Sachbuch "Die Europäer" Wie die europäische Kultur entstand

In seinem Buch "Die Europäer" erzählt der britische Historiker Orlando Figes anhand einer Dreierbeziehung, wie im 19. Jahrhundert die Kultur vom technischen Fortschritt profiterte und Grenzen überwand. Das ist auch heute noch hochaktuell.

Orlando Figes
Der Historiker Orlando Figes nahm die deutsche Staatsbürgerschaft an, weil er "kein Brexit-Brite" sein wollte Bildrechte: imago/Gerhard Leber

Der britisch-deutsche Historiker Orlando Figes, Jahrgang 1959, ist Professor für russische Geschichte an der University of London und beschäftigt sich in seinen vielübersetzten Büchern vor allem mit der Geschichte der Sowjetunion sowie mit russischer Kulturgeschichte. In seinem monumentalen, opulenten und ebenso gelehrsamen wie unterhaltsamen jüngsten Werk "Die Europäer" verschiebt er nun seinen Interessenschwerpunkt von Russland gen Westen, nach Europa. Scheinbar.

Die Entstehung einer europäischen Kultur

Orlando Figes: Die Europäer. Drei kosmopolitische Leben und die Entstehung europäischer Kultur
Bildrechte: Carl Hanser Verlag

Sein Thema ist der unerhörte Aufschwung der Künste im Europa des 19. Jahrhunderts. Was sich da herausbildet, ist eine kosmopolitische Kultur für ein kosmopolitisches Publikum – die erste Epoche einer kulturellen Globalisierung, deren jüngste Phase wir gegenwärtig seit 1945 erleben. Die Kulturen Europas überwanden damals die nationalen Grenzen im wechselseitigen Austausch miteinander und ermöglichten so die Entstehung einer wahrhaft europäischen Kultur.

Orlando Figes datiert die Entstehung dieser neuen kosmopolitischen Kultur auf die Mitte des 19. Jahrhunderts, und er verortet als ihren Brennpunkt und ihr nach ganz Europa ausstrahlendes Energiezentrum die Stadt Paris – die Kapitale, die Walter Benjamin später die "Hauptstadt des 19. Jahrhunderts" nennen sollte.

Ménage-à-trois als kosmopolitisches Beispiel

An drei prominenten Figuren des Kunstlebens der Zeit macht Orlando Figes die Entstehung dieser pan-europäischen Kultur fest – an der spanischen Opernsängerin Pauline Viardot, der berühmtesten Primadonna des Jahrhunderts, an ihrem französischen Ehemann, Manager und Impresario Louis Viardot, der außerdem ein bedeutender Kunstsammler, Journalist, Sachbuch- und Reiseautor war, sowie an dem russischen Schriftsteller Iwan Turgenjew, dem lebenslangen Hausfreund des Ehepaars und zeitweiligen Neben-Ehemann Pauline Viardots.

Pauline Viardot
Opernsängerin Pauline Viardot Bildrechte: imago/Le Pictorium

Orlando Figes wählt die Konstellation dieser einzigartigen Ménage-à-trois, um dieses Trio als exemplarische kosmopolitische Kunstproduzenten und Kulturvermittler des Jahrhunderts vorzustellen – sie waren zugleich Katalysatoren, Propagandisten und Nutznießer der neuen Kulturindustrie. Die Wahl dieses Trios erweist sich für das Buch als Glücksgriff. Sie dienen Figes als Beispielfiguren für die zentrale These seines Buches. An ihren Interaktionen untereinander und mit praktisch der gesamten Kunst-Prominenz Europas und Russlands kann Figes den Aufschwung eines sich rasch transnational vernetzenden Kulturlebens beispielhaft anschaulich machen.

Technischer Fortschritt hilft der Kunst

Ermöglicht und angetrieben wurde dieser Boom der Künste durch den stürmischen technischen Fortschritt, durch neue Verkehrs- und Massenkommunikationsmittel, die für eine beschleunigte Zirkulation der Künstler und der Kulturwaren in ganz Europa sorgten, vor allem der Ausbau des Eisenbahnnetzes ab Mitte des Jahrhunderts, die Erfindung der Fotografie und des Telegrafen sowie die Entwicklung neuer Drucktechniken und eines neuartigen Nachrichten-, Presse- und Verlagswesens. Nationale und regionale Zeitungen entstanden, Bücher wurden massenhaft gedruckt und für jede Person erschwinglich.

Künstler und Kunstwerke konnten nun per Eisenbahn rasch und bequem durch ganz Europa reisen und überall gastieren; Opern- und Theaterkompanien gingen verstärkt auf Tournee und zeigten ihre Produktionen europaweit. Bald war das gesamte kulturinteressierte Publikum Europas auf demselben Kenntnisstand. Auch die bildende Kunst ging auf Reisen und machte sich in Ausstellungen und Galerien in ganz Europa bekannt. Neue Copyright-Gesetze schützten die Autorenrechte von Schriftstellern und Komponisten vor Piraterie und garantierten das geistige Eigentum – und damit das Einkommen – der produzierenden Künstler.

