Festival "Theaternatur" "Die Legende von Sorge und Elend" – eine grandiose Uraufführung mitten im Harz

Das Festival "Theaternatur" 2019 ist eröffnet. Bereits zum fünften Mal widmet sich die Waldbühne Benneckenstein unter der Leitung von Janek Liebetruth dem zeitgenössischen Theater. Zum 30-jährigen Wendejubiläum gibt es eine Uraufführung: Das Stück "Die Legende von Sorge und Elend" befasst sich mit der ehemaligen Grenzsituation im Harz. MDR KULTUR-Theaterkritiker Wolfgang Schilling hat eine ganz besondere Premiere erlebt.

Beate Fischer als Mutter Ines, Thea Rasche als Tochter Lisa, Martin Molitor als Vater Klaus und Jan Jaroszek als Sohn Stefan in einer Szene des Stücks "Die Legende von Sorge und Elend" 7 min
Bildrechte: Frank Drechsler

MDR KULTUR: Eine Uraufführung ist ein Novum bei "Theaternatur" - und das Stück "Die Legende von Sorge und Elend" passt doch bestens in die Gegend?

Wolfgang Schilling: Dieses Auftragswerk hat man sich im Jubiläumsjahr geleistet. Denn "Theaternatur" findet zum fünften Mal statt - und da ist also etwas ganz gesund am Wachsen im Wald von Benneckenstein. Menschen, die vor Ort wohnen, Theaterlaien und solche, die jedes Jahr wieder hierher kommen, junge Theaterprofis, arbeiten hier zusammen. Gemeinsam haben sie ein Ziel, dass man unter dem Motto "Theater von Relevanz in der Provinz" zusammenfassen kann. Ich begleite das Festival als Kritiker von Anfang an und muss sagen, mein persönlicher Enttäuschungsfaktor lag bisher bei glatt Null Prozent.

Bisher? Hat sich das mit der gestrigen Uraufführung etwa geändert?

Sagen wir mal so: Ich bin vom künstlerischen Ergebnis auch diesmal total angetan. Durfte aber, wie zunächst noch sehr viele und am Ende nur noch einige wenige Zuschauer, das Festival von einer ganz neuen Seite kennenlernen.

Könnte das etwas mit dem Wetter zu tun haben?

Beate Fischer als Mutter Ines, Thea Rasche als Tochter Lisa, Martin Molitor als Vater Klaus und Jan Jaroszek als Sohn Stefan in einer Szene des Stücks "Die Legende von Sorge und Elend"
Thea Rasche als Tochter Lisa, und Jan Jaroszek als Sohn Stefan in einer Szene des Stücks "Die Legende von Sorge und Elend" Bildrechte: Frank Drechsler

Ganz genau: Es regnete, und zwar nicht nur in Strömen, sondern in Sturzbächen. Nicht von Anfang an. Da witzelten sich der Festivalchef und Regisseur des Abends, Janek Liebetruth und der Kulturstaatssekretär Gunnar Schellenberger in ihren schicken Sommeranzügen noch fröhlich durchs Eröffnungsprotokoll. Nur der Bürgermeister Ronald Fiebelkorn hatte wohl schon das richtige Wetter auf dem Radar und empfahl dem Regisseur etwas hemdsärmelig: Lassen Sie ihre Schauspieler lieber mal etwas schneller sprechen. Hätte aber nichts genutzt. Denn wenig später standen die vier eigentlichen Hauptdarsteller schon im leichten Niesel.

Worum geht es in dieser "Legende von Sorge und Elend"?

Beate Fischer als Mutter Ines, Thea Rasche als Tochter Lisa, Martin Molitor als Vater Klaus und Jan Jaroszek als Sohn Stefan in einer Szene des Stücks "Die Legende von Sorge und Elend"
Beate Fischer als Mutter Ines, Thea Rasche als Tochter Lisa, Martin Molitor als Vater Klaus und Jan Jaroszek als Sohn Stefan in einer Szene des Stücks "Die Legende von Sorge und Elend" Bildrechte: Frank Drechsler

Um eine alte Familiengeschichte. Ein wohl gehütetes Geheimnis, das mit seinen Auswirkungen aus der DDR-Zeit bis ins Hier und Heute reicht. Los geht es ganz lustig und in Familie. Mutti hat Geburtstag und reichlich Rotkäppchen-Sekt gekauft. Vati und die zwei erwachsenen Kinder haben einen Blumenstrauß und Kuchen dabei. Doch die Idylle ist brüchig.

Auf der einen Seite ist Vati ganz stolz, weil der Sohn, ein junger Polizist vor seiner ersten Beförderung steht. Auf der anderen Seite ist die kapitalismuskritische Schwester: ohne Beruf, mit künstlerischen Ambitionen in Sachen Theater und Film - und großen Aversionen gegen den Beruf ihres Bruders. Das Geburtstagskind, die Mutti, voller Liebe zu allen, steht zwischen allen Fronten. Dann fällt ein Name: Thomas. Und die Mutti kippt aus der gewahrten Haltung. Dieser Name sollte hier doch nie wieder ausgesprochen werden. Vertragt euch, wir sind doch eine Familie, wir müssen zusammenhalten. Das wünscht sich Mutti.

