25-jähriges Jubiläum Was Studierende des DLL mit ihrem Abschluss anfangen können

Das zentrale Anliegen des Deutschen Literaturinstituts Leipzig, kurz DLL, besteht – heute wie vor 25 Jahren – darin, angehende Schriftsteller und Schriftstellerinnen auszubilden. Studierende sollen hier neben eher technischem literarischen Handwerkszeug auch lernen, Texte kritisch zu betrachten und begründet zu beurteilen – und natürlich selbst gute Texte zu schreiben. Doch was bedeutet ein Abschluss für die Literaturszene.

Jo Lendle, Janna Steenfatt, Josef Haslinger, Jörg Schieke und Wend Kässens (v.l.) bei einer Veranstaltung des Deutschen Literaturfonds am 30.01.2020 im Leipziger Literaturinstitut
Jo Lendle, Janna Steenfatt, Josef Haslinger, Jörg Schieke und Wend Kässens (v.l.) bei einer Veranstaltung des Deutschen Literaturfonds Bildrechte: Politycki & Partner

Claudius Nießen kam 2002 zum Studium an das Deutsche Literaturinstitut Leipzig, um sein Diplom in der Disziplin Literarisches Schreiben zu machen. Er erinnert sich noch gut an die Einführungsveranstaltung im charakteristischen Foyer der Villa in der Wächterstraße 34. Alle Erstsemester seien sehr gespannt gewesen und hätten beinahe ehrfürchtig Auftritt und Ansprache des Professors Josef Haslinger erwartet. "Das erste was er gesagt hat, war: 'Dieses Diplom, was Sie hier bekommen, Diplomschriftsteller, dieses Diplom können Sie sich übers Klo hängen.'"

Das sei nicht abwertend gemeint gewesen, beteuert Claudius Nießen. Haslinger habe mitnichten aussagen wollen, dass die Studierenden am DLL nichts lernen würden, das Studium also wertlos wäre. Vielmehr sei ihm offensichtlich daran gelegen gewesen, die Bedeutung des Diploms als Zertifikat, als Schriftstück zum Ausdruck zu bringen. Wie sich seit nunmehr 25 Jahren immer wieder zeigt, ist diese nämlich durchaus relativ. Wenn es um den Erfolg der Leipziger Absolventinnen und Absolventen im Literaturbetrieb im Allgemeinen oder auf dem Buchmarkt im Speziellen geht, scheinen neben einem Abschlusszeugnis eines entsprechenden Studienganges, zahlreiche weitere Faktoren wesentlich zu sein.

Nützliches Rüstzeug

Jenen Menschen gegenüber, die sich dem Schreiben ohne den Rahmen eines Studiums widmen, haben Studierende am DLL zweifelsohne einige Dinge voraus, die zwar nicht zwingend zum literarischen Erfolg führen, wohl aber die Chancen darauf tendenziell erhöhen. So sehen sich letztere beispielsweise schon während des Studiums regelmäßig mit Herausforderungen und Aufgaben konfrontiert, die für einen Berufsalltag als Schreibende realistisch sind: Sie bekommen regelmäßig klassische Auftragsarbeiten, sind angehalten, sich an Abgabefristen zu halten, wie es auch in der Zusammenarbeit mit Agenturen und Verlagen vorkommt.

Literaturagentin Elisabeth Botros
Literaturagentin Elisabeth Botros Bildrechte: Stephan Vogel

Elisabeth Botros arbeitet bei der Literarischen Agentur Michael Gaeb in Berlin und hat vorher an der Schreibschule in Hildesheim studiert. Im Kontakt mit ehemaligen Studierenden einer solchen Institution wie dem DLL stellt sie häufig eine Kompetenz fest, die anderen Schreibenden fehlt: "Es sind Leute, die sehr gut über Texte reden können. Das macht es dann manchmal einfacher, Texte zu überarbeiten."

Die Frage, ob Studierte größere Chancen auf eine Veröffentlichung haben, könne man ihrer Auffassung nach letztlich als gesamtgesellschaftliche Frage verstehen. Schließlich studieren de facto mehr Personen, die aus einem akademischen Elternhaus stammen. Wer Zugang zum Studium bekommt, erhält wiederum Gelegenheit, neben einer inhaltlichen literarischen Ausbildung auch ein Netzwerk aufzubauen, Kontakte in den Literaturbetrieb und in die Buchbranche zu bekommen. "Die Schreibschulen können helfen, zu navigieren", meint Botros, "und einem beibringen, wie man sich in diesem Bereich bewegt. Dann hat man natürlich Vorteile: Man kennt andere Schreibende, man lernt Lektorinnen und Lektoren oder berühmte Autorinnen und Autoren kennen." Aus systemischer Perspektive, mag also auch ein Studienabschluss am DLL den Zugang zum Literaturbetrieb erleichtern. Mit der Qualität der Texte habe das indessen reichlich wenig zu tun, merkt die Literaturagentin an.

Das Studium als Nachteil

Wer einen Text bei einem Wettbewerb, einer Agentur oder einem Verlag einreicht und dazu noch einen Lebenslauf, in dem das Studium an einer Schreibschule wie dem Deutschen Literaturinstitut Leipzig auftaucht, mag im einen oder anderen Fall den Effekt erzielen, dass der Text mit erhöhter Aufmerksamkeit gelesen wird. "Das ist ein gewisses Gütesiegel", sagt Autorin und Absolventin Isabelle Lehn, "weil es einfach eine gewisse Auswahlfunktion hat."

