Touristen in der Buchhandlung Libreria Acqua Alta in Venedig
In der Buchhandlung Libreria Acqua Alta in Venedig. Hier macht das Stöbern nach einem guten Buch besonders viel Spaß. Bildrechte: imago images / 3S PHOTOGRAPHY

Zum Welttag des Buches "Die Welt in Seiten" – eine Liebeserklärung an Buchhandlungen

15 Schriftsteller, darunter Saša Stanišić, Elif Shafak, Ali Smith, Andrej Kurkow und Daniel Kehlmann, unternehmen in dem Erzählband "Die Welt in Seiten" literarische Reisen in die Welt der Bücher: Sie schreiben über Erfahrungen mit Buchhandlungen in Kairo, Bogota, London, Peking, Nairobi oder Istanbul. Und sie zeigen: Buchhandlungen können vieles sein – ein Ort der Kommunikation, des Sich-Selbst-Findens, ein Zufluchtsort und vielleicht sogar ein neues Zuhause, oder einfach nur eine geheimnisvolle Welt.

von Madita-Marie Buch, MDR KULTUR

Touristen in der Buchhandlung Libreria Acqua Alta in Venedig
In der Buchhandlung Libreria Acqua Alta in Venedig. Hier macht das Stöbern nach einem guten Buch besonders viel Spaß. Bildrechte: imago images / 3S PHOTOGRAPHY

Stellen Sie sich eine Buchhandlung in Nairobi vor, als Rückzugsort eines zehnjährigen Mädchens, die für sie zu ihrem Mittelerde wird und sich zum Schauplatz ihres Erwachsenwerdens entwickelt. Oder eine alte Buchhandlung in Bogotá, mehr Wunderkammer versteckter literarischer Unikate als Geschäft, eine mysteriöse Welt, in der die Besucher weit mehr sind als bloße Kunden, sondern sich in Jäger und Sammler kostbarster Schätze verwandeln.

Die kenianische Autorin Yvonne Ahiambo Owour erzählt: "Das Betreten des Buchladens war der Schritt in ein Land ohne Grenzen, in dem man alles Mögliche erleben konnte. Einhundert Enid Blytons, fünfzig Wilburn Smiths (…) und Jack London, dessen Werke mich zu Tränen rührten und mit der Sehnsucht nach weiteren Wintern erfüllten. Es sollte lange dauern, bis wir die Welt, in der wir lebten, von den Welten zu unterscheiden lernten, durch die wir in Worten reisten."

Literarische Reisen in das Reich der Bücher

Bücherpassage in Kadiköy in Istanbul
Bücherpassage in Kadiköy in Istanbul Bildrechte: imago/suedraumfoto

Im Erzählband "Die Welt in Seiten" erinnern sich 15 Schriftsteller und Schriftstellerinnen an ihre Geschichten und Erfahrungen mit Buchhandlungen: in Kairo, Bogotá, London, Peking, Nairobi oder Istanbul. Unter anderem Elif Shafak, Ali Smith, Andrej Kurkow und Daniel Kehlmann unternehmen hier literarische Reisen in das Reich der Bücher, vielleicht auch um zu ergründen, warum Buchhandlungen auch heute noch immer einen Besuch wert sind.

Da ist Juan Gabriel Vasquez, der den Leser tief in einen Buchladen in Bogotá eintauchen lässt. Er sinniert über das unbeschreibliche Gefühl, nach einem bestimmten Buch zu suchen, und es auch mal nicht sofort zu finden. Über die Erregung, ein Buch bestellen zu müssen, und es nach Wochen des Wartens endlich in Empfang nehmen zu dürfen. Für Vasquez sind Buchhandlungen Orte der Kommunikation, der Entdeckung und tatsächlich oft sogar auch des zu sich selbst Findens.

Juan Gabriel Vasquez schreibt: "Die besten Buchhandlungen sind Stätten der Begegnung, Orte des kulturellen Austauschs und der Zugehörigkeit zu jener geheimnisvollen Welt, an die Bioy Casares dachte, als er schrieb, dass die Literatur seine Heimat sei; und dennoch ist ein Buchladen (zumindest für mich) ein Raum, in dem ich mich so weit in mich selbst zurück ziehen kann wie nirgendwo sonst."

Buchläden, die Bibliotheken vergangener Zeiten gleichen

Yvonne Adhiambo Owour schreibt in "Die Buchhandlung des Zufalls von Nairobi" über einen Buchladen, in dem sie begann, die Welt zu erforschen. Eine Welt, die nach dem Umzug des Buchladens in sich zusammen fällt. Der Leser trifft auf Büchermenschen, die Buchhandlungen besuchen, um sich selbst näher zu kommen, ohne dafür auch nur ein einziges Buch in die Hand nehmen zu müssen; Kunden, die nach imaginären Büchern imaginärer Autoren suchen und Buchläden, die Bibliotheken vergangener Zeiten und Erinnerungen gleichen.

Der Buchhändler als Dealer

Dennoch führt das Buch auch vor Augen, wie sich die Buchhandlungen verändern und wandeln, sterben und manchmal sogar wiedergeboren werden können, um in der modernen Welt zu bestehen. Da kann der Buchhändler auch schon mal zum Dealer werden, der seine Kunden mit ganz unterschiedlichen Stoffen verschiedenster Wirkung versorgt und der Besucher nicht selten das Glück hat, auf Bücher zu stoßen, von denen er noch gar nicht wusste, dass er sie begehrt.

Ein Buch für Bibliophile

Buchcover - Die Welt in Seiten. Liebeserklärungen an Buchhandlungen
Buchcover: "Die Welt in Seiten" Bildrechte: Atlantik bei Hoffmann und Campe

Alles in allem ist "Die Welt in Seiten" ein Sammelsurium persönlicher Erinnerungen, ein Buch für Bibliophile, die die Begeisterung für Bücher und Buchläden teilen oder auch für Alle, die schon lange nicht mehr in einem Buchladen waren und nach einem letzten Anreiz suchen, mal wieder in die Lieblingsbuchhandlung zu gehen. Sei es, um zu stöbern, zu verweilen oder um sich einfach nur treiben zu lassen.

Ein Buch, das grade in Zeiten des erstarkenden Online-Buchhandels erzählt, dass Buchläden weit mehr sein können als Orte, an denen man Bücher kauft, dass sie zum Sammelbecken werden können für Suchende und Verlorene, ein Zufluchtsort und vielleicht sogar ein neues Zuhause. Um es mit Juan Gabriel Vasquez' Worten zu sagen: Der Buchladen ist und bleibt eine geheimnisvolle Welt.

Informationen zum Buch: "Die Welt in Seiten - Liebeserklärungen an Buchhandlungen"
mit Saša Stanišić, Elif Shafak, Ali Smith, Andrej Kurkow, Daniel Kehlmann u.a.
Herausgegeben von Henry Hitchings
Erschienen bei Atlantik (Hoffmann und Campe)
223 Seiten, 20 Euro
ISBN: 978-3-455-00120-4

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 23. April 2019 | 12:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 23. April 2019, 04:00 Uhr

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