Ein  Mann liegt auf einer Wiese und ruht. Über sein Gesicht hat er als Sonnenschutz einen faltbaren Stadtplan gelegt.
Einfach mal die Bildschirme weglegen! Aber nicht zu weit ... Bildrechte: Colourbox.de

Trend im Internet Digitales Entgiften - bringt das überhaupt was?

Der Digital Detox-Trend boomt im Internet. Besonders online-affine Menschen versuchen, wieder mehr offline zu leben. Dafür gibt es sogar Apps. Klingt nach einem Widerspruch. MDR KULTUR-Reporterin Christine Reißing ist dem nachgegangen und hat Argumente, Tipps und Erfahrungen gesammelt, wie man sich ein Stück Leben ohne Smartphone und Tablet zurück holt.

Ein  Mann liegt auf einer Wiese und ruht. Über sein Gesicht hat er als Sonnenschutz einen faltbaren Stadtplan gelegt.
Einfach mal die Bildschirme weglegen! Aber nicht zu weit ... Bildrechte: Colourbox.de

Das Smartphone ist überall. 85 Prozent aller Nutzer haben es immer griffbereit. Ein Viertel trägt es ständig am Körper, sogar nachts - so eine Studie der Uni München. Youtube, WhatsApp, andere Messenger-Dienste … immer erreichbar zu sein, das kann stressen. Doch dieses Gefühl der Hilflosigkeit, wenn man sein Handy nicht dabei hat – auf dem Blog der Journalistin Karoline Mohren gilt das als eins von fünf Anzeichen für Smartphone-Sucht. Ihr Patentrezept dagegen lautet "Digital Detox".

Für mich ist Digital Detox, dass wir lernen, bewusst mit digitalen Medien und Inhalten umzugehen. Also sie zu unserem Vorteil zu nutzen. Uns aber nicht von ihnen bestimmen zu lassen – und unsere Lebenszeit nicht an sie zu verschwenden, wenn sie uns nicht bereichern.

Karoline Mohren, Journalistin und Bloggerin

Das Zurückerobern von analogen Räumen

Karoline Mohren
Karoline Mohren Bildrechte: Katrin Friedl

Getreu dieser Devise veröffentlicht Mohren seit zwei Jahren Tipps zum digitalen Entgiften. Auch sie selbst sei zu viel am Handy gewesen. Als Konsequenz hat Mohren sich nach und nach analoge Räume zurückerobert. Im Wartezimmer beim Arzt zum Beispiel: "Was sehr absurd ist, wenn alle um drumherum daddeln. Es liest ja keiner mehr Zeitschriften oder so. Ich sitz dann da zwei Stunden und guck in der Gegend rum, und denk mir meinen Teil. Das ist am Anfang sehr schwer gewesen, aber inzwischen geht es gut, weil man braucht das auch. Das Gehirn muss auch mal entlastet werden."

Damit das klappt, empfiehlt Mohren auch Detox-Apps. Die zeigen, wie lange und wo man am Smartphone online war. Digitalisierung ist nicht per se schlecht, so ihr Ansatz. Nur Maß halten will sie. Detox ist in, nicht nur digital: So stapeln sich in den Verkaufsregalen Detox-Tees, -Säfte oder –Cremes. Mohren ist trotzdem wohlwollend, wenn Youtuber oder Instagrammer ihren noch so kurzen Verzicht online dokumentieren: "Das sind ja Menschen, die ihr Business im Grunde genommen online betreiben. Also das ist ja eigentlich ein digitales Business, was die da haben."

Und wenn so jemand hingeht und sagt: 'Ich hab meine Grenze jetzt erkannt! Ich möchte jetzt auch mal abschalten und mach das jetzt drei Tage. Und trotzdem geht mein Unternehmen dabei nicht pleite.' Dann, finde ich, ist das eigentlich eine gute Botschaft.

Karoline Mohren, Journalistin und Bloggerin

Digital Detox ist ein Prozess und funktioniert nicht von heute auf morgen

Schnell ginge die Umstellung aber nicht, sagt Bloggerin Mohren. Wenn sie mit ihrem Hund Gassi geht, kommt nur das alte Notfall-Handy mit. Beim Schreiben stellt sie den Anrufbeantworter an. Und die Mail-Benachrichtigungen am Smartphone hat sie abgestellt.

Wenn man jetzt meint, man könnte jetzt einmal ne Woche offline sein und damit wären die ganzen Probleme, die das so mit sich bringt, gelöst, dann ist das natürlich ein Irrglaube. Also insofern ist Digital Detox für mich eher so ein Prozess, der sich immer wieder verändern und anpassen wird – auch auf individuelle Bedürfnisse.

Karoline Mohren, Journalistin und Bloggerin

Mohren argumentiert mit der Flow-Theorie. Ihr zufolge erreicht man nach 15 Minuten idealerweise eine völlige Vertiefung - den Flow – egal ob es sich dabei um Arbeit oder Freizeitbeschäftigung handelt. Allerdings greifen wir im Schnitt 88 Mal am Tag zum Smartphone – so eine Studie von 2015. "Das heißt, diese 15 Minuten, die schaffen wir gar nicht mehr! Und wenn wir in diesen Flow nicht mehr reinkommen, das macht uns auf Dauer – da gibt es Studien zu - unglücklich", so die Bloggerin. Zu viel Handy-, aber auch Computer-, Tablet- oder Fernsehkonsum vergleicht sie mit zu viel schlechtem Essen. Beides sei auf Dauer einfach nicht gut.

Unser Leben mit dem Internet

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 10. Juli 2018 | 13:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 10. Juli 2018, 04:00 Uhr

Unser Leben mit dem Internet