DIE VERKAUFTE BRAUT, Oper Leipzig, Bedrich Smetana
Szene aus "Die verkaufte Braut" an der Oper Leipzig Bildrechte: Oper Leipzig, KIRSTEN NIJHOF

Oper Leipzig "Die verkaufte Braut" von Bedřich Smetana - leider nur eine ärgerliche Klamotte

"Ein Komödiantenstadl von Vorvorgestern", eine "ärgerliche, teilweise peinliche Klamotte" - MDR KULTUR-Kritiker Michael Ernst ist enttäuscht von der Premiere von Bedřich Smetanas "Die verkaufte Braut" an der Oper Leipzig. Die Figuren werden vorgeführt, Regisseur Christian von Götz hat eine staubige Textfassung gewählt, der Rest ist flach und albern. Da konnten auch Bühnenbild und die durchwachsene Leistung der Sänger nichts mehr retten. Umso merkwürdiger aus seiner Sicht: Dem Publikum hat es gefallen!

DIE VERKAUFTE BRAUT, Oper Leipzig, Bedrich Smetana
Szene aus "Die verkaufte Braut" an der Oper Leipzig Bildrechte: Oper Leipzig, KIRSTEN NIJHOF
Szene aus 'Die verkaufte Braut' an der Oper Leipzig 7 min
Bildrechte: Oper Leipzig, KIRSTEN NIJHOF
Szene aus 'Die verkaufte Braut' an der Oper Leipzig 7 min
Bildrechte: Oper Leipzig, KIRSTEN NIJHOF

MDR KULTUR: Christian von Götz hat an der Oper Leipzig Smetanas "Verkaufte Braut" inszeniert. Was haben Sie auf der Bühne gesehen?

Michael Ernst: Es war ein Farbrausch, ein Kostümfest, ein Maskenfest: schräge Frisuren, rote Lippen, rote Wangen, Folklore im Chor, Folklore bei allen Solisten … Kostümabteilung und Maske mussten alle Hände voll zu tun gehabt haben. Und dann gibt es ja in Smetanas Oper den Auftritt der Artisten, eine Zirkusnummer mitten im Stück. Hier hat die Regie aber fast den ganzen Abend in den Zirkus versetzt - und ich kann diesen gespielten Überschwang gern auch nüchtern beschreiben: Das Ganze war eine Klamotte. Eine ärgerliche, teilweise peinliche Klamotte.

Hat man es da mit dem Kostüm- und Maskenfest übertrieben?

Szene aus 'Die verkaufte Braut' an der Oper Leipzig
Szene aus "Die verkaufte Braut" an der Oper Leipzig Bildrechte: Oper Leipzig, KIRSTEN NIJHOF

Wenn es nur das gewesen wäre. Man hat die "Verkaufte Braut" nicht verkauft, sondern aus meiner Sicht geradezu verraten. Was umso ärgerlicher ist, als der Regisseur im Programmheft schreibt, ich zitiere: "Wir waren uns von Beginn an einig, dass man bei der 'Verkauften Braut' die Tiefen des Stücks betonen muss, auch um den Vorurteilen, mit denen dem Werk zum Teil begegnet wird, entgegenzuwirken."

Nichts davon auf der Bühne! Nur flache Albernheit. Personenbezüge kaum vorhanden. Dabei findet im Stück doch eine perfide Intrige statt: Der verlorene Sohn Hans kommt ins Dorf zurück und nimmt seinem Halbbruder Wenzel die Braut weg. Um das zu erreichen, hat er diese Marie aber scheinbar für 300 Dukaten an den Heiratsvermittler Kezal verkauft. Ein entsetzlicher Vorgang - der uns hier als drollige Posse vorgeführt wird.

Wahre Begeisterung klingt anders. Wie kam diese Posse, wie Sie sagen, denn beim Premierenpublikum an?

