Szene aus 'Der Konsul' am Mittelsächsischen Theater
Szene aus 'Der Konsul' am Mittelsächsischen Theater Bildrechte: Jörg Metzner

Rezension Oper "Der Konsul": Wenn Bürokratie das Menschliche verdrängt

Persönliche Erinnerungen an jüdische Freunde, deren Emigration an der Bürokratie scheiterte, verarbeitete Komponist Menotti in realistischen, wie auch alptraumartigen Szenen. Fast 60 Jahre nach der Uraufführung ist die Oper erschreckend aktuell. Das Mittelsächsische Theater bringt sie jetzt in Freiberg und Döbeln auf die Bühne. Eine Kritik.

von Boris Gruhl, MDR KULTUR

Szene aus 'Der Konsul' am Mittelsächsischen Theater
Szene aus 'Der Konsul' am Mittelsächsischen Theater Bildrechte: Jörg Metzner

Persönliche Erinnerungen an jüdische Freunde, deren Emigration an der Bürokratie scheiterte, verarbeitete Menotti in realistischen, wie auch alptraumartigen Szenen in seiner Oper „Der Konsul“. Fast 60 Jahre nach der Uraufführung in Philadelphia ist die Oper erschreckend aktuell.

Wenn Menschen zu Vorgängen und Gesichter zu Daten werden

Es ist eine fiktive Handlung, an einem fiktiven Ort, in einem fiktiven, autoritären Staat, den Menschen verlassen wollen und müssen. Dieser Konsul tritt gar nicht auf. Er empfängt die Menschen nicht, die da im Konsulat eines ebenfalls fiktiven Landes auf ihre Visa warten und von einer Sekretärin in bürokratischem Übereifer abgewiesen, vertröstet und entmutigt werden.

Szene aus 'Der Konsul' am Mittelsächsischen Theater
Szene aus 'Der Konsul' am Mittelsächsischen Theater Bildrechte: Jörg Metzner

Die Hauptperson der Oper ist Magda Sorel, die Frau des Widerstandskämpfers John Sorel, dessen Leben bedroht ist. Der verfolgt wird von einem Geheimagenten. Sorel flieht, seine Frau, die ebenfalls überwacht wird, das gemeinsame Kind und seine Mutter warten auf ihre Visa für die Ausreise, sie warten vergeblich. Das treibt Magda in alptraumartige Angstvisionen. Das ohnehin traumatisierte Kind stirbt, ein Versuch der Großmutter, den Jungen mit einem Kinderlied zu ermutigen, wird zum Totengesang.

Die Szenen im Konsulat mit den wartenden Menschen werden teilweise in absurder, kafkaesker Komik der Verzweiflung gestaltet. Magda nimmt sich das Leben als das Telefon klingelt, möglicherweise mit einer Nachricht aus dem Konsulat.

Sensibel und bildstark inszeniert

Szene aus 'Der Konsul' am Mittelsächsischen Theater
Szene aus 'Der Konsul' am Mittelsächsischen Theater Bildrechte: Jörg Metzner

Für das Mittelsächsische Theater in Freiberg und Döbeln hat Intendant Ralf-Peter Schulze die Oper inszeniert. Es ist eine sensible, bildstarke Inszenierung, sie ermöglicht genau diese angesprochenen Assoziationen im Zusammenhang mit aktuellen Situationen und Schicksalen von Menschen, die auf der Flucht sind. Die ihre Heimat verlassen müssen und die in diese Situation der Ungewissheit geraten, in denen ihr Leben aus den Fugen gerät. Menschen werden zu Vorgängen, Gesichter zu Daten und Akten. Mit Mauern aus grauen Aktenschränken hat Bühnenausstatter Tilo Staudte den Raum umgrenzt. Keine Privatsphäre. Das Stück spielt ja in Sorels Wohnung und auf dem Konsulat: hier alles in einem Raum, minimale Andeutungen bestimmen die Orte. Schulze inszeniert keinen platten Realismus, ihm gelingen bei choreografischer Genauigkeit der Personenführung im Zusammenklang mit der Musik bedrückende, verstörende Situationen von assoziativer Kraft. Ich werde als Zuschauer einbezogen, die Bilder der Bühne provozieren eigene Bilder in mir.

Ein bisschen Puccini, ein bisschen Broadway

Szene aus 'Der Konsul' am Mittelsächsischen Theater
Szene aus 'Der Konsul' am Mittelsächsischen Theater Bildrechte: Jörg Metzner

Gian Carlo Menotti erntete nicht nur Lob für seine Oper: Rückwärtsgewandtheit wurde ihm vorgeworfen, auch Effekthascherei. Diese Vorwürfe waren vielleicht auch zeitbedingt. Ich habe mich musikalisch sehr gern auf die Art seiner melodischen Moderne eingelassen. Ja, man hört schon die Dramatik des italienischen Verismo, Puccini stand Pate, aber auch der Sound des Broadway, manchmal meint man Anklänge an Schostakowitsch zu vernehmen, dann wieder an die Kunst der heiteren Buffo-Opern. Das Orchester kann sich mal mit filmisch anmutender Hintergrundmusik bewähren, dann wieder in melodischer Dramatik sich aufbäumend aufschwingen, um gleich darauf kammermusikalische, subtiler gesetzte Passagen vernehmen zu lassen.

Es gibt große Arien, ergreifend Magdas anklagender Gesang, es gibt grandios gesetzte Ensembles, das Trio Magda, John und seine Mutter zum ersten Finale. Es gibt auch bei aller Tragik einen Moment der Hoffnung, eine Szene der Sekretärin, stark gestaltet in Spiel und Gesang durch Dimitra Kalaitzi-Tilikidou, wenn sie hinter den Zahlen und Akten die Gesichter der Menschen beginnt wahrzunehmen.

Großartig besetzt

Szene aus 'Der Konsul' am Mittelsächsischen Theater
Szene aus 'Der Konsul' am Mittelsächsischen Theater Bildrechte: Jörg Metzner

Insgesamt spielt hier ein großartiges Ensemble, alle Rollen sind stimmig besetzt, wie Leonora Weiß-del Rio als Magda Sorel oder Dimitra Kalaitzi-Tilikidou als Sekretärin. Unbedingt zu nennen ist auch Jasper Zimmermann, das Kind, in höchster Konzentration spielt er das berührende, frühe Verlöschen einer Generation.

Leonora Weiß-del Rio ist grandios, der große, dramatische Aufbruch der Verzweiflung, die stille Zurücknahme und die Visionen der Alpträume, das Aufgeben des Kampfes, eine gesangliche und darstellerische Leistung von existenzieller Kraft, voller Hingabe. Das gilt auch für Karin Goltz als Mutter mit ihren dunklen, tiefen Tönen, für den Bariton Andrii Charkov als John Sorel mit jugendlichem Timbre.

Diese Opern-Inszenierung ist sehr emotional – denn es ist selten, dass nach dem letzten Ton, hier eben das Klingeln des Telefons nach Magdas Selbstmord, im Theater absolute Stille herrscht.

Infos zur Oper: "Der Konsul"
Oper in drei Akten von Gian Carlo Menotti, UA 1950
Inszenierung des Mittelsächsischen Theaters Döbeln-Freiberg

Musikalische Leitung: Juheon Han
Inszenierung: Ralf-Peter Schulze
Ausstattung: Tilo Staudte 

Nächste Aufführungen:
Theater Freiberg: 24.02.2019 | 19.03.2019 | 20.04.2019 | 16.05.2019
Premiere in Döbeln: 09.03.2019

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 17. Februar 2019 | 13:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 17. Februar 2019, 11:06 Uhr

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