roman Kanonik
Bettina Schmidt spielt die alte Dame, die Multimillionärin Claire Zachanassian. Bildrechte: Rolf Arnold/Schauspiel Leipzig

Die Rache einer Im-Stich-Gelassenen

Die alte Dame, Claire Zachanassian, ist durch Heirat Milliardärin geworden und kommt zu Stückbeginn in ihren Geburtsort, in die Stadt Güllen zurück, um sich zu rächen. Denn in Güllen hatte sie sich als junges Mädchen in Alfred verliebt und war von ihm schwanger. Alfred aber verleugnete sie, es kam zum Prozess, in dem bestochene Zeugen gegen sie, die damals noch Klara hieß, aussagten. Entehrt und ohne Geld musste sie Güllen verlassen, hatte ihr Kind verloren, und musste als Prostituierte arbeiten. Dann der unerwartete Aufstieg, die Heirat mit einem Ölquellenbesitzer, der inzwischen verstorben ist. Etwa 50 Jahre später nun ihre Rache. Die sieht folgendermaßen aus: Zuerst hat sie, inkognito, fast alle Betriebe in Güllen aufgekauft und bewußt in den Ruin gesteuert. Die Not in Güllen ist also groß, als die alte Dame leibhaftig auftaucht und ein Angebot macht: eine Milliarde für die Rettung der Stadt, wenn jemand ihre Jugendliebe Alfred tötet. Natürlich ist das ein unmoralisches Angebot und Autor Friedrich Dürrenmatt zeigt nun, wie die Gesellschaft damit umgeht. Zeigt, wie mit Aussicht auf diese Rettung praktisch ein Aufschwung einsetzt. Zeigt, wie sich die Güllener Instanzen, Bürgermeister, Polizist, Pfarrer, Lehrer rhetorisch verbiegen, wie sie Alfred als Retter inszenieren wollen, ihm durch ein Denkmal Unsterblichkeit verleihen wollen, um ihm dadurch einen Selbstmord schmackhaft zu machen. Es geht letztendlich also um eine Gesellschaftskritik in einer kapitalistischen Welt.

Szenenbild - Der Besuch der alten Dame
Szenenbild - Der Besuch der alten Dame Bildrechte: Rolf Arnold/Schauspiel Leipzig

Ein Klassiker in die Jetzt-Zeit geholt

Der Klassiker von Friedrich Dürrenmatt wurde 1956 in Zürich uraufgeführt. Was damals im Stück eine Ölquelle war, ist heute Apple, Tesla oder Amazon. Folgerichtig hat Regisseur Nuran David Calis die Geschichte ins Heute geholt. Wobei sein Akzent auf der Gesellschaft liegt. Es ist das vierte Mal, dass der Regisseur in Leipzig inszeniert: "Lulu" von Wedekind, "Baal" von Brecht, "Angst essen Seele auf" von Fassbinder. Alles sind Stücke, in denen es besonders darum geht, wie die Gesellschaft auf Außenseiter reagiert, auf Menschen jenseits des Durchschnitts. Nuran David Calis drehte in seinen Leipziger Inszenierungen den Spieß immer um, zeigt die Außenseiter als normal, und sozusagen die normale Gesellschaft als verrückt. Das war schlüssig und das macht er auch hier. "Der Besuch der alten Dame" passt ins Beuteschema des Regisseurs. Er zeigt und akzentuiert auch hier wieder eine pervertierte, heutige Gesellschaft vom Bürgermeister über den Polizisten, Pfarrer, Lehrer bis hin zu Alfreds Frau und Tochter. Diese Güllener Bürger sind eigentlich ständig nur mit sich selbst beschäftigt. Alle sprechen fast immer auch ins Handy, inszenieren sich also permanent vor den anderen, machen Fotos, die sie sich zusenden. Die Schauspieler sitzen alle zusammen auf der Bühne, aber alle vereinzelt in kleinen Räumen mit Glaswänden hinter- und nebeneinander. In einer modernen, transparent gewordenen Welt, in der keiner etwas zu verbergen hat – zumindest auf den ersten Blick.

Roman Kanonik, Alina-Katharin Heipe, Dirk Lange, Daniela Keckeis, Yves Hinrichs, Michael Pempelforth, Ellen Neuser, Markus Lerch, Eidin Jalali
Der Einsatz von Social Media: In "Der Besuch der alten Dame" sprechen alle fast immer ins Handy und machen Fotos, die sie sich zusenden. Bildrechte: Rolf Arnold/Schauspiel Leipzig