Und wir ahnen, das wird nicht klappen?

Beate Fischer als Mutter Ines, Thea Rasche als Tochter Lisa, Martin Molitor als Vater Klaus und Jan Jaroszek als Sohn Stefan in einer Szene des Stücks "Die Legende von Sorge und Elend"
Thea Rasche als Tochter Lisa im Stück "Die Legende von Sorge und Elend" Bildrechte: Frank Drechsler

Ganz genau. Denn hier lauert was unter der Oberfläche. Auf einer großen Videoleinwand wabert das Gesicht eines jungen Mannes in Traumsequenzen zu bedrohlicher Musik in psychedelischen grafischen Animationen. Also auch wenn wir hier draußen auf einer Waldbühne sind, Regisseur Janek Liebetruth versteht es, die digitalen und analogen Seiten des modernen Theaters zu verbinden. Und Autor Sören Hornung zieht uns mit seinem Text sehr geschickt und spannungsintensiv hinein in diese alte Geschichte. Die zunächst plakativ angelegt scheinenden vier Charaktere gewinnen dabei immer mehr an Profil.

Da entsteht aus der kleinsten Zelle der Gesellschaft heraus sozusagen ein gesellschaftliches Panorama über viele Jahre: Grenzregime, Todesschüsse, Mauerfall und der Reset in der neuen, aber auch nicht perfekten Welt. Geschickt geht die Erzählung über die immer wieder neuen Geburtstage der Mutti voran in Richtung Abgrund, der aber eigentlich in der Vergangenheit liegt. Hier kommt dann der Punkt, wo ich zum Plot nichts mehr sagen möchte. Diese Spannung, die dem Stück innewohnt, die will ich hier niemanden kaputtmachen. Und apropos Spannung, die wurde bei der gestrigen Uraufführung nahezu ins Grenzenlose gesteigert. Denn so ungefähr zur Hälfte, goss es so stark, dass der Regisseur unterbrach. Für eine halbe Stunde, wie es zunächst hieß. Der Regen strömte und das Publikum lief zum Ausgang. "Schade", rief der Regisseur ihm hinterher, "behalten Sie ihre Karten, kommen Sie wieder, um den Schluss zu sehen, Sie brauchen nicht nochmal zu bezahlen." Ein faires Angebot, wie ich meine. Dem man unbedingt nachkommen sollte. Es lohnt sich.

Es gab ihn also noch zu sehen, den Schluss?

Beate Fischer als Mutter Ines, Thea Rasche als Tochter Lisa, Martin Molitor als Vater Klaus und Jan Jaroszek als Sohn Stefan in einer Szene des Stücks "Die Legende von Sorge und Elend"
Beate Fischer als Mutter Ines, Thea Rasche als Tochter Lisa, Martin Molitor als Vater Klaus und Jan Jaroszek als Sohn Stefan in einer Szene des Stücks "Die Legende von Sorge und Elend" Bildrechte: Frank Drechsler

Ja, nach einer gefühlt ewigen, aber gastronomisch gut versorgten Stunde, trat Regisseur und Festivalleiter Janek Liebetruth, im nun stark durchnässten Sommeranzug, aber mit immer noch bestens sitzender Frisur ans Mikrofon und verkündete, die Schauspieler wären bereit, weiter zu spielen. Auch der harte, verbliebene Kern der Zuschauer war bereit. Zum Glück, denn nach dieser ungewollten Pause, fiel die Spannung nicht ab. Die vier DarstellerInnen Beate Fischer, Thea Rasche, Martin Molitor und vor allem Jan Jaroszek liefen zu ganz großer Form auf. Dass das dunkle Geheimnis der Familie gelüftet wird, ist klar. Und des Rätsels Lösung ist am Ende auch keine wirklich überraschende.

Aber auf dem Lösungsweg dahin, sage ich mal, hat Sören Hornung eine bei aller Drastik sehr verständnisvolle, empathische Geschichte geschrieben, die viel über das erzählt, was uns Deutsche, die wir heute so zwischen Anfang 30 bis Mitte 70 sind, auch 30 Jahre nach der Friedlichen Revolution wohl noch lange beschäftigen wird. Und das Ganze dann in Szene gesetzt von einer Generation junger Theatermacher auf der Waldbühnen Benneckenstein, das ist, da wiederhole ich mich gerne: Theater von Relevanz in der Provinz.

Informationen zum Stück "Die Legende von Sorge und Elend" Text: Sören Hornung
Regie: Janek Liebetruth
Mit Beate Fischer, Thea Rasche, Martin Molitor, Jan Jaroszek
Bühne: Hannes Hartmann
Kostüme: Leah Lichtwitz
Video: Lucian Patermann
Licht Design: Yi Zhao
Dramaturgie: Lena Fritschle
Nächste Vorstellungen: 12.8. und 17.8., jeweils um 20:30 Uhr

Regisseur Janek Liebetruth 6 min
Bildrechte: Janek Liebetruth/Svenja Eder

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 10. August 2019 | 12:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 10. August 2019, 12:10 Uhr

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