Die Hauptangeklagte im NSU-Prozess Beate Zschäpe neben ihrem Anwalt Mathias Grasel
Die Hauptangeklagte im NSU-Prozess Beate Zschäpe neben ihrem Anwalt Mathias Grasel Bildrechte: imago/Sebastian Widmann

Sachbuch "Der Prozess – Der Staat gegen Beate Zschäpe" – die Analyse eines Strafprozesses

Einer der spektakulärsten Prozesse gegen eine Terrorgruppe war ohne Zweifel der NSU Prozess. Vor einem Jahr endete er mit dem Urteil Lebenslang für Beate Zschäpe - und mit relativ milden Urteilen gegen die anderen Angeklagten. Der NSU-Komplex selbst stand nicht vor Gericht, sondern nur die einzelnen Personen. Das ließ viele Beobachter unzufrieden zurück. Gisela Friedrichsen, Deutschlands bekannteste Gerichtsreporterin, hat den Prozess verfolgt und rückt einiges wieder zurecht.

von Vladimir Balzer, MDR KULTUR

Die Hauptangeklagte im NSU-Prozess Beate Zschäpe neben ihrem Anwalt Mathias Grasel
Die Hauptangeklagte im NSU-Prozess Beate Zschäpe neben ihrem Anwalt Mathias Grasel Bildrechte: imago/Sebastian Widmann

Vieles ist offen geblieben beim NSU. Insgesamt neun Untersuchungsausschüsse in den Ländern und im Bund haben nur zum Teil Licht in die Sache bringen können: die Verfehlungen und Verstrickungen der Verfassungsschutzbehörden, die fragwürdige Rolle von bestimmten V-Männern, das Versagen der Kriminalpolizei, die falschen Verdächtigungen. Aber um all das ging es nicht beim Münchner NSU-Prozess, sagt Gisela Friedrichsen.

Es können in Behörden und Institutionen skandalöse Zustände geherrscht haben. Aber hier sind es die Angeklagten die im Mittelpunkt stehen, die haben die Taten begangen. Getötet, sich zu den Taten entschlossen, haben die, die es gemacht haben und sonst niemand.

Gisela Friedrichsen

Bestand der NSU wirklich nur aus drei Personen?

Gisela Friedrichsen
Gisela Friedrichsen Bildrechte: imago/Jürgen Heinrich

Deutschlands bekannteste Gerichtsreporterin nimmt sich immer die schweren Fälle vor: Mord, Totschlag, Misshandlung. Am 6. Mai 2013 sitzt sie in einem der hässlichsten Säle Münchens, dem, wie sie schreibt, "schlecht belüfteten" Sitzungssaal im "Betonbunker" des Oberlandesgerichts und verfolgt den ersten Tag eines der wichtigsten Prozesse der letzten Jahre. 60 Anwälte, 600 Zeugen, 264 Beweisanträge, 43 Befangenheitsanträge an 438 Verhandlungstagen. Fünf Angeklagte, von denen nur eine dem Terror-Trio zugezählt wurde: Beate Zschäpe.

Und das war's schon? Bestand der NSU wirklich nur aus drei Personen? Von denen sich zwei sowieso ihrer Strafe entzogen haben? Keine größeren Netzwerke? Kein übergeordneter koordinierter Plan? Viele in der Öffentlichkeit hatten darauf gehofft, dass der Prozess ein solches Netzwerk offenlegen würde. Nein, sagt Gisela Friedrichsen: Ihr Buch distanziert sich von jeglichen Spekulationen, stellt keine unbelegten Thesen auf, sie konzentriert sich ganz auf diesen konkreten Strafprozess, auf die angeklagten Taten, die es zu ahnden galt.

Es hat keine Hinweise gegeben, dass noch weitere Personen direkt in die Tatausführung involviert waren. Dass natürlich ein Netzwerk existierte, auf das diese in der Szene ja sehr bekannten Personen zurückgreifen konnten, wenn sie eine Übernachtungsmöglichkeit brauchten, wenn sie Hilfe nötig hatten - davon bin ich überzeugt. Aber ich glaube eben nicht, dass aus dieser Dreier-Kombi, die sich zum Ziel gesetzt hat, sich abzusetzen von der übrigen rechten Szene, dass die da noch weitere Mitwisser hatten. Denn jeder Mitwisser wäre eine Gefahr gewesen, dass man auffliegt.

Gisela Friedrichsen

Held des Prozesses ist für Friedrichsen der Vorsitzende Richter Manfred Götzl

Richter Manfred Götzl
Richter Manfred Götzl Bildrechte: dpa

Eine der Kernthesen des Buches: Der NSU waren drei Personen, die anderen Angeklagten, die mit milden Strafen davon gekommen sind, nur Randfiguren. Und schon Zschäpes Mittäterschaft an den vielen Morden nachzuweisen, war nicht einfach. Es hätte auch mit einem deutlich milderen Urteil gegen sie ausgehen können. Doch der Vorsitzende Richter Manfred Götzl ging Tat für Tat durch, jedes Detail wollte er wissen und kam zu dem Schluss, dass Zschäpe konstitutiver Teil des Terror-Trios war. Dabei gerieten ihm in der Prozessführung womöglich die Opfer etwas aus dem Blick. Der sehr nüchterne Mann, dem viele vorwarfen, zu wenig Mitgefühl mit den zahlreich vertretenen Familien der Opfer zu zeigen, fast technokratisch zu agieren, er ist für Gisela Friedrichsen der Held des Prozesses.

Der vorsitzende Richter ist wirklich an die Grenze gegangen, im Nachfragen, im Versuch aufzuklären. Er wollte es wirklich wissen, was da gewesen ist. Was dieses Gericht dann letztlich als Ergebnis herausgefunden hat, das war das Maximum. Mehr war in diesem Prozess nicht machbar.

Gisela Friedrichsen

Eine detaillierte Schilderung zentraler Szenen des NSU-Prozesses

Gisela Friedrichsen ist Reporterin, keine Historikerin und keine Politikwissenschaftlerin. Dieses Buch ist nicht als Analyse gedacht, sondern als Schilderung aus ihrer Sicht. Sie erzählt, was sie erlebt hat, hinterfragt die Plausibilität der Aussagen. Dabei ist sie sprachlich nicht einmal die Meisterin ihres Fachs, zu wenig originell ihre Sätze, zu wenig Dramaturgie, die sich über das ganze Buch ziehen würde. Ihre Stärke liegt woanders. In der detaillierten, plastischen und wohl informierten Schilderung zentraler Szenen des NSU-Prozesses. Ein Prozess, der vielleicht sogar als Vorbild dienen könnte für weitere. Denn der Rechtsterrorismus ist noch lange nicht besiegt.

Informationen zum Buch: Gisela Friedrichsen : "Der Prozess - Der Staat gegen Beate Zschäpe"
Erschienen im Penguin-Verlag
304 Seiten, 22 Euro
ISBN: 978-3-328-60018-3

Die Gerichtsreporterin Gisela Friedrichsen 42 min
Bildrechte: dpa

MDR KULTUR - Das Radio So 30.06.2019 12:05Uhr 41:52 min

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 29. Juni 2019 | 07:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 30. Juni 2019, 04:00 Uhr

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