Interview zum Theaterstück "Ich liebe Dir" Dirk Laucke: "In großen Teilen des Ostens ist das Rechte der normale Lifestyle"

In seinem neuen Stück am Deutschen Nationaltheater in Weimar lässt Dirk Laucke einen Vater seinem Sohn erklären, warum der Osten gar nicht so schlimm ist. Im Interview erzählt der Autor von sozialer Gerechtigkeit, rechtem Gedankengut im Fußball und Antisemitismus in Halle.

Dirk Laucke 9 min
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In seinem neuen Stück am DNT lässt Dirk Laucke einen Vater seinem Sohn erklären, warum der Osten gar nicht so schlimm ist. Im Interview erzählt der Autor von sozialer Gerechtigkeit und Antisemitismus in Halle.

MDR KULTUR - Das Radio Fr 23.10.2020 13:47Uhr 09:08 min

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MDR KULTUR: Dirk Laucke, am 28. Oktober feiert Ihr Stück "Ich liebe Dir" am Deutschen Nationaltheater in Weimar seine Uraufführung. Ein Monolog für einen Schauspieler. Können Sie uns ein bisschen das Stück vorstellen, wie ist die Handlung?

Dirk Laucke: Es ist ein Monolog, das heißt im Zentrum steht nur eine Figur, und das ist der Vater Maik. Maik kommt aus Ostdeutschland, das hört man nicht nur am Namen, sondern er versucht auch seinem Sohn zu vermitteln, warum es im Osten nicht nur schlecht ist. Sohn Chris lebt bei der Mutti in Westdeutschland, in den alten Bundesländern und traut sich aus irgendwelchen Gründen nicht mehr in die Heimat des Vaters. Da ist natürlich der Vater erschüttert und versucht, als der Sohn zum ersten Mal kommt, ihm in einem Gespräch zu vermitteln, dass im Osten nicht alles schlecht ist. Dabei kommt er aber selber an Grenzen und auf die Einstellungswelt der Bewohnerinnen und Bewohner zu sprechen, die dann doch ein bisschen blau-braun ausfällt, wie er sagt, also AfD und Konsorten, die nicht wegzudenken sind. Die sind natürlich der Grund, weshalb der Sohn sich gar nicht mehr in den Osten traut.

Der Vater fängt an zu reden, und zwar 32 Seiten lang. Aber der Sohn ist ja noch gar nicht da, da kommt die Frage auf: Mit wem redet er eigentlich? Ist es auch eine Rechtfertigung oder Nachdenken über das eigene Leben? An wen wendet er sich da eigentlich in seinem Monolog?

Im ersten Moment ist es eine Übersprunghandlung. Er hat ja alles so schön vorbereitet, hat sich sogar einen richtigen Plan gemacht, was er alles mit dem Jungen macht. Zum Beispiel ist natürlich erst einmal Abendessen auf dem Plan, gemeinsam über früher reflektieren, zusammen Sport machen, zu Oma fahren usw. Diesen Plan fängt er jetzt trotzdem an und versucht zu erklären. Wenn man ein bisschen einsam ist, dann führt man Selbstgespräche.

Das ist ja jetzt die Uraufführung im Deutschen Nationaltheater in Weimar. Aber wenn man sich Ihre Biografie anguckt, auch als Autor, dann stellt man fest, dass sie schon sehr lange eigentlich immer diese Themen haben, über die Menschen im Osten schreiben. Schon 2007 "alter ford escort dunkelblau". Da fliehen vier Menschen aus prekären Verhältnissen im Mansfelder Land, fahren in so einer Art Traumwelt ins Legoland. Oder auch 2009 "Für alle reicht es nicht", das spielt an der sächsisch-tschechischen Grenze, eine Geschichte von Menschen, die sich versuchen zu organisieren, Zigarettenschmuggel usw. Was ist der Motor für diese Arbeit, also diese Nachwendelandschaft oder diese Befindlichkeit der Menschen so auszubreiten?

Maiks und mein Anliegen ist es, die Klassenfrage wieder zu stellen. Die ist inzwischen ethnisiert zum Teil. Die Leute, die in den Fleischfabriken arbeiten oder die in den Putzkolonnen sind, haben häufig migrantischen Hintergrund. Das ist im Osten noch nicht mal so. Je dreckiger das Geschäft, umso mehr Migration wird sich finden. Und genau diese Frage versucht Maik wieder zu thematisieren, weil er ein großes Problem darin sieht, dass es nicht mehr angesprochen wird, wie Rechte verteilt sind. Dadurch wird Demokratie zu einer Floskel und es geht auch eine ganz große Gefahr von diesem Gefühl der Ausgebeuteten aus. Also von den normal arbeitenden Deutschen, die sich vielleicht auch zu Recht behumst fühlen, geht eine Gefahr aus, wenn sie gar nicht mehr erkennen, dass es immer noch eine Stufe darunter gibt, wo man innerhalb der Illegalität lebt und arbeiten muss. Denen man dann auch noch die Schuld gibt, dass es vielleicht nicht alles so wunderbar läuft.

