Filmszene aus der Serie "Dietland".
Die 150 Kilo-schwere Hauptfigur Plum Kettle (Joy Nash) kämpft mit Diäten. Bildrechte: AMC / Amzon

Feministisch und mit schwarzem Humor Serie "Dietland" - wie "Fight Club" für Frauenrechte

"Dietland“ ist die Serie der Stunde – sagen zumindest die Produzentinnen. Das ist zwar hoch gegriffen, aber bei genauerer Betrachtung gar nicht so verkehrt. "Dietland" fühlt sich an wie eine Antwort auf die #MeToo-Debatte. Denn die Serie stellt die Frage, wie weit man im Kampf der Geschlechter wirklich gehen will, also wie ernst man das Wort "Kampf" wirklich nimmt – und das alles mit einer gehörigen Portion schwarzem Humor.

von Anna Wollner, MDR KULTUR-Serienkritikerin

Filmszene aus der Serie "Dietland".
Die 150 Kilo-schwere Hauptfigur Plum Kettle (Joy Nash) kämpft mit Diäten. Bildrechte: AMC / Amzon

"Dietland“ basiert auf dem gleichnamigen Roman von Sari Walker. Die Hauptfigur ist Plum Kettle (ein Name wie aus einem Kinderbuch, wie jemand in der Serie sagt). Plum, 150 Kilo schwer, ist schon immer übergewichtig und kämpft ihr ganzes Leben lang mit diversen Diäten – mal mehr und mal weniger erfolgreich – gegen die überflüssigen Pfunde. Ihr letzter, bisher radikalster Schritt ist eine geplante Magenverkleinerung. Dabei sitzt der Fehler im System, das krank ist. Das weiß sie, das wissen wir als aufgeklärte Zuschauer.  

Pfunde vs. High Heels

Plum arbeitet als Ghostwritern bei einem Frauenmagazin und schreibt im Namen der Chefredakteurin eine wöchentliche Kolumne für Frauen. Diese Chefredakteurin ist das genaue Gegenteil von Plum: Wunderschön, immer top geschminkt und angezogen, trägt High Heels und ist ein richtiges Biest. So bewegt sich die Hauptfigur in einer Welt, in der sie mit ihren Pfunden eigentlich so gar nicht hineinpasst.

Terrorzelle gegen Vergewaltiger

Filmszene aus der Serie "Dietland".
Plum wird bei einer Terrorzelle angeworben Bildrechte: AMC / Amzon

Im zweiten Handlungsstrang wird Plum von einer sehr penetranten jungen Frau, die sie überall hin verfolgt, angeworben, in einer weiblichen Terrorzelle mitzumachen. Diese hat es sich zur Aufgabe gemacht, männliche Täter, Vergewaltiger, Pädophile und Co. umzubringen und ihre verschandelten Leichen in der Stadt auftauchen zu lassen.

Verwirrende Handlungsstränge

Um diese beiden, manchmal etwas verwirrenden Handlungsstränge zu verbinden, fehlt – und das ist der einzige Minuspunkt – manchmal ein wenig die Stringenz.

In den ersten beiden Folgen steht das Bodyshaming und Körpergefühl der Hauptfigur im Vordergrund. Die Serie beginnt mit einer Montage aus allen möglichen Bildern von normalen Körpern und Geschichten von jungen Frauen, die gemobbt werden, aufgrund ihrer Haare, Hautfarbe oder Körperstatur. Diese Montage setzt auch den Ton der Serie. Viele Sachen sind animiert, manche Szenen auch nur Halluzinationen. Plum erzählt in einem Off-Kommentar aus der Zukunft rückblickend auf ihr Leben. In Tagträumereien steht sie manchmal in einer Art Dia-Projektion dünn neben sich, wenn sie sich überlegt, wie ihr dünnes Ich aussehen und "Alice" heißen könnte.

Man versteht nicht immer sofort, in welchem Zeitpunkt von Plums Leben man gerade ist. Manchmal scheint die Serie zwei Ebenen zu haben, die nicht so richtig zueinander passen wollen: Die emotionale, persönliche Bodyshaming-Ebene von Plum und die Verbrechen, die geschehen. Die Folgen 3 bis 10 müssen noch schaffen, diese miteinander zu verbinden.

Überzeugende Schauspielerinnen

Filmszene aus der Serie "Dietland".
Joy Nash (li) und Julianna Margulies Bildrechte: AMC / Amzon

Eine absolute Entdeckung ist die Newcomerin Joy Nash, die ihre erste große, tragende Rolle in "Dietland" hat. Sie spielt Plum mit einer Selbstverständlichkeit, füllt die Rolle ganz und gar aus und schafft es, ganz ähnlich wie Plum in ihrem Leben, trotz ihrer Körperfülle manchmal einfach nicht gesehen zu werden. Plums Chefin spielt Julianna Margulies, die ihren Durchbruch als Krankenschwester an der Seite von George Clooney in "Emergency Room" hatte, die jüngst sieben Staffeln lang "The Good Wife“ war und den Golden Globe gewann. Ihr Auftreten erinnert an Meryl Streep in "Der Teufel trägt Prada": Sie spielt gegen den Strich ihres eigentlichen Images und trotzdem – oder gerade deswegen – überzeugend.

Erstes Mal mit einer Kamerafrau

Die Serie ist nicht nur wegen ihres Inhalts feministisch. Frauen spielen nicht nur die Hauptrollen, sie stehen auch hinter der Kamera. Julianna Margulies, die wirklich eine amerikanische Fernsehveteranin ist, hat in Interviews gesagt, dass sie das erste Mal überhaupt mit einer Kamerafrau zusammengearbeitet habe. Regisseurin und Produzentin Marti Noxon meinte, sie wollte eine Art "Fight Club" für Frauen machen.

Das zeigt die Bandbreite und Notwendigkeit einer solchen Serie: Was würde passieren, wenn jede sexistische Äußerung wie ein Verbrechen behandelt würde, und wie gehen Frauen, die angeblich aus der Norm fallen, damit um?

"Dietland" propagiert: Die Welt muss sich ändern – nicht übergewichtige Frauen! Und Lachen ist das Beste, was man bei dieser Serie machen kann. Denn was wir da sehen ist – im positiven Sinne – viel zu traurig.

Filmszene aus der Serie "Dietland".
Bunte Charaktere und schwarzer Humor treffen in "Dietland" aufeinander. Bildrechte: AMC / Amzon

"Dietland" In Deutschland ist die Serie ab dem 5. Juni bei Amazon Prime zu sehen, in Amerika läuft sie beim Kabelsender AMC.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 05. Juni 2018 | 16:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 05. Juni 2018, 01:00 Uhr

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