Didier Eribon: "Betrachtungen zur Schwulenfrage" Französischer Klassiker zur Homosexualität endlich auf Deutsch

Seine Homosexualität hatte Didier Eribon 1999 in dem Buch "Betrachtungen zur Schwulenfrage" tief greifend analysiert und sich der Frage gestellt: Was ist eigentlich eine homosexuelle Identität? Das Buch gilt heute als einer der wichtigsten Texte der Queer Studies und ist jetzt zum ersten Mal auf Deutsch erschienen. Eribon zählt seit seinem Buch "Rückkehr nach Reims" auch in Deutschland zu den bekannten französischen Intellektuellen.

von Kais Harrabi, MDR KULTUR-Autor

Didier Eribon, 2017
Der Soziologe und Philosoph Didier Eribon wurde 1953 in Reims geboren Bildrechte: dpa

Es ist eine Erfahrung, die wohl jeder schwule Mann irgendwann im Leben einmal gemacht hat: Er wird homophob beleidigt. Es ist dieser Moment, an dem sich für Didier Eribon die Identität eines schwulen Mannes herauszubilden beginnt.

Die Beleidigung sagt mir, was ich bin, in dem Maße, wie sie mich zu dem macht, was ich bin.

Didier Eribon in "Betrachtungen zur Schwulenfrage"

Ausgehend davon stellt Eribon im ersten der drei Teile seines Buches "Betrachtungen zur Schwulenfrage" seine eigene Theorie über das Zustandekommen und die Bestandteile einer männlichen homosexuellen Identität auf. Dazu gehöre beispielsweise der Wunsch nach einem Anderswo, also einem Ort, an dem Schwule sich ausleben und mit anderen Schwulen in Verbindung treten können. Das ist – meistens – die große Stadt, zum Beispiel Paris, New York oder Berlin. An diesen anonymen Orten erschaffen sich die Schwulen ihre eigene Welt.

Homo Ehe
Homosexualität steht auch heute noch zwischen Anfeindungen und Normalität, auch wenn sich in den letzten Jahrzehnten Einiges zum Positiven entwickelt hat. Bildrechte: Colourbox.de

Eigene Erfahrungen

Eribon beleuchtet viele unterschiedliche Facetten einer schwulen Identität. Dabei schimmert in seiner Analyse immer wieder die eigene Biografie durch, wie er sie in "Rückkehr nach Reims" erzählt: Der Junge aus der Arbeiterfamilie, der mit der Heimat und den Eltern bricht, nach Paris geht und dort in intellektuellen wie homosexuellen Kreisen ein neues Zuhause findet.

Es ist eine Biografie, wie es sie sicherlich oft gibt, aber sich auf sie zu konzentrieren, greift etwas kurz. Vor allem auch, weil sich 20 Jahre nach Erscheinen von "Betrachtungen zur Schwulenfrage" viel geändert hat.

Gesellschaftliche Fortschritte

Homophobie gibt es immer noch an vielen Stellen in der Gesellschaft, aber eben auch mehr mediale Präsenz von Schwulen, eine breitere Akzeptanz und einen verbesserten Zugang zu Institutionen, wie beispielsweise der Ehe.

Wie der Kampf darum geführt wurde, versucht Eribon im zweiten Teil seines Buches aufzuzeigen. Er benutzt dafür verschiedene Theorien über Homosexualität, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts im Umlauf waren: Magnus Hirschfelds Idee vom Dritten Geschlecht, Marcel Prousts Theorie der Inversion oder die Hellenisten im viktorianischen England, die mit antiken Vorbildern ihre Homosexualität zu legitimieren suchten. Diese Kapitel zeigen, wie wichtig das Reden und Schreiben über Homosexualität für Schwule ist:

Jede öffentliche Aussage über Homosexualität findet sofort ein tiefgehendes Echo bei den Homosexuellen, einfach deshalb, weil darin von ihnen die Rede ist, in einer Welt, in der die Realität ihrer Gefühle, ihrer Sexualität, ihrer Persönlichkeiten ins Unsagbare verbannt ist.

Didier Eribon in "Betrachtungen zur Schwulenfrage"

Eribons Perspektive bleibt dabei immer die eines Schwulen aus der französischen Arbeiterklasse, der ins intellektuelle Milieu von Paris aufgestiegen ist. Wie es schwulen Männern abseits der gebildeten Schichten geht, darüber vermag das Buch kaum Auskunft zu geben, auch nicht im dritten Teil seiner Betrachtung, der dann Michel Foucaults Thesen gewidmet ist. Foucault geht beispielsweise davon aus, dass "der Schwule" als Kategorie eine Erfindung der Psychiater im 19. Jahrhundert war. Vorher habe es nur Männer gegeben, die homosexuelle Handlungen vornehmen.

Auch heute noch aufschlussreich

Cover: Didier Eribon, Betrachtungen zur Schwulenfrage
Das Buchcover von Didier Eribons "Betrachtungen zur Schwulenfrage" Bildrechte: Suhrkamp

Didier Eribons "Betrachtungen zur Schwulenfrage" ist beileibe kein zweites "Rückkehr nach Reims", aber trotzdem ein aufschlussreiches Buch. Es liefert Erklärungsansätze für Phänomene in der schwulen Welt, die von vielen als gegeben hingenommen werden – effeminiertes Verhalten beispielsweise, Frauenhass und internalisierte Homophobie, die viele schwule Männer immer noch mit sich herumtragen. Eribon legt gekonnt die Mechanismen und Diskurse offen, nach denen solches Verhalten, eine solche Identität entsteht. Das ist nicht nur für schwule Männer interessant, sondern für alle jene, die besser verstehen wollen, wie in einer Gesellschaft Gruppen, Szenen und Subkulturen entstehen und funktionieren.

Angaben zum Buch Didier Eribon: "Betrachtungen zur Schwulenfrage"
aus dem Französischen von Achim Russer und Bernd Schwibs
600 Seiten, 38 Euro
ISBN: 978-3-518-58740-9
Suhrkamp

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 07. Januar 2020 | 11:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 10. Januar 2020, 04:00 Uhr

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