Staatsschauspiel Dresden "Der nackte Wahnsinn + X" - Ein durchgeknalltes Theateruniversum

Am Staatsschauspiel Dresden feierte ein Theaterklassiker von Michael Frayn Premiere: "Der nackte Wahnsinn". Es wurde 1982 uraufgeführt und ist ein Stück über das Theater auf dem Theater. Ständig passieren Pannen auf und hinter der Bühne, die für ungewollt-gewollte Komik sorgen. Am Staatsschauspiel Dresden wird diesem "nackten Wahnsinn" im Titel noch ein "+ X" hinzugefügt, also "Der nackte Wahnsinn + X". Regie führte Sebastian Hartmann, der schon mehrfach in Dresden gearbeitet hat und 2019 mit "Erniedrigte und Beleidigte" zum Berliner Theatertreffen eingeladen war.

Darsteller auf Bühne bei Theaterstück - Der nackte Wahnsinn +X. 9 min
Bildrechte: Sebastian Hoppe, Staatsschauspiel Dresden

Das "X" ist ein Monolog am Stückende, ein Epilog, der die bis dahin gut 80 Minuten lange Inszenierung um 25 Minuten verlängert. Den Text hat Sebastian Hartmann selbst geschrieben, gespielt wird er von Cordelia Wege, die wirklich meisterhaft agiert und dem Text viele Farben verleihen kann - eine Auswendiglernleistung auf jeden Fall auch. Nachdem Sebastian Hartmann mit ihr schon am Deutschen Theater in Berlin nach genau demselben Strickmuster einen "Lear" nach Shakespeare inszeniert hatte, kam mir dieser Hartmann Text im "nackten Wahnsinn" doch etwas unbeholfen und nachgemacht vor. In Berlin war der Text "Die Politiker" von Wolfram Lotz, der ziemlich böse, aber auch aktuell gut beobachtet, das Abbild einer Kaste bot.

Die Sehnsucht stirbt im Kindergarten

Darsteller auf Bühne bei Theaterstück - Der nackte Wahnsinn +X.
Szene aus "Der nackte Wahnsinn + X" Bildrechte: Sebastian Hoppe, Staatsschauspiel Dresden

Im Dresdner Epilog ging es stattdessen um alles: um die Schöpfung, das Weltall, um CO2 und CO3, um die Sehnsucht, die nicht wie die Hoffnung zuletzt, sondern schon im Kindergarten stirbt. Leitmotivisch betont und variiert, geht es immer wieder um den "Tod im Bett". Am Ende steht das Wort "atemlos" - sehr leise, dazu sieht man Cordelia Wege hinten, mittig, auf leerer Bühne: ein Auftritt wie die Königin der Nacht im berühmten Schinkel-Bühnenbild. Auf der Hinterbühnenwand sieht man eine Animation des Leipziger Künstlers Tilo Baumgärtel: Aus der Vogelperspektive fliegt die Kamera zwischen Hochhäusern im Schnee hindurch, die Fenster sind hell erleuchtet, aber keine Menschen dahinter zu sehen. Es ist eine triste, schwarzweiße Winterlandschaft. Und es ist eine Art Winterreise, die Cordelia Wege dann beginnt. Gefolgt von der Live-Videokamera geht sie von der Bühne ab, tritt ins Foyer des Theaters, bleibt stehen vor einem Ölporträt, das einen Altstar des Dresdner Staatstheaters als Hamlet zeigt. Alle Schauspieler, die im "nackten Wahnsinn" auftreten, folgen ihr nach: eine Schneekönigin und Rattenfängerin - das sind starke Bilder und starke Worte, aber es fehlt mir eine Tiefe und eine literarische Qualität, auch eine zweite Dimension, ein Flow, wie man ihn manchmal in einem Konzert erlebt - schade!

Postdramatische Theaterpannen

Der "nackte Wahnsinn" wird vom Staatsschauspiel als VON Michael Frayn annonciert, meist ist es bei Hartmann ja ein NACH, wie in Berlin: nach Shakespeare - hier also von Michael Frayn. Doch dieses "von" führt in die Irre. Wer eine Inszenierung dieser Komödie erwartet, liegt falsch. Vielmehr bleibt Hartmann der Idee des Stückes treu, die er konsequent von 1982 in die heutige Zeit versetzt. 38 Jahre später leben wir im postdramatischen Theater-Zeitalter, und es hat sich in der Bühnenkunst viel getan: Stichwort Castorf. Also diese ganze Ästhetik der Überschreibung und Kollage-Technik kommt hier pointiert auf die Bühne.

