Blick auf Block 5 im denkmalgeschützten Komplex Prora mit Jugendherberge
Blick auf Block 5 im denkmalgeschützten Komplex Prora mit Jugendherberge Bildrechte: dpa

Dokumentation Der Koloss von Prora - Aus Braun wird Weiß

Die einen finden den Gebäudekomplex Prora auf Rügen beklemmend und müssen sofort das NS-Regime denken oder an die militärische Nutzung durch die NVA. Andere, Investoren zum Beispiel, sehen hier Zukunft für gut betuchte Urlauber. Das teils verfallene, teils luxussanierte Gebäude am Ostseestrand umfasst fünf Blöcke à 500 Meter. Ursprünglich war der "Kraft-durch-Freude"-Bau am Prorer Wiek viereinhalb Kilometer lang und sollte mit 10.000 gleichen Zimmern "Volksgemeinschaft" prägen. Aber der "Bau des Führers" diente keinen Tag als "KdF"-Seebad. Noch unter den Nazis begann die militärische Nutzung, fortgeführt von Sowjetarmee und NVA. Die Erinnerung an die komplexe Geschichte des Ortes scheint nun dem Renditedrang weichen zu müssen.

Blick auf Block 5 im denkmalgeschützten Komplex Prora mit Jugendherberge
Blick auf Block 5 im denkmalgeschützten Komplex Prora mit Jugendherberge Bildrechte: dpa

Das, was sich Hitler 1936 in Prora vorgestellt hatte, wurde nie fertig. Statt in den Urlaub, ging es damals an die Front. In den wenigen ausgebauten Häusern eröffnete bald ein Ausbildungslager für ein Polizeibatallion und eine Schule für Nachrichtenhelferinnen.

Nach dem Krieg kam die Volkspolizei, dann die Nationale Volksarmee. Man baute die Gebäude zu Kasernen aus, die Vergangenheit wurde ausgeblendet: Prora galt als DDR-Bauwerk und entwickelte sich zum größten Militärstandort der DDR: Bausoldaten, Fallschirmjäger, Panzertruppen und die größte Reservisteneinheit waren hier stationiert.

Nicht alle haben die Zeit überlebt. Es gab auch regelrecht Todesfälle. Ich habe für dieses Gelände von Block 5 über alle Einheiten hinweg fast zwei Dutzend Todesfälle recherchiert, durch Unfall und Suizid. Auch die Fallschirmjäger eingerechnet. Also es ist frappierend.

Stefan Wolter, Historiker

In den 90er-Jahren wurden in den Ruinen von Prora Techno-Partys gefeiert, NVA-Schrott lud zum Klettern und Zerkloppen ein. Doch dann kamen die Investoren und mit ihnen Leute aus der ganzen Welt, um über die pikante Immobilie zu berichten.

Eine Baustelle, die mit deutscher Fahne und Wertarbeit wirb

"Wir sind immer noch hier" hieß es in einem Werbefilm von Investoren von Prora. So wollte man hier Wohnungen verkaufen. Eine Deutschlandfahne flatterte vor der Baustelle, man redete von deutscher Wertarbeit. Irgendwas war da schief.

Prora auf der Insel Rügen. Das ist Größenwahn und Macht zweier Diktaturen. Uniformität und Hässlichkeit. Zwar eingezwängt in die immer noch gleichförmigen Baukörper, aber dürstend nach Schönheit, voll Sehnsucht nach Individualität, nach Leichtigkeit und Eleganz.

Alexa Hennings in ihrem Feature: "Der Koloss von Prora"
Prora - Damals und Heute
Prora - als es noch nicht cremeweiß erstrahlte Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Die Farbe der Prora-Fassaden wechselte von Grau-Braun in Cremeweiß. Iris Hegemann, die Investorin des Projekts "Neues Prora" ist froh, dass hier "nie was Schlimmes passiert" ist. Eine Feng-Shui-Spezialistin hat herausgefunden, dass die "Energien hier sensationell" sind. Für alle Fälle ließ Hegemann in den Gebäuden 111 Mönche 16 Tage lang 24 Stunden chanten. Doch die Investment-Firma ging pleite. Aber: Wohnungen sind verkauft, ein Hotel soll auch eröffnen.

An diesem Ort muss an die Geschichte gemahnt werden

Ulrich Busch, Sohn des Arbeitersängers Ernst Busch, ist auch Investor und Projektentwickler in Prora. Er bleibt am Ball: Als er alte, verschollene Baupläne findet, wird es sogar möglich, die Wohnungen trotz Einwänden des Denkmalschutzes mit Balkons auszustatten. Und seit 2018 darf sich Prora "Staatlich anerkannter Erholungsort" nennen.

Umbaumassnahme Neues Prora - umbau eines Teilabschnitts der 1936 begonnenen KdF-Ferienanlage Prora zu Ferienwohnungen und einem Hotel
Umbaumassnahme "Neues Prora" - Ein Teilabschnitt der 1936 begonnenen "KdF"-Ferienanlage verwandelt sich in Ferienwohnungen und in ein Hotel Bildrechte: IMAGO

Busch hat den Historiker Dr. Stefan Wolter beauftragt, Tafeln zur Geschichte des jeweiligen Hausaufgangs aufzustellen. Wolter, der seit Jahren die Nutzungsgeschichte des Kolosses recherchiert, strebt erklärende Tafeln für alle Blöcke an – eine Freiluftausstellung für jedermann. Die beiden Dokumentationszentren vor Ort sollen in ein paar Jahren neben der Jugendherberge im Block 5 reichlich Platz bekommen.

Das Gebäude hat darauf gewartet, dass es irgendwann mal in seinem Gebäudeleben sozusagen einer humanistischen Bestimmung zugeführt wird. Es musste viele Jahrzehnte darauf warten. Und mit dieser Entwicklung, dass die Menschen dieses Gebäude jetzt in einem positiven Licht sehen, es nicht mehr mit der Politik der 30er-Jahre, mit Idealen eines faschistischen Regimes in Verbindung bringen, ist eigentlich das größte Geschenk, was so ein Gebäude den Menschen geben kann, wenn es dazu in der Lage ist, diese Transformation sozusagen mitzumachen.

Ulrich Busch, Investor

Über die Feature-Autorin Alexa Hennings Alexa Hennings, geboren 1961 in Dresden, aufgewachsen am Dresdner Elbhang, studierte Journalistik in Leipzig und an der Henri-Nannen-Schule in Hamburg. Sie arbeitete als Redakteurin und Journalistin. Seit 1992 ist sie als freie Autorin für verschiedene Hörfunkwellen der ARD tätig. Für ihre Arbeiten wurde Alexa Hennings mehrfach ausgezeichnet, u.a. mit dem Medienpreis Mecklenburg-Vorpommern und dem Deutschen Preis für Denkmalschutz.

Für MDR KULTUR entstanden unter anderem "Die Jagd nach Yellow Cake" (2012), "Lützows wilde, Körners verwegene Jagd" (2013) und "Helmut und Victor - Zwei Weltkriegsveteranen heute" (2015).

Angaben zur Sendung MDR KULTUR - Feature
Der Koloss von Prora - Aus Braun wird Weiß
Feature von Alexa Hennings

Sprecher: Bärbel Röhl und Nils Brünning
Regie: Wolfgang Rindfleisch
Produktion: MDR 2019 - Ursendung

Sendung: 03.08.2019 | 09:05-09:35 Uhr

Die Sendung steht nach der Ausstrahlung hier ein Jahr lang zum Hören und Herunterladen bereit.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | Feature | 03. August 2019 | 09:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 03. August 2019, 04:00 Uhr

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