Der Schriftsteller Olaf Schmidt steht vor der Thomaskirche in Leipzig.
Der Schriftsteller Olaf Schmidt schildert im historischen Roman "Der Oboist des Königs" das Leben von Johann Jacob Bach Bildrechte: Verlag Galiani Berlin/Marcel Noack

Buchkritik "Der Oboist des Königs" – das abenteuerliche Leben von Bachs Bruder

Johann Jacob Bach war der Bruder von Johann Sebastian Bach. Er gehörte zur Hofkapelle des berüchtigten Schwedenkönigs Karl XII. Autor Olaf Schmidt fabuliert in seinem Buch "Der Oboist des Königs" zu den spärlich vorhandenen historischen Quellen des Bach-Sprösslings ein abenteuerliches Leben und schildert die Ära des Frühbarocks in einer herrlich vitalen Sprache. Dem Leipziger Autor ist ein brillanter historischer Roman gelungen, den man getrost mit Namen wie Stefan Zweig oder Lion Feuchtwanger vergleichen darf, meint unser Kritiker.

von Ulf Heise, MDR KULTUR-Literaturkritiker

Der Schriftsteller Olaf Schmidt steht vor der Thomaskirche in Leipzig.
Der Schriftsteller Olaf Schmidt schildert im historischen Roman "Der Oboist des Königs" das Leben von Johann Jacob Bach Bildrechte: Verlag Galiani Berlin/Marcel Noack

Hinter dem Oboisten des Königs verbirgt sich kein Geringerer als Johann Jacob Bach, ein Bruder von Johann Sebastian Bach. Er blieb aber stets in dessen Schatten, weil er nicht komponierte, sondern früh die Schulausbildung abbrach, als Musikant durch die Lande wanderte und mit 22 Jahren in die Hofkapelle des berüchtigten Schwedenkönigs Karl XII. eintrat. Der Schwedenkönig eroberte zu Beginn des 18. Jahrhunderts im Zuge des "Großen Nordischen Krieges" Teile Europas, darunter auch Gebiete Sachsens.

Abenteuer verschlugen ihn bis ins Osmanische Reich

Johann Jacob Bach führte ein abenteuerliches Leben, weil er den Monarchen bei vielen seiner spektakulären und gefährlichen militärischen Vorstöße begleiten musste. Das ständige Herumvagabundieren begann für ihn 1804 in Polen und gipfelte 1709 in der verheerenden Schlacht bei Poltawa, während Karl XII. dem russischen Zaren Peter dem Großen unterlag und nach ungeheuren Truppen- und Materialverlusten ins Osmanische Reich floh, wo er mit Sultan Ahmed III. einen engen Verbündeten besaß. Johann Jacob Bach folgte dem König ins Exil.

Das Eintauchen in die orientalische Welt mit ihren völlig anderen Sitten und Gebräuchen verursachte bei ihm einen Kulturschock. Vier Jahre verbrachte der Musiker in Konstantinopel, ehe es ihm wie seinem Regenten gelang, sich nach Stockholm durchzuschlagen. Doch glückliche Zeiten waren ihm auch dort nicht vergönnt. Die erste Frau, die er ehelichte, verstarb bald. Er heiratete zwar ein zweites Mal, ließ aber seine Gattin als Witwe zurück, denn er wurde nur 40 Jahre alt.

Der Autor fabuliert mit sichtbarem Vergnügen

Zur Vita von Johann Jacob Bach existieren nur sehr spärliche Quellen, die nicht einmal genügen, um das Fundament für eine solide Biografie zu liefern. Daher gewährt Autor Olaf Schmidt seiner Fantasie ungeniert freien Lauf. Er fabuliert mit sichtbarem Vergnügen und erlaubt sich dabei kühne dichterische Freiheiten. Oft schweift er weit aus und schildert die Ära des Frühbarocks in einer herrlich vitalen Sprache. Das lustvolle, plastische und sinnliche Erzählen, in das der Leser bei ihm versinkt, funktioniert nicht zuletzt deshalb so gut, weil der Autor konsequent einen der Epoche angepassten Tonfall durchhält. Er verwendet Vokabeln und Redewendungen aus der Zeit Bachs, die wir heute kaum oder gar nicht mehr kennen. Dieser Stil wirkt bei ihm alles andere als angestrengt. Er mutet so locker, luftig und leicht an, dass man ihn mühelos genießt.

Turbulente Kapitel spielen in Leipzig

Die in Leipzig angesiedelten Kapitel sind Schmidt besonders gut gelungen. Johann Jacob Bach macht in der Messestadt etliche aufregende Momente durch, die dergestalt auch in einem Krimi Platz finden könnten. Zum Beispiel gerät der Musiker in eine illegale Spielhölle, wo es äußerst turbulent zugeht. Schließlich wird er sogar verhaftet und in den Kerker gesteckt. All diese Ereignisse sind zwar nicht verbrieft, aber man merkt, wie der Autor hier von seiner intimen Kenntnis des Leipzig-Ambientes profitiert und zehrt.

Dass Schmidt auch über Witz verfügt, zeigt sich an einer Szene, in der Johann Jacob Bach von einem Barbiergesellen beim Rasieren im Gesicht so oft geschnitten wird, dass er sich kaum noch auf die Straße traut. Dieser Bursche heißt Schmidt. In dem Lehrling verewigte sich der Autor selbst, ganz in der Manier von Malern, die sich in fremden Gestalten auf ihren Bildern versteckt porträtieren.

Olaf Schmidt darf man mit Stefan Zweig vergleichen

"Der Oboist des Königs" ist ganz klar ein historischer Roman. Mancher mag angesichts dieser Einordnung die Nase rümpfen, denn der deutsche Buchmarkt wird in jeder Saison von historischen Romanen überschwemmt, die diesen Namen nicht verdienen. Aber Schmidt spielt in einer anderen Liga als etwa Iny Lorentz oder Helga Glaesener. Was das Qualitätsniveau betrifft, bewegt er sich auf einer Stufe mit dem Dresdner Ralph Günther, der besonders durch seinen Roman über den Gartenkünstler Fürst Pückler für Staunen sorgte.

Vergleichen darf man Schmidt darüber hinaus auch mit Stephan Puchner, der 2008 mit dem brillanten Mittelalter-Roman "Nebelheim" einen Bestseller landete. Außerdem liegt es nicht fern, Parallelen zu Autoren früherer Generationen wie Stefan Zweig oder Lion Feuchtwanger zu ziehen. Auch denen kann Olaf Schmidt mit seinem Opus durchaus das Wasser reichen.

Informationen zum Buch Olaf Schmidt: "Der Oboist des Königs - Das abenteuerliche Leben des Johann Jacob Bach"
Erschienen bei Galiani Berlin
544 Seiten, 25 Euro
ISBN 978-3-86971-185-0

Historie im Roman

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | Buch der Woche | 23. April 2019 | 08:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 23. April 2019, 04:00 Uhr

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