Infotainment, Instagram und WhatsApp

Über dieser Glaskastenbühne, die vier Meter hoch gebaut ist, gibt es noch mal einen drei Meter hohen Streifen über die ganze Bühnenbreite. Darauf werden die Handy-Displays der Agierenden in Übergröße projiziert. 7 Displays hochkant passen nebeneinander, und man sieht, wie die Güllener miteinander kommunizieren. Oder wie sie Börsenkurse abrufen, wie sie Breaking-News gucken. Schöne neue Infotainmentwelt, dazu Instagram und WhatsApp. Direkt und zwischenmenschlich, also analog wie früher, findet nichts mehr statt. Das ist jetzt keine neue Erkenntnis, aber es macht Spaß zuzusehen, wie das gespielt ist, wie die Schauspieler die Figuren überzeichnen und parodieren. Kompliment auch an Johanna Stenzel, die diese pervertierten Egos perfekt in Kostümbilder umzusetzen versteht: Designerklamotten, die durch Geschmacklosigkeit punkten - anders kann man keine Aufmerksamkeit mehr erheischen. Also sehen wir rosa Mokassins zu türkisfarbenem Anzug aus Brokat, oder einen Polizisten, der seine goldene Pistole aus dem Lackleder-Bauchtäschchen nestelt. Auf jeden Fall ist dieses Spiel hier auch coronakonform, wenn die Schauspieler in ihren Glaskästen sitzen - Absicht? Oder Zufall?! - schwer zu sagen. Auf jeden Fall gibt es auf der Vorderbühne ein kreisrundes Loch im Boden, vielleicht 70 cm im Durchmesser wie eine Versenkung, die aber nie bespielt wurde? War das der coronabedingte Turbolüfter? Jedenfalls passt und funktioniert das Bühnenbild von Irina Schicktanz.

Szenenbild - Der Besuch der alten Dame
Überzeichnete und parodierte Figuren tragen Designerklamotten, die durch Geschmacklosigkeit punkten, denn anders können sie keine Aufmerksamkeit mehr erheischen. Bildrechte: Rolf Arnold/Schauspiel Leipzig

Plötzlich ist es still

Die Schauspieler zeigen eine gute Ensembleleistung. Alle Monologe sind sehenswerte Kabinettstückchen! Bettina Schmidt spielt die alte Dame, die so alt noch gar nicht ist. Sie macht kein großes Ding aus ihrem Status als Milliardärin, wobei diese Beiläufigkeit dadurch viel stärker wirkt. Sie gibt der Rolle eine natürlich wirkende, freundliche Souveränität. Im Gegensatz zu den Instagram-Püppchen drumherum, geht sie auf die anderen zu, nimmt sie wahr. Roman Kanonik als Alfred spielt einen großen Bogen. Zunächst ist er auch in dieser Instagram-Welt der Coolen und Schönen gefangen. Aber durch die Todesdrohung wird er wieder zum Menschen, quält sich zurück in eine Erinnerungswelt, die dann für einen Moment ganz präsent ist. Da gibt es dann auch keine Soundspur wie sonst, sondern es ist plötzlich still. Die alte Dame und Alfred stehen sich gegenüber: Er fragt nach dem gemeinsamen Kind?; Sie fragt, wie sie für ihn war, damals, als sie zusammenkamen? Das ist der zentrale Moment in der Inszenierung, erzählt ohne Schnickschnack, und eine Utopie. Doch dann sind wir schnell wieder zurück in der schönen neuen Welt, in der der Bürgermeister sagt: "Noch sind wir hier in Europa", und damit die Werte meint, die man gerade über Bord wirft. Dazu passt ein bedeutungsschwangerer Satz der alten Dame: "Die Welt machte mich zu einer Hure, nun mache ich sie zu einem Bordell." Das hätte sie aber gar nicht sagen müssen, denn das zeigt diese Inszenierung von Anfang an. Und das ist wirklich sehenswert.

Roman Kanonik (mitte), Ellen Neuser, Dirk Lange, Daniela Keckeis, Markus Lerch (hinten, Spiegelung)
Die Schauspieler sitzen in kleinen Räumen mit Glaswänden. In einer modernen, transparent gewordenen Welt, in der keiner etwas zu verbergen hat – zumindest auf den ersten Blick. Bildrechte: Rolf Arnold/Schauspiel Leipzig

Die Aufführung "Der Besuch der alten Dame"
von Friedrich Dürrenmatt

Regie: Nuran David Calis
Bühne: Irina Schicketanz
Kostüme: Johanna Stenzel
Musik: Vivan Bhatti

Besetzung:
Bettina Schmidt als Claire Zachanassian
Denis Grafe als ihre Gatten VII-IX
Andreas Keller als Butler
Roman Kanonik als Alfred III

Aufführungen:
Premiere am 17. Oktober 2020, 19:30 Uhr
So, 18. Oktober 2020, 19:30 Uhr, Große Bühne
Fr, 23. Oktober 2020, 19:30 Uhr, Große Bühne (18:30 Uhr Einführung digital)
Fr, 30. Oktober 2020, 19:30 Uhr, Große Bühne (18:30 Uhr Einführung digital)
Sa, 14. November 2020, 19:30 Uhr, Große Bühne (Mit englischen Übertiteln, 18:30 Uhr Einführung digital)
Fr, 27. November 2020, 19:30 Uhr, Große Bühne (18:30 Uhr Einführung digital)

Leipziger Bühnen

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 19. Oktober 2020 | 08:10 Uhr