Serie jerks
Fahri Yardim und Christian Ulmen sind "Jerks" Bildrechte: Joyn/ProSieben/André Kowalski

Kolumne Wie deutsche Serien mit Netflix & Co. mithalten wollen

Dass Serien das große (und gar nicht mehr so) neue Ding sind, ist inzwischen nicht nur bei bekannten Streaminganbietern wie Netflix, Sky oder Prime angekommen, sondern auch beim herkömmlichen Fernsehen. Und so probieren die öffentlichen wie auch die privaten Sender auf den Zug der Serie aufzuspringen – mit unterschiedlichem Erfolg, aber mit großen Schauspielern. So benehmen sich Christian Ulmen und Fahri Yardim in "Jerks" richtig peinlich, Lars Eidinger kann die Serie "West Of Liberty" mit Wotan Wilke Möhring leider auch nicht retten und Corinna Harfouch glänzt in der Weihnachtsserie "Zeit der Geheimnisse".

Juliane Streich, Autorin für MDR KULTUR
Bildrechte: MDR/Robert Kühne

von Juliane Streich, MDR KULTUR

Serie jerks
Fahri Yardim und Christian Ulmen sind "Jerks" Bildrechte: Joyn/ProSieben/André Kowalski

Ulmen und Yardim spielen Ulmen und Yardim

Pro Sieben hat mit seinem mediathekähnlichen Format Joyn schon einige Sachen ausprobiert. Am erfolgreichsten dürfte hier die Serie "Jerks“ sein, in der Christian Ulmen und Fahri Yardim von einer Fremdschamsituation in die nächste rammeln, und man nicht weiß, ob man lachen oder schreien will.

Serie jerks
Christian Ulmen und Fahri Yardim mit echter Ehefrau und unehelichem Kind Bildrechte: Joyn/ProSieben/André Kowalski

Der Witz dabei: Sie spielen sich selbst. Also zwei mehr oder minder erfolgreiche Schauspieler, die in schicken Häusern am Potsdamer Stadtrand leben und sich mit Problemen von Privilegierten herumschlagen, wie Masturbationskursen, Patchwork-Familientreffen, Partys mit Minderjährigen oder Schlussmachen mit Krebserkrankten. Ulmen und Yardim spielen sich selbst als männliche Vollpfosten: der eine versucht, cool zu sein (Yardim), der andere versucht, klar zu kommen (Ulmen), am Ende sind beide meistens Arschlöcher.

Die Dialoge sind improvisiert, es werden nur ungefähre Handlungsanweisungen von Regisseur Ulmen vorgegeben – alles möglichst authentisch, aber doch übertrieben peinlich. Endlich mal Dialoge im deutschen Fernsehen, die nicht so klingen, als wären sie ausgedacht und einstudiert  – ganz einfach, weil sie es nicht sind. Realität und Fiktion verschwimmen. Aber gerade weil der Zuschauer weiß, dass er hier getäuscht wird, dass ihm hier eine Welt vorgespielt wird, die echt aussieht, aber nicht echt ist, fühlt man sich ernstgenommen – und gut unterhalten.

"West Of Liberty" fährt alles auf

Serie "West Of Liberty"
Zwei Old-School-Agenten: Wotan Wilke Möhring und Matthew Marsh Bildrechte: ZDF

Etwas anders sieht das bei der ZDF-Serie "West of Liberty" aus, bei der man den Eindruck bekommt, hier wolle jemand unbedingt auf dem internationalen Spannende-Thrillerserien-Markt mithalten. Und so wird alles aufgefahren: Ein Ex-Agent, der wieder in den Dienst gerufen wird, und nun statt in seiner eigenen Kneipe den Alk immer im Flachmann trinkt, bevor er wieder jemanden verprügelt. Ein alter CIA-Büroleiter, der karrieremüde den alten Zeiten hinterhertrauert, in denen es noch keine Smartphones gab. Ein Whistleblower, der sich in einem Keller versteckt und sein Ego vor lauter Bildschirmen feiert. Eine CIA-Chefin, die ab und an mal angereist kommt und nie sagt, was sie wirklich weiß. Eine junge Frau, die zwischen die Fronten gerät und vom Ex-Agent beschützt werden  muss.