Darsteller auf Bühne bei Theaterstück - Der nackte Wahnsinn +X.
Szene aus "Der nackte Wahnsinn + X" Bildrechte: Sebastian Hoppe, Staatsschauspiel Dresden

Anders gesagt: Bei Frayn sind es die klassischen Theaterpannen, die in seinem Stück ausgestellt werden - in Hartmanns Inszenierung sind es die postdramatischen Theaterpannen, die passieren. Torsten Ranft spielt den Regisseur und parodiert zugleich Frank Castorf - das ist großartig gespielt und auch sehr witzig. Zusätzlich wird die klassische Regisseurrolle quasi unendlich aufgeblasen: Ranft tritt auch als Clown auf, die Zirkusmethapher als Bild der Welt schwingt mit, zeigt mehr als nur Frank Castorf, den Theatergott. Ist es Gott, der Weltenschöpfer, Castorf, oder doch nur ein Narr, ein Zirkusclown - das ist hier die Frage. Das ist auch die Frage nach dem Sinn von Theater, nach dem Kosmos Theater mit all seinen Beziehungen und Bettgeschichten.

Die nächste Frage: Ist das gespielt in der Figur, als Schauspieler gespielt oder gar real? Das weiß man nicht so genau, alles ist wahrscheinlich. Und dann wird der Corona-Abstand von sechs Metern bei expressiver Sprechweise nicht eingehalten und thematisiert. Dieser ganze Mix aus Pleiten, Pech und Pannen des heutigen Theaterbetriebs ist herrlich pointiert und witzig auf die Bühne gebracht. Und für die Schauspieler natürlich auch ein Fest, wie sie ihren Affen Zucker geben können. Es ist nicht das Stück "Der nackte Wahnsinn", es ist der aktuelle Geist des "nackten Wahnsinns".

Aufblasen und Luft rauslassen: Schöner Scheitern

Darsteller auf Bühne bei Theaterstück - Der nackte Wahnsinn +X.
Szene aus "Der nackte Wahnsinn + X" Bildrechte: Sebastian Hoppe, Staatsschauspiel Dresden

Die Schauspieler orientieren sich an den Rollen des Originals sind aber ansonsten völlig frei. Jeder Schauspieler hat sein eigenes Kabinettstückchen. Das reicht vom aufgeblasenen Dinosaurierkostüm, dem die Luft entweicht, bis zum klavierspielenden Pinguin: "Fuchs, du hast die Gans gestohlen", der Pinguin will dann die Melodie mit Pupskissen spielen, um vorzuführen, was schlechte Musiktherapie ist. Meist sind es also herrlich absurde, fantasievolle Szenen einer Dekonstruktion. Schöner Scheitern, wenn man so will, mit Vollgas gespielt.

Das Bühnenbild ist im Original eine Drehbühne, um Vorder- und Rückseite zeigen zu können. Bei Hartmann, der auch das Bühnenbild entwarf, ist es eine leere Bühne. Allerdings gibt es einen Podest: eine Wand mit drei Türen, fahrbar montiert als Reminiszens an diese Komödienform, wo Türen ständig auf- und zugeschlagen werden und so den schnellen Szenenwechsel ermöglichen. Vorne auf der Wand steht in großer Schrift das Wort: "Sinn", und hinten: "Wahn", zwei Seiten einer Medaille. Ansonsten wird nur mit Requisiten und Kostümen gearbeitet: Da werden drei Bauzäune zum Intendantenbüro zusammengestellt, das damit zum Gefängnis für Schauspielerinnen wird wie Vicky eine ist, "20, gutaussehend". Der doppelte Boden, die Botschaft zwischen den Zeilen ist klar.

Darsteller auf Bühne bei Theaterstück - Der nackte Wahnsinn +X.
Szene aus "Der nackte Wahnsinn + X" Bildrechte: Sebastian Hoppe, Staatsschauspiel Dresden

Überhaupt das Thema: Aufgeblasen, Luft rauslassen, CO2, CO3, Dinosaurier. Es ist ein Leitmotiv. Es geht um groß- und klein machen. Im Original sind es zu Stückbeginn Sardinen auf einem Teller, bei Hartmann sind es Buckelwale im Ozean als raumfüllende Videoprojektion. Am Ende ist es für mich totz literarischer Schwächen im Epilog ein gelungener Abend. Ein Abend über das ganze Theateruniversum - besser: Komödienuniversum, denn da werden auch noch Theo Lingen und Hans Moser thematisiert, was ja nochmal ein ganz neues Fass aufmacht: Volksbelustigung in Kriegszeiten und Diktatur. Unterm Strich also viele Sprungbretter zum Weiterspinnen und Durchdenken für ein Publikum, das am Ende lange applaudiert hat. Natürlich gibt es bei Hartmann ein paar vereinzelte Buh-Rufe, ansonsten ist es wie immer ein Kunst-Kunst- und Schauspieler-Schauspieler-Theater. Nur eines ist anders: die Länge. Wegen Corona knapp zwei kurzweilige Stunden, wo der Regisseur sonst gerne zu meditativer Länge neigt - insofern: eine gute Einstiegsdroge.

Information Nächste Aufführungen: 26./27. September, 11./12. Oktober

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 17. September 2020 | 16:10 Uhr