Dabei wäre es doch eigentlich angebracht, mit diesen Schwächsten der Schwachen zusammen an einem Strang zu ziehen und für die Rechte der Arbeitenden einzutreten. Maik sieht genau darin die Chance, den Rechten das Wasser abzugraben, indem er für mehr Solidarität derselben Klasse sorgt.

Dirk Laucke, Dramatiker

Szene aus dem Theaterstück 'Ich liebe dir'
Krunoslav Šebrek spielt Maik im Theaterstück "Ich liebe Dir". Bildrechte: Candy Welz

Gibt es so etwas wie ein Ziel? Also ist es so ein Ansatz, uns die Leute nahezubringen, dass wir den Osten verstehen?

Ich bin da ein bisschen vorsichtig zu sagen, dass man DEN Osten verstehen kann. Ich habe auch keinen pädagogischen Ansatz, dass die Leute sagen müssen, so ist der Osten. Ich kann leider nur die Perspektiven bieten, die ich bieten kann und das ist ein gewisser Erfahrungsschatz und natürlich meine Brille, mit der ich auf den sogenannten Osten gucke.

Informationen zum Stück "Ich liebe Dir"
Monolog von Dirk Laucke
Deutsches Nationaltheater Weimar

Premiere am 28. Oktober 2020, 20 Uhr

Weitere Termine:
4. November 2020, 20 Uhr
11. November 2020, 20 Uhr
12. November 2020, 20 Uhr

Ich würde noch mal gerne auf ein Stück zu sprechen kommen, das haben Sie 2009 in Halle gemacht, "Ultras". Da haben Sie mit Fußball-Hooligans zusammengearbeitet. Können Sie kurz erzählen, um was es da ging in diesem Stück?

Da hatte mich Annegret Hahn, die damalige Intendanten des Thalia Theaters, angesprochen, ob ich ein Stück machen würde zu einem Problem, was dem Halleschen FC schon aufgefallen ist und allgemein bekannt ist: Innerhalb der Ultras-Gruppierung gibt es viele Rechte, da gab es zum Beispiel diese Juden-Jena Rufe, die wohl Tradition sind, bei Fans des Halleschen FC schon seit den 80er-Jahren oder vielleicht sogar schon früher. Tatsächlich wollte die damalige Bürgermeisterin Dagmar Szabados diese Stelle, wo es um Antisemitismus geht, lieber streichen, dann wäre das Stück ja okay. Natürlich konnte ich das Stück nicht stehen lassen ohne diese Stelle. Es gibt Antisemitismus in deutschen Stadien und auch in Halle an der Saale. Das hat dann zu einem Eklat geführt. Leider ist es so, dass der Antisemitismus in Sachsen-Anhalt und in Halle nicht nachgelassen hat. Gucken wir auf den Marktplatz: Seit Jahren stehen Sven Liebich da und AfD-Abgeordnete und verbreiten Verschwörungstheorien, die ganz klar antisemitisch sind. Da muss man sich nicht wundern, dass sich ein Täter wie vom Anschlag in Halle ausgerechnet die Saalestadt aussucht.

Dieser Wunsch, den es damals gab, dass man darüber jetzt nicht öffentlich reden sollte, wie sehen Sie das heute nach dem Anschlag in Halle vom letzten Jahr? Das bestätigt doch eigentlich, dass das Stück genau richtig war. Und das Schlimme ist eigentlich, dass es niemand wahrgenommen hat und daraus Lehren gezogen hat.

Ja, das ist schlimm. Ich war zufällig beim ersten HFC-Spiel nach dem Anschlag anwesend. Ich habe nicht das Gefühl, dass aufgrund dessen, dass ein Opfer des antisemitischen Täters ein HFC-Fan war, weniger Kategorie-C-T-Shirts getragen werden – das ist eine rechte Hooligan-Band –, oder weniger mit dem rechten Lifestyle wie Thor-Steinar-Klamotten usw. geliebäugelt wird. Das ist leider immer noch genauso da.

Leider kann man gar nicht davon reden, dass es rechte Gruppierungen sind, sondern in großen Teilen des Ostens ist das Rechte der normale Lifestyle. Und das ist das Harte für mich, auch wenn ich von außen komme.

Dirk Laucke, Dramatiker

Dirk Laucke Dirk Laucke wurde 1982 in Schkeuditz zwischen Leipzig und Halle geboren. Er wuchs in Halle auf. Ein Psychologiestudium in Leipzig brach er ab, um in Berlin Szenisches Schreiben zu studieren. Er arbeitet als Dramatiker, seine Theaterstücke werden u. a. in Dresden, Berlin oder Stuttgart aufgeführt.

Das Gespräch führte Theaterredakteur Stefan Petraschewsky für MDR KULTUR.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 28. Oktober 2020 | 12:10 Uhr

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