Mittelschicht als Sponsor

Parallel zu den technischen Revolutionen sind es die sozialen Umwälzungen des 19. Jahrhunderts, die den beispiellosen Aufschwung der Künste überhaupt erst ermöglichten. Deren Gönner, Patrone und Publikum sind nicht mehr Adel und Kirche, nicht mehr die aristokratischen Eliten, sondern vielmehr die neuen Mittelschichten. Träger des kosmopolitischen Kulturlebens ist nun die aufstrebende Klasse eines wohlhabenden Bürgertums, das seinen neuen Wohlstand nicht zuletzt in Kulturkonsum investierte – vornehmlich die Oper, das Theater, die bildende Kunst der Gegenwart und die Literatur. Die Grand Opéra wurde zum Versailles der Bourgeoisie. Das Gegenstück zur mittelalterlichen Kathedrale wurde das Theater, die Konzert- und Ausstellungshalle und das Museum.

Ein Zeichnung eines Konzertes aus dem 19. Jahrundert
Konzert im Salon von Pauline Viardot, ca. 1858 Bildrechte: imago/Leemage

Organisiert wurden die Künste durch eine neue Klasse von Impresarios, Operndirektoren, Konzertmanagern, Theaterintendanten, Galeristen, Kunsthändlern und Verlegern, die sich als Kultur-Unternehmer verstanden und dabei zu Macht und nicht selten auch zu Reichtum gelangen. Auch die Spitzenkünstler konnten dank dieser neuen Kulturindustrie so reich werden wie nie zuvor. Zu ihren Glanzzeiten kassierte die Sopranistin Pauline Viardot mit ihren Operntourneen gigantische Honorare, und der Komponist Meyerbeer wurde als König der Grand Opéra zum Millionär.

Who’s Who der Kulturprominenz

Orlando Figes hat sein Buch als enzyklopädisches Werk der kulturhistorischen Synthese angelegt. Für die vergnügliche Lesbarkeit sorgen aber vor allem die lebhaften Auftritte der Freunde, Kollegen, Rivalen und Feinde des Trios, die einem Who’s Who der Kulturprominenz des Jahrhunderts gleichkommen, wobei sich der Autor auch Gossip und boshafte Anekdoten nicht verkneift. Zu den Freunden und Bekannten Pauline Viardots zählten Chopin und George Sand, Clara und Robert Schumann, Liszt, Meyerbeer, Massenet und Brahms. Berlioz und Gounod waren zeitweilig ihre Liebhaber. Louis Viardot wiederum kannte die halbe zeitgenössische Maler-Szene persönlich, Delacroix und die Landschaftsmaler der Barbizon-Gruppe sowie die frühen Impressionisten.

Dostojewski vs. Wischiwaschi-Liberalismus

Der russische Schriftsteller Iwan Turgenjew.
Der russische Schriftsteller Iwan Turgenjew Bildrechte: imago/United Archives International

Und Turgenjew, der am meisten verwestlichte unter den russischen Romanautoren, brachte seine literarischen Bekanntschaften ein: Tolstoj und Dostojewskij, Flaubert, Balzac, Dickens, Henry James und Victor Hugo. Orlando Figes schreibt unter der Hand eine bestechende Biografie von Turgenjew, in seiner ganzen Ambivalenz als russischer Großgrundbesitzer im freiwilligen Exil in Europa, ständig auf Reisen und rastlos zwischen Wohnsitzen in Paris, Baden-Baden, London oder Sankt Petersburg pendelnd.

Sein Leben lang hat Turgenjew am literarischen Kulturaustausch zwischen Russland und dem Westen gearbeitet. Er machte den Westen mit russischen Autoren wie Gogol und Tolstoj bekannt und übersetzte selbst Flaubert ins Russische. Turgenjews liberales Selbstverständnis als kosmopolitischer Europäer, der mehr als ein halbes Dutzend Sprachen beherrschte, wurde durch den heraufziehenden Nationalismus nach dem Deutsch-Französischen Krieg schwer auf die Probe gestellt. Darüber zerstritt und verfeindete er sich mit Dostojewskij, der einen mystischen russischen Nationalismus propagierte und Turgenjews Wischiwaschi-Liberalismus verachtete und bekämpfte.

Hochaktuell in Brexit-Zeiten

Es liegt auf der Hand, welche hochaktuelle Bedeutung diesem Buch angesichts eines allenthalben wiedererstarkenden Nationalismus zukommt. Orlando Figes, der 2017 die deutsche Staatsbürgerschaft annahm, weil er "kein Brexit-Brite" sein wollte, möchte sein Werk in einer Nachbemerkung als "Mahnung an die integrierende Kraft der europäischen Zivilisation" verstanden wissen, welche "die Nationen des Kontinents auf eigene Gefahr außer Acht lassen".

Mehr Informationen Orlando Figes: "Die Europäer. Drei kosmopolitische Leben und die Entstehung europäischer Kultur"
Aus dem Englischen von Bernd Rullkötter
Hanser Berlin Verlag, Berlin 2020
640 S., 34 €
ISBN 978-3-446-26789-3

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 11. November 2020 | 08:10 Uhr