Ein Mädchen liest im Bett liegend ein elektronisches Buch.
Die aktuell heranwachsende Generation wächst mit dem Lesen digitaler Texte auf Bildrechte: IMAGO

Leseverhalten Macht digitales Lesen den Buchgenuss kaputt?

Wie verändert das digitale Lesen unser Textverständnis und den Zugang zu geschriebenen Texten? Das Thema schlägt gerade Wellen, so findet in Karlsruhe mit der Learntec aktuell ein Kongress dazu statt. In der vergangenen Woche haben zudem mehr als 100 Wissenschaftler aus mehreren Ländern die Stavanger-Erklärung veröffentlicht. Darin wird mehr Forschung zum digitalen Lesen gefordert. Einer der Unterzeichner ist der Psychologe Sascha Schroeder von der Universität Göttingen. Mit ihm haben wir über Chancen und Risiken des digitalen Lesens gesprochen.

Ein Mädchen liest im Bett liegend ein elektronisches Buch.
Die aktuell heranwachsende Generation wächst mit dem Lesen digitaler Texte auf Bildrechte: IMAGO

MDR KULTUR: Was ist am digitalen Lesen anders als am analogen?

Sascha Schroeder: Wir lesen auf dem Bildschirm andere Texte und wir lesen sie auch anders. Aber das hat Vor- wie Nachteile.

Wie verändert das digitale Lesen unser Verständnis?

Das digitale Lesen verändert den Leseprozess an sich, also zum Beispiel wie sich die Augen bewegen, nur relativ minimal. Was sich allerdings massiv geändert hat, ist die Art der Texte und die  Verfügbarkeit der Texte, die wir haben. Früher brauchte man 20 Bände Brockhaus im Schrank – heute reicht ein Klick, um jede mögliche Information zu haben. Das ist einerseits ein riesiger Vorteil, andererseits natürlich auch eine Bürde, mit der wir täglich zu kämpfen haben.

Wir vergleichen jetzt also gerade die Quellen miteinander, also digitale Quellen und analoge Quellen. Wie sieht es beim Lesen aus? Die Vorteile von einem Buch, können Sie die erläutern? Das analoge Lesen eines Buches?

Es gibt inzwischen eine Reihe von Studien, die direkt die Lektüre von Texten, ich sage jetzt mal in Papierform und in digitaler Form, also auf einem Bildschirm, miteinander verglichen haben. Und wir wissen, dass es in vielen Fällen keinen Unterschied macht. Also zum Beispiel für Romane, also narrative Texte, sind die Ergebnisse eigentlich ziemlich identisch.

Finger auf einer Seite im  Duden
Aus der Suche im Lexikon ist der Klick auf die Ergebnisse der Suchmaschine geworden. Bildrechte: imago/Niehoff

Es gibt Hinweise darauf, dass es bei der Rezeption von Informationstexten, also zum Beispiel Manualen oder Fachliteratur, Unterschiede geben kann. Insbesondere dann, wenn man unter Zeitdruck steht. Es gibt unterschiedliche Hypothesen dazu. Eine ist, dass die Flüssigkeit oder das Flüssigkeitsgefühl bei der Rezeption einen entscheidenden Einfluss hat. Manchmal ist es günstig, wenn quasi die physikalische Struktur uns ein wenig ausbremst. Diese Erkenntnisse basieren auf einer sogenannten Metaanalyse, wo die Ergebnisse von ganz, ganz unterschiedlichen Studien zusammengefasst werden. Das waren, glaube ich, 50 Stück. Und die hatten alle sehr unterschiedliche methodische Zugänge.

Und jetzt ausgehend von dieser Metaanalyse, was fordern Sie jetzt?

Also zunächst einmal muss man sagen, wir wissen relativ wenig über das Feld, immer noch und nach wie vor. Und das ist deswegen ganz betrüblich, weil abzusehen ist, dass das einen enormen Stellenwert in den nächsten Jahren haben wird. Die jetzt heranwachsende Generation wird das erste Mal vorwiegend mit digitalen Texten aufwachsen. Und denen die richtigen Kompetenzen mitzugeben, vor allen Dingen zu entscheiden, was ist zum Beispiel wahr und falsch, welche Texte sollte ich lesen, welche sollte ich vertieft lesen und so weiter, das ist noch etwas, was viel zu wenig in den Schulen gemacht wird. Und wir wissen weder wie wir das genau machen, noch, in welchen Fällen das genau sinnvoll ist.

Wäre jetzt ein Appell an die Schulen nützlich? Zu sagen: Sie wissen ja noch gar nicht, was das digitale Lesen mit den Schülern macht. Kommen Sie doch erst nochmal, bevor wir wirklich alles erforscht haben, zurück zum Buch mit den Schülern.

Schüler eines Gymnasium arbeiten mit iPads im Englischunterricht.
Die Digitalisierung stellt auch die Schulen vor neue Herausforderungen Bildrechte: dpa

Nein, ich denke, das wäre rückwärtsgewandt. Ich meine, wir müssen uns keine Illusionen machen, der digitale Wandel kommt und der kommt, egal, ob wir den gut finden oder nicht, aus ganz anderen Gründen. Es wäre mit Sicherheit auch falsch, zu warten, bis die Wissenschaft alles letztgültig erforscht hat. Das dauert nämlich immer lange. Sondern ich würde den Schulen empfehlen in einen Dialogprozess mit der Forschung einzutreten und gemeinsam herauszufinden, in welchen Situationen eigentlich welches Medium optimaler ist oder was die Herausforderung von den jeweiligen Medien ist und wo sie ihre Vorteile am besten ausspielen.

Man kann nicht sagen, das eine ist immer das Beste, sondern es kommt genau auf den Kontext an. Es mag durchaus sein, dass es bestimmte Formen von Lektüre gibt, wo das Zurücklehnen im Sessel und der Entspannungsgehalt und Einfühlen in die Charaktere im Vordergrund steht. Es kann aber auch sein, dass es andere Kontexte gibt, wo digitale Texte, die ja ganz andere Möglichkeiten bieten, zum Beispiel gegenseitiger Verlinkung oder Einbindung von multimedialen Inhalten und dort die Vorteile von digitalen Texten vorherrschen. Und in welchen Kontexten und vor welchen Motiven welche Textsorte oder welche Medialität eigentlich sinnvoller ist, das sind genau die Fragen, die wir jetzt untersuchen müssten.

Das Interview führte Julia Hemmerling für MDR KULTUR

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 29. Januar 2019 | 13:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 30. Januar 2019, 04:00 Uhr

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