DIE VERKAUFTE BRAUT, Oper Leipzig, Bedrich Smetana
Szene aus "Die verkaufte Braut" an der Oper Leipzig Bildrechte: Oper Leipzig, KIRSTEN NIJHOF

Da musste ich mit einigem Erstaunen feststellen, dass viele Leute sehr begeistert waren. Dem stehe ich mit meinem Urteil diametral entgegen, und dazu stehe ich auch. Man muss sich wirklich fragen, was solch ein Theater heute noch soll? Obendrein mit einer staubigen Textfassung von Max Kalbeck, wo sich irgendwie alles reimen muss, wie gestelzt und gedrechselt auch immer das klingen mag. Da gibt es wesentlich bessere, heutigere Übersetzungen.

Aber die schlimmsten Kalauer, ob freiwillig oder nicht, werden von der Regie auf die Bühne gebracht. Der Wenzel ist ja bekanntlich ein Stotterer, wird als etwas einfältig beschrieben. Eigentlich ein armer Kerl, den man nicht als tapsigen Deppen vorführen sollte. Hier wird noch eins draufgesetzt, denn seine Mutter ist in offenbar sehr reifem Alter nochmal schwanger, hält sich mit der einen Hand den dicken Bauch - und in der anderen permanent eine Zigarette. Ich weiß nicht, ob das ein Gag sein sollte? Oder ob der Regisseur vor Nikotin in der Schwangerschaft warnen wollte? Das wäre der einzig denkbare Bezug dieser Inszenierung zum Heute.

Es ging also kaum sehr heutig zu, in dem von Ihnen angedeuteten Kostümfest?

Korrekt, das ist ein Komödiantenstadl von Vorvorgestern, obwohl (oder weil) Kostümbildnerin Sarah Mittenbühler wahrscheinlich größtmöglichen Aufwand betrieben hat. Die eigentliche Hauptrolle kam hier vielleicht dem Bühnenbild von Dieter Richter zu, der die Drehbühne voll ausgenutzt hat und der ganzen Folklore den Verfall einer (vielleicht böhmischen, auf jeden Fall sehr zirkushaften) Wirtschaft entgegengesetzt hat. Darin gab es vor allem durch einen riesigen Spiegel interessante Effekte - aber eben keinen Blick ins Innere der Figuren oder des Stücks.

Wie haben sich die Sängerinnen und Sänger in der "Verkauften Braut" geschlagen?

Am überzeugendsten waren da noch der Opernchor und das Gewandhausorchester, denen ja auch musikalische Hauptrollen zukommen. Christian Gedschold am Pult hat das sehr schmissig dirigiert, wenn es hier und da mal klapperte zwischen Bühne und Graben, fing er das rasch wieder ein.

Szene aus 'Die verkaufte Braut' an der Oper Leipzig
Szene aus "Die verkaufte Braut" an der Oper Leipzig Bildrechte: Oper Leipzig, KIRSTEN NIJHOF

Aber Sie fragen natürlich nach der Solistenbesetzung, und da muss ich leider auch mit einigen Fragezeichen antworten. Der Hans wird von Patrick Vogel ziemlich leidenschaftslos gespielt, in den Höhen hat er einen schönen Tenor, aber in der Mittellage klingt das manchmal wie Sprechgesang, zumindest eigenartig. Die Marie ist mit Magdalena Hinterdobler besetzt, sie spielt das angemessen, ist aber trotz einiger wirklich sehr feiner Momente eher soubrettenhaft. Der Kezal von Sebastian Pilgrim betont nochmal die Klamotte, das ist eine ziemlich geknödelte Buffopartie. Wobei die fehlende Textverständlichkeit angesichts der erwähnten Übersetzung noch das geringste Manko darstellt.

Stimmlich sehr gefallen haben mir Bianca Tognocchi als Zirkusdame Esmeralda und auch Sven Hjörleifsson als Wenzel. Dafür, dass er hier ziemlich vorgeführt wird (eigentlich ein Missbrauch der Figur), kann er nichts. Aber er singt einen hellen und in jeder Form, also auch beim absichtlichen Stottern, sehr sicheren Ton. Den Abend retten konnte er damit allerdings auch nicht.

Das Gespräch mit Michael Ernst führte Ben Hänchen für MDR KULTUR.

Weitere Vorstellungen an der Leipziger Oper finden am 23. und 30. Juni statt.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 16. Juni 2019 | 13:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 16. Juni 2019, 13:15 Uhr

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