Später ließen viele Schriftstellerinnen und Schriftsteller dieses Detail ihrer Erfahrung nach gern aus, weil sie fürchten, dass die Tatsache, im Schreiben ausgebildet worden zu sein, als Makel aufgefasst werden könnte. So hat es auch Claudius Nießen schon erlebt und zitiert die Meinung, die ihm gelegentlich entgegengeschlagen ist: "Na ja, ein richtiger Schriftsteller, der kann das auch ohne Schule."

Autorin Isabelle Lehn posiert für ein Photo und schaut in die Kamera.
Autorin Isabelle Lehn Bildrechte: A. Sophron

Jo Lendle, der beim Hanser-Verlag arbeitet, beteuert zwar aus eigener Erfahrung, dass es gute Schriftsteller und Schriftstellerinnen gebe, die nie Literarisches Schreiben studiert hätten, sieht aber mit neutraler Haltung auf ein solches Studium. Nicht unbegründet sei der Vorwurf, "dass die handwerkliche Perfektion manchmal überdeckt, dass es nicht so viel zu sagen gibt".

Das Studium als Durchlauferhitzer

Es darf wohl als unumstritten gelten, dass ein Studium am DLL relevante Inhalte vermittelt, die sowohl theoretische und praktische Literatur, als auch ihre internen und externen Gesetzmäßigkeiten, vor allem aber Unberechenbarkeiten zum Gegenstand haben. Inwieweit deren Kenntnis allerdings zum persönlichen Erfolg in der Öffentlichkeit beiträgt, hängt von weiteren Variablen ab. Eine gewisse Zufälligkeit ist unterdessen auch nie gänzlich zu vernachlässigen.

Claudius Nießen meint, dass alle, die nach dem Studium tatsächlich bekannte Schriftstellerinnen und Schriftsteller geworden sind, auch auf anderem Weg zu diesem Ziel gelangt wären. "Es ist nur die Frage, wie. Denn am Ende ist das Literaturinstitut nichts anderes als ein Katalysator: Ich verdichte dort, ich bringe Leute zusammen, ich habe einen Austausch. Man könnte auch sagen Durchlauferhitzer: Ich komme dort hin und habe die Möglichkeit, Dinge für mich schneller zu entdecken und mich systematischer auszutauschen."

Alternativen zur Schriftstellerei

Man könnte meinen, es sei ein offenes Geheimnis, dass sich alle Studierenden am DLL wünschen, eines Tages vom Schreiben leben zu können. Doch die Begegnung mit einigen von ihnen straft diese Aussage lügen – jedenfalls wenn es darum geht, mit der Schriftstellerei das Auskommen zu erwirtschaften.

Der Verleger und Schriftsteller Jo Lendle.
Verleger und Lektor Jo Lendle Bildrechte: Carl Hanser Verlag/Mathis Beutel

Im Literaturbetrieb erfolgreich zu sein, muss schließlich nicht zwingend eine Karriere als Autor bedeuten, wie das Beispiel Jo Lendle zeigt: Er gehört zum ersten Jahrgang, der am Deutschen Literaturinstitut Leipzig studierte. Heute arbeitet er unter anderem als Lektor beim Hanser-Verlag. "Ohne dass es geplant war, erwies sich die Ausbildung am Literaturinstitut als eine sehr gute für das Lektoren-Dasein, weil das, was wir den größten Teil der Zeit getan hatten, war Texte, die im Werden befindlich sind, kritisch freundlich zu begleiten. Das ist ziemlich genau das, was man als Lektor auch macht."

Was Erfolg bedeutet

Es gibt eine Reihe anderer Alumni des DLL, die etwa im Journalismus, am Theater und im Filmgeschäft erfolgreich sind. Manche von ihnen betätigen sich zusätzlich als Autorinnen, manche nicht. Somit stellt sich am Ende womöglich eher die Frage nach einer Definition von Erfolg.

Schließlich bereitet das Studium am Deutschen Literaturinstitut Leipzig offenbar nicht ausschließlich auf eine Laufbahn als Schriftsteller oder Schriftstellerin vor, als vielmehr auf eine beachtliche Vielfalt von Karrierewegen. Vom Autor, über die Lektorin, den Agenten, die Journalistin und den Literaturkritiker und -veranstalter bis hin zur Verlegerin und dem Podcaster kommen unterschiedlichste Berufsbilder vor.

Wichtig findet Claudius Nießen deshalb, nicht nur über die Absolventen und Absolventinnen zu reden, die einen Roman nach dem anderen schreiben und gut verkaufen. Vielmehr sollten auch jene Menschen zur Sprache kommen, die einen anderen Weg eingeschlagen hätten. Er ärgere sich darüber, dass dabei gesellschaftlich häufig mitschwinge, sie hätten "es nicht geschafft". Das sei falsch, findet Nießen und verweist auf sich selbst: Nach seinem Studium war er zunächst Geschäftsführer des DLL, heute ist er unter anderem als Journalist, Literaturkritiker und -veranstalter tätig. "Ich fühle mich überhaupt nicht gescheitert und ich glaube auch, ich bin es nicht", stellt Nießen klar.

Detektor.fm Moderator Claudius Nießen
Moderator und Literaturkritiker Claudius Nießen Bildrechte: imago images / Christian Grube

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 19. Oktober 2020 | 12:10 Uhr