Serie "West Of Liberty"
Lars Eidinger als verrückter Whistleblower Bildrechte: ZDF

Problem dabei: Man hat das alles schon mal gesehen – und meistens besser. Einziger Lichtblick ist Lars Eidinger als psychisch labiler Julian Assange-Verschnitt. Doch taucht Eidinger leider zu selten auf, viel zu oft dagegen Wotan Wilke Möhring, der sich neben seinen CIA-Agenten-Pflichten auch noch mit Spielschulden und einem gewalttätigen Mafiaboss herumschlagen muss.

Klischee reiht sich bei "West Of Liberty" an Klischee. Als Vorlage für die hanebüchene Geschichte dient der gleichnamigen Romans des schwedischen Schriftstellers Thomas Engström. Die sechsteilige Serie ist eine deutsche, schwedische und britische Koproduktion, die in Berlin spielt. Dass in der Original-Version alle Englisch sprechen, macht die ganze Sache aber nicht unbedingt internationaler. Und dass das ZDF die sechsteilige Serie als Zweiteiler ausstrahlte, nahm ihr das Bisschen Dramatik, das sie in der ZDF-Mediathek zumindest noch hat.

Weihnachten in der Familie: "Zeit der Geheimnisse"

Szene aus Zeit der Geheimnisse
Corinna Harfouch als Mutter Bildrechte: Netflix

Andersrum läuft es bei der Netflix-Serie "Zeit der Geheimnisse", die als Mini-Serie verkauft wird, aber am Ende eigentlich wie ein Fernsehfilm im ARD-Programm daherkommt – nicht nur, weil die drei Folgen jeweils nicht länger als 40 Minuten sind und insgesamt eine herkömmliche Spielzeitdauer ergeben. Auch das Setting ist fernsehtauglich. Eine Familie trifft sich generationenübergreifend zum Weihnachtsfest im Familienhaus am Meer – man hat sich lange nicht gesehen und ist eher genervt voneinander als zugewandt.

Szene aus Zeit der Geheimnisse
Vier Frauen und eine Urne Bildrechte: Netflix

Dass aus dieser nicht unbedingt neuen Ausgangslage dennoch eine sehenswerte Weihnachtszeitunterhaltung wird, liegt zum einen an den hervorragenden Schauspielerinnen – Corinna Harfouch als Mutter und Tochter ragt besonders hervor –, zum anderen an den Rückblenden, die zeigen, wie alle Familienmitglieder so wurden, wie sie jetzt sind. Dass alle Familienmitglieder Frauen sind, macht die Serie noch spannender.

Die Konflikte, um die es geht, berühren nicht nur die deutsche Geschichte – ob Flucht oder RAF-Terror –, sondern auch die mehr oder weniger alltäglichen Probleme von Familien. Mutterliebe, die ein Kind bevorzugt. Überforderung einer jungen Alleinerziehenden. Eine Ehe, in der der Mann die Frau fertigmacht. Eine junge Liebe, die erfolgslos scheint. Schwester, Töchter, Mütter, Großmütter – sie alle kommen hier zusammen und mit ihnen einige Geheimnisse ans Licht. Ein ruhiger Weihnachtsfilm ohne Festtagskitsch, der sich Mini-Serie nennt.

Angaben zu den Serien "Jerks."
Comedy, Deutschland, seit 2017
30 Folgen in 3 Staffeln (4. Staffel ist angekündigt)
Regie: Christian Ulmen
Mit: Christian Ulmen, Fahri Yardım, Emily Cox, Pheline Roggan u.a.
Abrufbar bei Joyn

"West Of Liberty"
Agententhriller, Deutschland, Schweden, UK, seit 2019
Eine Staffel mit 6 Folgen
Regie: Barbara Eder
Mit: Wotan Wilke Möhring, Cara Horgan, Matthew Marsh, Lars Eidinger u.a.
Abrufbar in der ZDF-Mediathek (bis 21.2.2020)

"Zeit der Geheimnisse"
Drama, Deutschland, 2019
1 Staffel mit 3 Folgen
Regie: Samira Radsi
Mit: Corinna Harfouch, Christiane Paul, Svenja Jung, Leonie Benesch u.a.
Abrufbar bei Netflix

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 13. Juni 2019 | 18:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 03. Dezember 2019, 12:17 Uhr

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